Die Nationale Islamische Vereinte Front zur Rettung Afghanistans (persisch جبهه متحد اسلامی ملی برای نجات افغانستان , Dschabhe-ye Mottahed-e Eslami-ye Melli baraye Nedschat-e Afghanistan), kurz Vereinte Front und in westlichen Medien meist als Nordallianz bekannt, war ein gegen die Taliban gerichtetes militärisches und politisches Bündnis. Bis 1998 war eine Fraktion der Vereinten Front unter der Führung Ahmad Shah Massouds, und die andere unter der Führung Abdul Raschid Dostums. Von 1999 bis September 2001, verblieb Ahmad Shah Massoud der einzige anti-Taliban Führer in Afghanistan. Die Vereinte Front vereinte Vertreter aller Ethnien Afghanistans (Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Usbeken, Turkmenen) gegen das Taliban-Regime. Ahmad Shah Massoud verfolgte das Ziel, mit Hilfe der Vereinten Front eine demokratische Staatsform in Afghanistan zu errichten.
Von Ende 1996 bis November 2001 kontrollierte die Vereinte Front Gebiete, die etwa 30 % der Bevölkerung Afghanistans beheimateten. Hierzu zählten Provinzen wie Badakhshan, Kapisa, Takhar, Parwan, Kunar, Nuristan, Laghman, Samangan, Kunduz, Ghōr und Bamyan.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eroberte die Vereinte Front mit amerikanischer Luftunterstützung weite Teile Afghanistans, stürzte das Taliban-Regime und errichtete mit internationaler Unterstützung die demokratische Islamische Republik Afghanistan.
Ahmad Shah Massoud galt ab 1998 als der unbestrittene Anführer der Vereinten Front.
Der Vereinten Front hatten sich folgende Kommandanten angeschlossen:
Die beiden stärksten Anwärter auf das Präsidentenamt bei den afghanischen Präsidentschaftswahlen in 2009 waren ebenfalls Mitglieder der ehemaligen Vereinten Front:
Politische Parteien spielten zu jener Zeit im Gegensatz zu den Kommandanten eine untergeordnete Rolle. Die folgenden Parteien hatten sich der Vereinten Front offiziell angeschlossen:
Nach dem Zusammenbruch des sowjetgestützten kommunistischen Regimes von Präsident Mohammed Nadschibullah einigten sich die Widerstandsparteien im Jahre 1992 auf einen Friedensvertrag, die Peshawar Accords, welche den Islamischen Staat Afghanistan begründeten und eine Regierung für eine Übergangszeit einsetzten.[1]
Gulbuddin Hekmatyar und seine Hizb-i Islāmi Miliz starteten eine umfassende Bombenkampagne gegen die Hauptstadt Kabul und die von den Parteien benannte Übergangsregierung. Dies geschah, obwohl Hekmatyar wiederholt das Amt des Ministerpräsidenten angeboten worden war. Hekmatyar wurde von Pakistan bewaffnet, finanziert und angeleitet.[2] Afghanistan Experte und Universitätsprofessor Amin Saikal kam in Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival zu dem Schluss:
Abdul Rashid Dostum und seine Miliz gingen Anfang 1994 eine Allianz mit Hekmatyar ein. Die Machtstrukturen in Afghanistan waren sehr dezentralisiert.
Der Süden Afghanistans war weder unter der Kontrolle der Zentralregierung noch unter der Kontrolle von außen kontrollierter Milizen wie der Hekmatyars. Lokale Milizen- oder Stammesführer beherrschten den Süden. 1994 traten die Taliban in der südlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung. Die Taliban-Bewegung stammte ursprünglich aus religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan, welche meist von der politischen pakistanischen Partei Jamiat Ulema-e Islam geführt wurden.[4] Im Laufe des Jahres 1994 übernahmen die Taliban die Macht in verschiedenen südlichen und westlichen Provinzen Afghanistans.
Ebenfalls Ende 1994/Anfang 1995 besiegte der afghanische Verteidigungsminister Ahmad Shah Massoud die Milizen, die um die Kontrolle der Hauptstadt Kabul gekämpft hatten, in Kabul. Die Bombardierung der Hauptstadt kam zu einem Halt.[5][6] Massoud initiierte einen landesweiten politischen Prozess mit dem Ziel nationaler Konsolidierung und demokratischen Wahlen.[7] Es fanden drei Konferenzen mit Vertretern aus den meisten Provinzen Afghanistans statt.[7] Massoud lud die Taliban ein, sich diesem Prozess anzuschließen und sich an der Schaffung von Stabilität zu beteiligen.[7] Die Taliban lehnten eine demokratische Staatsform ab.[7]
Anfang 1995 starteten die Taliban großangelegte Bombenkampagnen gegen Kabul. Amnesty International schrieb:
Die Taliban erlitten eine Niederlage gegen die Truppen Massouds.[5] Im September 1996 hatten sich die Taliban mit militärischer Unterstützung Pakistans und finanziellen Hilfen aus Saudi Arabien neu formiert und planten eine erneute Großoffensive gegen Kabul. Am 26. September 1996 befahl Massoud einen strategischen Rückzug seiner Truppen in den Norden Afghanistans.[8] Am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan, welches lediglich von Pakistan, Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. Die Regierung des Islamischen Staates Afghanistans blieb die international anerkannte Regierung Afghanistans (mit einem Sitz bei den Vereinten Nationen).
Die Taliban verhängten über die Gebiete unter ihrer Kontrolle ihre politische und juristische Interpretation des Islam. Die Hälfte der Bevölkerung, die Frauen, lebten quasi unter Hausarrest.[9]
Taliban Massaker
Nach einem Bericht der Vereinten Nationen begingen die Taliban systematische Massaker gegen die Zivilbevölkerung während sie versuchten ihre Kontrolle im Westen und Norden Afghanistans zu konsolidieren.[10][11] Die Vereinten Nationen benannten 15 Massaker in den Jahren 1996 bis 2001.[10][11] Diese seien "höchst systematisch gewesen und alle auf das Verteidigungsministerium [der Taliban] oder Mullah Omar persönlich zurückzuführen."[10][11] Die sogenannte 055 Brigade Al-Qaidas war ebenfalls an Greueltaten gegen die afghanische Zivilbevölkerung beteiligt.[12] Der Bericht der Vereinten Nationen zitiert Zeugenaussagen welche beschreiben, dass arabische Milizionäre lange Messer mit sich trugen, mit denen sie Kehlen aufschnitten und Menschen häuteten.[10][11]
Ahmad Shah Massoud und Abdul Rashid Dostum, frühere Gegner, gründeten die Vereinte Front ursprünglich als Reaktion auf massive Talibanoffensiven gegen die Gebiete unter der Kontrolle Massouds auf der einen Seite und die Gebiete unter der Kontrolle Dostums auf der anderen Seite. Schon bald entwickelte sich aus der Vereinten Front jedoch eine nationale politische Widerstandsbewegung gegen die Taliban. Dieser traten die von den Taliban durch ethnische Säuberungen verfolgte Volksgruppe der Hazara bei, ebenso wie paschtunische anti-Taliban Führer wie der spätere Präsident Hamid Karzai, der aus dem Süden Afghanistans stammt, oder Abdul Qadir. Qadir entsprang einer einflussreichen Familie, welche großen Einfluss im paschtunischen Osten Afghanistans um Dschalalabad genoss.
Die Situation der Menschenrechte hing von den jeweiligen Kommandeuren ab, die bestimmte Gebiete kontrollierten. Human Rights Watch verzeichnet keine Menschrechtsverbrechen für die Truppen unter der direkten Kontrolle Ahmad Shah Massouds für den Zeitraum von Oktober 1996 bis zu Massouds Ermordung im September 2001.[13] Massoud hatte Kontrolle über Panjshir, Thakar, einige Teile Parwans und Badakshans.
Nach Angaben von Human Rights Watch datieren die meisten Menschenrechtsverletzungen, die von Mitgliedern der Vereinten Front begangen wurden, in dem Zeitraum von 1996 bis 1998, während Abdul Rashid Dostum weite Teile des Nordens kontrollierte.[13] Bis zu seiner Niederlage im Jahr 1998 kontrollierte Dostum Samangan, Balkh, Jowzjan, Faryab und Baghlan. Im Jahr 1997 exekutierten Dostums Truppen unter dem Kommando von Abdul Malik Pahlawan 3000 Taliban-Gefangene in und um Mazar-i Sharif.[13] Im Jahr 1998 besiegten die Taliban Abdul Rashid Dostum in Mazar-i Sharif. Dostum ging ins Exil. Wenig später verloren auch die Hezb-i Wahdat Truppen ihre Gebiete an die Taliban. Die Taliban ermordeten in der Folge um die 4000 Zivilisten in und um Mazar-i Sharif in einer gezielten Kampagne.
Ahmad Shah Massoud blieb der einzige Kommandeur, der seine Gebiete erfolgreich gegen die Taliban verteidigen konnte. Pakistan intervenierte militärisch auf Seiten der Taliban, konnte jedoch keine Niederlage Massouds herbeiführen.
Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf - damals u. a. als Stabschef des Militärs - entsandte zehntausende Pakistaner um an der Seite der Taliban und Al-Qaida gegen die Vereinte Front zu kämpfen.[7][14][15][16] Insgesamt gehen Schätzungen von 28.000 pakistanischen Staatsbürgern, die innerhalb Afghanistans kämpften, aus.[7] 20.000 davon waren reguläre pakistanische Soldaten des sogenannten Frontier Corps oder der Armee. Weitere geschätzte 8.000 waren Milizionäre, die in sogenannten Madrassas rekrutiert wurden, um innerhalb der Armee der Taliban zu kämpfen.[12] Die geschätzten 25.000 Talibantruppen beinhalteten 8.000 pakistanische Staatsbürger.[12] Ein Dokument des amerikanischen Außenministeriums aus dem Jahre 1998 bestätigt, "20-40 Prozent der [regulären] Taliban Soldaten sind Pakistaner."[14] Der Bericht des Außenministeriums beschreibt ebenfalls, dass die Eltern der pakistanischen Staatsbürger "nicht von der militärischen Involvierung ihrer Kinder mit den Taliban wissen, bis ihre [toten] Körper zurück nack Pakistan gebracht werden."[14]
Weitere 3000 Soldaten der regulären Taliban Armee waren Milizionäre aus arabischen Ländern oder Zentralasien.[12] Von 1996 bis 2001 wurde die Al-Qaida von Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri zu einem Staat innerhalb des Taliban Staates.[17] Bin Laden sandte seine Rekruten gegen die Vereinte Front.[17][18]
Von geschätzten 45.000 Soldaten, die gegen die Vereinte Front innerhalb Afghanistans kämpften, waren nur etwa 14.000 Afghanen.[12][7]
Ahmad Shah Massoud verblieb der einzige Führer der Vereinten Front in Afghanistan, der seine Gebiete erfolgreich verteidigen konnte. Die Taliban boten ihm wiederholt eine Machtposition an. Massoud lehnte dies ab. Er erklärte in einem Interview:
Massoud wollte die Taliban davon überzeugen, sich einem politischen Prozess anzuschließen, welcher letztendlich zu demokratischen Wahlen führen sollte.[19][21]
Anfang 2001 wandte die Vereinte Front eine neue Strategie von lokalem militärischem Druck und einer globalen politischen Agenda an.[22] Ressentiments und Widerstand gegen die Taliban, ausgehend von den Wurzeln der afghanischen Gesellschaft, wurden immer stärker. Dies betraf auch die paschtunischen Gebiete.[22] Insgesamt flohen schätzungsweise eine Million Menschen vor den Taliban.[23] Hunderttausende Zivilisten flohen in die Gebiete von Ahmad Shah Massoud.[15][24] Der National Geographic kam in seiner Dokumentation "Inside the Taliban" zu dem Schluss:
In den Gebieten unter seiner Kontrolle errichtete Massoud demokratische Institutionen und unterschrieb die Deklaration für Frauenrechte.[7] Er trainierte verstärkt Polizeikräfte, die eine Wiederholung des Chaos von Kabul (1992-1994) verhindern sollten, würde die Vereinte Front erfolgreich sein.[22][7]
Im Frühling 2001 sprach Ahmad Shah Massoud vor dem Europäischen Parlament in Brüssel und bat die internationale Gemeinschaft um humanitäre Hilfe für die Menschen Afghanistans.[23] Er erklärte, dass die Taliban und Al-Qaida eine "sehr falsche Interpretation des Islam" eingeführt hätten und dass die Taliban, wenn sie nicht die Unterstützung Pakistans hätten, ihre militärischen Kampagnen innerhalb eines Jahres nicht mehr aufrechterhalten könnten.[23] Auf seinem Besuch nach Europa, bei dem ihn die europäische Parlamentspräsidentin Nicole Fontaine den "Pol der Freiheit in Afghanistan" nannte, warnte Massoud davor, dass sein Geheimdienst Informationen habe, denen zufolge ein großangelegter Anschlag auf amerikanischem Boden unmittelbar bevorstehe.[25]
Am 9. September 2001 ließen zwei arabische Selbstmordattentäter, die sich für Journalisten ausgegeben hatten, während eines Interviews mit Massoud in Takhar, Afghanistan, eine Bombe, die sie in ihrer Videokamera versteckt hatten, detonieren. Massoud starb wenig später an seinen Verletzungen.[26] Obwohl die Beerdigung in dem sehr ländlichen Panjshir-Tal stattfand, nahmen hunderttausende trauernder Afghanen an ihr teil. Viele befürchteten nach der Ermordung Massouds den endgültigen Sieg der Taliban.
Die Ermordung Massoud hat nach Auffassung vieler Experten eine starke Verbindung zu den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA, welche die Anschläge seien würden, vor denen Massoud bei seinem Besuch in Europa fünf Monate zuvor gewarnt hatte. John P. O'Neill, ein Counter-Terrorismus Experte und bis Mitte 2001 stellvertretender Direktor des FBI, nahm zwei Wochen vor den Anschlägen auf das World Trade Center die Position des Sicherheitschef der Zwillingstürme ein. Am 10. September 2001 erzählte John O'Neill zwei Freunden:
John O'Neill starb am 11. September 2001, als der Südturm zusammenbrach.[27]
Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA wollte die US-geführte "internationale Koalition" eigene große Bodenoperationen vermeiden und entschloss sich daher, die Vereinte Front, die nun militärisch von Mohammed Qasim Fahim, dem stellvertretendem Verteidigungsminister Afghanistans, geführt wurde, insbesondere durch Luftoperationen, zu unterstützen. Mithilfe amerikanischer Luftunterstützung und amerikanischer und britischer Spezialeinheiten eroberte die Vereinte Front weite Teile Afghanistans. Der Präsident des Islamischen Staates Afghanistan Burhanuddin Rabbani nahm die Position des Präsidenten, die er seit 1996 nur noch de iure innehatte, auch de facto wieder ein.
Auf der Afghanistan-Konferenz in Bonn zur Befriedung und Demokratisierung des Landes im November 2001 fiel Vertretern der Vereinten Front als De-facto-Regierung eine Schlüsselrolle zu. Außenminister wurde Abdullah Abdullah, das Innenressort übernahm der Vereinte Front-Delegationsleiter Junus Ghanuni, der neue Verteidigungsminister hieß Mohammed Qasim Fahim.
Die von vielen befürchtete Wiederholung des Chaos von 1992 blieb aus. Der dominierende Einfluss der Mitglieder der Vereinten Front wurde im Kabinett mit der Zeit zurückgedrängt, ohne dass es zu größeren Regierungskrisen kam. Die Soldaten der Vereinten Front wurden weitgehend in die neu geschaffene Afghanische Nationalarmee integriert.
Abdullah Abdullah, ein enger persönlicher Freund Ahmad Shah Massouds, ehemaliger Außenminister Afghanistans unter Hamid Karzai und stärkster Gegenkandidat Karzais bei den Präsidentschaftswahlen 2009, gründete 2010 die Koalition für Wandel und Hoffnung (Coalition for Change and Hope). Die Koalition für Wandel und Hoffnung gewann bei den Parlamentswahlen 2010 über 90 von 249 Parlamentsmandaten und stellt damit die größte demokratische Oppositionskraft dar.
Amrullah Saleh, ehemaliger Geheimdienstler der Vereinten Front, war von 2004 bis 2010 Direktor des größten afghanischen Geheimdienstes, dem NDS. Heutzutage leitet er eine Aufklärungskampagne gegen die Taliban und deren Unterstützer in Pakistan.
Im März 2007 gründete Burhanuddin Rabbani die Nationale Vereinigte Front (persisch جبهه متحد ملی افغانستان, Dschabhe-ye Mottahed-e Melli), der sich einige ehemalige Mitglieder der Vereinten Front anschlossen haben, darunter Raschid Dostum, Mohammed Fahim, Junus Ghanuni und Ismail Khan. Sie bezeichnet sich selbst als „loyale Opposition“ gegenüber der Karzai-Regierung. Die Nationale Vereinigte Front tritt für eine Schwächung der starken Rolle des Präsidenten und der Zentralregierung ein.
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