Als Tag von Potsdam wird die Feierlichkeit anlässlich der Eröffnung des am 5. März 1933 gewählten deutschen Reichstages in der Potsdamer Garnisonkirche bezeichnet. Am 21. März 1933, dem 62. Jahrestag der Eröffnung des ersten Reichstags des Kaiserreiches, traten an der Verehrungsstätte der preußischen Monarchie die Abgeordneten der bürgerlichen Parteien und der NSDAP zu ihrer ersten gemeinsamen Sitzung zusammen. Die auf Publikumswirksamkeit berechnete Inszenierung sollte die Vereinigung des national-konservativen, evangelischen Lagers, vertreten durch den Reichspräsidenten Hindenburg, mit der Partei des Reichskanzlers Hitler durch feierliche Erklärungen sichtbar machen. Der Rundfunk übertrug den Festakt deutschlandweit. Bis 1945 erinnerten im deutschen Alltag das Glockenspiel der Garnisonkirche als Pausenzeichen des Deutschlandsenders und Münzen mit ihrem Bild an das Ereignis.
Am 5. März 1933 war ein neuer Reichstag gewählt worden. Vor dem Hintergrund des Reichstagsbrandes in der Nacht auf den 28. Februar 1933, für den die Nationalsozialisten die Kommunisten verantwortlich machten, stärkten die Wahlergebnisse die NSDAP, allerdings verfehlte sie die absolute Mehrheit (siehe Reichstagswahl März 1933). Um eine regierungsfähige Koalition bilden zu können, war die NSDAP daher auf die rechtsnationalistische DNVP angewiesen.
Außerdem plante die Führung der NSDAP dem Reichstag das Ermächtigungsgesetz vorzulegen. Dazu war allerdings zunächst, wie für alle verfassungsändernden Gesetze in der Weimarer Republik, eine Zweidrittelmehrheit im Reichstag notwendig. Um jene zu erreichen, sollten die Reichstagsabgeordneten der liberalen Parteien, die des Zentrums und die der DNVP überzeugt werden.
Das Programm sah für den Reichspräsidenten und die evangelischen Abgeordneten einen Gottesdienst in der Nikolaikirche vor, für die katholischen einen in der katholischen Stadtpfarrkirche und, nach einem Triumphmarsch durch die Stadt, einen anschließenden Festakt in der Garnisonkirche. Im Rundfunk wurde das Geschehen in voller Länge übertragen. Zudem sorgten Übertragungen bei lokalen Veranstaltungen dafür, dass auch Bürger, die kein Rundfunkempfangsgerät besaßen, das Ereignis verfolgen konnten.
Der eigentliche Anlass des Tages, die Eröffnung des neuen Reichstages, war den Reden und Inszenierungen des Tages untergeordnet. Nach den umfangreichen Festgottesdiensten kam es vor der Garnisonkirche zu der Begegnung des Reichskanzlers Adolf Hitler mit dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, sie sollte den Höhepunkt des Tages darstellen. Dabei verbeugte sich Hitler – in ziviler Kleidung, sein einziger Auftritt in Cut und Zylinder – tief und unterwürfig vor dem Reichspräsidenten. Anschließend gaben sie sich die Hand.
Aus der Familie des ehemaligen Kaisers nahmen die Prinzen August Wilhelm, Oskar und Eitel Friedrich an der Veranstaltung teil.[1]
Die Hoffnung der Nationalsozialisten bestand darin, mit dem Tag von Potsdam einen symbolischen Fortlauf der Preußisch-Deutschen Geschichte aufzuzeigen, bei dem sich Hitler in einer Reihe mit Friedrich dem Großen, Bismarck und Hindenburg präsentieren können sollte. Auf diese Weise wollte man um die für das Ermächtigungsgesetz notwendigen Stimmen werben sowie den Rückhalt vom Volk stärken.
Die Stadt Potsdam war dabei bewusst ausgewählt worden. Sie sollte als ehemalige Residenzstadt der preußischen Könige Sinnbild eines glorifizierten Deutschlands früherer Tage sein, an welches das NS-Regime nun vorgab anknüpfen zu wollen. Der 21. März bot sich an, weil sich im Jahr 1871 an diesem Datum der erste Reichstag des deutschen Kaiserreichs konstituiert hatte. Die Veranstaltung gilt als die erste größere Inszenierung des Propagandaministers Joseph Goebbels.
Mit der Geste zwischen dem Reichspräsidenten und dem Reichskanzler schien sich Hitler demonstrativ dem populären Kriegshelden und Landesvater, und damit zugleich auch dem hier hervorgerufenen Geschichtsbild, unterzuordnen. Die Geste sollte außerdem der DNVP, deren Sinnbild Hindenburg war, andeuten, dass sie Hitler kontrollieren könnte. Durch seine mit dem Handschlag angedeutete Anerkennung Hindenburgs wurde der ehemalige Gefreite Hitler auch für das Militär als späterer Heerführer denkbar. Den bürgerlichen Schichten, die durch das radikale Auftreten Hitlers verunsichert waren, wurde suggeriert, dass immer noch Hindenburg der eigentliche Herr im Staat sei und von Hitler keine Gefahr ausgehe.
Die SPD nahm an der Veranstaltung demonstrativ nicht teil, die Mitglieder der KPD, sowie einige Führungsmitglieder der SPD waren laut Wilhelm Frick „durch nützliche Arbeiten in den Konzentrationslagern“ am Erscheinen gehindert. Als sich der neue Reichstag dann am 23. März 1933 zur Beratung und Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz zusammenfand, erhielt das Ermächtigungsgesetz bei allen Abgeordneten außer denen der SPD Zustimmung. Somit konnte das Ermächtigungsgesetz mit deutlicher Mehrheit verabschiedet werden. In den Reden vor der Abstimmung wurde häufig auf die zwei Tage zuvor stattgefundene Veranstaltung Bezug genommen.
Die NS-Propaganda hat mit ihrer Inszenierung tief in das deutsche Geschichtsbild, vor allem im Ausland, eingegriffen und 500 Jahre brandenburg-preußischer (einschließlich 232 Jahre königlich-preußischer) Geschichte auf Pomp, Märsche, Paraden, prunkende Waffen und Uniformen reduziert. Bis heute hat sich daher die historisch banale Vorstellung im Bewusstsein vieler Menschen auch im Ausland gehalten, Hitler habe tatsächlich die Politik Preußens fortgeführt.
Historiker wie Sebastian Haffner versuchten in den letzten Jahrzehnten das in der Öffentlichkeit vorherrschende Bild vom preußischen Staat zu revidieren. Sie konnten beispielsweise darlegen, dass Preußen im Wesentlichen eine rechtsstaatliche Tradition gehabt hatte, die von Hitler nach seiner „Machtergreifung“ zunichte gemacht wurde. Ebenso beispielhaft für die preußischen Tugenden war Haffner zufolge der Gedanke der Toleranz oder „staatlichen Gleichgültigkeit“ gegenüber dem religiösen Glaubensbekenntnis der Bevölkerung, der ebenfalls im Widerspruch zur nationalsozialistischen Politik stehe.
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