Mord im Orient-Express ist der 14. Kriminalroman von Agatha Christie. Er erschien zuerst unter dem Titel Murder on the Orient Express am 1. Januar 1934 im Vereinigten Königreich. Die amerikanische Erstausgabe erschien später im Jahr unter dem Titel Murder in the Calais Coach.[1][2] Die Wahl dieses Titels wurde notwendig, weil 1933 in den USA der Roman von Graham Greene Stamboul Train unter dem Titel The Orient Express veröffentlicht worden war.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1934 im Goldmann Verlag Leipzig unter dem Titel Die Frau im Kimono[3] in der Übersetzung von Elisabeth van Bebber. 1951 wurde der Titel in Der rote Kimono von Goldmann München[4] verändert. Mit dem Start des Kinofilms wurde auch der Titel des Romans in Mord im Orient-Expreß[5] geändert. 1999 gab der Scherz Verlag eine grundlegende Neuübersetzung von Otto Bayer[6] heraus.
Der belgische Detektiv Hercule Poirot möchte noch ein paar Tage das winterliche Istanbul durchstreifen, doch ein Auftraggeber will ihn so schnell wie irgend möglich in London haben. Als er ein Abteil im Kurswagen Istanbul-Calais des nächsten Orient-Expresses buchen will, stellt sich heraus, dass der Zug ausgebucht ist. Mit Hilfe seines Freundes Monsieur Bouc, dem Direktor der Eisenbahngesellschaft, bekommt Poirot doch noch das letzte freie Abteil. Mitten in der Nacht, in Jugoslawien, zwischen Vinkovci und Brod, wird der Amerikaner Samuel Edward Ratchett durch zwölf Messerstiche ermordet. Bouc, der sich im Zug befindet, bittet Hercule Poirot um die Aufklärung des Falles, der sich dafür entscheidet den Fall zu lösen
Der Expresszug ist mittlerweile auf freier Strecke in eine Schneeverwehung geraten. Keiner kann den Zug verlassen, auch der Mörder nicht. Der Telegraf streikt und die jugoslawische Polizei kann nicht benachrichtigt werden. Im Abteil des Toten findet Poirot einen fast verbrannten Brief, aus dem er auf die wahre Identität des Toten schließen kann. Es handelt sich um den Verbrecher Casetti, der die kleine Daisy Armstrong entführt hatte und schuld an ihrer Ermordung ist, sich aber der gerechten Strafe in den USA entziehen konnte. Casetti wurde mit zwölf Stichen getötet, das Sonderbare daran ist jedoch: Jeder Stich (mancher von einem Rechtshänder, mancher von einem Linkshänder) wurde verschieden tief und verschieden kraftvoll ausgeführt. Das Fenster des Abteils ist weit geöffnet, die Abteiltür von innen verriegelt und die Verbindungstür zum Nachbarabteil fest verschlossen. Eine Flucht des Mörders durch das Fenster schließt Poirot allerdings sofort aus, da im Schnee keinerlei Spuren zu entdecken sind. Am Tatort werden außerdem ein Taschentuch und ein Pfeifenreiniger gefunden. Die Amerikanerin, die das Nachbarabteil des Ermordeten bewohnt, will den Mörder auch dort gesehen haben. Diese These wird von einem in ihrem Abteil verlorenen Knopf gestützt.
Alle Passagiere im betreffenden Schlafwagen werden verhört, aber es befindet sich vorerst niemand an Bord, dem der gefundene Pfeifenreiniger und das Taschentuch zugeordnet werden können. In den meisten Aussagen der Verhörten kommt ein „kleiner Mann mit dunklem Teint und femininer Stimme“ vor, doch es befindet sich niemand im Zug, der dieser Beschreibung entspricht. Wenn ein Passagier eine Aussage macht, mit der er sich verdächtig macht, gibt es von mindestens einem anderen Befragten eine Aussage, die der vorherigen widerspricht bzw. die dem Verdächtigen ein Alibi verschafft.
Poirot kommt erst spät der Verdacht, dass alle Schlafwageninsassen unter einer Decke stecken könnten.
Nach und nach erfährt Poirot von den Reisenden, dass sie entweder im Hause Armstrong angestellt gewesen waren oder nahe Verwandte oder Freunde der Armstrongs waren. Allen war die kleine Daisy ans Herz gewachsen und nach der Entführung schworen sie sich, den Übeltäter umzubringen. Sie sind nacheinander durch das (zum Schlafen verdunkelte) Abteil von Ratchett gegangen und jeder hat einmal auf ihn eingestochen. Der verbrannte Brief enthielt das von allen unterzeichnete Todesurteil.
Poirot versammelt alle Beteiligten im Speisewagen des Orient Express. Die besondere Tragik des Falles erkennend, präsentiert er neben der „komplizierten“ Theorie, dass alle Reisenden im Calais-Kurswagen an der Tat beteiligt waren, noch eine „einfache“ Möglichkeit: Aufgrund Ratchetts verbrecherischer Vergangenheit unterstellt Poirot, dass es den „kleinen Mann mit dunklem Teint und femininer Stimme“ wirklich gegeben hat, der Ratchett aufgrund einer „offenen Rechnung“ tötete und dann doch trotz der widrigen Witterungsumstände aus dem Zug flüchten konnte. Da keine Polizei an Bord des Zuges ist, können keine rechtlichen Schritte unternommen werden. Poirot überlässt es daher Monsieur Bouc als Direktor der Bahngesellschaft zu entscheiden, welche der beiden Theorien der Polizei im nächsten Bahnhof präsentiert werden soll. Monsieur Bouc entscheidet sich für die „einfache“ Theorie.
Das Opfer:
Die Verdächtigen:
Die Ermittler:
Die als Ausgangspunkt für die Rache an Ratchett/Cassetti dienende Entführung des Babys Daisy Armstrong ist an der realen Entführung des "Lindbergh-Babys" angelehnt:
Charles Augustus Lindbergh jr., der Sohn des Flugpioniers Charles Lindbergh, war im März 1932 im Alter von 20 Monaten aus seinem Elternhaus entführt worden. Trotz der Zahlung eines Lösegeldes in Höhe von 50.000 US-Dollar wurde das Kleinkind später ermordet aufgefunden.[7]
Ein bei den Eltern von Mrs. Lindbergh angestelltes Dienstmädchen wurde zu Unrecht der Komplizenschaft verdächtigt und beging nach sehr harschem Polizeiverhör Selbstmord. Dieser Zwischenfall diente Agatha Christie als Motiv für die Beteiligung des Schlafwagenschaffners Pierre Michel an der Ermordung von Ratchett/Cassetti, indem sie nach dem Vorbild des Dienstmädchens aus dem Lindbergh-Fall für den Roman das Dienstmädchen Paulette Michel – Tochter von Pierre Michel – schuf, das nach unrechtmäßiger Verdächtigung ebenfalls den Freitod wählte.[8]
Zur Zeit der englischsprachigen Erstveröffentlichung von Mord im Orient Express im Januar 1934 galt der Fall Lindbergh als noch nicht abgeschlossen; erst am 19. September 1934 wurde der mutmaßliche Täter Bruno Hauptmann festgenommen. Hauptmann wurde 1935 schuldig gesprochen und am 3. April 1936 hingerichtet.[9][10][11][12]
Christie widmete den Roman ihrem zweiten Ehemann Max Mallowan. Zuvor hatte sie ihm bereits Das Geheimnis von Sittaford gewidmet, ihren letzten Roman Alter schützt vor Scharfsinn nicht widmete sie ihm ebenfalls.
Obwohl der Roman als einer der bekanntesten und beliebtesten von Agatha Christie gilt, hat er auch eine Reihe von Kritikern gefunden. Besonders ablehnend äußerte sich Raymond Chandler:
Mord im Orientexpress ist einer der Romane von Agatha Christie, in dem der (oder die) Täter nicht von der Gerechtigkeit in Form des Gerichts ereilt wird. Es ist allerdings der einzige, in dem die Täter bewusst als freie Menschen davon kommen dürfen. Insofern bricht Agatha Christie hier eine Lanze für Selbstjustiz in begründeten Ausnahmefällen, wenn die Justiz machtlos ist. In den anderen entsprechenden Romanen wird dem Täter die Möglichkeit gewährt, sich durch Selbstmord der drohenden Hinrichtung zu entziehen (u.a. Alibi, Das Haus an der Düne), er bzw. sie kommt während der Entlarvung um (Mord auf dem Golfplatz) oder er verschwindet einfach von der Bildfläche (Die großen Vier).
Ein weiterer Roman, in dem ein real existierender berühmter Personenzug Schauplatz der Handlung ist, ist Der blaue Express. Christie verwendet für den Zugbegleiter in beiden Romanen denselben Namen - Pierre Michel.
Mord im Orientexpress gehört zu den wenigen Werken Agatha Christies, die im Winter spielen und in denen eine Schneeverwehung die Handlung beeinflusst. Die anderen sind Das Geheimnis von Sittaford und Die Mausefalle.
Der Roman wurde bislang dreimal verfilmt, zuerst 1974 mit großer Starbesetzung unter der Regie von Sidney Lumet. Albert Finney spielte Hercule Poirot.
Für das US-amerikanische Fernsehen entstand 2001 eine modernisierte Fassung von Carl Schenkel mit Alfred Molina als Poirot.
2009 entstand eine dritte Verfilmung in der Serie Agatha Christie's Poirot mit David Suchet in der Hauptrolle.
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