Nuklearstrategie
Nach dem Ende des Kalten Krieges verloren Nuklearstrategien unmittelbar an Bedeutung. Nuklearstrategische Angelegenheiten wie die Sicherung verlorengegangener Atomsprengköpfe, Raketenabwehrschilde, „schmutzige Bomben“, Nichtverbreitung im Rahmen des Atomwaffensperrvertrags und Abrüstungsvorhaben stellen weiterhin wichtige Themen der internationalen Politik dar.
Strategien der USA / NATO
- 1945 beauftragte US-Präsident Harry S. Truman die US Air Force einen Operationsentwurf für einen möglichen Krieg mit der UdSSR auszuarbeiten. Im Dezember 1945 wurde unter Führung von General Dwight Eisenhower der Plan Operation Totality (JIC 329/1) ausgearbeitet, der bei einem sowjetischen Überraschungsangriff den Abwurf von bis zu 30 Atombomben auf 20 sowjetische Städte vorsah. Hierzu zählten: Moskau, Gorki, Kuibyschew, Swerdlowsk, Nowosibirsk, Omsk, Saratow, Kasan, Leningrad, Baku, Taschkent, Tscheljabinsk, Nischni Tagil, Magnitogorsk, Molotow/Perm, Tiflis, Stalinsk/Nowokusnezk, Grosny, Irkutsk und Jaroslawl.[1][2]Damit sollte Zeit für eine Mobilmachung der konventionellen Streitkräfte gewonnen werden. Dieser Plan wurde bis Mai 1948 mehrmals ergänzt, im Dezember 1948 sah er bereits den Abwurf von 133 Atombomben auf 20 sowjetische Städte vor. Im Falle einer Eskalation einer Krise war auch ein Präventivschlag (First Strike) gegen die Sowjetunion vorgesehen.
- Vorneverteidigung (forward strategy): Konzept der Verzögerung eines Angriffs des Warschauer Paktes mit konventionellen Kräften östlich des Rheins. Anschließend nuklearer Gegenschlag strategischer Luftstreitkräfte mit einer konventionellen Gegenoffensive mit dem Ziel den Warschauer Pakt zurückzudrängen. Diese Konzeption fand Anwendung von 1950/52 bis 1957 - NATO-Dokument 14/1 - und hätte bei einer Anwendung die Verstrahlung von weiten Teilen Deutschlands bedeutet. Es wurde aufgrund des angewachsenen Vernichtungspotentials der Atomwaffenarsenale durch die 'massive retaliation' ersetzt.
- Massive Vergeltung (massive retaliation): Beantwortung eines feindlichen (konventionellen) Angriffes mit einem vernichtenden Gegenschlag mit atomaren Waffen. Diese Konzeption bestand von 1954/57 bis 1967/68, NATO-Dokument MC 14/2. Der Single Integrated Operational Plan SIOP-62 sah 1960 3.423 Atombombenziele vor.
- Flexible Reaktion (flexible response) (NATO-Dokument 143/3): Angemessene Beantwortung des Angriffs. Im Rahmen der Konzeption der flexiblen Reaktion von 1967/68 bis 1991 wurde in der NATO die Triaden-Strategie entwickelt. Diese Taktik sieht vor, konventionelle, nukleartaktische und nuklearstrategische Mittel im Verbund oder als Einzelelemente einzusetzen. 1980 umfasste der Single Integrated Operational Plan SIOP-5D rund 40.000 mögliche Ziele für Nuklearangriffe.[3][4]
- Counterforce-Doktrin/Countervailing-Strategie, ist eine in den USA unter US-Präsident Jimmy Carter entwickelte Strategie, die eine Flexibilisierung des Nukleararsenals und den Ausbau der Angriffsfähigkeiten gegenüber feindlichen (lies: sowjetischen) strategischen Kernwaffen vorsieht um flexible Optionen unterhalb einer massiven Vergeltung zu ermöglichen. Die Countervailing-Strategie ergänzte ab 1980 durch die US-Präsidentendirektive (PD 59) die Counterforce-Doktrin und führte u. a. zur Entwicklung von "Erdpenetrationskörpern" (Raketen, Bomben) gegen gehärtete Ziele.
- Global Strike (weltweiter Schlag), ist ein Bestandteil einer US-Militärstrategie zur möglichen weltweiten Zerstörung von strategischen und taktischen Zielen mit konventionellen und nuklearen Mitteln und deren Zusammenfügung in einen einzigen Operationsplan OPLAN 8022. Die Bekämpfung von Proliferationszielen ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Konzeptes.
Strategien der UdSSR / Warschauer Pakt
- 1951 befahl der sowjetische Regierungschef Generalissimus Josef Stalin die Entwicklung von Strategien für den Nuklearkrieg. Die Sowjetarmee sah ebenfalls den Präventivkrieg als Option vor. Nikita Sergejewitsch Chruschtschow erklärte am 14. Januar 1960 vor dem Obersten Sowjet, dass der globale Atomkrieg eine strategische Option sei, die es erlaube, „das Land oder die Länder, die uns überfallen ... buchstäblich dem Erdboden gleichzumachen“. 1952 sollte Marschall Pawel Fjodorowitsch Schigarew eine strategische Bomberflotte der UdSSR aufbauen, die in der Lage sein sollte, die USA mit Nuklearwaffen anzugreifen. Entsprechende Luftstützpunkte wurden 1952 in Dikson und auf der Schmidt-Insel eingerichtet, von wo aus modifizierte Tupolew Tu-4 regelmäßig im internationalen Luftraum nahe den US-Basen in Kanada und auf Grönland Einsatzflüge unternahmen.
- Unter Leonid Iljitsch Breschnew wurde ab 1965 eine Doppelstrategie propagiert. Demnach sollte die UdSSR einen Nuklearkrieg nicht führen, wenn er nicht von den USA bzw. der NATO aufgezwungen werde. Wenn ein Atomkrieg notwendig sei, müsse er auch geführt werden. Notfalls sei ein Präventivschlag denkbar.
- Perimetr (Tote Hand), steht für ein Atomwaffen-Führungssystem, das im Falle eines nuklearen Enthauptungsschlags, der die sowjetische Führung aktionsunfähig gemacht hätte, einen allumfassenden Gegenschlag automatisch auslösen sollte.
- Erst unter Michail Sergejewitsch Gorbatschow entwickelte man ab 1987 eine neue Strategie, die der Verhinderung einer militärischen Auseinandersetzung gegenüber der Vorbereitung auf einen möglichen kommenden Krieg Priorität gab.
Siehe auch
Literatur
Quellen
- ↑ Michio Kaku und Daniel Axelrod To Win a Nuclear War. The Pentagon’s Secret War Planes (South end Press, Boston, 1987)
- ↑ vgl. die ausführliche Darstellung unter The Creation of SIOP-62 More Evidence on the Origins of Overkill National Security Archive Electronic Briefing Book No. 130, gwu.edu, 13. July 2004.
- ↑ MC 14/3 (Final)
- ↑ Flexible Response- das Konzept der abgestuften Abschreckung
Weblinks
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