Rudolf Alexander Schröder (* 26. Januar 1878 in Bremen; † 22. August 1962 in Bad Wiessee) war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Dichter, evangelischer Kirchenlieddichter sowie Architekt und Maler.
Schröder wurde in Bremen als Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren. Er besuchte das Alte Gymnasium. Schon in der Schulzeit entwickelte er literarische Neigungen. Nach dem Abitur zog er nach München um, ohne dort jedoch zu studieren, wie er ursprünglich beabsichtigt hatte. Der begabte Autodidakt wandte sich vielmehr der Dichtung, Bildenden Kunst und Musik zu. Zusammen mit seinem Vetter Alfred Walter Heymel und in Verbindung mit dem Redakteur Otto Julius Bierbaum gründete er die Zeitschrift Die Insel, aus der bald der Insel-Verlag erwachsen sollte. 1901 schied Schröder aus der Insel-Redaktion aus.
Seit 1909 arbeitete Schröder – nach Aufenthalten (bei dem Ehepaar Julius Meier-Graefe) in Paris und in Berlin – als Architekt in Bremen und widmete sich vor allem Interieurs. Er hatte in München schon z. B. die Redaktionsräume der Insel gestaltet und in Bremen Häuser entworfen. 1922 gestaltete er die Inneneinrichtung des Bremer Landhauses, das der Architekt Heinz Stoffregen als Messepavillon der Hansestadt für die Deutsche Gewerbeschau München entworfen hatte.[1] Zu seinen bekanntesten späteren Arbeiten gehörte ein Teil der Innenausstattung des 1929 in Dienst gestellten Ozeandampfers Bremen. 1913 gründete er mit Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt u. a. die Bremer Presse.
Während des Ersten Weltkrieges war Schröder Zensor im deutschen Generalkommando in Brüssel, dabei lernte er die flämische Lyrik kennen, die er später auch übersetzte. 1931 gab er die Arbeit als Architekt auf, um sich ganz auf die Schriftstellerei (Schwerpunkte: Lyrik, Übersetzung und Essay) zu konzentrieren und daraus seinen Lebensunterhalt zu gewinnen. Ende 1935 verließ Schröder Bremen und siedelte sich im oberbayerischen Bergen (Chiemgau) an, wo er bis zum Tode 1962 lebte. Den Umzug zu Beginn des Dritten Reichs verstand er als Schritt in die Innere Emigration. Gleichzeitig trat er den Kreisen der Bekennenden Kirche bei und wurde 1942 in Rosenheim zum Lektor (d.h. Laienprediger) berufen. Er leistete einen bedeutenden Beitrag zur Erneuerung des evangelischen Kirchenliedes im 20. Jahrhundert.
Lese- und Vortragsreisen führten ihn in viele Regionen Deutschlands. In der NS-Zeit beschränkte er sich hauptsächlich auf Veranstaltungen in kirchlichen Räumen, traf allerdings auch mit Hans Grimm und weiteren nationalkonservativen Autoren auf den „Lippoldsberger Dichtertreffen“ zusammen. Er arbeitete an Zeitschriften und Sammelwerken mit, die sich gegenüber dem Nationalsozialismus distanziert verhielten (Die neue Rundschau, Frankfurter Zeitung u.a.) und wurde einer der namhaftesten Mitarbeiter des Eckart-Verlags Berlin und seiner Zeitschrift Eckart. Der Herausgeber Kurt Ihlenfeld rief die Eckart-Kreise ins Leben, die ihre Aufgabe in Begegnungen von Theologie und Literatur, Glaube und Dichtung sah. Eine Buchreihe des Verlags mit vorwiegend protestantischen und literarischen Themen nannte sich auch „Der Eckart-Kreis“. Neben evangelischen Christen wie Martin Beheim-Schwarzbach, Hermann Claudius, Albrecht Goes, Jochen Klepper, Willy Kramp, Albrecht Schaeffer, Siegbert Stehmann, Otto von Taube und August Winnig zählten Katholiken wie Werner Bergengruen, Reinhold Schneider und Joseph Wittig zum Eckart-Kreis. Schröder schloss sich der „Bekennenden Kirche“ an und hielt als Laienprediger der evangelisch-lutherischen Kirche Bayerns Gottesdienste. Von 1946 bis 1950 leitete er von Bergen aus die Bremer Kunsthalle und wurde danach zum Ehrenvorsitzenden des Kunstvereins gewählt. Seine Vaterstadt Bremen wählte ihn zum Ehrenbürger und nannte ihren Literaturpreis nach ihm. Von 1953 bis 1958 war er Vorsitzender der Jury für den Literaturpreis der Stadt Bremen.
2010 ist in Bremen die Frage aufgekommen, ob die Stadt ihren renommiertesten Literaturpreis weiterhin mit einem Mann verbinden sollte, „dessen Verhältnis zum ‚Dritten Reich‘ von seinen wohlwollendsten Kritikern als ‚ambivalent‘ eingestuft wird“ (Kai Artinger). So nahm er 1938, ungeachtet seiner inneren Emigration, „als erster die vom Senat verliehene Plakette für Kunst und Wissenschaft vom damaligen Bürgermeister, SA-Gruppenführer Böhmcker“, entgegen, wie Quellen aus dem Bremer Staatsarchiv belegen.[2] Schröder selbst verstand die Ehrung jedoch als Auszeichnung seiner Vaterstadt und lehnte einen damit verbundenen politischen Anspruch auf seine Person ab, wie die Dankesrede zeigt und sein Leben und Schaffen unter den Bedingungen der Diktatur erweist. Als politisch unbelastet wurde ihm 1946 die Leitung der Bremer Kunsthalle übertragen (bis 1950).
Für Schröders Leben bestimmend wurden Freundschaften mit Alfred Walter Heymel, Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Borchardt sowie Begegnungen mit Rainer Maria Rilke, Gerhart Hauptmann und anderen Schriftstellern der Zeit. Er pflegte auch Kontakte zu Stefan George, ohne zum Anhänger des George-Kreises zu werden. Theodor W. Adorno lud ihn 1961 zu einer Poetik-Vorlesung an der Frankfurter Goethe-Universität ein.
Dem unverheirateten Schröder führte seine Schwester Dora den Haushalt. Sie war auch als seine Sekretärin tätig. Der vierfache Ehrendoktor (München, Tübingen, Frankfurt am Main, Rom) starb 1962 in Bad Wiessee nach kurzem Aufenthalt in der dortigen Klinik und wurde im Bremer Familiengrab auf dem Riensberger Friedhof beigesetzt.
Die frühe Lyrik Schröders stand im Zeichen eines Skeptizismus und romantisierenden Ästhetizismus; dabei bediente er sich vor allem klassischer Formen wie Oden und Sonetten. Für Münchener Kabarettbühnen schrieb er „Brettlgedichte“.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfasste er im Herbst 1914 national-konservative Gedichte in einem zum Teil weihevoll stilisierten Patriotismus, zum Beispiel in dem Gedicht Deutscher Schwur (1914): „Heilig Vaterland, in Gefahren, deine Söhne stehn, dich zu wahren. ...“[3]
Mitte der 1930er Jahre gewann Peter Suhrkamp, der Schröders literarische Bedeutung und seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus erkannte, ihn als Autor des S. Fischer Verlags. Schröder verließ den Insel-Verlag, mit dessen Verleger Anton Kippenberg er freundschaftlich verbunden blieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg optierte er wie Brecht, Hesse und andere S.-Fischer-Autoren für Suhrkamps neuen Verlag. Peter Suhrkamp verwirklichte zwei Schröder-Gesamtausgaben (1939 ff., unvollständig; 1952 ff.).
Das Erlebnis des Krieges verwandelte Schröders Einstellung. Patriotische Töne verstummten. Das humanistische Erbe der Klassik und eine protestantisch-biblische Religiosität bestimmten immer stärker sein Schaffen. Er wurde dadurch zu einem wichtigen Erneuerer des evangelischen Kirchenliedes im 20. Jahrhundert. Einige seiner Lieder wurden in Kirchengesangbücher aufgenommen (Wir glauben Gott im höchsten Thron; Abend ward, bald kommt die Nacht; Es mag sein, dass alles fällt u.a.).
Auch Schröders Rang als bedeutenden Übersetzer wuchs. Er übersetzte die Ilias und Odyssee Homers, Werke von Vergil, Horaz, Corneille, Racine, Molière, T. S. Eliot, Shakespeare und veröffentlichte Nachdichtungen niederländisch-flämischer Lyrik. Er übertrug auch altkirchliche (gregorianische) Hymnen im Alpirsbacher Antiphonale, dessen Neubearbeitung Friedrich Buchholz ab 1946 für die Kirchliche Arbeit Alpirsbach betrieb.
1950 schrieb Schröder die von Hermann Reutter vertonte Hymne an Deutschland, die nach dem Wunsch von Bundespräsident Theodor Heuss Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland werden sollte, sich aber gegen die von Bundeskanzler Konrad Adenauer bevorzugte dritte Strophe des Deutschlandliedes nicht durchsetzte. Schriftsteller und Intellektuelle schlugen ihn Ende der 1950er Jahre mit Unterstützung der Nobelpreisträger Thomas Stearne Eliot und Albert Schweitzer „als großen Europäer“ für den Nobelpreis vor.
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