Ruth Barcan Marcus (* 2. August 1921, New York[1]; † 19. Februar 2012, New Haven[2]) war eine US-amerikanische Philosophin und Logikerin.
Sie gilt als eine der Begründerinnen der quantifizierten Modallogik (modale Prädikatenlogik) und der Theorie der starren Designation ('direct reference') und hat zahlreiche einschlägige Aufsätze über Identität, logischen Essentialismus, possibilia, Überzeugungen, zur Logik von Pflichtenkollisionen und einige historische Studien verfasst. Nach ihr ist die Barcan-Formel benannt, die sie selbst zuerst formulierte.
Ruth Barcan wuchs als jüngste von drei Schwestern in einem sozialdemokratisch geprägten[3] Haushalt in der New Yorker Bronx auf.[1]
Nach der Highschool entschied sich Ruth Barcan für das Washington Square College der New York University, wo sie Mathematik, Physik, Klassische Literatur, Geschichte und Philosophie belegte. Zu ihren Einflüssen dort zählte insbesondere der Pragmatist Sidney Hook. Entgegen dem Gewicht, das dieser auf die Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften legte, beschäftigte sich Ruth Barcan vor allem mit ideengeschichtlichen Aspekten der Philosophie. Förderung erfuhr Ruth Barcan durch den Mathematiker und Pionier der Spieltheorie John Charles Chenoweth McKinsey, der ihr Interesse auf die logischen Grundlagen der Mathematik und die Modallogik lenkte.[4]
Nach dem Erwerb des B.A. in Mathematik und Philosophie im Jahr 1941 wechselte Ruth Barcan zur Yale University, um sich weiter mit Modallogik zu beschäftigen. Dort studierte sie u. a. bei Ernst Cassirer und Frederic Brenton Fitch. Hier begann Ruth Barcan sich ausführlich mit der Philosophie von Bertrand Russell auseinander zu setzen, insbesondere mit dem logischen System der Principia Mathematica und seiner Bedeutungstheorie. Barcan Marcus selbst bezeichnete Russells Arbeiten als bedeutendsten philosophischen Einfluss auf ihr Werk.[4]
Nach dem Erwerb des Master-Abschlusses im Jahr 1942 wurde Promotionsstudentin bei Fitch, ausgehend von den den modallogische Kalkülen von Clarence Irving Lewis entwickelte sie eine modale Prädikatenlogik. Teile ihrer unveröffentlichten Dissertation erschienen vorab im Journal of Symbolic Logic[5] und wurden dort von Willard Van Orman Quine besprochen[6] Insbesondere ihre Beweis der Notwendigkeit der Identitätsrelation in modalen Kalkülen brach dabei mit der herrschenden Lehrmeinung. Ihre Dissertation wurde 1946 an der Yale angenommen.[4]
Im Jahr 1942 heiratete Ruth Barcan den Physiker Jules Alexander Marcus, den sie an der Yale kennengelernt hatte.[1]. Ein Stipendium der American Association of University Women erlaubte Barcan Marcus, ihre Studien gemeinsam mit ihren Mann an der University of Chicago fortzusetzen, wo sie bei Rudolf Carnap studierte. 1948 erhielt ihr Ehemann einen Ruf an die Northwestern University, sie konnte ihn nur als "Visiting Professor" begleiten. 1952 erhielt sie eine Guggenheim Fellowship.[4] In den Jahren folgenden Jahren brachte Barcan Marcus vier Kinder zur Welt, James 1948, Peter 1949, Katherine 1952, und Elizabeth 1957. Seit 1959 war sie als Lehrbeauftragte an der Roosevelt University tätig.[1]
In den frühen 60ern entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit mit David Kaplan, 1962 besuchte sie ein Seminar bei Arthur Norman Prior an der University of Chicago.[4]
Ein Diskussionsband[7] und die Teilnahme an einem daran anschließenden Kolloquium an der Harvard University in Boston und erlaubten es Barcan Marcus ihre Standpunkte gegen Quine zu verteidigen, dessen negative Kritiken bis dahin eine weitere Entwicklung der modalen Prädikatenlogik gebremst hatte. Der eigentliche Gründungsakt der modalen Prädikatenlogik erfolgte durch das Colloquium on Modal Theories and Many Valued Logic im August 1962, an derm Barcan Marcus ebenfalls teilnahm.[8] Im Jahr 1963 wurde Ruth Barcan Marcus Fellow der National Science Foundation.[4]
Mit der Gründung der University of Illinois at Chicago wurde Barcan Marcus 1964 zum Professor of philosophy and founding department chair ernannt.[4] Sie war maßgeblich am Aufbau des Instituts beteiligt.[1] 1970 wechselte Ruth Barcan Marcus an die Northwestern, sie folgte allerdings schon 1973 einem Ruf auf die Reuben Post Halleck Professur an der Yale University, die sie bis ihrer Emeritierung 1992 innehatte. Die Ehe mit Jules Marcus wurde 1976 geschieden.[1] In ihrer Zeit aktiven Zeit in Yale nahm sie jedoch auch zahlreiche Gastprofessuren wahr: 1978-79 am Stanford Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences (1979), als Fellow am Humanities Institute der University of Edinburgh Fellow 1983, zwei Trimester 1985 und 1968 am Wolfson College der Oxford University und als Vistiting Fallow am Clare Hall Colledge der Cambridge University 1988.[4] Nach ihrer Emeritierung verblieb sie als Senior Research Scholar an der Yale, sie nahm jedoch auch regelmäßig im Winter eine Gastprofessur an der University of California, Irvine wahr.[1]
1961 bis 1976 hatte Ruth Barcan Marcus diverse Ämter und Funktionen in Gebietsabteilungen der American Philosophical Association (APA) inne, deren Vorsitzende sie auch zeitweise war, 1976-83 gehörte sie dem Board of Officers der nationalen Dachorganisation an. 1980-83 war sie Vizepräsidentin, 1983-86 Präsidentin der Association for Symbolic Logic[4]
Ruth Barcan Marcus war seit 1986 Permanent Member of the Common Room, Clare Hall, Cambridge. 1973 und 1990 war sie Gaststipendiatin der Rockefeller Foundation in Bellagio am Comer See [1] Im Jahr 1973 wurde sie in das Institut International de Philosophie kooptiert, dessen Vorsitzende sie 1989-92 war, anschließend verlieh man ihr einen Ehrenvorsitz. 1986 hielt sie einen Gastvortrag am Collège de France.[4]
Der Doctor of Humane Letters, honoris causa der University of Illinois at Chicago wurde ihr 1995 verliehen, im Jahr 2000 die Wilbur Cross Medal der Yale University. Im Mai 2008 richtete die Lauener Foundation ein Internationales Symposion zur Analytischen Philosophie zu ihren Ehren in Bern aus und verlieh ihr den Lauener Prize in Analytic Philosophy, benannt nach Henri Lauener.[4]
2007 erhielt Barcan Marcus den Quinn Prize der American Philosophical Association für ihre Verdienste um den Berufsverband.
Ruth Barcan Marcus früheste Veröffentlichungen stellen die erste axiomatische Formulierung einer modalen Prädikatenlogik dar.[9] Diese frühen Arbeiten stellten eine Erweiterung der modalen aussagenlogischen Systeme von Clarence Irving Lewis dar und markieren einen Meilenstein in der Entwicklung der formalen Logik im 20. Jahrhundert.
In der Philosophie der Logik vertritt sie eine Lesart, nach der der Gegenstandsbereich einer Interpretationsfunktion die Gegenstände der wirklichen Welt umfasst. Sie hat auch eine Alternative zur üblichen modelltheoretischen Semantik (Alfred Tarski) für bestimmte Anwendungen der Logik vorgeschlagen, falls "die Wahrheitsbedingungen der quantifizierten Terme ausschließlich in Form von Wahrheitsbedingungen ohne Inanspruchnahme einer Belegung [der Logischen Terme] angegeben werden können."[10] Barcan Marcus ist der Nachweis gelungen, dass eine solche, auch als Wahrheitswert-Semantik (truth value semantics) oder Substitutionssemantik (substitutional semantics) bezeichnete Theorie nicht zu Widersprüchen führt. Während eine solche Semantik insbesondere für eine formalistische Theorie der Mathematik relevant ist, setzt nach Barcan Marcus ein korrektes Verständnis von ontologischen Begriffen wie (numerischer) Identität notwendig eine objektbezogene Semantik und eine Belegungsfunktion voraus. Barcan Marcus vertritt zugleich einen modalen Aktualismus, nach dem bloß mögliche Objekte (sogenannte possibilia, mögliche, aber nicht wirkliche Gegenstände) keine logisch sinnvollen Entitäten sind – eine direkte Folge davon, dass sie die Belegungsfuktionen auf Individuen aus der aktuellen Welt einschränkt.[11]
In formalen Systemen, die Barcan Marcus vorschlägt, gilt daher die Notwendigkeit der Identität.[12] Ihre Interpretation der Identität, die in Zusammenhang mit ihrer Theorie der Eigennamen und der Barcan-Formel beruht, löste eine unabgeschlossene Debatte aus. Siehe zur Barcan-Formel auch Modallogik#Quantoren.
Darüber hinaus hat Barcan Marcus gegen die Ansicht von Willard Van Orman Quine argumentiert, dass modale Systeme notwendig einen aristotelischen Essentialismus implizieren. Ihr gelang eine Definition essentialistischer Eigenschaften im Rahmen formaler Systeme, von der sie zeigen konnte, dass sie in bestimmten Interpretationen der Moralischen Systeme die Ansprüche einer essentialistischen Theorie nicht erfüllen. Dieser Beweis wurde späte von Terence Parsons formalisiert.[13]
In der Sprachphilosophie vertrat Barcan Marcus eine Theorie der starren Designation, derzufolge Eigennamen lediglich Etiketten (tags) sind, die sich unmittelbar auf ihren Träger beziehen (direct reference).[14] Die Bedeutung von Eigennamen soll sich in dieser referentiellen Funktion völlig erschöpfen, und nicht etwa von einer Intension des Namens abhängig sein. Damit widersprach Barcan Marcus den herrschenden Theorien, der Kennzeichnungstheorie von Bertrand Russell und der Bündeltheorie von John Searle. Diese Position, die Barcan Marcus schon 1962 in Rahmen eines Quine-Kolloquiums vorstellte, weist deutliche Ähnlichkeiten zur Bedeutungstheorie von Saul Kripke auf, die dieser wenige Jahre später in Name und Notwendigkeit vorstellte.[15] Es ist jedoch keineswegs auszuschließen, dass Kripke, der im selben Problemfeld arbeitete, unabhängig von Barcan Marcus zu seiner Ansicht kam.[16]
Barcan Marcus entwickelte eine modale Theorie zur Erklärung der Pflichtenkollision. Ihrzufolge ist eine Menge moralisch präskriptiver Sätze als konsistent anzusehen, wenn es eine mögliche Welt gibt, in der sie alle zugleich befolgt werden können. Damit ist verträglich, dass es in der aktualen Welt einen Konflikt zwischen Geboten aus diese Menge gibt – eine Pflichtenkollision.[17] Somit wären Systeme moralischer Regeln nicht notwendigerweise inkonsistent, nur weil konkret eine Pflichtenkollision vorliegt. Dieser Ansicht wurden große Widerstände entgegengebracht.[4]
Barcan weist den spachzentrierten Ansatz zur Erklärung von Überzeugungen, wie er sich etwa bei Donald Davidson findet, zurück. Nach der klassischen Definition von Wissen ist dies gerechtfertigte wahre Meinung (justified true belief). Barcan Marcus zu Folge ist es falsch, einem Erkenntnissubjekt eine gerechtfertigte Meinung zuzuschreiben, deren Inhalt etwas unmögliches (z.B. eine widersprüchliche Aussage) darstellt. Ein epistemisches Subjekt, dass eine Überzeugung besessen hat, deren Gehalt sich im Nachhinein als falsch herausstellt, kann nicht sinnvoll sagen, dass es diese Überzeugung als gerechtfertigte Meinung besessen habe, sondern dass es sich diese selbst fälschlich als gerechtfertigte Überzeugung zugeschrieben habe.[4][18]
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