Der Krieg in Afghanistan seit 2001 ist die jüngste Phase des seit 1978 andauernden afghanischen Konflikts, die mit der US-geführten Intervention im Herbst 2001 eingeleitet wurde. Die Regierung der Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten verfolgten dabei das Ziel, die seit 1996 herrschende Taliban-Regierung zu stürzen und die Terrororganisation al-Qaida zu bekämpfen. Letztere wurden für die Terroranschläge am 11. September 2001 verantwortlich gemacht. Dazu gingen die USA in Afghanistan ein Bündnis mit der Anti-Taliban-Allianz der Vereinigten Front ein, deren Truppen am 7. Oktober 2001 mit US-Luftunterstützung die Stellungen der Taliban angriffen. Diese Phase des Krieges endete mit der Eroberung der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001 durch die Vereinigte Front. Es folgte die Einsetzung einer Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai auf der parallel stattfindenden ersten Petersberger Afghanistan-Konferenz. Zum Schutz dieser Regierung und zur Unterstützung des Wiederaufbaus wurde durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen im Dezember 2001 eine von NATO-Staaten und mehreren Partnerländern gestellte Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (International Security Assistance Force, ISAF) mandatiert. Die afghanische Zentralregierung ist seit 2003 zunehmend Angriffen durch häufig als „Neo-Taliban“ bezeichnete Guerilla-Gruppen ausgesetzt. Um deren Vormarsch zu bremsen, wurde das Engagement von ISAF schrittweise erheblich ausgeweitet. Mit der Zeit wurde auch klar, dass in den Aufbau afghanischer staatlicher Strukturen mehr investiert werden musste (s.a.: Geschichte Afghanistans (seit 2001)), um letztlich den Krieg beenden zu können.
Im Februar 2010 betrieben die NATO und die Afghanische Nationalarmee in Afghanistan etwa 700 Militärstützpunkte.[1]
Nach dem Sieg der Mudschahidin über die Sowjetarmee folgte ein innerafghanischer Krieg mit Involvierung verschiedener Regionalmächte. Dieser war durch den Rückzug der beiden Supermächte und das Desinteresse weiter Teile der internationalen Gemeinschaft an der Lage in Afghanistan geprägt. Die vakante Stelle nahmen die Regionalmächte, in besonderem Maße Pakistan, aber auch der Iran, Saudi-Arabien und Usbekistan, ein. Pakistans Zusammenarbeit mit dem Milizenführer Gulbuddin Hekmatyār war einer der Hauptgründe für die militärische Eskalation in der Hauptstadt Kabul im Jahr 1992.
Nach dem Ende der sowjetisch-gestützten Regierung hatte der Peshawar Accord, auf den sich die Mudschahidin-Parteien geeinigt hatten, den Islamischen Staat Afghanistan errichtet und eine Übergangsregierung ernannt. In der Folge wandte sich jedoch die Miliz Hizb-i Islāmi von Gulbuddin Hekmatyār gegen den neu gegründeten Staat und startete mit pakistanischer Unterstützung eine Bombenkampagne gegen die Hauptstadt Kabul. Dies geschah, obwohl Hekmatyār wiederholt das Amt des Ministerpräsidenten angeboten worden war. Hekmatyār wurde von Pakistan bewaffnet, finanziert und angeleitet.[2] Afghanistan-Experte und Universitätsprofessor Amin Saikal kommt in Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival zu dem Schluss:
„Pakistan hatte es auf einen Durchbruch in Zentralasien abgesehen. […] Islamabad wusste, dass die neu ernannten islamischen Regierungsmitglieder [in Afghanistan] […] nicht ihre eigenen nationalen Interessen denen Pakistans unterordnen würden, damit Pakistan seine regionalen Ambitionen erfüllen konnte. […] Ohne die logistische Unterstützung und die Lieferung einer großen Menge an Raketen durch die ISI hätten Hekmatyārs Truppen nicht halb Kabul in Beschuss nehmen und zerstören können.“[3]
Während der intensivsten Phase des Bombardements durch Hekmatyār und der von Raschid Dostum geführten Miliz Junbish-i Milli starben in Kabul über 25.000 Menschen.[4]
Die afghanische Hauptstadt wurde zum Symbol der Fragmentierung des Landes, während Spannungen zwischen weiteren Milizen eskalierten, die vom Iran einerseits und Saudi Arabien andererseits unterstützt und in gewissen Aspekten kontrolliert wurden.[3] Kabul war in verschiedene Einflusszonen aufgeteilt, auf die sich die meisten Kämpfe konzentrierten. Auch Kandahar im Süden des Landes und Mazār-i Scharif im Norden erlebten blutige Kämpfe. Dagegen waren die im Sowjetisch-Afghanischen Krieg verwüsteten ländlichen Regionen von Kämpfen kaum betroffen, und der Wiederaufbau begann. Die Machtstrukturen in Afghanistan waren stark dezentralisiert. Der Süden Afghanistans war weder unter der Kontrolle der Zentralregierung noch unter der Kontrolle von außen kontrollierter Milizen wie der Hekmatyārs. Lokale Milizen- oder Stammesführer beherrschten den Süden. 1994 traten die Taliban in der südlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung. Die Taliban-Bewegung stammte ursprünglich aus religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan, welche meist von der politischen pakistanischen Partei Jamiat Ulema-e Islam geführt wurden.[5] Im Laufe des Jahres 1994 übernahmen die Taliban die Macht in verschiedenen südlichen und westlichen Provinzen Afghanistans.
Ende 1994 gelang es dem afghanischen Verteidigungsminister Ahmad Schah Massoud die in Kabul um Vorherrschaft kämpfenden Milizen militärisch in Kabul zu besiegen. Die Hauptstadt erlebte eine kurze Phase relativer Ruhe.[6][7] Massoud initiierte einen politischen Prozess mit dem Ziel nationaler Konsolidierung und demokratischer Wahlen, an der sich Vertreter aus einem Großteil der afghanischen Provinzen beteiligten.[8] Massoud lud die Taliban ein, sich diesem Prozess anzuschließen und sich an der Schaffung von Stabilität zu beteiligen.[8] Die Taliban lehnten eine demokratische Staatsform ab.[8]
Anfang 1995 starteten die Taliban großangelegte Offensiven zur Bombardierung Kabuls.[9]Amnesty International schreibt dazu:
“This is the first time in several months that Kabul civilians have become the targets of rocket attacks and shelling aimed at residential areas in the city […]”
„Dies ist das erste Mal nach einigen Monaten, dass die Zivilisten Kabuls das Ziel von Bombenangriffen wurden, die sich gegen Wohnbezirke in der Stadt richteten […]“[6]
Die Taliban erlitten zunächst schwere Niederlagen gegen die Truppen Massouds, so dass manche Beobachter bereits das Ende der Taliban vermuteten.[6] Mitte 1996 hatte sie sich jedoch mit Unterstützung Pakistans und Saudi Arabiens neu organisiert und planten eine erneute Großoffensive gegen Kabul. Am 26. September 1996 befahl Massoud einen strategischen Rückzug seiner Truppen in den Norden Afghanistans.[10] Am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan, welches lediglich von Pakistan, Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. Eine militärische und politische Opposition unter der Führung Massouds, die Vereinte Islamische Front, behielt den Nordosten des Landes unter ihrer Kontrolle.[11] Die Vereinte Front stellte weiter die formal von den meisten Staaten sowie den Vereinten Nationen anerkannte Regierung.
Mit dem Vormarsch der Taliban ab 1994 weiteten sich wiederum Kampfhandlungen auch auf Gebiete außerhalb der Hauptstadt aus. Die Taliban verhängten über die Gebiete unter ihrer Kontrolle ihre politische und juristische Interpretation des Islam. Die Hälfte der Bevölkerung, die Frauen, lebten quasi unter Hausarrest.[12] Nach einem Bericht der Vereinten Nationen begingen die Taliban systematische Massaker gegen die Zivilbevölkerung, während sie versuchten, ihre Kontrolle im Westen und Norden Afghanistans zu konsolidieren.[13][14] Die Vereinten Nationen benannten 15 Massaker in den Jahren 1996 bis 2001.[13][14] Diese seien „höchst systematisch gewesen und alle auf das Verteidigungsministerium [der Taliban] oder Mullah Omar persönlich zurückzuführen.“ [13][14] Die sogenannte 055 Brigade al-Qaidas war ebenfalls an Greueltaten gegen die afghanische Zivilbevölkerung beteiligt.[15] Der Bericht der Vereinten Nationen zitiert Zeugenaussagen, welche beschreiben, dass arabische Milizionäre lange Messer mit sich trugen, mit denen sie Kehlen aufschnitten und Menschen häuteten.[13][14]
Schon bald entwickelte sich aus der Vereinten Front eine nationale politische Widerstandsbewegung gegen die Taliban, der Vertreter aller afghanischen Bevölkerungsgruppen (Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Usbeken und Turkmenen) beitraten. Die Situation der Menschenrechte hing von den jeweiligen Kommandeuren ab, die bestimmte Gebiete kontrollierten. Human Rights Watch verzeichnet keine Menschenrechtsverbrechen für die Truppen unter der direkten Kontrolle Ahmad Schah Massouds für den Zeitraum von Oktober 1996 bis zu Massouds Ermordung im September 2001.[16] Nach Angaben von Human Rights Watch datieren die meisten Menschenrechtsverletzungen, die von Mitgliedern der Vereinten Front begangen wurden, in dem Zeitraum von 1996 bis 1998, während Raschid Dostum weite Teile des Nordens kontrollierte.[16] Im Jahr 1997 exekutierten Dostums Truppen unter dem Kommando von Abdul Malik Pahlawan 3000 Taliban-Gefangene in und um Mazar-i Sharif.[16]
Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf – damals u. a. als Stabschef des Militärs – entsandte zehntausende Pakistaner, um an der Seite der Taliban und al-Qaida gegen die Vereinte Front zu kämpfen.[8][17][18][19] Insgesamt gehen Schätzungen von 28.000 pakistanischen Staatsbürgern, die innerhalb Afghanistans kämpften, aus.[8] 20.000 davon waren reguläre pakistanische Soldaten des sogenannten Frontier Corps oder der Armee. Weitere geschätzte 8000 waren Milizionäre, die in Madrasas rekrutiert wurden, um innerhalb der Armee der Taliban zu kämpfen.[15] Die geschätzten 25000 Talibantruppen beinhalteten 8000 pakistanische Staatsbürger.[15] Ein Dokument des US-amerikanischen Außenministeriums aus dem Jahre 1998 bestätigt, „20 Prozent bis 40 Prozent der [regulären] Talibansoldaten sind Pakistaner.“[17] Der Bericht des Außenministeriums beschreibt ebenfalls, dass die Eltern der pakistanischen Staatsbürger „nicht von der militärischen Involvierung ihrer Kinder mit den Taliban wissen, bis ihre [toten] Körper zurück nach Pakistan gebracht werden.“[17]
Weitere 3000 Soldaten der regulären Taliban Armee waren Milizionäre aus arabischen Ländern oder Zentralasien.[15] Von 1996 bis 2001 wurde die al-Qaida von Osama bin Laden und Aiman az-Zawahiri zu einem Staat innerhalb des Taliban-Staates.[20] Unter anderem errichtete al-Qaida eine Reihe von Ausbildungslagern, in denen Tausende Islamisten aus verschiedenen Ländern eine militärische Schulung durchliefen. Bin Laden sandte seine Rekruten gegen die Vereinte Front.[20]
Von geschätzten 45000 Soldaten, die gegen die Vereinte Front innerhalb Afghanistans kämpften, waren nur etwa 14000 Afghanen.[8][15]
Ahmad Schah Massoud verblieb ab 1998 der einzige Führer der Vereinten Front in Afghanistan, der seine Gebiete erfolgreich verteidigen konnte. Anfang 2001 wandte die Vereinte Front eine neue Strategie von lokalem militärischem Druck und einer globalen politischen Agenda an.[10] Ressentiments und Widerstand gegen die Taliban, ausgehend von den Wurzeln der afghanischen Gesellschaft, wurden zunehmend stärker. Dies betraf auch die paschtunischen Gebiete.[10] Insgesamt flohen schätzungsweise eine Million Menschen vor den Taliban. Hunderttausende Zivilisten flohen in die Gebiete von Ahmad Schah Massoud.[18] Der National Geographic kommt in seiner Dokumentation Inside the Taliban zu dem Schluss:
„Das einzige, was zukünftigen Massakern der Taliban im Wege steht, ist Ahmad Schah Massoud.“[18]
In den Gebieten unter seiner Kontrolle errichtete Massoud demokratische Institutionen und unterschrieb die Deklaration für Frauenrechte.[8] Er trainierte verstärkt Polizeikräfte, die eine Wiederholung des Chaos von Kabul (1992–1994) verhindern sollten, würde die Vereinte Front erfolgreich sein.[8][10] Im Frühling 2001 sprach Ahmad Schah Massoud vor dem Europäischen Parlament in Brüssel und bat die internationale Gemeinschaft um humanitäre Hilfe für die Menschen Afghanistans. Er erklärte, dass die Taliban und al-Qaida eine „sehr falsche Interpretation des Islam“ eingeführt hätten und dass die Taliban, wenn sie nicht die Unterstützung Pakistans hätten, ihre militärischen Kampagnen in dem Zeitraum eines Jahres nicht mehr aufrechterhalten könnten. Auf seinem Besuch in Europa warnte Massoud, dass nach Informationen seines Geheimdienstes ein großangelegter Anschlag auf amerikanischem Boden unmittelbar bevorstehe.[21]
Am 9. September 2001 zündeten zwei arabische Selbstmordattentäter, die sich für Journalisten ausgegeben hatten, während eines Interviews mit Massoud in Takhar, Afghanistan, eine Bombe, die sie in ihrer Videokamera versteckt hatten. Massoud starb wenig später an den erlittenen Verletzungen.[22] Obwohl die Beerdigung in dem sehr ländlichen Panjshir-Tal stattfand, nahmen Hunderttausende trauernder Afghanen an ihr teil.[23] Viele befürchteten nach der Ermordung Massouds den endgültigen Sieg der Taliban. John P. O’Neill, ein Anti-Terrorismus-Experte und bis Mitte 2001 stellvertretender Direktor des FBI, nahm zwei Wochen vor den Anschlägen auf das World Trade Center die Position des Sicherheitschef der Zwillingstürme ein. Am 10. September erzählte O’Neill zwei Freunden:
„Wir sind fällig. Und wir sind fällig für etwas Großes […] Einige Dinge sind in Afghanistan passiert [bezugnehmend auf die Ermordung Massouds]. Ich mag nicht, wie sich die Dinge in Afghanistan entwickeln. […] Ich spüre eine Veränderung, und ich denke, bald wird etwas passieren. […] bald.“[24]
O’Neill kam am 11. September 2001 beim Einsturz des Südturms ums Leben.[24]
Am 11. September 2001 verübten 19 Angehörige der al-Qaida die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten. Die Regierung der Vereinigten Staaten forderte daraufhin von der Taliban-Führung, die Ausbildungslager der al-Qaida zu schließen und deren Anführer auszuliefern. Die Taliban boten zunächst an, Osama bin Laden in Afghanistan vor Gericht zu stellen. Später forderten sie als Bedingung für eine Auslieferung, Beweise für seine Verwicklung in die Anschläge vorgelegt zu bekommen.[25][26] Die Vereinigten Staaten lehnten dies ab. Präsident Bush sagte dazu:
“There's no need to discuss innocence or guilt. We know he's guilty.”
„Es gibt keinen Grund, über Schuld oder Unschuld zu diskutieren. Wir wissen, dass er schuldig ist.“[27]
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bezeichnete die Anschläge in den USA in seiner am 12. September 2001 gefassten Resolution 1368 als „Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“. Zudem wurde das „naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung, das in der Charta der Vereinten Nationen anerkannt wird“ betont. In diesem Zusammenhang wurden die Anschläge des 11. September 2001 als bewaffneter Angriff im Sinne der Artikel 39 und 51 der UN-Charta eingestuft. Damit wurde den USA das Recht auf Selbstverteidigung implizit zugesprochen. Nach Auffassung der USA und anderer Regierungen, wie etwa auch der Bundesrepublik Deutschland, wurde mit dieser Formulierung und dem direkten Verweis auf das in Artikel 51 der UN-Charta festgeschriebene Recht auf Selbstverteidigung die anlaufende Operation Enduring Freedom durch den Sicherheitsrat als ein „Akt der Selbstverteidigung der USA“ gegen den von Afghanistan aus geplanten Angriff gewertet und damit völkerrechtlich legitimiert.
Auf Ersuchen der Teilnehmer der ersten Afghanistan-Konferenz 2001 genehmigte der UN-Sicherheitsrat am 20. Dezember 2001 (Resolution 1386) die Aufstellung der ISAF-Schutztruppe, einer Sicherheits- und Aufbaumission unter Führung der NATO. Der Einsatz ist keine friedenssichernde Blauhelm-Mission, sondern ein sogenannter friedenserzwingender Einsatz unter Verantwortung der beteiligten Staaten.
Der NATO-Rat hatte am 12. September 2001[28] die Vorgänge des 11. September 2001 als Angriff auf einen der NATO-Staaten erklärt, falls bestätigt werden kann, dass sie von außerhalb der Vereinigten Staaten aus gesteuert worden waren. Am 2. Oktober informierte Francis X. Taylor, United States Coordinator for Counterterrorism, den NATO-Rat, dass die Attentäter zu al-Qaida gehören, die von den Taliban in Afghanistan geschützt würden.[29] Damit war erstmals in der Geschichte der NATO der Bündnisfall nach Artikel 5 NATO-Vertrag eingetreten, wonach „ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird“ und daraufhin „in Ausübung des in Artikel 51 der Satzung der Vereinten Nationen anerkannten Rechts der individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung“ Beistand geleistet wird.
Solange die Anschläge des 11. Septembers 2001 dem damals durch die Taliban regierten Staat Afghanistan unmittelbar oder mittelbar zugerechnet werden konnten, galt die Beteiligung von NATO-Staaten aufgrund des Bündnisfalls als weniger problematisch als sie es nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 ist. Umstritten ist auch die zeitliche Unbegrenztheit des Bündnisfalls.
Die Länder, welche Truppen für den Einsatz stellen möchten, beschließen im Rahmen des UN-Mandates national das Mandat für ihre eigenen Truppen und wie dieses ausgestaltet ist (Rules of Engagement). Für den deutschen Militäreinsatz in Afghanistan gilt, dass die deutsche Regierung für den Einsatz bewaffneter Streitkräfte einen Parlamentsbeschluss des Bundestages[30] benötigt. Dieser muss regelmäßig verlängert werden. Die Legitimität der Beteiligung deutscher Truppen an der ISAF-Mission wird aus verfassungs- und völkerrechtlicher Sicht vielfach bestritten.
Präsident Bushs Entscheidung vom 7. Februar 2002, den Taliban den Kombattantenstatus zu verweigern und damit die Geltung des Kriegsvölkerrechts einzuschränken, wird heute überwiegend als juristisch nicht gerechtfertigt angesehen.[31]
Der 11. September 2001 muss als ausschlaggebend für die Intervention in Afghanistan angesehen werden. Die terroristischen Anschläge, ausgehend von Al-Qaida, veranlassten die USA, die Vereinten Nationen zur Verabschiedung der Resolution 1368 vom 12. November 2001. Der UN-Sicherheitsrat definiert auf der Grundlage von Art. 39 UN-Charta den Terroranschlag an sich als Bedrohung für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit. Durch den Verweis auf Art. 51 UN-Charta ist es den USA nun möglich, in Afghanistan zu intervenieren. Dies bedarf einer näheren Erläuterung, da sich die UN grundsätzlich dazu verpflichtet, den Weltfrieden aufrecht zu erhalten (Art. 1). Besonders deutlich zeigt dies Art. 2, Abs. 4, welcher sowohl die Androhung, als auch die Anwendung militärischer Gewalt verbietet. Hier müssen allerdings zwei Ausnahmen berücksichtigt werden: Der UN-Sicherheitsrat ist laut Art. 42 ermächtigt, militärische Zwangsmaßnahmen zu ergreifen, wenn alle vorherigen Sanktionen politischer, sowie wirtschaftlicher Art ausgeschöpft worden sind (Art. 41). Außerdem verweist Art. 51 auf das naturgegebene Recht auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung, welches die USA in Anspruch genommen haben. In der Resolution 1386 vom 20. Dezember 2001 beschließt der Sicherheitsrat das erste, auf sechs Monate befristete, ISAF-Mandat, welches bis 2003 von einem oder mehreren Staaten der UNO geführt wurde. Ab 2003 übernimmt die NATO die Führung des Einsatzes auf Bitten der UNO und der afghanischen Regierung. Der Einsatz, an dem derzeit 48 Nationen beteiligt sind, wurde in mehreren Resolutionen bestätigt oder erweitert. Es handelt sich um den Einsatz friedenserzwingender Maßnahmen durch die internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) und nicht um eine friedenssichernde Blauhelmmission der UNO. Die angehende Intervention mehrerer NATO-Staaten lässt sich durch Art. 5 NATO-Vertrag erläutern. Dieser besagt, „dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird“. Demnach tritt die Beistandsverpflichtung als Bündnispartner der USA für die NATO-Staaten in Kraft, welche allerdings nur im Rahmen des obig erklärten Art. 51 UN-Charta festgestellt werden kann. Neben der Ebene des internationalen Rechts, bedarf der Einsatz außerdem eine Legitimation des jeweiligen nationalen Rechts. Im Folgenden soll die Deutsche Beteiligung stellvertretend für alle Staaten untersucht werden. Das Grundgesetz sieht laut Art. 24, Abs. 2 ebenso das Recht zur kollektiven Selbstverteidigung vor, wenn dieses im Rahmen und nach den Regeln eines Systems gegenseitiger kollektiver Sicherheit geschieht. 1994 bestätigte das Bundesverfassungsgericht, dass es sich bei der NATO und der UNO um ein solches System handelt. Auf Grundlage dieses Rechts legitimierte der Deutsche Bundestag eine Beteiligung der Bundeswehr am ISAF-Einsatz am 22. Dezember 2001. Seitdem muss das Mandat durch eine einfache Mehrheit im Parlament alle sechs Monate bestätigt bzw. erweitert werden.
Am 4. Oktober 2001 beschloss der Nordatlantikrat mehrere individuelle und kollektive Maßnahmen, wie beispielsweise die intensivere Zusammenarbeit der Geheimdienste, die Unterstützung für verbündete und weitere Staaten, die, weil sie der NATO helfen, in größere terroristische Gefahr geraten, die Vergabe von Überflugrechten, den Zugang zu Häfen und Flughäfen und verstärkte Sicherheitsmaßnahmen für Einrichtungen der NATO-Staaten.[32]
Nach der strategischen Vorbereitung stationierten die Vereinigten Staaten die Task Force Dagger auf einem ehemaligen sowjetischen Luftwaffenstützpunkt nahe Qarshi im Süden Usbekistans. Die Taskforce setzte sich aus Mitgliedern von Spezialeinheiten zusammen und bildete die Speerspitze des US-amerikanischen Krieges in Afghanistan.
Vertreter der TF Dagger gewannen die mit den Taliban konkurrierende Vereinigte Front als Verbündete für das kommende militärische Engagement der Streitkräfte der Vereinigten Staaten. Hierzu nahmen sie mit den militärischen Führern der wichtigsten Gruppierungen innerhalb der Nordallianz Verbindung auf: Raschid Dostum von der Junbish-i Milli sowie Mohammed Fahim und Mohammed Daoud von der Dschamiat-i Islāmi. Diese stimmten dem Vorschlag zu, vor Einbruch des Winters eine militärische Kampagne unter amerikanischer Führung gegen die Taliban zu eröffnen. Um den Anführern politische Gleichberechtigung untereinander zu signalisieren, bemühte sich die TF Dagger, ihre Einsatzkräfte möglichst gleichmäßig unter den Territorien der rivalisierenden Gruppierungen zu verteilen. Militärische Angriffe verzögerten sich dadurch stellenweise um mehrere Tage.
Die offiziellen Kampfhandlungen begannen am 7. Oktober 2001. Die Vereinigten Staaten bombardierten Ziele in ganz Afghanistan mit Marschflugkörpern, Kampfflugzeugen und B-2-Langstreckenbombern. Die Angriffe dauerten 44 Stunden und stellten damit die bis dahin längste Einzeloperation der amerikanischen Luftstreitkräfte dar.
Trotz der massiven amerikanischen Luftunterstützung gelang es den Truppen der Vereinigten Front jedoch vorerst nicht, die Linien der Taliban zu durchbrechen. Erst nachdem die Luftschläge Anfang November 2001 auf die Frontstellungen der Taliban konzentriert wurden, begannen deren Linien zu bröckeln. Am 9. November 2001 eroberte die Vereinigte Front mit Mazār-i Scharif die erste größere Stadt von den Taliban und erlangte damit die Kontrolle über die Versorgungslinien über Land zu den nördlichen Nachbarländern, vor allem Usbekistan. Die Offensive erreichte am 13. November 2001 mit der kampflosen Besetzung von Kabul ihren Höhepunkt. Die Talibanhochburgen wurden dagegen erbittert umkämpft und erst in den folgenden Wochen eingenommen (Kunduz am 25. November 2001 und Kandahar am 7. Dezember 2001).
Die afghanische Organisation Counterterrorism Pursuit Team kämpft gegen die radikalen Muslime im Land mit Unterstützung der Vereinigten Staaten. Ende 2010 wurde mit ihrer Hilfe die Operation Dragon Strike eingeleitet.
Nach der weitgehenden Eroberung des Landes durch die Vereinigte Front Ende 2001 begannen Einheiten der westlichen Verbündeten mit der Suche nach al-Qaida-Mitgliedern, vor allem Osama bin Laden. Etwa 200 al-Qaida-Kämpfer wurden während der Schlacht um Tora Bora im Dezember 2001 getötet. Im März 2002 folgte dann die Operation Anaconda, bei der 1700 eingeflogene US-Soldaten und 1000 afghanische Milizionäre gegen 500 bis über 1000 al-Qaida- und Taliban-Kämpfer um die Kontrolle über das in der Provinz Paktia gelegenen Shahi-Kot-Tal kämpften. Bis 2005 gab es unter dem Codenamen Alec Station eine CIA-Organisation, die sich alleine mit bin Laden befasste.
Gefangene Taliban und mutmaßliche Angehörige der al-Qaida wurden teilweise von den US-Streitkräften, völkerrechtlich umstritten und begleitet von Protesten durch Menschenrechtsorganisationen, auf den US-Stützpunkt Guantanamo auf Kuba geflogen. Diverse Gefangenenlager im Land – allen voran das Militärgefängnis Bagram – dienten dabei in vielen Fällen als Durchlaufstationen. Seit im Herbst 2004 die damalige US-Regierung entschieden hat, keine weiteren Häftlinge mehr nach Guantánamo zu verlegen, wurde Bagram endgültig zu einer permanenten Einrichtung, in der sich die Anzahl der Häftlinge daraufhin vervielfacht hat.
Auch nach dem Sturz der Taliban und der Einsetzung einer Übergangsregierung mit der Unterstützung der ISAF-Mission hörten gewalttätige Auseinandersetzungen im Land nicht auf. Die Zwischenfälle im ersten Jahr werden allerdings größtenteils als Verzweiflungsaktionen versprengter Mitglieder der Taliban oder al-Qaidas aufgefasst, denen es nicht gelang, nach Pakistan zu flüchten. Organisierte Angriffe gegen Regierungseinrichtungen setzten erst etwa im Herbst 2002 ein.[33] Diese sich im Jahr 2002 formierenden, mit abweichenden Zielen gegen den Wiederaufbau eines effektiven Staates kämpfenden Gruppen werden häufig unter dem Begriff „Neo-Taliban“ zusammengefasst.[34] Sie legten ferngesteuerte Straßenminen und griffen Regierungskräfte und ausländische Truppen mit Granaten und Raketenwerfern an. Anfangs infiltrierten sie vor allem die Grenzgebiete zu Pakistan, wo sie auch ihre Trainingseinrichtungen betrieben und Kämpfer rekrutierten. Daher wurden die Taliban zu Beginn der Intervention durch die ISAF zunächst als landesfremde Kräfte aufgefasst und in der westlichen Öffentlichkeit dargestellt.
In den folgenden Jahren aber wandelte sich der Charakter der Auseinandersetzung in Richtung eines immer weiter ausgedehnten Bürgerkriegs: Im Jahr 2003 führten Talibankämpfer in zunehmend größeren Gruppen mit bis zu 200 Mann ihre Angriffe durch und brachten die Provinz Zābul sowie den Süden Paktikās unter ihre Kontrolle. In den ländlichen Gebieten Zābuls und im Osten Paktikās konnten sie den Einfluss der Regierung sogar fast völlig eliminieren. Im darauf folgenden Jahr gelang es ihnen, neue Hochburgen vor allem in der Provinz Urozgān zu errichten. In den Jahren 2005 und 2006 rückten sie näher an die Stadt Kandahar heran und weiteten ihre Einflussgebiete auf die Provinzen Helmand, Farāh, Ghazni und Nimruz aus. Seit 2004 gelang es den Taliban außerdem, in der Region um Kabul, besonders in den Provinzen Logar, Wardak und Nangarhār Fuß zu fassen und Operationen in Kabuler Vororten auszuführen.[33]
Laut eines im November 2007 publizierten Berichts des International Council on Security and Development haben die Neo-Taliban bis 2006 in über der Hälfte des Landes eine ständige Präsenz etabliert. Sie kontrollieren außerdem inzwischen Zentren von Distrikten sowie wichtige Verkehrsverbindungen, Teile der Wirtschaft und der Energieversorgung.[35] General Egon Ramms, Kommandeur des Allied Joint Force Command Brunssum der Nato und damit der ISAF-Einsätze, schilderte Ende 2007, wie der Wechsel von Bauer zu Taliban praktisch ablief:[36]: „lokale Bauern (…) in dem Augenblick, wo sie beispielsweise landwirtschaftliche Aufgaben zu erfüllen haben, mit der Familie beschäftigt sind oder dergleichen mehr, legen sie ihre AK 47 beiseite, um sie möglicherweise im nächsten Jahr nach der Drogensaison wieder rauszuholen und sich den Taliban erneut im Kampf anzuschließen.“
Der UN-Sicherheitsrat beschloss im Oktober 2003 die Ausweitung des ISAF-Mandats auf Gebiete außerhalb Kabuls. Die ISAF erhöhte ihre Truppenstärke von rund 9000 Soldaten auf 18500 Soldaten und übernahm viele Aufgaben, die zuvor von der durch die Vereinigten Staaten geführten Operation Enduring Freedom (OEF) erledigt wurden. Dazu gehörte die Übernahme von PRTs (Provincial Reconstruction Team; zu Deutsch: „Regionales Wiederaufbauteam“) in ganz Afghanistan, die aus einem zivilen und einem militärischen Teil bestehen. Dies geschah in einem ersten Schritt nur für den Norden Afghanistans 2003/04. Ausgehend von einem Camp bei Kunduz patrouillierten beispielsweise österreichische Soldaten und deutsche Soldaten. In einem zweiten Schritt 2005 expandierte die ISAF in den Westen, italienische Soldaten und spanische Soldaten stellten die Mehrheit der ISAF-Truppen. Im dritten Schritt 2005/06 folgte dann die Expansion in den Süden, wo US-Soldaten, britische Soldaten, kanadische Soldaten, dänische Soldaten, niederländische Soldaten und australische Soldaten den Hauptteil der ISAF-Truppen stellten. Ab 2010 beteiligten sich auch noch georgische Kampftruppen im Südwesten Afghanistans. Ende 2006 wurde im vierten Schritt noch der Osten Afghanistans unter das ISAF-Mandat gestellt, wobei hier US-Soldaten den größten Teil der Truppen beitrugen. Ab 2008/2009 übernahmen französische Soldaten und polnische Soldaten, in Kooperation mit US-Truppen, die Sicherheitsverantwortung je einer Provinz im Osten.
Afghanistan wurde in mehrere Regionalkommandos aufgeteilt, wobei die Hauptstadt Kabul ein eigenes Regionalkommando erhielt. Dort wechselte das Kommando seit 2006 zwischen der Türkei, Italien und Frankreich, um dann im August 2008 an die afghanischen Sicherheitskräfte über zu gehen. Ein Regionalkommando besteht aus einer FSB (Forward Support Base) zur logistischen Unterstützung, mehreren PRTs und mehreren OMLTs (Operational Mentoring and Liaison Team), die innerhalb einer Provinz für die Ausbildung der Afghanischen Nationalarmee (ANA) zuständig sind und zwischen ANA und ISAF koordinieren. Im Regionalkommando Nord gibt es seit 2007 zusätzlich ein PAT (Provincial Advisory Team), die kleinen PRTs ähneln. Im Juni 2010 wurde das Regionalkommando Süd geteilt in ein neues Regionalkommando Süd und ein Regionalkommando Südwest (RC SW). Das RC SW umfasst die Provinzen Helmand, Nimrus und Teile von Kandahar.[37]
Die Vereinigten Staaten sind der wichtigste Truppensteller, der wichtigste Geldgeber und entscheidend für die Strategie im Kampf gegen die Gegner der afghanischen Regierung.
Anfang 2008 erhöhten die Vereinigten Staaten ihre Truppenstärke von 26.607 Soldaten auf 48.250 Soldaten. Des Weiteren gab es zwischen Dezember 2008 und Juni 2009 mehr als 60.000[38] für einen Militärdienstleister arbeitende Menschen in Afghanistan.
Im Oktober 2010 standen unter ISAF-Kommando über 130.000 Soldaten in Afghanistan, wobei die Vereinigten Staaten mit 90.000 Soldaten der wichtigste Truppensteller war.[39] Die Zahl der ISAF-Truppen war deshalb angestiegen, weil die noch bis zum Frühjahr 2010 der Operation Enduring Freedom zugeordneten etwa 20.000 US-Soldaten nun dem ISAF-Kommando unterstellt sind. Damit verbleiben unter OEF-Kommando nur noch die US-Spezialeinheiten und die Soldaten zur Bewachung von Gefangenen.[40]
Größere Operationen in den Jahren 2010 und 2011 gab es in den Provinzen Hellmand und Kandahar, mit einem deutlichen Erfolg in Kandahar.[41]. Im Osten Afghanistans, wo ein großer Teil der Bevölkerung lebt, ist dagegen bis 2011 noch nichts zu sehen.[42]
Auf der Afghanistan-Konferenz 2010 in London wurde die Übergabe der militärischen Verantwortung an die afghanische Armee sowie ein Zeitplan für den Abzug der internationalen Streitkräfte diskutiert.
William B. Caldwell wurde im November 2009 zum Kommandeur sowohl der NATO Training Mission-Afghanistan (NTM-A) als auch der US-geführten multinationalen Combined Security Transition Command - Afghanistan (CSTC-A), wodurch das Training und der Ausbau der Afghanischen Armee und der Polizei profitierte. Zusätzlich wurden lokal oder regional aktive leicht bewaffnete Milizen und die sogenannte Afghan Local Police (ALP) rekrutiert.
Einer der ersten großen Einsätze der Afghanischen Nationalarmee war die am 13. Februar 2010 begonnene Operation Muschtarak, bei der 2.500 afghanische Soldaten und 12.500 ISAF-Soldaten nach zwei Wochen die Stadt Mardscha in der Provinz Helmand einnahmen, damit dort anschließend eine staatliche Infrastruktur aufgebaut werden kann. Mardscha ist ein Zentrum des Opiumanbaus, doch wollten die US-Streitkräfte zunächst nicht gegen diesen vorgehen.[43]
Auf dem NATO-Gipfel in Lissabon im November 2010 verkündete die NATO, ab 2011 die Verantwortung über die Sicherheit der ersten afghanischen Provinzen an die Afghanische Nationalarmee zu übergeben. Bis 2014 sollen dann alle Provinzen übergeben worden sein. Daher sollen bis 2014 schrittweise die Zahl der ausländischen Soldaten so weit reduziert werden, dass dann nur noch einige 10.000 Ausbilder im Land sind. Bis zum Sommer 2012 werden 33000 US-Soldaten das Land verlassen, davon 10000 Soldaten noch im Jahr 2011. Im Juli 2011 wurden die ersten 650 US-Soldaten ausgeflogen. Es ist der erste ersatzlose Abzug von US-Truppen.[44]
Gleichzeitig hat Kanada seine etwa 3000 Soldaten abgezogen, lediglich zu Ausbildungszwecken verbleiben einige kanadische Soldaten im Land. Das Kommando der vom Abzug betroffenen Regionen wurde an die USA übergeben.[45]
Im März 2011 benannte Karsai sieben Regionen, über die afghanische Sicherheitskräfte ab Juli 2011 die Verantwortung übernehmen sollen. Das sind große Teile der Provinz Kabul und die Provinzen Panjshir und Bamiyan, sowie die Städte Mazār-i Scharif, Mehtarlam (Hauptstadt der Provinz Laghman), Lashkar Gah und den Großteil von Herat.[46]
Im November 2011 wurden die nächsten an die afghanischen Sicherheitskräfte zu übergebende Regionen bekannt. Es sind die Provinzen Balch, Daikondi, Kabul, Tachar, Samangan und Nimrus. Des Weiteren große Teile der Provinzen Herat, Parwan und Sar-i Pul. Hinzu kommen die Städte Dschalalabad, Ghazni, Maidan Schar (Provinz Wardak), Faizabad, Schaghscharan, Scheberghan und Kalai-i-Naw.[47]
Nach eineinhalb jährigen Verhandlungen einigten sich die Regierungen der Vereinigten Staaten und Afghanistan im April 2012 auf ein Rahmenabkommen, das die Zusammenarbeit beider Länder in den folgenden zehn Jahren regeln soll. Der afghanische Nationale Sicherheitsberater Rangin Dadfar Spanta und der amerikanischen Botschafter in Kabul Ryan Crocker unterschrieben das Dokument am 22. April 2012. Details des Rahmenabkommens sind nicht bekannt, da der gesamte Vertrag nicht veröffentlicht wurde. Zudem sind im Rahmenabkommen strittige Details wie die Größe der amerikanischen Militärpräsenz oder die Höhe amerikanischer Finanzhilfe für Afghanistan für die Zeit nach 2014, wenn alle internationalen Kampftruppen das Land verlassen haben, nicht geregelt.[48]
Das als “Enduring Strategic Partnership Agreement between the Islamic Republic of Afghanistan and the United States of America”[49] (Deutsch: Dauerhaftes und Strategisches Partnerschaftsabkommen zwischen der Islamischen Republik Afghanistan und den Vereinigten Staaten von Amerika) betitelte Abkommen wurde am 2. Mai 2012 zwischen dem US-Präsidenten Barack Obama und dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai in Kabul unterzeichnet.[50][51][52][53][54][55] Es hat eine Laufzeit von 10 Jahren und gibt den USA die Möglichkeit nach Abzug der internationalen Kampftruppen im Jahr 2014 US-Soldaten in Afghanistan zwecks Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte und zur Terrorismusbekämpfung einzusetzen.[50] Weder die Höhe der amerikanischen Finanzhilfen noch die Höhe möglicher US-Truppen ist im Abkommen geregelt.[53]
Vor der Unterzeichnung des strategischen Rahmenabkommen waren zwei bedeutende Hindernisse aus dem Weg geräumt worden, die als Voraussetzung für das Abkommen galten.[48] Zum einen haben die Vereinigten Staaten und Afghanistan im März 2012 ein Abkommen[56] über den schrittweisen Transfer der Kontrolle an Afghanistan über das Militärgefängnis Bagram und weiterer unter amerikanischer Kontrolle stehende Gefängnisse geschlossen.[56][57][58][48] Zum anderen haben Afghanistan und die USA im April 2012 ein Abkommen[59] geschlossen, wonach die Nachtrazzien der amerikanischen Spezialkräfte künftig durch afghanische Kräfte durchgeführt werden, amerikanischen Kräfte als Unterstützung bereit stehen und ein Gremium aus afghanischen und Nato- beziehungsweise US-Vertretern über nächtliche Einsätze entscheiden soll.[59][60][61][62][63][48]
Am 16. Mai 2012 unterzeichneten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der afghanische Präsidenten Hamid Karzai in Berlin ein Partnerschaftsabkommen, dass die Beziehungen beider Länder nach Abzug der internationalen Kampftruppen aus Afghanistan im Jahr 2014 regelt.[64][65][66] Das Abkommen hat eine Laufzeit von 5 Jahren und verlängert sich jeweils um weitere fünf Jahre, wenn es nicht von einer Vertragspartei schriftlich gekündigt wird. Zudem ist vorgesehen, dass durch das Partnerschaftsabkommen begründete Projekte aufgrund weitverbreiteter Korruption in Afghanistan durch eine bilaterale Regierungsarbeitsgruppe überwacht werden sollen.[67]
Politik, gute Regierungsführung, Zusammenarbeit bei der Sicherheit, Unterstützung der Polizei und Armee, Entwicklung, Kultur und Wissenschaft sind im Abkommen behandelte Themen.[68] Engagement bei der Grund- und Berufsbildung, der Energieversorgung und im Wassersektor, Zusammenarbeit bei der Erhaltung und Pflege des kulturellen Erbes sowie der geschützten Kulturdenkmäler, Hilfe beim Aufbau des Justizwesens sowie der zivilen Luftfahrt sind weitere Bereiche, in denen Deutschland sich engagieren will.[67]
Im Abkommen ist auch geregelt, dass beide Länder die Zusammenarbeit beim Polizeiaufbau fortsetzen und das Deutschland einen angemessenen Beitrag zur Finanzierung der afghanischen Sicherheitskräfte leisten werde.[68] Dieser Beitrag beläuft sich nach Bundeskanzlerin Merkel auf 150 Millionen Euro jährlich.[69] Die Anzahl deutscher Soldaten und Polizisten nach 2014 ist im Abkommen jedoch nicht benannt.[68] Zum Thema afghanische Sicherheitskräfte schreibt die Zeitung Die Welt: "In dem Abkommen festgeschrieben ist bereits die weitere Ausbildungshilfe Deutschlands für die Armee nach dem Abzug der deutschen Truppen Ende 2014. Dafür soll es bilaterale Jahresprogramme geben. Neben der Fortsetzung der sogenannten Mentoring-Programmen, was einen weitern Verbleib von Soldaten nach dem Ende der ISAF-Mission bedeutet, ist eine Ausbildung von hochrangigen afghanischen Soldaten in Einrichtungen der Bundeswehr vorgesehen. Zudem soll der Aufbau der nationalen afghanischen Polizei fortgesetzt werden."[67] Laut Regierungskreisen in Berlin werde Merkel des Weiteren auf dem 2012 NATO Gipfel in Chicago ankündigen, dass Deutschland weitere 190 Millionen Dollar (umgerechnet 148 Millionen Euro) pro Jahr für die afghanischen Streitkräfte bereitstellen werde.[66]
Eine der frühen Strategien war der Aufbau von Provincial Reconstruction Teams, um so den Wiederaufbau der Infrastruktur in Afghanistan zu unterstützen und zu schützen. Der Ansatz wurde von den Truppenstellernationen unterschiedlich realisiert und er änderte sich in Abhängigkeit von der militärischen Situation vor Ort. So unterscheiden sich beispielsweise die Größe der Teams und ob der Schwerpunkt mehr auf dem militärischen oder dem zivilen Teil liegt.[70]
Eine weitere Strategie heißt clear, hold and develop. Sie ist Teil des im Jahre 2006 neu erstellten Feldhandbuches der US-Army und wurde im Vietnamkrieg als clear and hold zum ersten Male in größerem Stil ausprobiert. Dabei wurden auch Schwächen dieser Strategie bekannt, beispielsweise fordert sie eine sehr hohe Anzahl an Truppen im Feld. In Afghanistan beinhaltet sie zusätzlich den Aufbau der Afghanischen Nationalarmee und der afghanischen Polizei, damit diese, nachdem die Aufständischen aus einem Gebiet vertrieben wurden, dort dauerhaft präsent sind. Damit die Nationalarmee schnell eingesetzt werden kann, wird sie im Einsatz von Truppen der OEF/ISAF weiter ausgebildet (partnering).[71] Doch schon jetzt äußern sich kritische Stimmen, dass selbst die momentane Truppengröße der Allianz zu gering dafür sein könnte. Für die Zeit nach dem Abzug der Alliierten ist die Stabilität der aufgebauten afghanischen Institutionen ungewiss.
Zur Aufstandsbekämpfung wurden einige neue Techniken eingesetzt. Um Truppenbewegungen des Gegners aufzuklären, werden verstärkt unbemannte Luftfahrzeuge verwendet. Zur Identifizierung des Gegners, wenn er sich unter Zivilisten versteckt, sind biometrische Datenbanken angelegt worden.[72][73]
Der Afghanistan-Krieg wird „von seinen Strategen als ‚Krieg gegen den Terror‘“ definiert.[74] Instrument „gezielter Tötungen“ sind sogenannte „c-k-Listen (capture or kill), die auch vom BND erstellt werden.“[75] Zivile Opfer werden dabei von den Strategen der ISAF als „Kollateralschäden“ in einem Collateral Damage Estimate eingeplant.[75] Gefunden werden die Zielpersonen und mutmaßlichen Taliban-Führer durch „anonyme Informanten“, also „auf bloße Denunziation hin.“[75]
Ein wesentliches Mittel in der Kampfführung ist die Sprengfalle, um die technisch überlegenen Truppen der OEF/ISAF anzugreifen. Des Weiteren werden Vertreter des afghanischen Staates, beispielsweise Polizisten, getötet. Es werden auch Selbstmordanschläge verübt. Es gibt allerdings auch größere Angriffe, etwa die kurzzeitige Eroberung eines Bezirks. In der Regel erreichen die Neo-Taliban allerdings nur einzelne Bezirke oder Provinzen zu dominieren und durch sogenannte Schattengouverneure, parallel zu den offiziellen Gouverneuren, üben sie dann Einfluss auf die Bevölkerung aus.
Die Neo-Taliban setzen gezielt Propaganda ein. Sie versuchen drei Gruppen anzusprechen: Die internationale Öffentlichkeit, die arabische Welt und die afghanische Bevölkerung. Es gibt Neo-Taliban-Sprecher, die per Satellitentelefon Medienanfragen beantworten, außerdem werden Mundpropaganda und Flugblätter (night letters) in Afghanistan verbreitet.[76] Andere Transportmittel für Propaganda sind Videos, Lieder und das Internet.[77]
Als Gegenstrategie zum partnering verfolgen die Taliban die Strategie, die afghanischen Sicherheitsorganisationen zu unterwandern, um näher an die Soldaten der ISAF heran zu kommen und erfolgreiche Attentate auszuführen. Des Weiteren kann so das Vertrauen zwischen den Partnern unterminiert werden.
Die Afghanische Nationalarmee kann keine Hightech-Strategie und keine asymmetrische Kriegführung verfolgen. Ihr entscheidender Vorteil besteht darin, dass die über 100000 Soldaten Afghanen sind. Allerdings plagen sie Defizite bei Taktik in der Kampfführung und Disziplin, da der Sold der Soldaten sehr gering ist und sie deshalb oft erfolgreich von den Neo-Taliban und Aufständischen abgeworben werden können.
Nachdem Kanada schon 2008 mit dem Abzug der Truppen drohte, beschloss das Land schließlich 2010, den Einsatz 2011 zu beenden. In der Diskussion spielte die, gemessen an der Bevölkerungszahl Kanadas, unverhältnismäßig hohe Anzahl von Toten, die das Land zu beklagen hat, eine entscheidende Rolle.[78] In den Niederlanden brach nach ähnlichen Auseinandersetzungen die Regierung 2010 auseinander und es wurde ebenfalls der Abzug beschlossen. Die neue Regierung entschied aber ein halbes Jahr später, Deutschland in Kunduz bei der Ausbildung von Polizisten zu helfen.[79]
Die australische Ministerpräsidentin Julia Gillard teilte am 17. April 2012 mit, dass die Truppen ihres Landes bereits 2012 mit dem Abzug beginnen werden.[80]
Die nationale afghanische Friedens-Dschirga im Juni 2010 änderte wenig an der Situation im Land, viele Taliban boykottierten diesen Rat. Möglicherweise wurde dort über Verhandlungen der afghanischen Regierung mit Gulbuddin Hekmatyār gesprochen.[81] Eine Abspaltung seiner Partei Hizb-i Islāmi gab jedenfalls vor, seit Herbst 2009 mit Karsai verbündet zu sein und stellte den Wirtschaftsminister 2010. Diese angeblichen Verbündeten Karsais haben jedoch in öffentlichen Stellungnahmen keinen Zweifel an ihrer Loyalität gegenüber Hekmatyār gelassen.[82][83] Der Vorsitzende des auf Anregung der Friedens-Dschirga gegründeten Hohen Friedensrates Burhānuddin Rabbāni wurde am 20. September 2011 durch einen Selbstmordattentäter getötet.
Ein wichtiger Neo-Taliban-Führer namens Mansour, mit dem man scheinbar monatelang verhandelt hatte, stellte sich als Hochstapler (Bogus-Mansour) heraus. Es sollen hohe Zahlungen an ihn erfolgt sein, damit er an Friedensverhandlungen teilnimmt. Zu einem Treffen mit Karzai im Präsidentenpalast in Kabul soll er mit einer NATO-Maschine geflogen worden sein.[84]
Im Winter 2011 kündigten die Taliban an in Katar eine „Auslandsvertretung“ einzurichten, um „in einen Dialog mit der internationalen Gemeinschaft zu treten“. Nach US-Angaben sollen 10 Monate lang darüber zwischen den Taliban und US-Vertretern verhandelt worden sein, wobei man sich in Deutschland und Doha (Katar) etwa ein halbes Dutzend mal traf.[85]
Die regionalen Mächte Pakistan, Iran, Russland, Indien und China sind zwar militärisch nicht am Krieg beteiligt, aber ihr Einfluss ist teilweise sehr groß. Der Konflikt in Nordwest-Pakistan begann 2004, als die pakistanische Armee in Waziristan, eine pakistanische Provinz an der Grenze zu Afghanistan, nach Al-Qaida-Mitgliedern suchte. In Pakistan ist auch die Quetta Shura angesiedelt. Dies ist die in Pakistan und Afghanistan aktive Führungsorganisation der Taliban. Angeführt wird sie von Mohammed Omar, dem früheren De-facto-Staatschef des Islamischen Emirats Afghanistan.
Nach Angaben von Michael G. Mullen, ranghöchster Soldat der US-Streitkräfte und kurz vor dem Ende seiner Amtszeit, handele das Haqqani-Netzwerk als verlängerter Arm des pakistanischen Inter-Services Intelligence (militärischer Nachrichtendienst der Streitkräfte Pakistans) in Afghanistan.[86]
Hamid Karzai schloss am 4. Oktober 2011 mit dem indischen Premierminister Manmohan Singh eine strategische Partnerschaft, unter anderem auch mit Blick auf den Abzug der westlichen Truppen bis 2014.[87]
Bisher kamen über 3.000 Koalitionssoldaten ums Leben, darunter 53 Soldaten der Bundeswehr und drei deutsche Polizisten. Die USA als größte Truppensteller haben mit rund 65% der insgesamt getöteten Soldaten der Koalition die höchsten Verluste zu verzeichnen. Die Anzahl gestorbener afghanischer Soldaten und Aufständischer ist unbekannt.[88][89] Offizielle Angaben zu zivilen Opfern liegen nur unvollständig vor, Schätzungen sind sehr unterschiedlich:
Ein Großteil der zivilen Opfer sind jedoch auf Anschläge der Taliban und der Miliz Gulbuddin Hekmatyārs zurückzuführen. Seit 2003 führen die Taliban Krieg gegen die demokratische Islamische Republik Afghanistan sowie die internationalen Truppen der ISAF in Afghanistan. Dabei richten sie sich in Anschlägen gezielt gegen die afghanische Zivilbevölkerung. Im Jahr 2009 waren sie laut Angaben der Vereinten Nationen für über 76 Prozent der Opfer unter afghanischen Zivilisten verantwortlich.[94] Die AIHRC nannte die gezielten Anschläge der Taliban gegen die Zivilbevölkerung ein „Kriegsverbrechen“.[95] Religiöse Führer verurteilten die Anschläge der Taliban als Verstoß gegen die islamische Ethik.[95]
Internationale Beobachter sowie afghanische Experten wie der ehemalige afghanische Geheimdienstchef Amrullah Saleh befürchten für den Fall eines vorzeitigen Rückzugs der internationalen Truppen der ISAF eine Massaker-Kampagne der Neo-Taliban und Hekmatyārs.[96]
Für 2011 berechnete die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) 3.021 zivile Opfer. 77 Prozent waren Opfer der Aufständischen und 14 Prozent starben bei Operationen der Nato und der afghanischen Armee. Bei 8 Prozent war keine Zuordnung möglich. 967 Zivilisten kamen durch sogenannte Unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtungen (USBV) ums Leben, 450 bei Selbstmordanschlägen, 187 bei Luftangriffen und 63 bei nächtlichen Angriffen.[97]
Im Vergleich zum Vorjahr kamen 8 Prozent mehr Zivilisten ums Leben. Dies ist vor allem durch einen Anstieg der Selbstmordanschläge zu erklären. Die Anzahl der von der ISAF getöteten ging um 18 Prozent zurück.[97]
Die Kosten für die Vereinigten Staaten belaufen sich auf etwa 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr.[98] Da die Vereinigten Staaten etwa 70 Prozent aller Truppen stellen, kann vermutet werden, dass bei ihnen auch nur 70 Prozent der anfallenden Kosten auflaufen. Damit würde der OEF/ISAF-Einsatz pro Jahr etwa 143 Milliarden US-Dollar kosten. Dem gegenüber steht der deutsche Anteil:
„Die offiziellen Kosten für die Bundeswehrmission in Afghanistan wurden bei jeder der 13 Mandatierungen durch den Bundestag seit 2001 festgeschrieben. Im ersten Jahr waren es 436 Millionen Euro, inzwischen hat sich diese Summe mehr als verdoppelt: Im Mandatstext von Januar 2011 wurde erstmals etwas mehr als eine Milliarde Euro veranschlagt.“[99] Darin enthalten sind Kosten für Personal, Infrastruktur und Material. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet darüber hinaus auch Kosten durch Tod oder Verletzung von Soldaten sowie die Investitionen von Entwicklungsministerium und Auswärtigem Amt zu den gesellschaftlichen Gesamtkosten und kommt so auf eine Summe von 17 Milliarden Euro über zehn Jahre. Jedes weitere Jahr koste nach Rechnung des DIW dreimal mehr als die offiziell veranschlagte 1 Milliarde Euro pro Jahr.[100]
Die Kosten für die Neo-Taliban können aus ihren vermuteten Einnahmen errechnet werden.
Unklar Im März 2010 veröffentlichte die US-Drogenbekämpfungsbehörde, dass die Neo-Taliban Hunderte von Millionen US-Dollar mit Drogen verdienen würden.
“The Taliban taxes opium poppy farmers, brokers, and laboratories that process opium into heroin, as well as traffickers passing through Taliban-controlled areas. They also collect donations from drug traffickers and sell drugs themselves to finance arms and munitions for their continued fight against U.S.-led forces in Afghanistan.”
„Die Taliban besteuern Opiumfarmer, Opiumhändler und Laboratorien, in denen Opium zu Heroin verarbeitet wird, sowie Händler, die durch von Taliban kontrollierten Gebieten reisen. Außerdem sammeln sie Spenden von Drogenhändlern und verkaufen selbst Drogen, um Waffen und Munition für ihren anhaltenden Kampf gegen die US-geführten Truppen in Afghanistan finanzieren zu können.“
– Anthony P. Placido: Aussage vor dem Ausschuss zur internationalen Drogenüberwachung des US-Senats[102]
Da Afghanistan keine direkte Verbindung zum Meer hat, muss der Nachschub für die ISAF- und OEF-Einheiten über das Territorium benachbarter Staaten in das Land gebracht werden. Für Massengüter ist Pakistan das wichtigste Transitland. Ausgehend von den Häfen in Karatschi führt eine wichtige Route über den Chaiber-Pass im Hindukusch nach Kabul, eine zweite Route verläuft über Quetta zum Grenzort Chaman und weiter nach Kandahar. Im Norden gibt es eine weitere Route nach Afghanistan. So konnte die NATO im Frühjahr 2010 zum ersten Mal Frachtcontainer über russisches Territorium transportieren,[103] zuvor gab es eine ähnliche Vereinbarung bereits mit einzelnen NATO-Ländern.[104] Im November 2010 wurde die Vereinbarung ausgeweitet auf den Transport von nicht bewaffneten gepanzerten Fahrzeuge.[105] Mit dem Bau einer Bahnstrecke von Usbekistan nach Mazār-i Scharif war Anfang 2010 begonnen worden, die Bauarbeiten wurden zum Jahresende 2010 abgeschlossen.[106]
Für den Lufttransport werden häufig Basen auf der Arabischen Halbinsel benutzt. Seit Beginn des Krieges gab es ähnliche Basen auch im Norden Afghanistans, etwa in der kirgisischen Stadt Bischkek am Flughafen Manas. Im usbekischen Termiz werden vom Einsatzgeschwader Mazar-e Sharif für das deutsche und niederländische ISAF-Kontingent Lufttransporte abgewickelt. Mit dem Aufbau leistungsfähiger Flughäfen (Camp Bastion (ab 2006), Bagram Air Base, Kandahar Airport, Flughafen Kabul) werden in Afghanistan direkt Ziele von außerhalb des Landes angeflogen.
Die Störung der Versorgungslinien ist ein zunehmend bedeutenderes Ziel der Taliban. Ein wichtiges Mittel sind Sprengfallen.
Pakistan sperrte für einge Monate sein Territorium für Transporte. Während dieser Zeit konnte die Route über Russland verstärkt genutzt werden.[107]
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