Die Selbstbeobachtung, auch Introspektion genannt, bezeichnet die Betrachtung, Beschreibung und Analyse des eigenen Erlebens und Verhaltens durch nach innen gerichtete Beobachtung. Sie ist zusammen mit der Selbstwahrnehmung für die eigene Bewusstseinsbildung und das Selbstbewusstsein unentbehrlich und stellt daher nicht nur in der Meditation, sondern auch bei psychotherapeutischen Verfahren und in der Philosophie einen wichtigen Begriff dar.
Da unter Beobachtung die planmäßige, zielgerichtete und aufmerksame Wahrnehmung von Vorgängen oder Gegenständen (bzw. Objekten) verstanden wird, erscheint die ‚Selbstbeobachtung‘ zunächst als Widerspruch in sich. Selbst und Objekt (bzw. Subjekt und Objekt) sind schließlich in sich gegensätzlich bzw. stellen einen notwendigen Unterschied in der Perspektive der Beobachtung oder der Wahrnehmung dar. Andererseits sind beide Seiten dieses Wahrnehmungsprozesses notwendig miteinander verbunden und aufeinander bezogen. Dem Problem dieses logischen Widerspruchs einerseits und des inneren Beziehungsverhältnisses andererseits kann die Selbstbeobachtung zwar nicht entkommen, kann sich dabei jedoch gewisser Kunstgriffe bedienen. Diese erfordern eine Überwindung der sog. Subjekt-Objekt-Spaltung, die sich selbst phänomenverändernd auswirken kann. Dieser Schwierigkeit einer Spaltung kann durch den Versuch eines Oszillierens zwischen beiden Haltungen der Subjektivität und Objektivität begegnet werden, was methodisch zwar stets zu unsicheren, aber doch mehr oder weniger wahrscheinlichen und einleuchtenden Ergebnissen führt.[1][2]
Selbstbeobachtung ist die allgemeine Bezeichnung für jede Aktivität, die auf innere Erfahrung gerichtet ist, Selbstwahrnehmung ist die spezielle Bezeichnung für Erfahrungen hinsichtlich der besonderen Qualitäten der eigenen Person, der Persönlichkeit oder des Selbst.
Selbstbeobachtung ist ein Mittel, um Selbsterkenntnis zu gewinnen und somit uralte Forderung der Philosophie („Erkenne Dich selbst“). Um gesicherte Erkenntnisse für eine Wissenschaft innerer Erfahrungen – der Psychologie – zu liefern, war die Methode der Selbstbeobachtung bereits seitens der skeptischen Philosophie in der Antike (Sophistik, Pyrrhon von Elis, Sextus Empiricus) erheblichen Zweifeln ausgesetzt.[3] Noch Kant stellte fest, dass
Selbstbeobachtung ist das Gegenstück der Empathie. Empathie kann jedoch auf Selbstbeobachtung aufbauen. Dies sei anhand eines Beispiels wie folgt verdeutlicht:
Am 15.Oktober 1897 schrieb Sigmund Freud an seinen Freund Fließ:
Empathie und Introspektion werden als die „stolzesten Errungenschaften“ der Psychoanalyse angesehen.[6] Der Behaviorismus stellt diese Entwicklung erneut infrage - ähnlich wie bereits zuvor die antike skeptische Philosophie.
Die Problematik wissenschaftlicher Zuverlässigkeit der Beobachtung und erst recht der Selbstbeobachtung ist wie bereits angedeutet Gegenstand erkenntnistheoretischer Auseinandersetzungen. Umstritten ist hier stets der Weg zur Theorie- und Bedeutungsfindung. Goethe hat dies auf eine kurze Formel gebracht, die natürlich auch auf die Methode der Selbstbeobachtung anwendbar ist:
Die französische Sprache zeigt diesen Zusammenhang in der Gegenüberstellung von signe - signification, was mit sinnlich wahrnehmbarem Phänomen und dessen Bedeutung übersetzbar wäre.[8]
Kritik an der Methode der Selbstbeobachtung ist somit identisch mit der an der eher subjektivierenden Methode der Verstehenden Psychologie (Wilhelm Dilthey), Psychoanalyse (Sigmund Freud), an der existentiell-phänomenologisch orientierten psychologischen Anthropologie (Ronald D. Laing und Hubertus Tellenbach) einerseits, aber auch an der Experimentellen Psychologie andererseits, die Selbstbeobachtung in einer eher interaktiv-verobjektivierenden Art und Weise zur Methode ihrer Wahl erhob.
Die Verstärkung des geisteswissenschaftlichen Ansatzes in der Psychologie seit 1920, noch mehr seit 1945 führt Klaus Dörner darauf zurück, dass man der Naturwissenschaft die destruktive Seite der Dialektik der Aufklärung anlastete. Die Psychologie der Selbstbeobachtung stellt sich in diesem Licht natürlich als Ausdruck der Romantik dar.[9] Auch Mario Erdheim sieht die Entwicklung der Psychoanalyse in diesem zeitgeschichtlichen Zusammenhang, speziell in dem der Wiener Décadence.[5] Zeitgeschichtlich verständlich erscheint daher auch, dass Dilthey die Erkenntnisquelle der Autobiographie im Sinne der Verstehenden Psychologie durchaus positiv betont. Dennoch erscheint das naturwissenschaftlich geprägte Weltbild in erster Linie dafür verantwortlich, dass Begriffe wie Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis um 1970 in Deutschland nicht zu den fachlichen Grundbegriffen der akademischen Psychologie gezählt wurden und in gängigen psychologischen Wörterbüchern als Stichwort überhaupt fehlten. Nur die tiefenpsychologischen Schulen bestehen weiter auf einer Lehranalyse.[10]
Dass jede Selbstbeobachtung auch die Möglichkeit der Selbsttäuschung in sich einschließt, ist auch klinisch tätigen Allgemeinärzten, Psychiatern und Psychologen bekannt. „Vermehrte Selbstbeobachtung“ gilt daher als umschreibender Ausdruck für Hypochondrie und Überbewertung von Krankheitssymptomen (Aggravation).[11]
Der Wissenschaftler kann weder die Validität, noch die Reliabilität der Selbstbeobachtung beurteilen, wobei eine gewisse Standardisierung und damit eine Erfüllung der Gütekriterien, z. B. der Validität, der Reliabilität oder der Objektivität, durch eine Normierung der Induktions- sowie Registrier-, bzw. Protokollierungsmittel erreicht würde.
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