Michael Naumann (* 8. Dezember 1941 in Köthen) ist ein deutscher Politiker (SPD). Neben seiner Tätigkeit als Journalist, Publizist und Verleger war Naumann erster Kulturstaatsminister der Bundesrepublik Deutschland. Er war Spitzenkandidat der Hamburger SPD zur Bürgerschaftswahl 2008. Von Anfang 2010 bis Mitte 2012 war Naumann Chefredakteur des Monatsmagazins Cicero.
Naumann wurde als Sohn eines Rechtsanwalts im anhaltischen Köthen geboren. Sein Vater fiel 1942 in der Schlacht von Stalingrad. Mit elf Jahren musste Naumann 1953 mit seiner Mutter nach Hamburg fliehen. Sie war wegen Kontakten zu ihrer in die USA emigrierten jüdischen Verwandtschaft ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR geraten.
Nach dem Abitur studierte er Politikwissenschaften, Geschichte und Philosophie in Marburg, München und am Queen's College, Oxford University. 1969 wurde er mit seiner Dissertation Der Abbau der verkehrten Welt. Satire und politische Wirklichkeit im Werk von Karl Kraus promoviert. 1984 habilitierte er sich mit der sozialpsychologischen Studie Strukturwandel des Heroismus. Vom sakralen zum revolutionären Heldentum, worin er sich unter anderem mit der Figur des irischen Freiheitskämpfers James Connolly auseinandersetzt.
1969 ging er als außenpolitischer Redakteur zunächst zum Münchner Merkur, ein Jahr später wechselte er zur Wochenzeitung Die Zeit. Er wurde einer der Gründungsredakteure des Zeit-Magazins. Nach 1972 arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent an der Ruhr-Universität Bochum, ging dann 1976 als Florey Stipendiat ans Queen's College in Oxford, ehe er 1978 zur ZEIT zurückkehrte, um die neu gegründete Dossier-Redaktion der „Zeit“ zu leiten. Von 1981 bis 1983 arbeitete er in Washington als Auslandskorrespondent für „Die Zeit“ und übernahm bald darauf die Leitung des Auslandsressorts beim Spiegel bis zum Sommer 1985.
Am 22. Dezember 1984 protestierte das Lektorat des Rowohlt Verlags in einem offenen Brief gegen den von der Holtzbrinck-Gruppe berufenen Naumann als neuen Geschäftsführer der Verlagsleitung, da es davon ausgegangen war, die Verlagsleitung aus den eigenen Reihen besetzen zu dürfen; Naumann blieb jedoch von 1985 an in dieser Position. Nach zehnjähriger erfolgreicher Tätigkeit beim Rowohlt Verlag – der Umsatz verdoppelte sich und mehrere Nobelpreise gingen an die Autorinnen und Autoren des Verlags (Toni Morrison, Claude Simon, José Saramago, Imre Kertesz und Elfriede Jelinek) – ging er im Auftrag der Holtzbrinck-Gruppe 1995 nach New York, um dort zunächst den Verlag Metropolitan Books zu gründen und dann Henry Holt zu leiten. Zu seinen amerikanischen Autoren zählten Salman Rushdie, Paul Auster, Siri Hustvedt, Thomas Pynchon und viele andere.
2001 hat er die Essaysammlung „Die schönste Form der Freiheit“ veröffentlicht.
Nach seiner Zeit als Staatsminister (siehe unten) wechselte Naumann im Januar 2001 als Herausgeber zur Wochenzeitung Die Zeit nach Hamburg. Bis August 2004 war er gemeinsam mit Josef Joffe zugleich deren Chefredakteur. Sein Nachfolger in dieser Position ist Giovanni di Lorenzo.
2004 wurde Naumann wegen Beleidigung des damaligen Berliner Generalstaatsanwaltes Hansjürgen Karge (SPD) zu einer Geldstrafe von 9000 Euro verurteilt. Zuvor hatte Naumann in einer Sendung des Senders n-tv zum Skandal um Michel Friedman (CDU) den ermittelnden Staatsanwalt als „durchgeknallt“ bezeichnet. Gegen das Urteil erhob Naumann eine Verfassungsbeschwerde wegen Verletzung seines Grundrechts auf Meinungsfreiheit, der das Bundesverfassungsgericht am 12. Mai 2009 mit der Begründung stattgab, die Bezeichnung „durchgeknallter Staatsanwalt“ stelle nicht zwingend eine Beleidigung dar.[1].
Zwischen 2004 und 2007 moderierte Naumann die Diskussionssendung Im Palais im Rundfunk Berlin-Brandenburg.[2]
Gemeinsam mit Tilman Spengler gab er von 2005 bis 2008 die vom Zeit-Verlag verlegte Zeitschrift Kursbuch heraus. Ab Oktober 2007 übernahm er zusammen mit dem „Zeit“-Autor Klaus Harpprecht die Herausgeberschaft der von Hans Magnus Enzensberger gegründeten Reihe Die Andere Bibliothek.
2006 erhielt Naumann den Julius-Campe-Preis der Kritik, den der Verlag Hoffmann und Campe alljährlich vergibt.[3]
Zum 1. Februar 2010 trat Michael Naumann die Nachfolge von Wolfram Weimer an und wurde Chefredakteur des Monatsmagazins Cicero. Seinen Posten als Zeit-Herausgeber gab Naumann auf. [4][5]
Im Oktober 1998 berief ihn Bundeskanzler Gerhard Schröder als Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, bald darauf – nach Änderung des Gesetzes über die Rechtsstellung der Parlamentarischen Staatssekretäre („Lex Naumann“[6]), die notwendig wurde, da Michael Naumann nicht Mitglied des Deutschen Bundestages war – zum Staatsminister für Kultur und Medien beim Bundeskanzler. In seine Amtszeit fielen die abschließende Diskussion und Bundestagsentscheidung zur Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas („Holocaust-Mahnmal“) in Berlin.
Ende Juli 1998 löste Naumann eine deutschlandweite und parteiübergreifende Kritikwelle aus, nachdem er sich gegen den Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin ausgesprochen[7] und das geplante Holocaust-Mahnmal mit „Speer-Architektur“ verglichen hatte[8]. Besonders hat ihm neben Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble ein „zutiefst unfreiheitliches Kulturverständnis“ vorgeworfen.[9] Laut dem damaligen Staatsminister im Kanzleramt, Pfeifer, stand Naumanns Haltung im Gegensatz zu der bisherigen, „gerade in dieser Frage von großer Sensibilität getragenen Haltung der SPD-Fraktion im Bundestag“[9]. Auch die Berliner SPD ging auf Distanz zu Naumann.[8] Der überarbeitete Entwurf des Architekten Peter Eisenman, der mit großer Mehrheit vom Deutschen Bundestag anerkannt wurde, entsprach schließlich den Vorstellungen Naumanns, der sich auch für die Einrichtung des unterirdischen Museums eingesetzt hatte.
Nachdem der ehemalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau eine erneute Kandidatur bei der Bürgerschaftswahl 2008 ausgeschlossen hatte, wählte ein außerordentlicher Landesparteitag am 24. März 2007 Naumann mit 339 von 343 möglichen Stimmen (drei Gegenstimmen, eine Enthaltung) zum Spitzenkandidaten und Herausforderer des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust. Naumann wurde außerdem am 22. Juni desselben Jahres mit 303 von 306 Stimmen (zwei Gegenstimmen, eine Enthaltung) auf Platz eins der Liste für die Bürgerschaftswahl gewählt. Seine Mitherausgeberschaft der Wochenzeitung „Die Zeit“ ruhte seit dem 8. März 2007. Beurlaubt wurde er außerdem als Moderator der rbb-Sendung „Im Palais“.
Naumann verlor die Bürgerschaftswahl am 24. Februar 2008 letztlich deutlich – die Sozialdemokraten erreichten mehr als acht Prozentpunkte weniger als die CDU, konnten aber gegenüber dem letzten Wahlergebnis von 2004 rund vier Prozent hinzugewinnen. Spitzenkandidat Naumann sah die Schuld für das Nichtzustandekommen einer rot-grünen Koalition unter anderem beim SPD-Bundesvorsitzenden Kurt Beck, der nur wenige Tage vor der Wahl die umstrittene Öffnung der SPD gegenüber einer Tolerierung durch die Linken verkündet hatte. Naumann schrieb nur wenige Tage nach der verlorenen Wahl enttäuscht und wütend einen Brief an Beck, in dem er diesen persönlich für einen Stimmenverlust von „zwei bis drei Prozent“ verantwortlich machte und die Führungsfrage stellte. Seine Bemerkungen haben „uns womöglich auch den Wahlsieg gekostet“.[10] Naumanns Brief löste in den darauffolgenden Tagen eine heftige Debatte in der SPD über die Frage des Linkskurses aus, in deren Verlauf u.a. die Hessische Landtagsabgeordnete Dagmar Metzger die Wahl von Andrea Ypsilanti zur Hessischen Ministerpräsidentin unter Tolerierung der Linkspartei verhinderte.
Am 22. Mai 2008 informierte Naumann die Hamburger SPD-Mitglieder in einem Brief darüber, dass er sein Bürgerschaftsmandat zum 15. Juni 2008 aufgeben werde. Der zeitliche Aufwand für seine Herausgebertätigkeit in dem Hamburger Verlag „der Zeit“ sei so groß, dass sich dieser nur schwer mit dem Aufwand vereinbaren lasse, den ein Bürgerschaftsmandat mit sich bringe. [11]
Michael Naumann ist seit 2005 in zweiter Ehe mit der Ärztin Marie Warburg, der Tochter Eric M. Warburgs, verheiratet, mit der er schon zu seiner Studentenzeit befreundet war. Aus seiner ersten Ehe mit Christa Wessel, Tochter des früheren BND-Präsidenten Gerhard Wessel, hat er zwei erwachsene Kinder, darunter Felix Naumann, seit 2006 Professor und Leiter des Fachgebiets Informationssysteme am Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik in Potsdam.
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