Roma ist der Oberbegriff für eine Reihe ethnisch miteinander verwandter, ursprünglich aus dem indischen Subkontinent stammender Bevölkerungsgruppen, die ab dem 14. Jahrhundert in mehreren Migrationsschüben über Vorderasien nach Nordafrika und Europa sowie in der Moderne auch nach Amerika und Australien gelangten. Roma leben als ethnisch-kulturelle Minderheit auf allen Kontinenten, in ihrer großen Mehrheit jedoch in Europa und dort vor allem in Südosteuropa und einigen mitteleuropäischen Staaten, sowie in Spanien und Frankreich.
Die in eine Vielfalt von Dialekten ausgeformte gemeinsame Sprache der Roma ist das Romani/Romanes.
Sehr viele Angehörige der Minderheit werden sowohl aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als auch aufgrund ihrer sozialen Situation marginalisiert und stehen so im Schnittpunkt zweier Formen gesellschaftlicher Ausgrenzung. In manchen europäischen Staaten sind sie über eine gesellschaftliche Randstellung hinaus noch in jüngster Zeit offener Verfolgung ausgesetzt gewesen oder noch ausgesetzt.
In einem allgemeinen Verständnis und in weitgefasster Definition bezeichnet „Roma“ (Sg. m. rom, Pl. neben roma auch rom; Sg. f. romni, Pl. romnija; rom = „Mann“ oder „Mensch“; ein von dem Romanes-Nomen abgeleitetes deutsches Adjektiv gibt es nicht) über alle Teilgruppen der Ethnie hinweg die Angehörigen der Gesamtethnie. Auf Empfehlung seiner Sprachkommission tritt der von den Vereinten Nationen anerkannte Weltdachverband, die International Roma Union (IRU), für „Roma“ (bzw. englisch auch: Romani) als Bezeichnung aller Menschen mit Roma-Herkunft ein.[1] Der erste Weltkongress der internationalen Bürgerrechtsbewegung der Roma in London 1971 legte die Bezeichnung „Roma“ als Gesamtkategorie für die unterschiedlichen Teilgruppen offiziell fest. Auch der zweite internationale Dachverband von Roma-Organisationen, der Roma National Congress (RNC), verwendet den Begriff „Roma“ als Überbegriff.[2]
Abseits dieser Grundunterscheidung bewegt sich eine Konvention, die sich innerhalb des deutschen Sprachraums in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hat.
Außerhalb des deutschen Sprachraums sind die beiden Doppelbezeichnungen, die
weitgehend unüblich.
Die Durchsetzung und Etablierung von „Roma“ bzw. der regionalen Doppelbezeichnungen im medialen, halbamtlichen und amtlichen Sprachgebrauch geht wesentlich zurück auf die Anstrengungen der seit den 1970er Jahren entstandenen Selbstorganisationen der Roma und der Bürgerrechtsbewegung für die gesellschaftliche Anerkennung und Integration der Minderheit.
Die Romanes-Eigenbezeichnungen sollen dazu beitragen, den abschätzigen mehrheitsgesellschaftlichen Blick in Frage zu stellen, wie er diskriminierend in Zigeuner Ausdruck finden würde. Sie sollen die gesellschaftliche Anerkennung und Eingliederung der Minderheit fördern.
Die von den Mitgliedstaaten des Europarates eingesetzte Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) empfahl 1998, für die verschiedenen partikularen Gruppen der Roma die Namen zu verwenden, die diese für sich selbst gebrauchen.
Historisch belegt sind „rom“ und „romni“ im deutschen Sprachraum ein erstes Mal 1726 im Waldheimer Lexikon der „rothwelschen“ und der „zigeunerischen Sprache“ eines unbekannten Verfassers mit der zutreffenden Übersetzung „Manns-Person“ und „Frau“.[7] „Sinti“ scheint jüngerer Herkunft zu sein. Es tritt erst 1787 als „Sende“ in der Sulzer Zigeunerliste auf, dann mit „Sinte heißt also dieses Volk“ ein zweites Mal 1793 in einer Darstellung preußischer „Zigeuner“. Das Wissen seines Gewährsmanns beschreibt der Verfasser als mehrere Jahrzehnte alt, es dürfte mithin aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammen. Neben Sinte und Sintessa setzt er synonym Rom und Romni für Mann/Ehemann bzw. Frau/Ehefrau.[8]
Zigeuner (zigan, zigani, zingaro u. ä.) wird ebenfalls als Sammelkategorie verwendet. Die genaue Herkunft dieser gemeineuropäischen Fremdbezeichnung ist nicht sicher. In der Regel jedoch wird als gemeinsame Wurzel das griechische Wort atsinganoi angenommen. Es ist wahrscheinlich eine korrumpierte Form von athinganoi, Name der im 9. Jahrhundert bezeugten gnostischen Sekte der Athinganen oder Athinganer, seit dem 12. oder 13. Jahrhundert aber ebenfalls im Sinne von „Zigeuner“ verwendet, und dann mit eindeutigem Bezug darauf (o toùs kaì Aìgyptíous kaì Athingánous, s. auch u. zu „Ägyptern“) bei Gregorios II. Kyprios (1283–1289 Patriarch von Konstantinopel).[9]
Der Begriff hat eine lange Geschichte als abwertende Fremdbezeichnung. Im Nationalsozialismus wurde er mit rassistischem Inhalt als Gesamtbezeichnung der Ethnie verwendet. Weil er historisch und vor allem nationalsozialistisch belastet ist, wird er von vielen Roma, so auch vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, als diffamierend abgelehnt. Anderer Ansicht ist die Sinti Allianz Deutschland, die das Wort neben Sinti auch als Eigenbezeichnung akzeptiert. Es sei unabhängig von den ihm anhängenden negativen Konnotationen an und für sich nicht diskriminierend. Nicht das Wort, sondern die Sprecherabsicht sei entscheidend. Im mehrheitsgesellschaftlichen unreflektierten Alltagsdiskurs – hier mit diffusem und nicht unbedingt ethnischem Inhalt, aber auch im wissenschaftlichen Raum – hier ethnisch-kulturell ausschließlich auf Roma im Sinne der Gesamtethnie bezogen – war das Bemühen um eine neue sprachliche Konvention nur begrenzt erfolgreich. Anders als „Neger“, „Fräulein“ oder „Lappe“ wurde „Zigeuner“ dort durch die respektierenden Eigenbezeichnungen nicht zur Gänze abgelöst.
Der unscharfe Begriff Fahrendes Volk, der heute aus einer vor allem exotisierenden Perspektive auf alle möglichen Gruppen von „Fahrenden“ angewendet wird, ist kein Synonym für „Zigeuner“ und schon gar nicht für „Roma“.
In Norddeutschland, im Schwedischen, Norwegischen und – hier weniger gebräuchlich – im Dänischen findet sich mit den Fremdbezeichnungen Tatern bzw. tattare ein sprachlicher Bezug zu „Tataren“ (→ Resandefolket). Auch in Rumänien werden sie, wenngleich selten, als „Tataren“ bezeichnet (rumänisch: tătăraşi, siebenbürgisch-sächsisch: Tatern). Ob diese Etikettierung in einem Zusammenhang mit einem tatarischen oder türkischen Vordringen nach Europa steht, ist eine spekulative Annahme.
Inzwischen historische Fremdbezeichnungen neben „Zigeuner“ sind die vormals weit verbreiteten Begriffe Heiden und Ägypter; Letzterer geht zurück auf eine mythische Herkunftserklärung, nach der die Minderheit büßend auf einer Pilgerfahrt aus „Klein-Ägypten“ nach Europa gekommen sei. Dahinter steht als realer Ansiedlungsort und Namensgeber eine für das 14. und 15. Jahrhundert nach einem Berg Gype auf der Peloponnes belegte Siedlung „klein Egypten“ von „Egyptianern genannt Heyden“ bzw. von „romiti“.[10] Sprachlich findet die Bezeichnung sich noch im Englischen als Gypsy (historisch weit weniger belastet als der Ausdruck „Zigeuner“), im Spanischen als gitano, im Französischen als gitan oder im Griechischen als gifti.
Das bevorzugte Romanes-Wort für die Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung ist gadzo (f. gadzi). Wörtlich übersetzt heißt es „Bauer“. Es steht für die Lebenswelt der Vormoderne. Ein weiterer weniger an dem Stereotyp eines klaren Gegensatzes von nicht sesshafter und sesshafter Lebenswelt orientierter und weniger abgrenzend gemeinter Begriff ist raklo (f. rakli).[11]
Die Sprache der Roma, romaňi čhib (international und im angelsächsischen Sprachraum in Übernahme des vom Ethnonym abgeleiteten Adjektivs als „Romani“, im deutschen Sprachraum abweichend als „Romanes“) ist verwandt mit dem Sanskrit und weist Gemeinsamkeiten sowohl mit zentralindischen wie auch mit nordwestindischen Sprachen auf. Nach der Genese des Grundwortschatzes und der Grammatik sowie nach der Phonologie ist Romanes eine neuindoarische (also indogermanische) Sprache. Sie hat sich seit mehr als 800 Jahren unabhängig von den indischen Sprachen entwickelt, davon seit mindestens 700 Jahren in Europa.
Zur Sprache gehören daher auch eine von den Kontaktsprachen beeinflusste Syntax und ein umfangreicher nichtindischer Wortschatz. Lexeme des mittelalterlichen Griechisch haben unter nur geringem lautlichen Wandel das Romanes bereichert, wie etwa drom (Straße), foro (Stadt), okto (acht) und andere Lehnwörter, die sich bis heute erhalten haben. Armenischen Ursprungs sind Lexeme wie grast (Pferd) oder bov (Ofen). Es gibt ossetische und andere iranische Einflüsse.
Die methodische Erfassung der Lehnwörter diente dazu, die Migrationsbewegungen der Roma zu rekonstruieren, was jedoch nur bedingt möglich ist. Immerhin hat die Linguistik inzwischen zu einer brauchbaren Einteilung der verschiedenen Dialekte des Romani gefunden. Die regionale Dialektvariante ist jeweils stark von der Umgebungssprache geprägt. Aufgrund der starken Differenzierung der Gesamtethnie in zahlreiche partikulare Subgruppen gibt es etwa 60 Dialekte. Der von den Sinti gesprochene Dialekt des Romanes ist das Sintikanes (sintengheri tschib).
Soweit das Romanes Primärsprache ist, sind die Sprecher mindestens zweisprachig: zusätzlich sprechen sie die Sprache des Landes, in dem sie sich aufhalten oder früher aufgehalten haben. Viele Roma sind drei- und mehrsprachig.
Die Verfügung über die Ausgangssprache hat sich innerhalb der ursprünglichen Sprechergemeinschaft sehr unterschiedlich entwickelt. Es gibt ein breites Spektrum des Sprachverlusts bis hin zur völligen Aufgabe des Romanes.
Bis in das 20. Jahrhundert hinein war das Romanes nichtschriftlich. In Abhängigkeit von der jeweiligen nationalen Rechtschreibnormierung wird es heute unterschiedlich geschrieben. Die linguistische Kommission der International Romani Union hat einen Vorschlag für einen internationalen Standard entwickelt. Er beruht auf der Kalderaš-Variante des Vlax, dem am weitesten verbreiteten Dialekt.
Der historische Herkunftsraum der Roma-Ethnie ist nach einer Annahme, die sich auf den sprachlichen Befund stützt, der Nordwesten des indischen Subkontinents: das Romanes ist mit zentralindischen Sprachen wie dem Sanskrit verwandt. Ein erster Hinweis auf diese Herkunft liegt mit der 1782 publizierten sprachvergleichenden Arbeit Sprache und Herkunft der Zigeuner aus Indien von Johann Christian Christoph Rüdiger vor. Bekannter wurde das Werk von Heinrich M. G. Grellmann Die Zigeuner. Ein historischer Versuch über die Lebensart und Verfassung, Sitten und Schicksale dieses Volkes in Europa nebst ihrem Ursprung (1783). Weitere historische Sprachelemente aus Kontaktsprachen erlauben Annahmen zum Migrationsweg.
In einer folklorisierenden und exotisierenden Perspektive nahmen und nehmen Betrachter aus der Mehrheitsgesellschaft die Ethnie als homogene nomadisierende „Stammesgesellschaft“ wahr. „Zigeuner“ seien insgesamt unfähig zur Anpassung an sich verändernde sozioökonomische und politische Bedingungen. Ein kollektives und unbeeinflussbares entweder genetisches oder archaisches kulturelles Erbe mache sie grundsätzlich entwicklungsunfähig und zwinge sie zur ewigen „Wanderung“. Dieser Blick geht darüber hinweg,
Im Alltagsdenken ist das polarisierende Klischee von einer „nomadisierenden Minderheit“ hier und einer „sesshaften Mehrheitsbevölkerung“ dort nach wie vor lebendig.
Das antiziganistische Stereotyp von ewig wandernden Zigeunern korrespondiert in Inhalt und Popularität mit dem antisemitischen Stereotyp vom „ewigen Juden“.
Die meisten Roma in Europa (vor allem Osteuropa und Spanien) leben seit vielen Generationen – zum Teil, wie in der Slowakei[13] oder im Burgenland[14], schon seit Jahrhunderten – sesshaft. Ein kleiner, kaum zu beziffernder Anteil[15] vor allem in West- und Mitteleuropa lebt in unterschiedlichen Mischformen der Ortsfestigkeit und der in der Regel temporären Abwesenheit von einem Bezugsdomizil; es gibt feste Wohnsitze und eine oft jahreszeitlich begrenzte Erwerbsmigration. So ergaben beispielsweise staatliche Zählungen bereits 1893 in Ungarn und in der Slowakei, dass von denjenigen Personen, die die Zähler als „Zigeuner“ einstuften, in Ungarn 89,2 % sesshaft, 7,5 % halbsesshaft und nur 3,3 % „Wanderzigeuner“ ohne längeren festen Aufenthalt,[16] in der Slowakei 92,9 % sesshaft, 5,4 % halbsesshaft und 1,7 % nichtsesshaft waren[17].
Der ohnehin minderheitliche Anteil der traditionell „Reisenden“ und die Dauer der „Reise“ nehmen weiter ab. Heute wird der Anteil der saisonweise oder dauerhaft migrierenden Roma an der weltweiten Roma-Gesamtpopulation auf maximal 5 % geschätzt,[18] was angesichts einer hohen Mobilität auch in der Umgebungsgesellschaft nicht bemerkenswert ist.
Im Rahmen der innereuropäischen Arbeitsmigration seit den 1960er Jahren kam eine große Zahl von Roma aus südosteuropäischen und südeuropäischen Staaten nach West-, Mittel- und Nordeuropa. Diese Form der Migration blieb deshalb unauffällig, weil die Roma-Migranten nicht als solche, sondern als Angehörige ihrer jeweiligen Staaten in Erscheinung traten.[19]
Im Kontext von zunehmender Arbeitslosigkeit, Armut und Krieg in den südosteuropäischen Staaten nach dem Systemumbruch migrierten seit den 1990er Jahren zahlreiche Roma-Familien als Bürgerkriegsflüchtlinge und Arbeitsmigranten nach Süd-, West-, Mittel- und Nordeuropa.
In der etwa 700-jährigen Geschichte der Roma in Europa war die Minderheit spätestens seit Beginn des 16. Jahrhunderts zahlreichen Formen von Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde eine unbekannte, jedoch sechsstellige Zahl von Roma Opfer eines Völkermords (siehe auch unter Porajmos) vergleichbar der Vernichtung der europäischen Juden (Shoah).
Auch heute noch sind Roma Diffamierung, Diskriminierung und sozialer, ökonomischer und politischer Marginalisierung ausgesetzt und in vielen Staaten eine von der Mehrheitsbevölkerung nicht erwünschte Minderheit.[20] In einigen südosteuropäischen Ländern waren Roma in den vergangenen zwei Jahrzehnten mitunter offener Verfolgung ausgesetzt. So wurden während des Kosovo-Krieges ganze Siedlungen von Roma, Aschkali und Ägyptern (diese beiden sind ebenfalls der Romaethnie zuzuordnen) von Angehörigen der albanischen Mehrheitsbevölkerung geplündert und niedergebrannt und die Bewohner vertrieben.[21] Aus Bosnien wurden im Zuge „ethnischer Säuberungen“, die alle Ethnien betrafen, die meisten Roma vertrieben. Viele fanden während des Bürgerkriegs als Opfer von Übergriffen den Tod.[22]
Bis in die jüngste Zeit hinein wird von europäischen populistischen Politikern unter Verwendung tradierter antiziganistischer Klischees und Schlagworte („Überschwemmung“, „Völkerwanderung“) die Forderung nach Ausschluss und Abschiebung von Roma erhoben. Gemeint sind in aller Regel Roma aus Osteuropa, vornehmlich aus Bulgarien und Rumänien. Weit über die Grenzen der jeweiligen Länder hinaus wurden derartige Erscheinungen im westlichen Europa aus der Schweiz, Italien, Österreich und Frankreich bekannt.[23]
Gesellschaftlicher Benachteiligung und einer erheblichen Repression bis hin zu offener Verfolgung unterliegen die osteuropäischen Roma auch in ihren Heimatländern, in denen antiziganistische Haltungen in der Mehrheitsbevölkerung weit verbreitet sind.[24]
Der die Erinnerung der Minderheit am stärksten prägende Abschnitt ihrer Geschichte, die stets auch eine Verfolgungsgeschichte war, ist die Zeit der äußersten Verfolgung, der Nationalsozialismus. Die mehrheitsgesellschaftliche Kultur der Erinnerung aber ist anders als zur Geschichte der jüdischen Minderheit oder zur Verfolgung politischer oder kirchlicher Gegner der Nationalsozialisten wenig entwickelt. Nur sehr selten widmen sich Straßenbenennungen, Denkmäler, Gedenktafeln oder andere Zeichen oder Orte der Erinnerung oder auch öffentliche Veranstaltungen dem Thema. Bekannt sind künstlerische und dokumentierende Hinweise im öffentlichen Raum aus Bad Berleburg (Nordrhein-Westfalen), Dreihausen (Hessen), Frankfurt a. M., Köln, Ravensburg, Magdeburg, Wiesbaden und Flensburg.
Es waren Initiativen der Betroffenen selbst, die nach Jahrzehnten des Schweigens über die Verbrechen und einer von den Ereignissen im Nationalsozialismus unbeeindruckt fortgeführten Diffamierungs- und Diskriminierungspraxis seit Ende der 1970er Jahren eine gewisse Veränderung zumindest im politisch-offiziellen Raum und in den Medien bewirkten. 1979 fand eine erste internationale Gedenkkundgebung von Sinti, Roma und Unterstützern aus der Mehrheitsbevölkerung im KZ Bergen-Belsen statt. Ostern 1980 führte eine Gruppe Sinti einen weltweit beachteten Hungerstreik im KZ Dachau durch.[25] Diese und folgende Aktionen zunächst kleinerer Gruppen veränderten nicht nur die mediale und die politische Perspektive auf die Minderheit, sie trugen zugleich wesentlich zur Sammlung eines großen Teils der in subethnische Gruppen und Familienverbände zersplitterten Bevölkerungsgruppe in den Landesverbänden und Mitgliedsorganisationen des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma (Heidelberg) sowie in kleineren Interessensorganisationen mit regionaler Bedeutung bei.
Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg richtete in den 1990er Jahren die einzig vorhandene Dauerausstellung zum „nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma“ ein.
1992 beschloss die Bundesregierung die Errichtung eines Mahnmals in Berlin zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, die als „Zigeuner“ verfolgt, inhaftiert und getötet wurden und im Porajmos, der Entsprechung zur Shoah, kollektiver Vernichtung anheimfielen (siehe Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma). Der israelische Künstler Dani Karavan legte einen Entwurf vor. Die Realisierung verzögerte sich jedoch jahrelang, da sich die Verbände der Betroffenen über den Inhalt des Widmungstextes zunächst nicht einig wurden. Ende 2007 hat der Bundesrat beschlossen, dass er auf der Grundlage von Vorschlägen der Verbände und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte (München/Berlin) und dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln erarbeitet und entschieden werden soll. Der symbolische Baubeginn erfolgte im Februar 2008.
Es gibt selbstorganisierte Aktivitäten, die auf die Situation der osteuropäischen Roma-Migranten aufmerksam machen sollen, ein Bleiberecht einfordern und sich dabei auf die Verfolgung von Roma im Nationalsozialismus beziehen. So protestierten 1989 Roma mit einer Besetzung auf dem Gelände des früheren Konzentrationslager Neuengamme, in dem auch Roma inhaftiert waren, gegen die Ausweisung von Asylsuchenden. 1993 gab es einen „Marsch“ südwestdeutscher Roma nach Baden-Baden und zur KZ-Gedenkstätte Dachau. Diese und andere bleiberechtliche Aktivitäten wurden jeweils von der Hamburger Rom und Cinti Union angeleitet und begleitet.[26]
Roma stellen in keinem Land der Welt die Bevölkerungsmehrheit. Die größten Gemeinschaften leben in Europa, vor allem in Südosteuropa, Ostmitteleuropa, Südwesteuropa und Russland, sowie außerhalb davon: in den USA, Brasilien und der Türkei.
In Deutschland leben nach übereinstimmenden Angaben sowohl der staatlichen Verwaltung als auch des Zentralrats ungefähr 70.000 Angehörige der Minderheit mit deutscher Staatsbürgerschaft als Nachfahren der historischen Zuwanderer der letzten 600 Jahre.[27]
Es gibt aber auch die Schätzung der renommierten Fachwissenschaftlerin Katrin Reemtsma, die 1998 von „etwa 40-60.000 Sinti und Roma mit deutscher Staatsangehörigkeit" sprach. Die "Anzahl an ehemaligen Arbeitsmigranten in der dritten Generation in Deutschland und Flüchtlinge[n] mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht aus dem ehemaligen Jugoslawien“ setzte sie ebenso hoch wie die der lange Eingesessenen an, also ebenfalls auf zwischen 40.000 und 50.000.[28] Daneben gibt es aus dem Umfeld des Zentralrats 2011 wiederum die Angabe von 80.000 bis 120.000 "Sinti und Roma" - in der Zentralratsdefinition also lange eingesessene deutsche Staatsbürger - sowie unter Verweis auf eine Uno-Schätzung von 2006 50.000 davon zu unterscheidende als "Flüchtlinge und so genannte Arbeitsmigranten" bezeichnete Roma.[29]
Abweichend vom oben genannten Sonderfall einer ausnahmsweise übereinstimmenden Angabe zwischen Staat und Selbstorganisation ist allgemein festzustellen, dass staatliche Verwaltungen zu niedrigen Angaben tendieren, während Roma-Organisationen zu hohen Angaben neigen. Es handelt sich jeweils um "politische Zahlen". Staatliche Zählungen sind durchweg nicht zuverlässiger als die Angaben von Selbstorganisationen oder von NGOs,[30]
Aufgrund der unterschiedlichen Ansätze und der besonderen Bedingungen demografischer Erhebungen zu Roma und angesichts der in aller Regel großen Differenzen nach Zeitpunkt und nach amtlicher oder nichtamtlicher Trägerschaft in den Ergebnissen sind Zahlen zu Bevölkerungsanteilen der Minderheit meist ohne ernsthafte Aussagekraft. Zwei Beispiele:
Für die weltweite Zahl der Roma ergibt sich daher, dass sie nicht seriös beziffert werden kann. Die existierenden Schätzungen veranschaulichen das Problem. Sie reichen von zwei bis zwölf Millionen.[34] Zuverlässige Angaben zum Bevölkerungsanteil - sei es regional, sei es europaweit oder universal - sind somit ebenfalls in aller Regel unmöglich.
Der mehrheitliche internationale Zusammenschluss der Roma ist die International Romani Union (IRU) als Dachverband regionaler und nationaler Interessenvertretungen. Sie wurde 1978 auf dem zweiten World Romani Congress (WRC) in Genf gegründet.[35]
Seit 1979 ist sie als nichtstaatliche Organisation (NGO) Mitglied im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen und hat beratenden Status in der UNESCO. Seit 1986 ist sie Mitglied von UNICEF. Eine zweite internationale Vereinigung ist der Roma National Congress (RNC).[37] Ehrenpräsident der IRU war in der Gründungsphase der bekannte Schauspieler Yul Brynner. Er spielte in den 1970er Jahren eine aktive Rolle bei den Bestrebungen der Roma, sich international zusammenzuschließen und internationale Anerkennung zu finden.[35]
Für Europa gibt es seit 2005 das European Roma and Travellers Forum (ERTF), dessen Sprecher beide Zusammenschlüsse repräsentieren. Es ist durch ein Partnerschaftsabkommen mit dem Europarat verbunden. Es setzt sich nicht nur für Roma, sondern zugleich für Nichtromagruppen wie Pavee oder Jenische in ähnlichen sozialen, ökonomischen und bildungsmäßigen Problemlagen ein.
1972 wurde in Heidelberg der Sinto Anton Lehmann von einem Polizisten erschossen, es kam zu einer Demonstration zahlreicher Sinti, und es konstituierte sich daraufhin der Verband deutscher Sinti. 1982 schlossen dessen Landesverbände und unabhängige Ortsverbände sich zum Dachverband Zentralrat deutscher Sinti und Roma zusammen, dessen Sitz Heidelberg ist. Er ist die staatlich anerkannte Spitzenvertretung der Roma deutscher Staatsbürgerschaft und wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Jugend, Frauen und Familie finanziert. Seine Landesverbände werden als Projekte der Landesministerien gefördert. Der langjährige Vorsitzender des Zentralrats, der deutsche Sinto Romani Rose, war einer der führenden Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung der 1970er und 1980er Jahre.
Anders als der Zentralrat organisieren die Rom und Cinti Union (Hamburg) und die Roma-Union-Frankfurt auch in den letzten Jahrzehnten in die Bundesrepublik migrierte Roma und vertreten deren bleibe- und asylrechtliche Interessen. Rudko Kawczynski, staatenloser Hamburger Rom und bekannter Vertreter der Rom und Cinti Union, gehörte zu den führenden Köpfen der Bürgerrechtsbewegung, wie sie im norddeutschen Raum durch öffentliche Aktivitäten hervortrat. Kleinere Selbstorganisationen mit regionaler Bedeutung und ohne Herkunft aus der sozialen und Bürgerrechtsbewegung sind die Sinti Allianz Deutschland (Köln), die vor allem im Internet aktiv ist, oder die Roma Union Grenzland (Aachen). Wichtige gemeinsam von Roma und von Menschen aus der Mehrheitsbevölkerung getragene Zusammenschlüsse mit sozialpolitischem und sozialarbeiterischem Schwerpunkt, die sich unter Einschluss von Arbeitsmigranten und Flüchtlingen allen Romagruppen zuwenden, sind regional der Rom e.V. (Köln) und der Förderverein Roma (Frankfurt a. M.).[38] Als Interessenvertreterin der als Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland zugewanderten Roma versteht sich auch das Centre of Integration, Affirmation and Emanzipation of the Roma in Germany – Roma-Union e.V. (Essen).
Seit Ende der 1990er Jahre sind vier nationale Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland anerkannt, nachdem die Bundesrepublik 1997 das Rahmenübereinkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten und 1998 die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen ratifizierte: Dänen, Friesen, Sorben und „die deutschen Sinti und Roma“. Der Schutz als nationale Minderheit erstreckt sich demnach nur auf Roma deutscher Staatsangehörigkeit. Er ist zudem nach dem Abstammungsprinzip eingeschränkt auf die „Alteingesessenen“,[39] schließt also die Roma deutscher Staatsangehörigkeit mit familiärer Herkunft aus Südosteuropa oder Spanien nicht ein.
In der Republik Österreich ist seit 1993 neben den „Volksgruppen“ der Burgenlandkroaten, Slowaken, Slowenen, Ungarn und Tschechen die Minderheit der österreichischen Roma anerkannt. Romanes gilt dort als Minderheitensprache im Sinne der Europäischen Charta der Minderheitensprachen.
Im Jahre 2010 erregte die Situation der Roma in Frankreich europaweit Aufsehen, weil die französische Regierung südosteuropäische Roma aus EU-Staaten im Land nicht duldete und auswies.
In den südosteuropäischen Ländern lebt die große Mehrheit der europäischen Roma-Bevölkerung. In der sozialistischen Phase eröffneten sich für Roma eine Reihe von individuellen Möglichkeiten der Qualifizierung und des sozialen Aufstiegs. Es entwickelten sich „Roma-Eliten mit hoher Qualifikation, wie sie in Westeuropa nicht zu finden sind.“[40] Inzwischen hat sich die Lebenssituation der südosteuropäischen Roma durch die politischen und sozioökonomischen Auflösungs- und Neuformierungsprozesse der 1990er Jahre und durch die damit einhergehenden durch Ethnisierung und neue Nationalismen ausgelösten Konflikte und Verdrängungen entscheidend verschlechtert.
Allgemein hatten die Rekapitalisierung der landwirtschaftlichen und der industriellen Produktion, die Massenentlassungen und die Entstehung eines unregulierten Arbeitsmarktes eine hohe Arbeitslosigkeit und allgemeine Verarmung und Verelendung der Roma zur Folge. Die Entlassungen auf dem Land und in den kleineren Orten bewirkten eine erhöhte Landflucht in die bereits ohnehin übervölkerten und schlecht ausgestatteten Romaquartiere („Mahala“) der großen Städte. Die südosteuropäischen Mahala haben Ghetto-Charakter. So werden z. B. die Schulen der bulgarischen Romaviertel als „heute in höchstem Maße vernachlässigt“ beschrieben. Der Analphabetismus unter jungen Roma nehme rapide zu.[41] Die aus der produktiven Sphäre Ausgeschlossenen versuchen ihrer Verelendung vor allem mit kombinierten Noterwerbsweisen zu entrinnen: kleiner Handel, Sammeln und Aufarbeiten von Resten, Gelegenheitstätigkeiten, kleine Delinquenz. Damit einher gehen die typischen sozialen Konsequenzen solcher Prozesse, wie drastisch sinkende Bildungschancen und stark erhöhte Kriminalitäts-, Alkolholismus- und Drogenrisiken.
Im ehemaligen Jugoslawien (heute Serbien) gab es eine relative Integration der Roma und damit vergleichsweise gute Bildungschancen. Viele Roma konnten höhere Schulabschlüsse und mancher einen Hochschulabschluss erwerben. Inzwischen ist die Minderheit auf den vorsozialistischen Stand der Bildungsdiskriminierung zurückgefallen. Im Zuge des staatlichen Zerfalls und der damit aufbrechenden ethnisch und nationalistisch inspirierten bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen richteten sich massive Aggressionen auch gegen die jeweilige Romabevölkerung. Sie war kollektiven Angriffen durch Angehörige der Mehrheitsbevölkerung, Zerstörungen und Plünderungen ihrer Wohnstätten mit dem Ziel ihrer Vertreibung ausgesetzt. Ein Beispiel ist die 1999 von albanischen Nationalisten geplünderte und niedergebrannte Romska Mahala von Mitrovica (Kosovo), die von 5.000 Roma, Ashkali und Ägyptern („RAE“) bewohnt wurde.[42] Viele südosteuropäische Roma flüchteten vor diesem Hintergrund nach West- und Mitteleuropa oder auch nach Nordamerika.[43]
Die kulturellen Überlieferungen, die kulturelle Vergangenheit und Gegenwart der europäischen Roma weisen überaus gewichtige regionale Unterschiede auf, und „auch der Blick der Gadje auf die Sinti und Roma ist jeweils ein anderer, was u. a. eng mit deren Anteil an der jeweiligen Gesamtgesellschaft und mit der An- oder Abwesenheit weiterer kultureller Minderheiten zusammenhängt.“[44] Der mehrheitsgesellschaftliche Einfluss auf die Entwicklung der Minderheitskultur brachte insofern historisch und regional unterschiedliche Ergebnisse hervor. Dennoch lassen sich einige Gemeinsamkeiten feststellen, wobei die Frage offen bleiben muss, inwieweit sie einem gemeinsamen ethnischen „Erbe“ oder aber ähnlichen oder gemeinsamen strukturellen Bedingungen geschuldet sind.
Der Zusammenhalt der Roma-Gemeinschaft wird traditionell durch verwandtschaftliche Beziehungen gestiftet.[45] Wichtigste Organisationsform und Basis des Gesamtsystems ist die Großfamilie. Bei den Kalderasch heißt sie tséra (‚Zelt‘), bei anderen osteuropäischen Roma satra. Mehrere satra bilden bei den Kalderasch einen familiären Großverband (njamuri, bei anderen Gruppen: niamo). Mehrere Familienverbände der Kalderasch ergeben eine vitsa. Die Größe einer vitsa kann sehr unterschiedlich sein. Sie kann von zehn bis zu mehreren hundert satra reichen. Sie erweitert sich durch Heiraten zwischen den Teilverbänden. Die nächsthöhere Ebene ist die natia oder rasa, die jeweilige Roma-Subethnie in ihrer Gesamtheit, also der Kalderasch, der Manusch oder der Lowara. Bei den letzten wiederum lassen sich z. B. nur die drei Ebenen der Großfamilie, der tséra und der rasa unterscheiden, wobei im Inhalt die tséra sich mit der vitsa deckt.
Der vitsa steht ein Ältester vor, der nach Ansehen, Autorität und Kompetenz gewählt wird, entweder auf eine bestimmte Zeit oder auch lebenslang. Er trägt einen Titel mit in Südosteuropa verwendeten Begriffen: baro (‚Großer‘), sero (‚Haupt‘, ‚Fürst‘), kraljo (‚Fürst‘), grofo usw. Er leitet den Altenrat mit dem er gemeinsam oder auch alleine alle wichtigen, die Gruppe betreffenden Beschlüsse, fasst. Nach südosteuropäischen Traditionen hebt er sich durch äußere Merkmale und Symbole wie einen Bart, einen besonders geschmückten Anzug und ein silbernes Zepter hervor. In manchen Großverbänden hat eine ältere, besonders lebenserfahrene Frau als puri daj (‚Großmutter‘) eine führende Rolle.
Die ökonomische Einheit ist die kumpania als offener, lockerer Zusammenschluss gemeinsam wirtschaftender Angehöriger mehrerer Familienverbände. Sie reagiert flexibel auf die jeweils gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, ihre Zusammensetzung ist also einer fortwährenden Veränderung unterworfen. Gleichzeitig verlangt sie uneingeschränkte Kooperation und die Einhaltung der gruppeninternen Regelungen, deren Missachtung vom traditionellen Gericht der Roma, der kris, geahndet werden kann. Jede kumpania beansprucht einen geografisch oder ökonomisch gegen andere kumpania abgegrenzten Raum.[46]
Die südosteuropäischen Roma gliedern sich in eine größere Zahl von Teilgruppen mit jeweils unterschiedlichen Traditionen und Dialekten, zu denen – inzwischen weitgehend historische – berufliche Spezialisierungen gehören, die oft namengebend waren, wie
In der kris, einem Schiedsgericht, klären Roma auch heute noch Streitigkeiten innerhalb einer Gruppe. Die „(Recht)sprecher“ werden dafür von Fall zu Fall von den Kontrahenten einvernehmlich bestimmt. In der Regel sind das drei bis fünf Personen, die sich in der Vergangenheit durch kluge Urteile einen Namen gemacht haben. Auch Ehen werden durch eine kris bestätigt. Einberufen kann sie jeder, der einen Konflikt mit einem anderen auszutragen hat. Verstöße können im äußersten Fall mit dem sozialen Ausschluss sanktioniert werden.[47]
Traditionelle Roma legen Wert auf zahlreiche interne Regeln des sozialen Lebens, der Hygiene wie der „Reinheit“ in einer übertragenen Bedeutung.[48] Die Unterscheidung zwischen rein ([sch]uscho) und unrein (mahrime) ist von herausragender Bedeutung, von ebenso großer Bedeutung wie die (und eng verknüpft mit der) Unterscheidung zwischen Leben und Tod. Frauen unterliegen eigenen Reinheitsvorstellungen. Menstruation und Geburt gelten als unrein mit der Folge besonderer Umgangsweisen. Es handelt sich hier nicht um eine exotische Eigenart der Romakultur, denn in der christlichen Kultur,[49] in islamischen und orthodox-jüdischen Kulturen finden sich ganz ähnliche Vorstellungen. Wer aus diesem oder anderen Gründen für unrein erklärt wird, darf mit seinen Leuten keine Tischgemeinschaft haben und weder essen noch trinken. Es existiert eine Fülle von Einzelregelungen zur Meidung „unreiner“ Bedeutungsträger. Sinti vertreten ein besonders ausführliches Meidungssystem und Regeln strikter Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsbevölkerung. Dazu gehört das Verbot, Nicht-Roma (gadsche) über den Dialekt der Gruppe, die sintengheri tschib (auch einfach: mari tschib = unsere Sprache) zu informieren. Das kann bedeuten, dass man es vorzieht, als „Zigeuner“ statt als Sinto bezeichnet zu werden. Alle medizinischen und Pflegeberufe, die mit Krankheit und Tod in Berührung kommen, ferner alle Berufe, die mit Tierfleisch und -blut zu tun haben, gelten traditionellen Sinti als unrein.
Spuren aus verschiedenen Perioden des indischen und altpersischen religiösen Lebens scheinen sich bis heute im religiösen Verständnis und in der Glaubenspraxis der Roma vorzufinden.
Die Religionszugehörigkeit von Roma korrespondiert in hohem Maße mit der umgebenden Mehrheitsreligion. So sind die meisten Lowara-Roma katholisch und leben in katholisch geprägten Ländern wie Österreich und Ungarn. Die deutschen Sinti sind traditionell in katholischen wie in protestantischen Regionen meist römisch-katholisch. In Osteuropa gibt es orthodoxe Kalderasch und Gurbet in Mazedonien und Serbien sowie die muslimischen Arlije in Mazedonien, Albanien und der Türkei. In Bulgarien sind 39,2 Prozent der Roma Muslime.[50] Die meisten dieser muslimischen Roma bevorzugen die Sprache ihrer türkischen Glaubensbrüder und sind ein wichtiger Faktor des Islam in Bulgarien. Bei den bulgarischen Roma sind zudem starke synkretistische Tendenzen zu beobachten, d. h. es kommt zur Vermischung von christlichen und muslimischen Glaubenspraktiken.[51]
Seit einigen Jahrzehnten missionieren auch freikirchliche christliche Gruppen, vor allem die Pfingstbewegung, erfolgreich bei den Roma.
Die katholischen Roma haben als Schutzpatronin die Schwarze Sara. Einmal im Jahr findet in Saintes-Maries-de-la-Mer (Frankreich) ein großes Treffen der Romafamilien zu Ehren der Schutzpatronin statt. Dieses Ereignis ist als „Zigeunerwallfahrt“ bekannt und eine Touristenattraktion.
Musik spielt im Alltag der Roma häufig eine große Rolle, musikalische Darbietungen nehmen bei Festen in der Regel eine zentrale Stellung ein. Sie ist also nicht eine Beschäftigung nur für einige Musikenthusiasten, sondern tief in der Kultur verwurzelt und Teil der Alltagskultur. Weil die Musik stets auch dem Broterwerb diente, nahm sie immer schon Elemente aus den umgebenden Mehrheitskulturen auf. Es entwickelten sich als regionale Varianten der Roma-Musik sehr unterschiedliche Stile und Instrumentierungen.
Das Lied Djelem, djelem wurde zur Nationalhymne aller Roma erklärt.
In Spanien, vor allem in Andalusien, haben die Kalé (Gitanos) den Flamenco stark geprägt. International außerordentlich bekannt wurde Manitas de Plata.
Als Jazz-Musiker erlangte der französische Sinto Django Reinhardt internationalen Rang. Eine große Zahl von Sinti-Musikern sah und sieht sich in dessen Nachfolge.
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