Mohammed Amin al-Husseini (arabisch محمد أمين الحسيني, DMG Muḥammad Amīn al-Ḥusainī; * vermutlich 1893[1] in Jerusalem; † 4. Juli 1974 in Beirut), auch Haj/Hajj Amin al-Husseini oder auch al-Hussaini[2], war ein islamischer Geistlicher und palästinensischer arabischer Nationalist aus einer der einflussreichsten Familien Jerusalems. Er wurde bekannt als Großmufti von Jerusalem. Daneben war sein wichtigstes Amt die Präsidentschaft des obersten islamischen Rats.
Amin al-Husseini spielte eine entscheidende Rolle bei der Ausbreitung des modernen Antisemitismus im arabischen Raum und der Zusammenarbeit von islamistischen Antisemiten mit den Nationalsozialisten. Er war überzeugter Befürworter der Vernichtung der europäischen Juden im Deutschen Reich. Er knüpfte Kontakte zu den Nationalsozialisten, gewann die Unterstützung durch deutsche Führungskreise und lebte ab 1941 in Berlin. Al-Husseini war Mitglied der SS und betrieb Propaganda für Deutschland in arabischer Sprache. In der Spätphase des Zweiten Weltkrieges half al-Husseini auf dem Balkan bei der Mobilisierung von Moslems für die Waffen-SS. Der französische Innenminister erklärte im Mai 1945 rückblickend, al-Husseini sei die „Leitfigur deutscher Spionage in allen muslimischen Ländern“.[3]
Nach dem Krieg wurde al-Husseini in mehreren europäischen Staaten als Kriegsverbrecher gesucht und nach seiner Festnahme in der Schweiz an die französischen Behörden übergeben. Nachdem Frankreich, England und die USA aus strategischen Gründen darauf verzichteten, Husseini als Kriegsverbrecher anzuklagen, fand er 1946 in Ägypten Asyl, von wo aus er seine Ideen weiterverfolgte.[4]
Al-Husseinis Vater Muhammad Tahir al-Husseini bekleidete selbst das Amt des Mufti von Jerusalem zur Zeit des osmanischen Reichs. Taher al-Husseini versuchte erfolglos die osmanischen Behörden davon zu überzeugen die jüdischen Einwanderer gewaltsam aus Palästina zu vertreiben.[5]
1913 pilgerte al-Husseini nach Mekka und erhielt den Ehrentitel Haddschi. Bis zum Ersten Weltkrieg studierte al-Husseini islamisches Recht an der al-Azhar-Universität in Kairo. Dort war er an der Gründung einer antizionistischen palästinensischen Studentenvereinigung beteiligt. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 trat al-Husseini in die osmanische Armee ein und wurde als Artillerie-Offizier der 47. Brigade zugeteilt, die in und um İzmir stationiert war. Das war damals noch eine vornehmlich griechisch-christlich besiedelte Stadt, auf Griechisch: Smyrna. Im November 1916 verließ al-Husseini die Armee und kehrte nach Jerusalem zurück, wo er bis zum Ende des Krieges blieb.
1919 nahm al-Husseini am Pan-Syrischen Kongress in Damaskus teil, wo er Emir Faisal aus dem Irak als zukünftigen König von Syrien unterstützte. In diesem Jahr trat al-Husseini dem arabischen Nationalistenverein al-Nadi al-Arabi (deutsch: „Der arabische Verein“) in Jerusalem bei, vielleicht war er sogar dessen Gründer. Er schrieb Artikel für die erste in Palästina gegründete Zeitung, Suria al-Dschanubia (deutsch: „Süd-Syrien“). Suria al-Dschanubia stand in der Jerusalemer Anfangszeit ab September 1919 unter der Leitung des Rechtsanwalts Mohammed Hassan al-Budairi, und wurde herausgegeben von Arif al-Arif, beides prominente Mitglieder von al-Nadi al-Arabi.
Bis 1921 konzentrierte al-Husseini sich auf den Panarabismus und im Besonderen auf Großsyrien mit Palästina als Südprovinz eines arabischen Staates und Damaskus als Hauptstadt. Großsyrien sollte ein Territorium umfassen, das die heutigen Staaten Syrien, Libanon, Jordanien und Israel, sowie die besetzten Gebiete beinhalten sollte. Der Kampf für Großsyrien brach zusammen, nachdem gemäß dem Sykes-Picot-Abkommen die Herrschaft über das heutige Gebiet Syriens und des Libanons ab Juli 1920 an das französische Völkerbundmandat für Syrien und Libanon übergeben wurde. Die französische Armee besetzte Damaskus, besiegte König Faisal und zerschlug Großsyrien. Danach wandte sich al-Husseini von einem an Damaskus orientierten Panarabismus einer speziell palästinensischen Ideologie mit Jerusalem als Mittelpunkt zu.
Ein jüdischer Kollege al-Husseinis, Abbady, überliefert aus seinen frühen Jahren das Zitat:
„Pass auf, Abbady, das hier ist arabisches Land und wird es bleiben. Wir haben nichts gegen ursprüngliche Einwohner des Landes wie dich. Aber jene fremden Einwanderer, die Zionisten, die werden wir töten, bis zum letzten Mann. Wir wollen keinen Fortschritt, keinen Wohlstand. Nichts anderes als das Schwert wird das Schicksal dieses Landes entscheiden.“[6]
Diese Aussage deckt sich mit späteren, von ihm verantworteten Sendungen des Senders Zeesen, die sich gegen Industrie bzw. eine Industrialisierung aussprechen[7], wobei die Deutschen in internen Dokumenten das begrüßten: Man wolle sich schließlich keine Konkurrenz auf dem Weltmarkt heranziehen.
Nach judenfeindlichen Ausschreitungen am 4. April 1920, bei denen fünf Juden im jüdischen Viertel Jerusalems getötet und 234 verletzt wurden, verurteilte die britische Militärgerichtsbarkeit eine beträchtliche Anzahl Araber und Juden zu langen Gefängnisstrafen. Al-Husseini wurde, da er nach Syrien geflohen war, in Abwesenheit zu zehn Jahren verurteilt – unter dem Vorwurf, die Aufstände angeheizt zu haben. Er musste jedoch keinen einzigen Tag dieser Strafe absitzen.
1921 wurde die britische Militärverwaltung Palästinas durch eine Zivilverwaltung abgelöst. Der erste Hochkommissar Herbert Louis Samuel hob das Urteil gegen al-Husseini auf und ernannte ihn zum Mufti von Jerusalem, eine Stellung, die die al-Husseini-Familie seit mehr als einem Jahrhundert mit verschiedenen Mitgliedern innehatte. Samuel versuchte dadurch einen Ausgleich mit den palästinensischen Arabern zu erzielen. Insbesondere wollte er den Clan der Husseinis zufriedenstellen, nachdem ein Familienmitglied als Bürgermeister von Jerusalem nach dem Pogrom von 1920 abgesetzt worden war.[8]
Dieses Ernennungsverfahren war im Einklang mit der osmanischen Tradition. Damals ernannten die islamischen Geistlichen drei Kandidaten, und der weltliche Herrscher, der Kalif, ernannte einen der drei zum Mufti. Nachdem die Briten Palästina übernommen hatten, war der weltliche Herrscher der Hochkommissar. Das führte zu der außergewöhnlichen Situation, dass ein Jude, Herbert Samuel den Mufti bestimmte. Der Unterschied bestand nur darin, dass fünf statt drei Kandidaten nominiert wurden. Es wird angenommen, dass die Briten bei dem nun folgenden Streit zwischen dem Naschaschibi- und dem Husseini-Clan ihr feinjustiertes System des „divide et impera“ praktizierten.
Im Jahr 1929 entflammten erneut judenfeindliche Gewalttätigkeiten, mit dem Massaker von Hebron als Höhepunkt. Dieses konnte nur durch das Einschreiten der britischen Polizei gestoppt werden und führte zur vollständigen Vertreibung aller Juden aus Hebron. Vor der Untersuchungskommission von Sir Walter Shaw bezeichnete al-Husseini das House of Commons als „nichts anderes als ein Rat der Weisen von Zion“, in Anspielung auf die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion.[9]
Al-Husseini wurde nach einem schweren Zusammenstoß mit den Naschaschibis zum Führer der palästinensisch-arabischen Bewegung. Die Naschaschibis, die andere vornehme Familie Jerusalems, waren moderater und anpassungsbereiter als die streng antibritischen Husseinis. Während des größten Teils der britischen Mandatszeit schwächte der Streit zwischen diesen beiden Familien die arabische Sache ernsthaft. 1936 gelangten sie zu einer gewissen Eintracht, als alle palästinensischen Gruppen sich zusammenschlossen, um ein ständiges Exekutiv-Organ, das arabische Hochkomitee, unter al-Husseinis Vorsitz zu bilden. Das Komitee rief zum Generalstreik, Steuerstreik und zur Schließung der Kommunalverwaltungen auf und verlangte das Ende der jüdischen Einwanderung, ein Verbot des Landverkaufs an Juden und nationale Unabhängigkeit. Der Generalstreik mündete in den arabischen Aufstand gegen die britische Autorität, der von 1936 bis 1939 dauerte. Obwohl al-Husseini beim arabischen Aufstand keine auslösende Rolle innehatte, übernahm er schnell dessen Führung und organisierte anti-britische und antijüdische Aktionen[10]. Zur Zeit dieses Aufstands war al-Husseini Vorsitzender des arabischen Hochkomitees sowie der arabische Hauptsprecher innerhalb der Peel-Kommission. In dieser Funktion brachte er Zeugenaussagen bei, wonach die jüdische Bevölkerung Palästinas heilige muslimische Stätten zerstört habe. Zudem beanspruchte er Palästina als islamisches Land, stellte sich gegen jeglichen Kompromiss im Zusammenleben mit den Juden in Palästina und forderte die Erfüllung britischer Versprechen aus der Hussein-McMahon-Korrespondenz.
Nach der Ermordung des britischen Distriktsbeauftragten für Galiläa, Lewis Andrews, am 26. September 1937, setzten die Briten al-Husseini als Präsident des obersten islamischen Rates ab und verboten das arabische Hochkomitee in Palästina. Im Oktober 1937 floh al-Husseini in den Libanon, wo er das Komitee unter seiner Führung wieder aufbaute. Al-Husseini behielt die Unterstützung der meisten palästinensischen Araber und nutzte diese Macht, die Naschaschabis zu bestrafen.
Al-Husseini initiierte in der arabischen Welt eine Kampagne zur Restaurierung und Verschönerung des Felsendoms. Die heutige Ansicht des Tempelbergs wurde entscheidend geprägt durch al-Husseinis Spendensammlungen. Die Gelder dienten im Wesentlichen der Vergoldung der Kuppel des Felsendoms.
Der Aufstand nötigte Großbritannien 1939 zu großen Zugeständnissen an die Araber. Die Briten gaben die Idee auf, Palästina als jüdischen Staat zu etablieren und begrenzten die jüdische Einwanderung für die nächsten fünf Jahre auf insgesamt 75.000. Danach sollte die Einwanderung vom arabischen Einverständnis abhängig gemacht werden. Al-Husseini fand jedoch die Konzessionen nicht weitgehend genug und lehnte die neue Politik ab.
1933, wenige Wochen nach Hitlers „Machtergreifung“, bot al-Husseini dem deutschen Generalkonsul im britischen Mandatsgebiet Palästina mit Sitz in Jerusalem erstmals seine Dienste an. Das Angebot wurde zunächst abgelehnt, um die deutsch-britischen Beziehungen nicht durch ein Bündnis mit einem antibritischen Führer zu gefährden. Erst nach 1938, als die deutsch-britischen Beziehungen nicht mehr von Belang waren, wurde al-Husseinis Angebot angenommen.
Der Mufti suchte am 15. Juli 1937 wieder die Zusammenarbeit mit dem NS-Regime. Er wollte dessen öffentliche Erklärung für eine arabisch-palästinensische Unabhängigkeit, gegen den Peel-Plan. Später sandte er einen persönlichen Beauftragten nach Berlin zu Verhandlungen mit den NS-Führern. SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, der Chef des Reichssicherheitshauptamts, schickte im September 1937 zwei SS-Leute, SS-Hauptscharführer (Hauptfeldwebel) Adolf Eichmann und SS-Oberscharführer (Oberfeldwebel) Herbert Hagen nach Palästina. Sie kamen in Haifa an, konnten aber nur ein Transitvisum bekommen und fuhren deswegen nach Kairo[11]. Dort trafen sie sich mit einem Mitglied der Haganah, aber der Zweck der Reise ist umstritten. Während dieser Zeit erhielt al-Husseini finanzielle und militärische Unterstützung von Deutschland und dem faschistischen Italien. Politisch wollte das Außenamt allerdings nicht für al-Husseinis Interessen eintreten, denn zu dieser Zeit galt es, England nicht zu verärgern. 1939 floh al-Husseini aus dem Libanon in den Irak. Dort beteiligte er sich an der Organisation eines Aufstands gegen die britische Kolonialmacht sowie an Pogromen gegen irakische Juden.
Im Mai 1940 lehnte das britische Foreign Office ein Angebot des Vorsitzenden des Va'ad Le'umi (jüdischer Nationalrat in Palästina) ab, al-Husseini zu ermorden, aber im November dieses Jahres stimmte Winston Churchill dem Plan zu. Im Mai 1941 wurden mehrere Mitglieder der Irgun freigelassen, einschließlich ihres Führers David Raziel und zu diesem Zweck in den Irak geflogen. Die Mission wurde aufgegeben, als Raziel durch ein deutsches Flugzeug getötet wurde.
Am 20. Januar 1941 schrieb der Großmufti an Hitler und forderte wiederum dessen öffentliche politische Zusage eines rein arabischen Palästina; als Gegenleistung würden seine Leute England bekämpfen. Darauf antworteten die Nationalsozialisten durch Ernst von Weizsäcker wiederum hinhaltend: Man werde helfen, auch Waffen liefern, wenn der Transportweg sicher sei. Die Nationalsozialisten wollten Abmachungen mit dem Achsenpartner Italien, dem das Mittelmeer und seine Anrainergebiete als Operationsfeld versprochen waren, nicht allzu offensichtlich aushebeln. Ribbentrop empfahl dem Mufti Sabotage- und nachrichtendienstliche Aktionen zugunsten der Achse. Erst als die Briten am 2. Mai 1941 den vorübergehend pro-nationalsozialistischen Irak angriffen, der ihre Truppen in Basra vom Nachschub abgeschnitten hatten, setzte das Außenamt am 3. Mai Fritz Grobba in Bewegung und lieferte den Pro-Deutschen um Mufti und al-Gailani ab dem 15. Mai 24 Kampfflugzeuge. Für die militärische Seite wurde Hellmuth Felmy in Gang gesetzt. Letztendlich verloren die pro-nationalsozialistischen Kräfte im Irak jedoch den Kampf, nur eins ihrer Flugzeug blieb intakt.
Al-Husseini floh deshalb im Frühjahr 1941, infolge des gescheiterten pro-deutschen Putschs im Irak unter Führung von Raschid Ali al-Gailani als Frau verkleidet nach Deutschland, wo er in Oybin als persönlicher Gast Adolf Hitlers residierte. In Europa knüpfte er Kontakte zu bosnischen und albanischen Moslemführern. Er traf Joachim von Ribbentrop und wurde von Hitler offiziell am 28. November 1941 in Berlin empfangen. Dieser führte zu al-Husseinis Wunsch nach Hilfe beim ausschließlich arabischen Staatsaufbau in Palästina aus:
„Deutschland trete für einen kompromißlosen Kampf gegen die Juden ein. Dazu gehöre selbstverständlich auch der Kampf gegen die jüdische Heimstätte in Palästina, die nichts anderes sei als ein staatlicher Mittelpunkt für den destruktiven Einfluß der jüdischen Interessen.“[12]
Deutschland richtete dem „Großmufti von Jerusalem“ eine „Residenz“ in einem arisierten Haus in Berlin ein. Dabei wurde der Mufti auf Anordnung Hitlers nicht nur mit einem umfangreichen Mitarbeiterstab unterstützt, sondern großzügig entlohnt und erhielt in den letzten drei Jahren „monatlich 90.000 Mark aus den Kassen des Auswärtigen Amtes […] einen erheblichen Teil davon in fremden Währungen“, wie Befragungen des Chefs des Auslandsnachrichtendienstes des Reichssicherheitshauptamtes, Walter Schellenberg sowie ergänzend des Konsuls Carl Rekowski vom Auswärtigen Amt durch den US-Ankläger bei den Nürnberger Prozessen, Robert M. W. Kempner, ergaben.[13] Hier organisierte er Radiopropaganda unterstützt von einem umfangreichen Mitarbeiterstab, der ihm zur Verfügung gestellt wurde, für Deutschland und vor allem für den arabisch- sowie persisch-sprachigen Raum, verfasste entsprechende Aufrufe, trieb Spionage und Zersetzung in den islamischen Regionen Europas und des Nahen Ostens. Unter anderem trat er in der Berliner Moschee auf, z.B. anlässlich des Festes des Fastenbrechens im Jahr 1942.[14] Nach dem Sieg der Alliierten in der Zweiten Schlacht von El-Alamein rief er zum Dschihad gegen die Juden: „Ich erkläre einen heiligen Krieg, meine Brüder im Islam! Tötet die Juden! Tötet sie alle!“
Dieter Wisliceny, der Stellvertreter Adolf Eichmanns, äußerte bereits 1944 die Überzeugung, dass der Mufti eine bedeutende Rolle bei der Ermordung der europäischen Juden spiele. Husseini habe mehreren Nazigrößen, unter ihnen Hitler, Ribbentrop und Himmler, ihre Ausrottung empfohlen. Als einer der besten Freunde Eichmanns soll der Mufti, nach Wisliceny, der dieses auch in den Nürnberger Prozessen wiederholte, sogar das KZ Auschwitz-Birkenau besucht und die dortigen Gaskammern besichtigt haben. Für Husseini habe die nazistische „Endlösung“ auch das Ende der Probleme in Palästina bedeutet.
Husseini war offenbar genau über die Geschehnisse in Polen informiert. In einer Radiosendung aus Berlin am 21. September 1944 sagte er: „Ist es nicht in eurer Macht, oh Araber, die Juden abzuwehren, die nicht mehr als elf Millionen zählen?“ Es war zu dieser Zeit allgemein bekannt, dass es vor 1939 etwa 17 Millionen Juden in der Welt gab.
1943 verhinderte al-Husseini die Freilassung von 5000 jüdischen Kindern, die auf Initiative des Roten Kreuzes gegen 20.000 gefangene Deutsche ausgetauscht werden sollten. Durch seine persönliche Intervention bei Heinrich Himmler erreichte er, dass die Kinder stattdessen in deutsche Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden. Der Mufti drängte immer wieder auf den strikten Vollzug des Völkermordes an den Juden, unter anderem, indem er Ribbentrop gegenüber die Wichtigkeit der „Lösung des Weltjudenproblems“ beschwor.[15]
Am 16. Januar 1943, also in der Endphase der Schlacht von Stalingrad, deren Ergebnis den Zugang zum Mittleren Osten über den Kaukasus verhinderte, und während Nordafrika gerade von den West-Alliierten erobert wurde, wandte der Mufti sich in Berlin in französischer Sprache an die NS-Regierung und forderte sie auf, dem Krieg in Nordafrika mehr Gewicht zu verleihen. Die Araber seien zum Kampf an der Seite der Achse bereit. Frankreich dagegen sei unzuverlässig.[16]
Ab 1943 war al-Husseini mit der Organisation und Ausbildung von bosnisch-islamischen Wehrmachtseinheiten und Waffen-SS-Divisionen befasst. Die größte war die 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“ (kroatische Nr. 1) (auch „Handzar“; 21.065 Mann), die ab Februar 1944 Operationen gegen Partisanen auf dem Balkan unternahm. Zuvor hatte sie zur „Ausbildung“ 1943 bereits in Frankreich gewütet, wo es auch zu Abspaltungen aus der Truppe gekommen war, Teile wendeten sich gegen die SS, Überlebende der Erhebung flohen ins Maquis. Sie war für eine Reihe von Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung verantwortlich. Die 23. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Kama“ (3793 Mann) erreichte nicht die operative Stärke einer Division und wurde nach fünf Monaten aufgelöst; ihre Angehörigen wurden auf andere Einheiten verteilt. Weitere Einheiten waren ein Moslem-SS-Selbstverteidigungsregiment im Sandschak, das sogenannte Arabische Freiheitskorps, die Arabische Brigade, die Legion Freies Arabien und ein „Osttürkischer Waffenverband“ der SS. Der Reichsführer-SS ernannte al-Husseini zum SS-Gruppenführer (Generalleutnant der Schutzstaffel)[17] Er hatte insbesondere die Imame der SS-Truppen auszubilden und zu beaufsichtigen, die für die ideologische Formierung der Kämpfer zuständig waren.[18]
Von dieser Truppe wurde der „Oberimam“ der SS-Division „Osttürkischer Waffenverband“, Nureddin Namangani später noch einmal berühmt. Ihn bestimmte die bayrische Staatsregierung Ende der 1950er Jahre zum Vorsitzenden einer Moscheebau-Kommission für München, um die dort konzentrierten SSler zu formieren. Er war bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands aktiv gewesen. Bei seiner Wahl saß jedoch Said Ramadan, als damals bekanntester Führer der Muslimbruderschaft, mit im Raum. Denn die CIA hatte diesen prominenten Muslimbruder als ihren Kämpfer gegen den Kommunismus nach München geholt. Schon 1960 hatten dann die „Brüder“ die Mufti-SS-Kader um Namangani aus der Moscheebau-Kommission verdrängt, die CIA hatte die Bayern an die Wand gespielt.[19]
Am 28. Juni 1944 versuchte das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, das unter der Führung des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg stand, weitere Staaten für sich und einen internationalen Kampf gegen Juden zu gewinnen, indem es für einen geplanten „antijüdischen Kongress“ in Krakau auch eine Einladung an Mohammed Amin al-Husseini verschickte. Das Projekt wurde einen Monat später endgültig aufgegeben.[20]
Bei Kriegsende floh er, wie viele andere, zehntausende NS-Kriegsverbrecher, illegal in die Schweiz, wo er sich einen Tag aufhielt. Das Berner „Territorialkommando 3“ berichtet am 7. Mai 1945 von fünf Gelandeten mit einer Siebel Si 204 ohne Hoheitskennzeichen in Belpmoos: zwei Piloten und drei Araber, darunter al-Husseini. Die Deutschen wurden in Zivil gesteckt und geheim zurückgeschoben; die Araber wurden am 8. Mai 1945 am Übergang St. Margrethen französischen Behörden übergeben.
In Frankreich wurde der Fall Mohammed Amin al-Husseini von Henri Ponsot betreut, der sich für sein Wohlergehen und seine baldige Freilassung einsetzte[21]. 1946 konnte al-Husseini daher die französische Haft verlassen, obwohl seine Handschar-Division gerade in diesem Land Kriegsverbrechen begangen hatte. Er erhielt Asyl in Ägypten, wo auch viele andere Nationalsozialisten Unterschlupf und neue Tätigkeitsfelder fanden. Zionistische Verbände baten die Briten, al-Husseini als Kriegsverbrecher in Nürnberg anzuklagen. Die Briten lehnten ab, teils weil sie die Beweise für unbedeutend hielten, aber auch, weil ein solcher Schritt ihre Probleme in Ägypten und Palästina vermehrt hätte, wo al-Husseini noch populär war. Auch Jugoslawien verlangte vergeblich seine Auslieferung. Noch im selben Jahr begann al-Husseini, in Palästina seinen Kampf gegen die Juden zu organisieren und warb um Aktivisten.
Der Führer der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, pries 1946 den Mufti mit den Worten:
„Der Mufti ist soviel Wert wie eine ganze Nation. Der Mufti ist Palästina, und Palästina ist der Mufti. O Amin! Was bist Du doch für ein großer, unbeugsamer, großartiger Mann! Hitlers und Mussolinis Niederlage hat Dich nicht geschreckt. Was für ein Held, was für ein Wunder von Mann. Wir wollen wissen, was die arabische Jugend, Kabinettminister, reiche Leute und die Fürsten von Palästina, Syrien, Irak, Tunesien, Marokko und Tripolis tun werden, um dieses Helden würdig zu sein, ja dieses Helden, der mit der Hilfe Hitlers und Deutschlands ein Empire herausforderte und gegen den Zionismus kämpfte. Deutschland und Hitler sind nicht mehr, aber Amin el-Husseini wird den Kampf fortsetzen.“[22]
Am 22. September 1948 rief al-Husseini im Gazastreifen eine „arabische Regierung für ganz Palästina“ aus, am 1. Oktober einen unabhängigen Staat mit Jerusalem als Hauptstadt. Dieser Staat wurde anerkannt von Ägypten, Syrien, dem Libanon, dem Irak, Saudi-Arabien und dem Jemen, aber nicht von Jordanien und von keinem nichtarabischen Land. Seine Regierung hing völlig von Ägypten ab. Als der jordanische König Abdallah ibn Husain I. 1951 den Posten des Großmufti von Jerusalem an einen anderen vergab, organisierte al-Husseini dessen Ermordung in Jerusalem. 1959 löste Ägypten die „Arabische Regierung für ganz Palästina“ auf.
Al-Husseini starb 1974 in Beirut. Er wollte in Jerusalem begraben werden, aber die israelische Regierung verweigerte dies. Al-Husseini war der politische Mentor der von Jassir Arafat befehligten palästinensischen Organisationen. Noch im Jahre 2002 sprach Arafat nach Angaben von Palestinian Media Watch in einem Interview von „unserem Helden al-Husseini“.[23] Arafat war jedoch nicht – wie vielfach angenommen – ein Neffe al-Husseinis, sondern lediglich ein entfernter Verwandter.[24]
Al-Husseini holte den NS-Spitzenpropagandisten Johann von Leers, der unverändert seinen antisemitischen Ideen anhing, in den 1950er Jahren nach Kairo, als seine Lage nach Perons Sturz in Argentinien zu schwierig wurde. Der Mufti begrüßte ihn bei seinem Eintreffen dort persönlich. Sie kannten sich aus gemeinsamer Arbeit in den 1940er Jahren in Berlin. Leers wirkte dann von Kairo aus als Autor in deutschen rechtsextremen Publikationen, unter mehreren Pseudonymen, und durch die Unterstützung französischer Holocaustleugner.
Anfang Juni 1952 hatte Werner Otto von Hentig, eigentlich Botschafter in Djakarta, die Arabische Liga ohne Genehmigung aus Bonn gegen das in Vorbereitung befindliche Luxemburger Abkommen, das eine Wiedergutmachung der BRD an Israel regelte, mobilisiert. Im August 1952 protestierte auch al-Husseini aus Kairo gegen die Wiedergutmachung: Er berief sich auf „gemeinsame deutsch-arabische Interessen“ und verfasste eine Note an Adenauer, der wegen des Abkommens schon innenpolitisch unter Druck stand, insbesondere von den rechten Parteien CSU, DP und FDP.
Der Mufti verbündete sich mit v. Hentig[25], der weiter in Arabien gegen das Abkommen arbeitete und zunächst dienstlich ermahnt wurde, sich auf seine Aufgaben in Indonesien zu beschränken. Muftis Abgesandter Alim Idris und v. Hentig kannten sich aus großdeutschen Zeiten in Berlin, beide hatten gemeinsam im AA in der Abt. Pol. VII für die Ausbildung der Imame in den Mufti-SS-Truppen gearbeitet, Idris als Lehrer, Mufti als gefühlter Oberaufseher.[26] Hentigs Vorgesetzter Wilhelm Melchers hatte sich selbst bereits einige Monate zuvor vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss für seine Zusammenarbeit mit al-Husseini verteidigen müssen. Er rechtfertigte auch Hentigs neue Aktivitäten in dieser Region, die eigentlich nicht zu seinem Aufgabengebiet gehörte.
Der Mufti verstärkte daraufhin seinen Kampf gegen das Abkommen, er drohte der BRD mit „Vergeltungsmaßnahmen“ und bezeichnete Adenauer als Werkzeug des Weltjudentums. Sein geplantes weiteres mehrtägiges Treffen mit v. Hentig in Kairo im Februar 1953, das publizistische Schützenhilfe von Marion Gräfin Dönhoff erhielt (Hg. einer Wochenzeitung), wurde diesem offiziell untersagt, ohne dass er jedoch für seine Aktivitäten gegen die eigene Regierung gerügt wurde.[27] Hentig wurde dann als Pensionär ab 1955 Berater Saudi-Arabiens. In seinem Bonner Büro fanden sich nach der Pensionierung Unterlagen, die belegten, dass er auch nach der Ratifizierung des Abkommens gegenüber Arabern gegen dieses argumentiert hatte. Demnach mache die „unter jüdischem Einfluss stehende“ US-amerikanische Presse die Deutschen sogar für NS-Verbrechen verantwortlich - als hätten die Deutschen eigentlich nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun.
Als Folge des Konfliktes zwischen Israel und Palästina bzw. einigen arabischen Staaten wird die Rolle des Mufti, insbes. seit etwa dem Jahr 2000, außerordentlich gegensätzlich dargestellt, und zwar international, und vor allem, was seine Berliner Jahre angeht. Unklar ist im Kern, wie wichtig er tatsächlich gewesen ist. Es ist verständlich, dass seine NS-SS-Förderer seine Rolle möglichst hoch bewerteten, aber auch da gab es Widerspruch, z. B. durch die al-Gailani-Fraktion in Berlin. In jüngerer Zeit wollen auch israelische Stellen seine Rolle möglichst hoch ansetzen.
Dagegen gibt es den Vorwurf, das geschähe, um die Araber der Kriegszeit möglichst moralisch zu diskreditieren. Diese Gegenmeinung geht davon aus, dass die Zeichnung des Mufti in der NS-Propaganda als „höchst wichtiger Mann“, die zahlreichen Fotos von seinen Berliner Jahren usw. vor allem ein Propagandatrick der Nazis gewesen sind und die tatsächliche Bedeutung der von ihm unterstützten SS-Truppen gering war. Die Heftigkeit der Kontroverse weist vor allem auf ein Defizit der Orientalisten hin, besonders der deutschen, denen das Thema anscheinend zu umstritten war, um für das breite Publikum verständliche Vorlagen zu liefern; dazu kam, dass insbes. die westdeutsche Orientalistik unter Ideologieverdacht stand, da die Ausbilder der aktuellen Wissenschaftlergeneration fast alle selbst NS-belastet waren und ihre wissenschaftlichen Schüler offenbar nicht dazu motivierten, arabische Quellen der Kriegszeit aufzubereiten. Die Diskussion wird auch historisch z. T. unter dem Label Islamfaschismus geführt[28].
Man kann abseits der Propaganda aus Zeesen Muftis reale Wirkung im Krieg nach Truppenstärken einschätzen. Trotz seiner Bemühungen um Araber, sich den Truppen der Achse anzuschließen, gehörten nur 6300 Soldaten aus arabischen Ländern deutschen Militärorganisationen (verschiedenster Art: Wehrmacht, SS, Waffen-SS usw.) an. Von diesen stammten 1300 aus Palästina, Syrien und dem Irak, die übrigen aus Nordafrika. Aber 9000 arabische Soldaten allein aus Palästina hatten sich zu den britischen Streitkräften gemeldet, und in der französischen Befreiungsarmee[29] kämpften 250000 Maghrebiner, die auch die Mehrzahl der Gefallenen und Verwundeten[30] ausmachten.[31]
In den Jahren 2008/09 gab es in Berlin eine heftige Kontroverse um die Art, wie al-Husseini heute dargestellt werden kann. In der Diskussion um eine zunächst geplatzte Ausstellung im Herbst 2009 über Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg wurde die ganze Bandbreite von massiver Kritik an ihm (durch die Ausstellungsmacher) und möglichem Relativieren, Ignorieren oder Schönreden seiner Rolle sichtbar.[32]
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