Stillleben bezeichnet in der Geschichte der europäischen Kunsttradition die Darstellung toter bzw. regloser Gegenstände (Blumen, Früchte, tote Tiere, Gläser, Instrumente o.a.).[1] Deren Auswahl und Gruppierung erfolgte nach inhaltlichen (oft symbolischen) und ästhetischen Aspekten. Zu einer eigenständigen Gattung der Malerei entwickelten sich diese Darstellungen am Anfang des 17. Jahrhunderts im Barock. Es wird unterschieden nach den dargestellten Gegenständen; es ergeben sich so die Unterarten Blumen-, Bücher-, Fisch-, Früchte-, Frühstücks-, Jagd-, Küchen-, Markt-, Musikinstrumente-, Vanitas- oder Waffenstillleben. Die Übergänge zu den Bildgattungen Interieur, Tierstück oder Genre sind zuweilen fließend.[2][3][4]
Bei der Betrachtung des Stilllebens und seiner Entwicklung muss unterschieden werden zwischen einem weiteren und einem engeren Gattungsbegriff.[5] Als Stillleben im weiteren Sinne gelten alle Darstellungen von Objektkompositionen und stilllebenartigen Arrangements – besonders zeitlich vor der Etablierung der Stilllebenmalerei als eigene Gattung der Malerei im 17. Jahrhundert.[6] Stillleben im weiteren Sinn gab es höchstwahrscheinlich zu allen Zeiten und bei allen Kulturen. Hierzu zählen sowohl die Malereien auf Seide und Porzellan aus China und Japan als auch die dekorativen Mosaike und Wandfresken der Antike.[5]
Der Begriff stil leven (niederl.: stil = unbewegt und leven = Dasein) für ein Gemälde ist zum ersten Mal um 1650 in einem holländischen Inventar zu finden. Davor und auch noch danach bestimmten die wesentlichen Bildgegenstände die Bezeichnung eines Gemäldes (z. B. 1614 Een koocken en fruytbort, 1624 Een bancket schilderytgen, 1631 Een dootshooft, 1669 Een biertje met een toebackje, 1691 Een oesterbanketje met een roemer u. ä.).[7]Arnold Houbraken übernahm Anfang des 18. Jahrhunderts die Bezeichnung stilleven für derartige Gemälde in seinem Werk über die Kunst De groote schouburgh der Nederlantsche konstschilders en schilderessen (1718-1721).[2][8]Joachim von Sandrart prägte 1675 in dem ersten großen Quellenwerk der deutschen Kunstgeschichtsschreibung Teutschen Academie der edlen Bau-, Bild- und Malereykünste den Begriff stillstehende Sachen. Das Wort Stillleben, in Anlehnung an den niederländischen Begriff, erscheint in der deutschen Sprache aber erst Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine französische Bezeichnung wie nature morte od. vie coye wurde vielleicht in den theoretischen Diskussionen der französischen Akademie im 17. Jahrhundert geprägt, ist aber ebenfalls erst für die Mitte (bzw. Ende) des 18. Jahrhunderts belegt – ebenso der englische Ausdruck still life. Im frühen 19. Jahrhundert hatte sich der Begriff Stillleben als Bezeichnung der Gattung in den verschiedenen Übersetzungen (stilleven, nature morte, natura morta, still life usw.) etabliert.[2][3][8]
Die bekannteste Anekdote über antike Stilllebenmalerei ist wohl jene über den Künstlerwettstreit zwischen Zeuxis und Parrhasios, die von Plinius überliefert wurde. Demnach malte Zeuxis anlässlich des Wettstreits ein Ensemble von Trauben so täuschend echt, dass die Vögel nach diesen pickten. Seines Sieges gewiss, sollte nun Parrhasios sein verhangenes Bild enthüllen. Zur Beschämung des Zeuxis war jedoch auch der Vorhang gemalt. Des Weiteren berichtet Plinius über einen antiken Künstler, der liegengelassene Essensabfälle als Fußbodenmosaik nachbildete, der sogen. Ungefegte Raum, was zahlreiche römische Fußbodenmosaiken als Thema übernahmen.[9]
Um stilllebenartige Kunstwerke der Antike im engeren Sinne handelt es sich bei den (zunächst griechischen) Xenien. Dies sind Abbildungen von Lebensmitteln in Anlehnung an den Brauch des Gastgeschenks. Diese Abbildungen lösten sich aber bald aus diesem Zusammenhang und erhielten eine dekorative und repräsentative Funktion.[9][10] Derartige Malereien und Mosaike mit Darstellungen von Esswaren, Blumen, Geschirr, gedeckten Tischen, Silbergeräten oder Schreibgeräten – auch in Kombination mit lebenden Tieren – in antiken Villen veranschaulichen den Ertrag der Domäne und somit den Reichtum des Grundbesitzers. So finden sich derartige Xenien gemäß ihrer repräsentativen Funktion im Empfangs- oder Speiseraum.[11] Bekannt ist ebenfalls, dass in der Antike neben stilllebenartigen Darstellungen an Wänden und auf Fußböden auch autonome Kunstwerke mit der Abbildung lebloser Dinge gesammelt wurden. Zu diesen leblosen Dingen zählte auch bereits in der Antike der Totenkopf als Carpe diem-Aufforderung (Vanitasgedanke).[12] Es fällt auf, dass die antike Darstellung lebloser Dinge deutliche Parallelen in der Funktion mit den Stillleben späterer Epochen aufweist.[13]
Die bildliche Darstellung lebloser Dinge ist in der Kunst des Mittelalters nur sehr sporadisch anzutreffen – allenfalls Bücherstillleben als Bestandteil von Heiligendarstellungen. Der Grund dafür ist die generelle Verneinung der Abbildung irdischer Realität. Das diesseitige Leben war im mittelalterlichen Denken nur Durchgangsstation zum eigentlichen, ewigen Leben und deshalb nicht abbildungswürdig.[14][10]
Die Sicht auf die Welt (und die Kunst) änderte sich in der Renaissance gravierend. Kurz zuvor, in der Protorenaissance, gelang italienischen Künstlern − allen voran Giotto di Bondone − die Modellierung plastischer Bildgegenstände durch Schatten und erste räumlich-perspektivische Darstellungen. Dies sind die Grundvoraussetzungen für illusionistische Malerei. Diesen neuen Tendenzen folgend, schuf der Giotto-Schüler Taddeo Gaddi in der Baroncelli Kapelle in der Kirche Santa Croce in Florenz 1328-30 zwei Scheinnischen mit Darstellungen von liturgischem Gerät. Diese Arrangements dürfen als früheste bekannte neuzeitliche Stillleben im weiteren Sinne angesehen werden.[15][10]
Die Anwendung der Perspektive in der Kunst gelangten über Südfrankreich und Burgund in die Niederlande. Hier schufen − auch von der höfischen Miniaturmalerei beeinflusst − im 15. Jahrhundert Künstler wie die Brüder Hubert und Jan van Eyck, Robert Campin und sein Schüler Rogier van der Weyden realistische Darstellung von Landschaften, Innenräumen, Pflanzen, Stoffen und Gebrauchsgegenständen. Objekte wie Wasserbecken, Kanne, liturgischen Gerät, Büchern, Blumenvasen etc. traten gruppiert als stilllebenhafte Partien in den Gemälden auf. Sie dienten der Kennzeichnung von Heiligen, Märtyrern und Aposteln.[16][5] oder dem Transport einer symbolhaften Bedeutung. Beispiele sind in den Marienbildnissen die marianischen Symbole Lilie, Akelei und Iris zusammen mit Waschgeräten als Symbol für die Reinheit Marias.[10]
In einem weiteren Entwicklungsschritt bekamen diese Objekte eigene Bildfelder. Vor allem in der Eyck-Nachfolge kurz vor und um 1500 finden sich auf den Außenseiten privater Andachtsbilder derartige Elemente. Auch diese beziehen sich auf den Inhalt des Tafelbildes und haben einen symbolischen Charakter. Ein prominentes Beispiel ist das Braque-Triptychon von Rogier van der Weyden um 1450. Das dreiflügelige Tafelbild zeigt im geöffneten Zustand im Mittelteil Jesus Christus flankiert von seiner Mutter Maria und dem jüngsten der Apostel Johannes. Die Außenflügel zeigen jeweils Johannes den Täufer und Maria Magdalena. Im geschlossenen Zustand zeigt das Triptychon auf der linken Seite einen Totenkopf und auf der rechten Seite ein in Perspektive gesetztes Kreuz mit einem Zitat aus dem Buch Jesus Sirach. Der Totenkopf ist als Verweis auf die Vergänglichkeit (Memento mori) zu sehen. Daneben existieren auch darstellungen von Blumenvasen auf den Außenseiten von Diptychen.[17][18][10]
Das früheste selbstständige Stillleben im weiteren Sinne ist jenes von Jacopo de'Barbaris.[10] Das Gemälde Stillleben mit Rebhuhn, Eisenhandschuhen und Armbrustbolze. Es handelt sich dabei nicht um ein Wandgemälde, sondern um eine stilllebenartige Darstellungen (Trompe-l’œil) mit direktem funktionalem Zusammenhang.[19][20][21] Das vom Künstler 1504 datierte Werk war vermutlich in die Wandverkleidung eines Jagdschlosses integriert. Weitere vergleichbare täuschend echt gemalte Stillleben zeigen teilweise geöffnete Schränke mit darin befindlichem Gerät − wie im Studiolo di Gubbio aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, welches sich ehemals im Palazzo Ducale in Gubbio befand und nun im Metropolitan Museum of Art in New York betrachtet werden kann.
Eine große Zahl früher Stilllebenmalerei entstand im Zuge des Forscher- und Entdeckerdrang des 15. und 16. Jahrhunderts. Die Erforschung der den Menschen umgebenden Natur wurde Darstellungszweck detailgenauer Naturstudien. Derartige Zeichnungen und Aquarelle, wie sie auch Albrecht Dürer d.J. fertigte, wurden in aufwendigen Werken über Botanik und Zoologie gesammelt und verbreitet, was ab der Mitte des 15. Jahrhunderts durch die Erfindung des Buchdrucks noch erheblich zunahm. Diese Florilegien (Blumenbücher) sind Bindeglied zwischen naturkundlicher Abbildung und Stillleben. Sie dienten als Typenvorrat und ebneten als Vorstufe den Weg für detailreiche Gemälde, die später als Blumenstück oder Blumenstillleben ihren festen Platz in der Kunst haben sollten.[22]
Neben der Sammlung verschiedener Naturstudien in speziellen Kompendien existierten isoliert gesammelte Darstellungen von leblosen Dingen in Kunst- und Wunderkammern. Sie waren physische Vertretung der dargestellten Objekte. Überhaupt stieg durch das Interesse an der Natur und deren detailgetreue Wiedergabe das Vorkommen von Blumen und Früchte in Kunstwerken – besonders in der italienischen Feston- und Girlandenmalerei. Beispiele hierfür finden sich bei Andrea Mantegna, Carlo Crivelli, Leonardo da Vinci und Giovanni da Udine.[23]
Als direkte Vorstufe des autonomen Stilllebens – im Besonderen der Mahlzeitstillleben – dürfen die seit dem 16. Jahrhundert gefertigten Markt- und Küchenstücke angesehen werden. Pieter Aertsen und sein Neffe Joachim Beuckelaer fertigten Kunstwerke für profane Gebäude (Ratshäuser und private Palais). Es sind philosophische Auslegungen der sichtbaren Welt, teilweise immer noch mit heilsgeschichlichen Szenen im Bildhintergrund − oft ein moralischer Verweis wie der auf die gute Haushalts- und Lebensführung durch die Szene von Christus im Haus von Maria und Martha.[24] Die Gemälde der Aertsen-Werkstatt spiegeln die zeitgenössische Ambivalenz zwischen der Freude an Reichtum und Wohlstand wider.[25] Ein entsprechendes Beispiel ist Aertsens Gemälde von 1552 im Kunsthistorischen Museum in Wien. Es zeigt im Vordergrund ein Stillleben bestehend aus mehreren Objekten − darunter eine besonders großes Stück Fleisch und die moralisierende Szene von Christus bei Maria und Martha im Hintergrund.
Einen auf das Jahr genauen Entstehungszeitpunkt gibt es nicht – auch kein eindeutiges Entstehungsland. Zu viele Stillleben sind verloren gegangen, besitzen keine eindeutige Datierung bzw. Signatur oder sind möglicherweise nicht bewusst als autonomes Werk geschaffen worden.[26] Sicher ist, dass das Stillleben sich in Europa am Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts als eigenständige Gattung zu formieren begann − ebenso wie die „reine“ Landschaftsmalerei.[27] Gemälde, in denen die Darstellung von leblosen Objekten ausschließlich das Bildthema bestimmt, traten zuerst um 1600 in den Niederlanden, Deutschland, Spanien und Italien auf. Aus den Niederlanden kennt die Kunstgeschichte die frühesten Vanitas- und Mahlzeitstillleben und aus Italien die frühesten bekannten Früchtestillleben.[28]
Die Emanzipation des Stilllebens als autonome Gattung ist ein Nebeneinander verschiedener historischer und kunsthistorischer Entwicklungen und Errungenschaften − also nicht lediglich eine Geschichte der Verselbstständigung einzelner Motive aus der Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts. Sybille Ebert-Schifferer sieht vor allem den Ersatz der menschlichen Figur durch ein Objekt als Träger einer inhaltlichen Botschaft als Voraussetzung des autonomen Stilllebens. So war um 1600 der ideale Zeitpunkt für das Zusammentreffen von zwei wesentlichen Faktoren. Auf der einen Seite hatten die Künstler die technischen und kognitiven Fähigkeiten zur naturgetreuen Wiedergabe und auf der anderen Seite besaßen die Rezipienten die Fähigkeit zur intellektuellen Kombinatorik und Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Malerei als künstlerisches Phänomen.[29] Hinzu kommt die Auflösung der Gilden, wodurch ein Kunstmarkt entstand, der diese Spezialisierungen erst möglich machte.[30]
Giovanni Ambrogio FiginoTeller mit Pfirsichen, 1591-94, Öl auf Holz, 21 x 30 cm, Privatbesitz
Michelangelo Merisi da CaravaggioFrüchtekorb, 1593/94 (?), Öl auf Leinwand, 31 x 47 cm, Pinacoteca Ambrosiana, Mailand
Juan Sánchez CotánStillleben mit Quitte, Kohl, Melone und Gurke, um 1602, Öl auf Leinwand, 69 84,5 cm, San Diego Museum of Art, San Diego
Jacques de Gheyn II.Vanitas, 1603, Öl auf Holz, 82,5 x 54 cm, Metropolitan Museum of Art, New York
Im Zeitalter des Barock (etwa 1600–1770) erfuhr das Stillleben in Europa − im Besonderen in Holland und Flandern − seine reichste Ausprägung. In den verschiedenen Städten entstanden zahlreiche Unterarten der Stilllebenmalerei. In der Universitätsstadt Leiden malten Künstler wie David Bailly und die Brüder Steenwijck das Bücher- und Vanitasstillleben. In Antwerpen und Haarlem wurde das Mahlzeitstillleben von Künstlern wie Clara Peeters, Osias Beert, Floris van Dyck, Pieter Claesz. und Willem Claesz. Heda gepflegt. Den Haag war durch Künstler wie Abraham van Beijeren für das Fischstillleben bekannt. Utrecht war ein Zentrum der Blumen- und Früchtestillleben. Ein Hauptvertreter dieser Stilllebenart war Jan Davidsz. de Heem. Das Waldstillleben ist eine Sonderform des Blumenstilllebens und wurde durch die Gemälde von Otto Marseus van Schrieck bekannt. In Amsterdam widmeten sich Künstler wie Jan Jansz. Treck und Jan Jansz. van de Velde mit Vorliebe dem Raucherstillleben.[31] Im deutschsprachigen Raum schufen Maler wie Georg Flegel, Isaak Soreau und Peter Binoit Stillleben unter dem starken Einfluss der Niederländer.[32]
Anliegen der Maler war es, einerseits Objekte der Natur und des alltäglichen Lebens in ihrer Schönheit zu erfassen und wiederzugeben und andererseits auch eine verschlüsselte Botschaft, einen gedanklichen Inhalt, zu vermitteln.[33] Die Verschlüsselung bestimmter (moralischer) Botschaften durch Symbole verblasste um die Mitte des 17. Jahrhunderts und ordnete sich einem primär dekorativen und repräsentativen Selbstzweck unter.[34] Diese Gemälde des späten 17. und 18. Jahrhunderts, die auch Prunkstillleben genannt werden, stehen am Ende der Entwicklung des barocken Stilllebens. Das Prunkstillleben wurde, angeregt durch die Kunst des Frans Snyders, in Amsterdam von Künstlern wie Abraham van Beijeren, Jan Davidsz. de Heem und Willem Kalf gemalt.[35] Das Stillleben hatte während seiner Blütezeit im 17. Jahrhundert mit der perfekten Täuschung der Wahrnehmung, kulminierend im Trompe-l’œil auch seinen mimetischen Höhepunkt.
Mit der künstlerischen Produktion und der Achtung, die dem Kunstwerk entgegengebracht wurde, stieg auch das Selbstverständnis des Künstlers. Einige Maler von Stillleben waren im Zuge dieser Entwicklung hochbezahlte Hofmaler, andere wiederum mussten sich stets ihren Platz auf dem freien Kunstmarkt erkämpfen. Bei vielen Künstlern in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts reichte das Künstlerhandwerk nicht zur Sicherung des Lebensunterhalts, so dass sie einem weiteren Beruf nachgehen mussten. Der Verkauf der Gemälde, wenn sie nicht für einen speziellen Auftraggeber gefertigt wurden, erfolgte über Händler, Jahrmärkte, Buchhandlungen und direkt aus dem Atelier heraus.[36]
BlumenstilllebenAmbrosius Bosschaert d.Ä.Blumenvase in einer Fensternische, um 1620, Öl auf Holz, 64 x 46 cm, Mauritshuis, Den Haag
WaldstilllebenOtto Marseus van SchrieckWaldstillleben mit Schlange und Eidechse, 1656, Öl auf Leinwand, 102,3 × 75,8 cm, Mauritshuis, Den Haag
MahlzeitstilllebenWillem Claesz. HedaStillleben mit Brombeerpastete, 1631, Öl auf Holz, 54 x 82 cm, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
RaucherstilllebenGeorg FlegelRaucherstillleben in einer Nische, ca. 1630, Historisches Museum Frankfurt
Vanitasstillleben Harmen SteenwijckVanitasstilleben, ca. 1640, Öl auf Holz, 39,2 x 50,7 cm, National Gallery London
Trompe-l’œilSamuel van Hoogstraten 1664, Öl auf Leinwand, 46 x 58 cm, Dordrechts Museum, Dordrecht
PrunkstilllebenAbraham van Beijeren 1640–80, Öl auf Leinwand, 126 x 106 cm, Rijksmuseum Amsterdam
Im 18. Jahrhundert kam es zu einem Qualitätsverlust des Genres. Eine Ausnahme war der französische Maler Jean Siméon Chardin, der von 1699 bis 1779 lebte. Er war ein Maler der Aufklärung, der Jean-Jacques Rousseaus Forderung retour à la nature (dt. Zurück zur Natur) entsprach, worin sich die Abkehr von der Scheinhaftigkeit und Vordergründigkeit der höfischen Lebensweise hin zu einer schlichten Natürlichkeit verdeutlichte. Chardin öffnete den Blick für ein Leben jenseits der aristokratischen Leichtlebigkeit und der frivolen Spielerei. An die Stelle des barocken Prunkstilllebens mit seiner symbolischen Bedeutung setzte Chardin das bürgerliche Gerät des Alltags. Die Farbigkeit seiner streng aufgebauten Werke und sein aufgelöster Farbauftrag wurden von den Impressionisten als vorbildlich angesehen.
Im 19. Jahrhundert kam das Stillleben wieder sehr in Mode, in Frankreich besonders durch Jean Baptiste Robie, Antoine Vollon und Philippe Rousseau, in Deutschland durch Johann Wilhelm Preyer und seine Tochter Emilie (beide Düsseldorfer Malerschule), die Berliner Charles Hoguet, Paul Meyerheim, Hertel, Theude und Renée Grönland, Friedrich Heimerdinger (Hamburg), namentlich aber auch durch die Malerinnen Luise Begas-Parmentier, Hermione von Preuschen, Margarethe Hormuth-Kallmorgen und Elise Hedinger.
Im späten 19. und dem 20. Jahrhundert haben u. a. Paul Cézanne, Georges Braque, Juan Gris, Max Beckmann, Giorgio Morandi, Georgia O'Keeffe, Horst Janssen und Eberhard Schlotter dieses Genre aufgegriffen.
Die Hauptvertreter der niederländischen Stilllebenmalerei sind: Jan Brueghel der Ältere, Osias Beert, Clara Peeters, Floris van Dyck, Nicolaes Gillis, David Bailly, Frans Snyders, Jan Davidsz. de Heem, Abraham van Beyeren, Willem Kalf, Pieter Claesz, Willem Claesz Heda, Willem van Aelst, Balthasar van der Ast, Jan Fyt, Rachel Ruysch, Jan van Huysum.
Daneben ist für die französische Stilllebenmalerei dieser Zeit Sebastian Stoskopff (1597–1657) zu nennen. Für seine Arbeiten ist die Reduktion auf wenige Objekte wie Becher, Pokale, Gläser kennzeichnend. In Frankfurt/Hanau gab es eine Stillleben-Szene, die durch ausgewanderte Niederländer wie Lucas van Valckenborch begründet wurde. Ihr gehörten, neben Stoskopff, Maler wie sein Lehrer Daniel Soreau, dessen Söhne und Schüler Isaak und Peter, Peter Binoit, Franz Godin und Georg Flegel an. Im Gegensatz zur Stilllebenmalerei in Holland und Flandern blieben sowohl die Familie Soreau, als auch größtenteils Binoit ihren Motiven treu und wichen nicht auf „barocke“ Motive aus.[37]
Fotografische Stillleben werden meist mit ihrem englischen Namen „still-life photography“ bezeichnet. Darunter versteht man die Aufnahme von Gegenständen. Neben den künstlerischen Still-Life Aufnahmen gibt es als eigene Gruppe rein technische Sach- oder Produktaufnahmen, wie man sie häufig in der so genannten „angewandten Fotografie“ (z. B. Werbung) antrifft. Fotografische Stillleben wurden u. a. durch John Blakemore, Imogen Cunningham, Robert Mapplethorpe, Tina Modotti und viele andere geschaffen.
Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Stillleben aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und ist unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike verfügbar. Zusätzliche Bedingungen können anwendbar sein. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar. |