Die Operation Neptune’s Spear vom 2. Mai 2011 war ein Militäreinsatz der USA in Pakistan, bei dem Osama bin Laden, der Gründer und Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, getötet wurde.
Die offizielle Bezeichnung bezieht sich auf den Dreizack des Meeresgottes Neptun, den auch das Special Warfare Insignia der Navy SEALs als Zeichen ihrer Qualifikation und Tätigkeit enthält.
In der Presse erschien „Geronimo“ – der Name eines legendären Apachen-Häuptlings, der den Ruf hatte, keine Spuren zu hinterlassen – zunächst irrtümlich als Codename der Operation.[1] Die Regierung der USA gab dann aber bekannt, dass dies der Codename für Bin Laden selbst war. Mit dem Funkspruch „Geronimo EKIA“ (Enemy Killed In Action: „Feind im Kampf getötet“) gaben beteiligte US-Soldaten im Verlauf der Aktion seine Tötung bekannt.[2] Nach Angaben Beteiligter bezeichnete das Codewort „Geronimo“ den Buchstaben G, der im internen Funkverkehr für die siebte und letzte Stufe der geplanten Aktion stand: Bin Laden zu fangen oder zu töten. Mit „Geronimo EKIA“ habe man den Abschluss des Gesamtauftrags bekannt gegeben.[3]
Vertreter der indigenen Bevölkerung Nordamerikas kritisierten dieses Codewort als Verleumdung, da es einen terroristischen Massenmörder mit dem historischen Apachenhäuptling vergleiche.[4]
Bin Laden wohnte seit 2006 in einem Anwesen in der nordpakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa im Vorort Bilal Town etwa vier Kilometer vom Stadtzentrum von Abbottabad, knapp einen Kilometer von der dortigen Kakul Militärakademie,[5] etwa 50 Kilometer nordöstlich von der Hauptstadt Islamabad entfernt.
Der Gebäudekomplex wurde regional Waziristan Haveli genannt, weil ein Verbindungsmann Bin Ladens, der den Bau des Gebäudes organisierte, aus der Region Wasiristan kam.[6] Das Anwesen wurde von 2003 bis 2005 gebaut. Als Bauunternehmer gilt Noor Mohammed, als Statiker Gul Mohammed. Eigentümer des Gebäudes war Bin Ladens persönlicher Kurier Abu Ahmad al-Kuwaiti. Der Wert der Anlage wurde auf 250.000 US-Dollar geschätzt.[7]
Das Grundstück war etwa 3.500 m² groß und vollständig von einer zwischen drei und 5,5 Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten Mauer umgeben. Diese hatte zwei Tore, die zugleich als Sicherheitsschleuse dienten. Ferner gab es eine Reihe von Überwachungskameras sowie mehrere Satellitenschüsseln.[8]
Auf dem Grundstück waren mehrere Gebäude errichtet worden. Das Hauptgebäude bestand aus drei Stockwerken. Es unterschied sich von außen nur aufgrund seiner Größe und seinen Sicherheitseinrichtungen von den Gebäuden der Umgebung,[9] etwa durch besonders kleine Fenster und einen mit einer etwa 2,10 hohen Mauer als Sichtblende umgebenen Balkon im obersten Stock. Das Haus hatte keinerlei Telefonleitungen und Internetverbindungen.[10]
Bin Laden, einige seiner Frauen und Kinder sowie sein Kurier und dessen Familie sollen am 6. Januar 2006 dort eingezogen sein.[11] Am 1. Mai 2011 befand sich ein etwa 1000 m² großer, sorgfältig gepflegter Gemüsegarten mit Kohl, Kartoffeln und Cannabis auf dem Gelände. Ferner wurden eine Kuh und viele Hühner gehalten. Man nimmt an, dass es auch eine autarke Wasserversorgung mit einem Brunnen gab.[12] Anders als bei den Nachbarn wurde sämtlicher Müll im Haus Bin Ladens auf dessen Grundstück verbrannt und nicht zur Abholung auf den Fahrweg gestellt.[8]
Das Gebäude wurde im Februar 2012 von pakistanischen Sicherheitskräften abgerissen.[13]
2006 gaben die Fahnder der CIA es auf, primär Spuren von Zeugenaussagen zu verfolgen, die angeblich Bin Laden oder ihm ähnelnde Personen gesehen hatten, weil dies keine Ergebnisse gebracht hatte. Sie konzentrierten sich stattdessen nun auf Personen, die als Kuriere Bin Ladens galten oder als solche enttarnt werden konnten.
2007 erfuhren US-Geheimdienstler durch Aussagen des im Irak gefangenen al-Qaida-Mitglieds Hassan Ghul und weiterer Gefangener in Guantanamo Bay den Spitznamen Abu Ahmad al-Kuwaiti eines möglichen persönlichen Kuriers für Bin Laden. Die danach befragten hochrangigen al-Qaida-Mitglieder Abu Faradsch al-Libi und Khalid Shaikh Mohammed, der als Hauptplaner der Terroranschläge am 11. September 2001 gilt, bestritten jedoch, diesen Namen zu kennen. Dieser Widerspruch zu den Aussagen anderer Gefangener verstärkte die Annahme der Fahnder, es könne sich um einen persönlichen Vertrauten Bin Ladens handeln. Erst Monate später gab Khalid Mohammed zu, Kuwaiti zu kennen, behauptete jedoch, dieser sei kein al-Qaida-Mitglied mehr und für Bin Laden unwichtig.
Zunächst fanden die Fahnder Al-Kuwaitis Realnamen und Wohnort nicht heraus. Erst im August 2010 konnten sie diesen ermitteln, nachdem sie Telefonate mit seinen Kontaktpersonen oder Verwandten abgehört hatten und ihm bis zu Bin Ladens Haus in Abbottabad gefolgt waren. Dessen Größe und Abschirmung ließen sie vermuten, dass dort jemand von al-Qaidas Führungspersonen wohnen müsse.[14]
Nach Medienberichten versuchte die CIA mit einer kostenlosen Impfkampagne in Abottabad, DNS-Material der Bewohner dieses Anwesens zu erhalten, um sicherzustellen, dass Bin Laden sich dort aufhalte. Der dazu gewonnene pakistanische Arzt Shakil Afridi leitete die Impfaktion im März 2011 ein. Eine von ihm angestellte Krankenschwester soll Zugang zu Bin Ladens Anwesen erhalten haben; ob sie DNS-Material erhielt, ist unbekannt. Pakistans Sicherheitsbehörden nahmen den Arzt nach Bin Ladens Tötung fest.[15] Er gab den USA dem damaligen CIA-Chef Leon Panetta zufolge „äußerst hilfreiche Informationen“ für die Operation Neptune´s Spear.[16] Er wurde wegen dieser Zusammenarbeit mit der CIA in Pakistan angeklagt und am 23. Mai 2012 vom Verwaltungschef seines Heimatdistriktes wegen Hochverrats zu 33 Jahren Haft verurteilt.[17] Als Reaktion darauf wurden durch den Bewilligungsausschuss des US-Senats Pakistan-Finanzhilfen in einem "symbolischen Akt" um 33 Millionen US$ gekürzt. Der Senator der Demokratischen Partei Richard Durbin meinte in einer Stellungnahme "Es ist ungeheuerlich, dass Pakistan einen Mann, der uns half, Osama Bin Laden zu finden, einen Verräter nennt".[18]
Bis Februar 2011 sammelten die Fahnder der USA weitere Indizien und beobachteten das Anwesen; so fanden sie heraus, dass der Kurier mit seiner Frau das Nebengebäude, weitere Familien die oberen beiden Stockwerke des Hauptgebäudes bewohnten. Sie sahen einmal auch einen großen Mann im Innenhof spazieren gehen.[19] Dies bestärkte ihre Annahme, dass sich Bin Laden selbst in dem Anwesen versteckte. Sie begannen dann, mögliche Aktionspläne auszuarbeiten. Am 14. und 29. März sowie am 12., 19. und 28. April 2011 traf sich das National Security Council mit US-Präsident Barack Obama, um die Aktionsmöglichkeiten zu beraten.[20]
Im März autorisierte Obama zunächst einen Plan für die Bombardierung des Areals, ließ diesen aber nicht ausführen, um Bin Ladens Identifizierung sicherzustellen und das Risiko, Unbeteiligte zu töten, zu verringern.[21] Obama schloss auch einen gemeinsamen polizeilichen Zugriff mit Pakistans Sicherheitskräften aus, um nicht das Risiko einer Indiskretion und möglichen Warnung Bin Ladens durch Pakistaner einzugehen. Er entschied sich für einen heimlichen Bodenangriff ausschließlich mit US-Soldaten, der große Risiken für ihr Leben bedeutete.[22] Dabei habe, so seine nachträgliche Aussage, nur eine auf 55 % geschätzte Wahrscheinlichkeit bestanden, dass sich Bin Laden tatsächlich in dem Haus aufhalten würde.[23]
Ab März begannen etwa 40 Marinesoldaten in den USA mit einem Training für die geplante Aktion, das sie ab April auf der Bagram Air Base, Afghanistan, fortsetzten. Dort bauten sie ein Modell des gesamten Grundstücks und der Bauten auf, um den Angriff zu üben.[24]
Am 29. April ordnete Obama die Umsetzung dieses Plans für den 1. Mai an.[20] Als Gründe für den Termin gaben Beteiligte später die mondlose Nacht, die einen unbemerkten Anflug erleichtern sollte, sowie die Furcht vor dem Durchsickern des Aktionsplans an, das den Plan vereitelt und Bin Laden dauerhaft jedem Zugriff in Pakistan entzogen hätte.[19]
Das United States Joint Special Operations Command (JSOC) unter Vizeadmiral William H. McRaven leitete die Operation von Bagram aus.[25] Eine Spezialeinheit der Navy SEALs, die Red Squadron der United States Naval Special Warfare Development Group (DEVGRU, früher Team Six genannt), führte sie in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 2011 aus. Ihren Lufttransport übernahm das 160th Special Operations Aviation Regiment (Airborne).[26][27][28] Insgesamt waren 79 Soldaten und ein Diensthund beteiligt.[29] Der Hund sollte möglichen Sprengstoff und die Annäherung fremder Personen im Gebäude wittern und davor warnen.[19]
Die Einsatzkräfte wurden mit vier Hubschraubern, zwei MH-47 Chinook und zwei modifizierten MH-60 „Black Hawk“, in das Einsatzgebiet geflogen. Die Lufttemperatur war um 8,3 °C (17 °F) höher als angenommen und erschwerte die Flugbedingungen. Die MH-47 wurden auf Abruf in der Nähe von Bin Ladens Anwesen gelandet, die zwei anderen Hubschrauber flogen das Hauptgebäude an.[30] Geplant war, einen davon auf dem Hausdach zu landen, den anderen auf dem Grundstück, um dann das Hauptgebäude von oben und unten gleichzeitig zu erstürmen und so die Bewohner überraschen zu können.[19]
Ein Black Hawk geriet jedoch während des Schwebefluges in ein Wirbelringstadium und musste notlanden; dabei prallte er mit dem Heckrotor gegen eine Umfassungsmauer. Er wurde von den Einsatzkräften zurückgelassen und nach der Erstürmung der Gebäude gesprengt.[31] Anhand von Fotografien seines intakten Heckrotors erklärten Experten der Helikopterindustrie, es handele sich um einen unbekannten, nichtöffentlich umgebauten Black Hawk mit Tarnkappentechnik. Damit wird erklärt, dass der Anflug durch Pakistan gelang, ohne dass dessen Luftabwehr ihn bemerkte.[32]
Jeder der beiden MH-60 war mit etwa zwölf Mann besetzt. Diese Zugriffsteams[33] wurden mit Hilfe von Fast-Roping aus den Hubschraubern abgesetzt, sprengten Breschen in die Mauern und stürmten auf zwei Gebäude im Innenhof zu. Die Soldaten teilten sich in zwei Gruppen auf. Abu Ahmad al-Kuwaiti hielt sich im Erdgeschoss eines Nebengebäudes auf und schoss hinter einer Tür hervor auf die erste Gruppe, als diese in das Gebäude eindrang. Er soll, wie sich im Nachhinein herausstellte, der einzige Bewaffnete auf dem Anwesen gewesen sein. Im Verlauf des von ihm eröffneten Gefechts sollen die US-Soldaten ihn und seine Frau erschossen haben.[34] Nach anderen Angaben soll er seine Frau als Schutzschild benutzt haben, so dass beide erschossen wurden.[35]
Die zweite Gruppe stürmte das Hauptgebäude. Im Treppenhaus erschossen die Soldaten Kuwaitis Bruder, der die Hand verdächtig hinter dem Rücken gehalten haben soll, sich aber als unbewaffnet herausstellte.[36] Auch ein Sohn Bin Ladens wurde erschossen, als er die Treppe hinunter schaute, die die Soldaten hinaufstürmten.[35] Nach anderen Berichten befand sich der Sohn mit Bin Laden in dessen Schlafzimmer und wurde dort mit ihm erschossen.[37]
Bin Laden soll sich zusammen mit seiner jüngsten Ehefrau und einer Tochter in einem Raum im zweiten Stock befunden haben. Nach ersten Angaben des Präsidentenberaters John O. Brennan soll er sich an einem von seinen Begleitern eröffneten Feuergefecht beteiligt und seine Frau als Schutzschild benutzt haben; dabei sei sie mit ihm erschossen worden. CIA-Direktor Leon Panetta gab an, Bin Laden habe bedrohliche Bewegungen gemacht und sei deshalb erschossen worden.[35] Laut Panetta waren Bargeld im Wert von 500 Euro sowie zwei Telefonnummern in Bin Ladens Kleidung eingenäht: Demnach sei er auf eine Flucht vorbereitet gewesen.[38]
Einige dieser Angaben korrigierte Weißes-Haus-Sprecher Jay Carney am 2. Mai: Bin Laden sei unbewaffnet gewesen, die getötete Frau sei nicht seine Ehefrau gewesen, diese sei nur verletzt worden. Bin Laden sei durch je einen Schuss in die Brust und den Kopf getötet worden. Ob und wie er Widerstand geleistet haben soll, ließ Carney offen.[39] Nach Aussage eines ungenannten Regierungssprechers soll die Frau Bin Ladens Namen gerufen und sich zwischen ihm und den Soldaten postiert haben, bevor sie verletzt und er erschossen wurde.[40] Nach am 4. Mai 2011 veröffentlichten Aussagen einzelner Beteiligter soll Bin Laden mit einem Gewehr und einer Pistole in Armreichweite angetroffen und erschossen worden sein, nachdem er kein Anzeichen gezeigt habe, sich ergeben zu wollen.[41] Nach am 17. Mai veröffentlichten Angaben von offiziellen Beobachtern der Aktion hätten drei US-Soldaten Bin Laden am Ende des Flures im 2. Stock angetroffen, ihn erkannt und seien ihm in sein Schlafzimmer gefolgt. Dort hätten zwei Frauen versucht, Bin Laden zu schützen; der erste Soldat habe sie beiseite geschoben, der hinter ihm habe Bin Laden sofort erschossen. Erst als der Tote fotografiert worden sei, habe man zwei Waffen in einem Regal bei der Zimmertür gefunden.[19]
Diesen Tathergangsversionen widersprachen pakistanische Berichte vom 5. Mai 2011: Danach soll Bin Ladens zwölfjährige Tochter Safia in pakistanischen Verhören ausgesagt haben, er sei erst nach seiner Festnahme und erst beim Transport zum Hubschrauber im Erdgeschoss am Boden liegend aus nächster Distanz exekutiert worden.[42] Nach anderen Angaben des pakistanischen Geheimdienstes Inter-Services Intelligence soll sie dagegen nur gesagt haben, sie habe die Erschießung ihres Vaters aus nächster Nähe beobachtet.[35]
Keiner der beteiligten Soldaten sei verletzt worden. Obama habe im Vorfeld gemahnt, dass ihre Sicherheit Vorrang habe: Sie sollten Bin Laden keine Gelegenheit zu tödlichen Schüssen geben.[43] Nach Aussagen eines Sicherheitsberaters der US-Regierung war dem Sealteam eine gezielte Tötung befohlen worden; die Soldaten hätten keine Gefangennahme Bin Ladens beabsichtigt.[44] Dem widersprachen Regierungssprecher: Man habe zwar angenommen, dass die Aktion leicht mit Bin Ladens Tötung enden könne, diese aber nicht von vornherein angestrebt, sondern auch seine mögliche Festnahme eingeplant. Der bei derartigen Antiterroraktionen übliche Auftrag „Töten oder Fangen“ verlangt jedoch keine bestimmten Vorkehrungen für das Überleben der Zielperson.[45] Auch der ehemalige US-Marinesoldat und Buchautor Chuck Pfarrer bestritt nach Interviews mit beteiligen Navy Seals im November 2011, dass die Aktion einen Tötungsauftrag ausgeführt habe. Dafür hätte man kein Sealsteam benötigt. Dieses sei auf dem Gebäudedach gelandet. Bin Laden sei nur 90 Sekunden nach Beginn der Erstürmung wegen seines Griffs zu seiner Waffe erschossen worden.[46] Es habe keine langen Schusswechsel gegeben; insgesamt hätten die US-Soldaten nur 12 Schüsse abgegeben.[47]
Dabei töteten die US-Soldaten fünf Personen in dem Anwesen. Neben Bin Ladens Leichnam stellten sie drei AK-47-Sturmgewehre, zwei Pistolen, mehrere Handys,[48] über 100 Speichermedien wie USB Sticks, DVDs und Computerdisketten sowie zehn Computerfestplatten, fünf Computer und große Mengen von Schriftstücken im Haus sicher. Die ganze Operation auf dem Gelände dauerte 38 Minuten.[34]
Die Aktion wurde mit Helmkameras der beteiligten Soldaten über Satellit direkt in das Weiße Haus übertragen. Neben Obama beobachteten Vizepräsident Joe Biden, Außenministerin Hillary Clinton, Verteidigungsminister Robert Gates, der Vorsitzende der Joint Chiefs of Staff Admiral Michael G. Mullen und der stellvertretende Kommandeur des JSOC Brigadegeneral Marshall B. Webb den Einsatz. Entgegen ersten Meldungen empfingen sie nach der Landung der Hubschrauber etwa 23 Minuten lang keine Live-Bilder von der Erstürmung des Hauses und Tötung Bin Ladens, hörten aber den Funkruf Geronimo EKIA.[49] Darauf habe Obama gesagt: Wir haben ihn.[50]
Bin Ladens Leichnam wurde nach US-Regierungsangaben am Tatort fotografiert und dann nach Afghanistan ausgeflogen, wo eine DNS-Analyse und deren Vergleich mit DNS-Material seiner in den USA verstorbenen Schwester seine Identität bestätigt habe.[51] Dann wurde er an Bord des Flugzeugträgers USS Carl Vinson gebracht und dort laut Aussage John Brennans „in strikter Übereinstimmung mit islamischen Vorschriften und Riten“ gegen 11:00 Uhr Ortszeit an unbekannter Stelle im Arabischen Meer versenkt. Demnach wurde er zuvor gewaschen, in weiße Baumwolle gehüllt, in eine beschwerte Umhüllung gesteckt und nach Verlesung von Koran-Versen bestattet.[52]
Alarmierte pakistanische Kampfflugzeuge trafen erst nach dem Abzug der US-Soldaten in Abbottabad ein. Nach verschiedenen Aussagen pakistanischer Beamter fand die pakistanische Polizei dort am frühen Morgen des 2. Mai zwei Witwen Bin Ladens und neun bzw. 14 Kinder im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren gefesselt, einige mit leichten Verletzungen, vor und nahm sie in Gewahrsam. Drei männliche und eine weibliche Tote wurden geborgen: Dabei soll es sich um den Kurier Abu Ahmed al-Kuwaiti, dessen Frau, seinen Bruder (zugleich ein Leibwächter Bin Ladens) und Bin Ladens Sohn Ibrahim (Alter 21) handeln.[53] Spätere Berichte nannten 17 lebende und zurückgelassene Personen, darunter drei Witwen, zwei Söhne, eine Tochter und vier Enkelkinder Bin Ladens.[54] Andere berichten von 27 Personen, davon 18 Kinder und neun Frauen.[19]
Am 1. Mai 2011 gegen 22:45 Uhr Ortszeit verbreiteten US-Medien die durchgesickerte Todesnachricht. Um 23:35 Uhr hielt Obama eine angekündigte TV-Rede an die Nation und gab Bin Ladens Tötung bekannt. Diese löste besonders in den USA weithin Jubel, Erleichterung und Lob für Obama,[55] aber auch Warnungen vor Racheakten aus.[56]
Das Vorgehen der USA wurde international diskutiert und vielfach als mit dem Völkerrecht und Rechtsstaatlichkeit unvereinbare Exekution kritisiert.[57] Darauf erklärte Regierungssprecher Jay Carney am 4. Mai 2011:[58]
„Das Team war dazu ermächtigt worden, Osama bin Laden zu töten, außer wenn er anbot, sich zu ergeben. In diesem Fall war das Team gehalten, diese Aufgabe anzunehmen, falls es dies sicher tun konnte. Die Operation wurde in einer Weise ausgeführt, die ganz mit den Gesetzen des Krieges übereinstimmte. Die Operation war geplant, so dass das Team auf eine Festnahme Bin Ladens vorbereitet und dafür ausgerüstet war. Ohne Frage war diese Operation legal. Bin Laden war der Führer von Al Qaeda, der Organisation, die die Anschläge des 11. September 2001 ausführte, und Al Qaeda und Bin Laden selbst haben weiterhin Anschläge gegen die Vereinigten Staaten geplant. Wir handelten zur Selbstverteidigung der Nation. Die Operation wurde auf eine Weise ausgeführt, die mögliche zivile Opfer vermindern und gänzlich vermeiden sollte. Und ich darf ergänzen, dies wurde mit großem Risiko für Amerikaner getan.“
Auch die Seebestattung fand Kritik.[59] Buchautor Chuck Pfarrer warf der US-Regierung im November 2011 eine verfrühte Bekanntgabe der Erschießung Bin Ladens vor: Dadurch seien andere hochrangige Al-Qaida-Mitglieder gewarnt worden und hätten fliehen können.[46]
Einige der Gefangenen, deren Aussagen zur Entdeckung des Aufenthaltsortes Bin Ladens geführt hatten, waren während ihrer Haft auch Verhörmethoden wie dem Waterboarding ausgesetzt worden, die international als Folter gelten. Deshalb flammte in den USA die Debatte um diese Methoden erneut auf. So behauptete der frühere Generalstaatsanwalt Michael B. Mukasey am 6. Mai 2011, Kahlid Shaik Mohammed und Abu Faraj al-Libi hätten wegen des Waterboardings den Spitznamen des Kuriers und andere Details über ihn preisgegeben.[60] Der Anfang des Jahres als Präsidentschaftskandidat gehandelte Donald Trump behauptete am 11. Mai, ohne Folter wäre Bin Laden nicht gefasst und getötet worden.[61]
Dem widersprach John McCain, Obamas Gegenkandidat bei der US-Präsidentschaftswahl 2008, am 5. Mai und 12. Mai öffentlich: CIA-Direktor Panetta habe ihm auf Nachfrage versichert, dass nicht Khalid Mohammed, sondern ein in einem anderen Land inhaftierter, nicht gefolterter Gefangener den Namen des Kuriers zuerst erwähnt habe. Dessen Klarnamen habe keiner der Gefangenen preisgegeben, die dem Waterboarding ausgesetzt worden seien. Khalid Mohammed habe deswegen im Gegenteil falsche und irreführende Aussagen über den Kurier gemacht. Er forderte Mukasey und andere zur Korrektur ihrer Behauptungen auf. Die harten Verhörmethoden seien als Folter zu definieren und damit nach US-Gesetzen illegal und mit amerikanischer Identität unvereinbar.[62] Mukasey bekräftigte jedoch am 12. Mai, Khalid Mohammed habe den Namen des Kuriers und weitere Terrorpläne infolge von Waterboarding aufgedeckt; dieses sei sowohl effektiv als auch legal gewesen.[63]
Aus einer genauen Gegenüberstellung ihrer Aussagen folgerte ein Kommentator der Washington Post: Der entscheidende Hinweis auf Bin Ladens Aufenthaltsort sei wahrscheinlich nicht durch Folter zustande gekommen, da Mukasey nur vom Spitznamen gesprochen und diesen nicht als entscheidende Spur behauptet, sondern dies nur sprachlich nahegelegt habe.[64]
34.16930833333373.242438888889
Koordinaten: 34° 10′ 9,5″ N, 73° 14′ 32,8″ O
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