Tony Judt
Karriere
Judt studierte an der University of Cambridge. Er erwarb dort 1969 den Bachelor of Arts und 1972 den Ph.D. in Geschichtswissenschaft. 1966 arbeitete er in einem Kibbuz in Machanajim und während des Sechstagekrieges 1967 als Fahrer und Übersetzer für die israelische Armee. Seine bis dahin prozionistische Haltung wurde aber immer stärker erschüttert. Judt trat 2003 durch ein Plädoyer für einen binationalen israelisch-palästinensischen Staat (Einstaatenlösung) für das Gebiet von Palästina hervor. Seine veränderte Haltung in dieser Frage führte dazu, dass ein Vortrag von ihm auf Druck der Anti-Defamation League abgesagt wurde und man für ihn Saalschutz anfordern musste.[2]
Judt hatte eine paneuropäische Perspektive und betrachtete Europa als zusammengehörig. Er kritisierte Teile der 68er, da sie sich seiner Ansicht nach in Theorien verzettelten und dadurch ein verengtes Verständnis hinterließen. Er wandte sich auch gegen frühere Weggefährten, die nun die Bush-Regierung unterstützten und seiner Ansicht nach zu „liberalen Falken“ und „nützlichen Idioten“ geworden sind. Ebenfalls kritisch betrachtete Judt die jüngere Entwicklung Europas: der Westen habe eine gemeinsame moralische Sprache verlernt, mit der sich Solidarität begründen ließe.[3] Während seiner zwei letzten Lebensjahre litt er an amyotropher Lateralsklerose.[4]
1996 wurde Judt zum Fellow der American Academy of Arts and Sciences gewählt, 2007 zum Fellow der British Academy. 2006 wurde Judt mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch[5], 2007 mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis und dem Hannah-Arendt-Preis (als „eine Persönlichkeit, die sich in der öffentlichen Debatte über Europa und den Westen … engagiert“)[6] ausgezeichnet. Judt war Fellow of the British Academy und der American Academy of Arts and Sciences.
Werke
- Marxism and the French Left: Studies on Labour and Politics in France 1830–1982. Clarendon, 1990, ISBN 0-19-821578-9.
- A Grand Illusion? An Essay on Europe. Douglas & McIntyre, 1996, ISBN 0-8090-5093-5.
- Große Illusion Europa. Herausforderungen und Gefahren einer Idee. Hanser, München/Wien 1996, ISBN 3-446-18755-3.
- The Burden of Responsibility: Blum, Camus, Aron, and the French Twentieth Century. University of Chicago Press, 1998, ISBN 0-226-41418-3.
- Socialism in Provence 1871–1914. A Study in the Origins of the Modern French Left. Cambridge University Press, 2000, ISBN 0-521-22172-2.
- Identity Politics in a Multilingual Age. Palgrave, 2004, ISBN 1-4039-6393-2.
- Postwar. A History of Europe Since 1945. Penguin Press, 2005, ISBN 1-59420-065-3.
- Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart. Hanser, München/Wien 2006, ISBN 3-446-20777-5.
- Reappraisals. Reflections on the Forgotten 20th Century. Penguin Press, 2008, ISBN 978-1-594-20136-3.
- Das vergessene 20. Jahrhundert. Die Rückkehr des politischen Intellektuellen. Hanser, München/Wien 2010, ISBN 978-3-446-23509-0.
- Ill Fares the Land. Penguin, New York 2010, ISBN 978-1-594-20276-6.
- Dem Land geht es schlecht – Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit. Hanser, München/Wien 2011, ISBN 978-3-446-23651-6.
- The Memory Chalet. The Penguin Press, New York 2010, ISBN 978-1-594-20289-6.
- Das Chalet der Erinnerungen. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Hanser Verlag, München 2012, ISBN 978-3-446-23815-2.
Weblinks
- Beiträge
- Interviews
- USA und Europa – Kampf der Modelle, Interview von Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung, 7. Dezember 2005
- Historiker Tony Judt: „Was die USA tun, ist katastrophal für die Welt“, Interview von Uwe Schmitt in der Welt, 12. September 2006
- USA: „Amerika bietet der Welt keine Alternative mehr“, Interview von Thomas Assheuer in der Zeit, 4. November 2006
- „Israel scheint mir wie eine kleine Kolonie Amerikas“, Interview von Thomas Seifert in der Presse, 13. Juni 2007
- Der Irak-Krieg ist nicht die Lösung, sondern das Problem, Interview von Thorsten Stegemann in Telepolis, 25. September 2007
- „Wir brauchen eine ethische Weltsicht“, Interview von Jörg Lau in Die Zeit, 12. August 2010
- Rezensionen und Nachrufe
Einzelnachweise
- ↑ Jamie Doward: Historian Tony Judt dies aged 62, The Guardian, 7. August 2010, abgerufen am 10. Februar 2012 (engl.)
- ↑ Isolde Charim: Der Historiker Europas: Tony Judt ist tot, taz, 10. August 2008, abgerufen am 10. Februar 2012
- ↑ Jan-Werner Müller: Wahrhaft paneuropäisch – und polemisch : Zum Tod des britischen Historikers Tony Judt, NZZ, 10. August 2010, abgerufen am 10. Februar 2012
- ↑ Michael Freund: Tony Judt: „Sagen, woraus eine gute Gesellschaft besteht“, Der Standard, 20. Oktober 2009, abgerufen am 10. Februar 2012
- ↑ Isolde Charim: Wo Israel zur Kernfrage wurde,, Der Standard, 12. Juni 2007, abgerufen am 10. Februar 2012 (Interview)
- ↑ Tony Judt: Das Problem des Bösen im Nachkriegseuropa : Festrede anlässlich der Hannah-Arendt-Preisverleihung 2007 (vom Autor nicht autorisierte Übersetzung von Ute Szczepanski auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung), abgerufen am 10. Februar 2012
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Diese Seite wurde zuletzt am 1. Mai 2012 um 14:55 Uhr geändert.