Der Friedensvertrag von Trianon (auch Vertrag von Trianon), einer der Pariser Vorortverträge, die den Ersten Weltkrieg formal beendeten, besiegelte 1920 die 1918/1919 erfolgten Sezessionen aus dem Königreich Ungarn – bis 1918 mit Österreich in der Realunion Österreich-Ungarn verbunden – nach dem für die Doppelmonarchie verlorenen Krieg. Ungarn musste damit völkerrechtlich verbindlich zur Kenntnis nehmen, dass zwei Drittel des Territoriums des historischen Königreichs Nachbar- und Nachfolgestaaten zufielen.
Die Fakten waren also zum größten Teil längst geschaffen, als Ungarn Ende 1919, nach den Verhandlungen mit Österreich, nach Paris eingeladen wurde. Der mit Österreich im September 1919 abgeschlossene Vertrag von St. Germain hatte überdies bereits die Entscheidung getroffen, dass Deutsch-Westungarn an Österreich fällt und dass Österreich an die Tschechoslowakei (und nicht mehr an Oberungarn) grenzt. Ungarn forderte erfolglos eine Revision und eine Volksabstimmung über die abzutretenden Gebiete. Wie Österreich wurde Ungarn von der Triple-Entente als Kriegsverlierer und nicht als gleichwertiger Verhandlungspartner betrachtet.
Schließlich unterzeichnete Ungarn am 4. Juni 1920 den Friedensvertrag im Versailler Palais Grand Trianon. Für Ungarn unterschrieben Ágoston Benárd, Minister für Wohlfahrt, und Alfréd Drasche-Lázár, Botschafter. Der Vertrag bestätigte zumeist nur die faktisch bereits bestehende Situation.
Zu den Signatarmächten zählten Großbritannien, Frankreich und Italien (zur so genannten Triple-Entente zusammengeschlossen und die eigentlichen Gegner der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn im Krieg), Japan, Belgien, Siam, Griechenland, Nicaragua, Panama, das im Herbst 1918 wiedererstandene Polen, Portugal, Rumänien, das neu gebildete serbisch-kroatisch-slowenische Königreich (mit Serbien als erstem von Österreich-Ungarn im August 1914 angegriffenen Staat) und die neue Tschecho-Slowakei (die Exiltschechen in den USA hatten dort bereits während des Krieges für ihren gemeinsamen Staat mit den Slowaken argumentiert). Die Vereinigten Staaten unterzeichneten den Vertrag nicht; Ungarn und die USA beschlossen den Frieden in Washington, D.C. mit einem separaten Vertrag auf Grundlage des Vertrags von Trianon, jedoch ohne die Artikel zum Völkerbund, bei dem die USA nur Beobachterstatus hatten.
Deutsch-Westungarn, seit 1919 von den Österreichern Burgenland genannt, sollte an Österreich angeschlossen werden; eine der wenigen Bestimmungen des Vertrags von Trianon, die bei der Unterzeichnung noch nicht realisiert waren. Ungarische Freischärler beschossen jedoch die österreichische Gendarmerie und verhinderten vorerst die Verwaltung des Burgenlandes durch Österreich. Ödenburg (Sopron) war als Landeshauptstadt vorgesehen. Die in der Stadt und den umgebenden Dörfern im Dezember 1921 auf Vermittlung Italiens abgehaltene Volksabstimmung ging zugunsten Ungarns aus; der Großteil des Burgenlandes wurde im Herbst 1921 ohne Volksabstimmung an Österreich angegliedert.
Der Vertrag bestimmte, da die Grenzziehung oft nach strategischen Aspekten erfolgte, die Trennung von etwa drei Millionen Magyaren vom heutigen Ungarn.[2] Die meisten Magyaren außerhalb Ungarns lebten in Grenzgebieten – in der südlichen Slowakei, in der Karpatoukraine (1.072.000), in der Vojvodina (Nordserbien), in Partium und in Prekmurje (Slowenien, 571.000) sowie in Rumänien (1.664.000; Angaben auf Grundlage der Volkszählung von 1910).[3] In Rumänien und in der heutigen Slowakei gab es Inseln mit überwiegend ungarischen Bevölkerung, heute sind die Ungarn dort teilweise die Minderheit.
Andererseits verblieben aber auch sehr viele Nicht-Magyaren auf dem Gebiet des übrig gebliebenen Ungarns (Volkszählung 1920): 551.211 Deutsche, 141.882 Slowaken, 23.760 Rumänen, 59.875 Kroaten, 17.131 Serben[4] und 60.748 übrige (unter anderen Slowenen, Bunjewatzen und Šokci). Zugleich gaben 399.176 Personen an, dass sie der slowakischen, 179.928 der serbischen oder kroatischen und 88.828 der rumänischen Sprache mächtig seien.
Ungarn wurde als Kriegsverlierer wie Österreich mit hohen Reparationen belastet, Ungarns Wirtschaftsbeziehungen zu seinen Nachbarn wurden durch die Errichtung hoher Zollmauern unterbrochen. Da gleichzeitig viele Flüchtlinge aus den abgetrennten Gebieten nach Ungarn strömten, verschlechterte sich die Wirtschaftslage Ungarns dramatisch. Aufgrund dessen und wegen der autoritären ungarischen Innenpolitik verließen viele ungarische Intellektuelle und Künstler ihr Land.
Die Magyaren waren nach dem Vertrag von Trianon entrüstet und schockiert, da die abgefallenen bzw. abzutretenden Gebiete seit dem 11. Jahrhundert nach und nach zum Königreich Ungarn gekommen waren. Die Losung der damaligen Widerstandskämpfer lautete „Nein! Nein! Niemals!!“ (ungarisch: Nem! Nem! Soha!!). Die Flaggen im gesamten Ungarn wurden bis zum Ersten Wiener Schiedsspruch 1938 auf Halbmast gesenkt. Erst dann wurden sie wieder um ein Drittel gehoben.
In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts mussten die Schüler am Schultagsbeginn ein Gebet sprechen, in dem die Revision, d. h. die Wiederherstellung Großungarns gefordert wurde (Ich glaube an einen Gott, ich glaube an eine Heimat, ich glaube an die unendliche göttliche Wahrheit, ich glaube an die Auferstehung Ungarns! - ungarisch: Hiszek egy Istenben, Hiszek egy hazában, Hiszek egy Isteni örök igazságban, Hiszek Magyarország feltámadásában.).
Die Wiener Schiedsprüche von 1938 und 1940 unter der Regie des nationalsozialistischen Deutschland korrigierten Trianon im Sinn Ungarns, wurden aber 1945 / 1947 für ungültig von Anfang an („ex tunc“) erklärt. Somit ist der Vertrag von Trianon (so wie der von St. Germain mit Österreich) nach wie vor gültig und Teil des Rechtsystems aller Nachfolgestaaten. Die Pariser Friedenskonferenz hat für die Tschechoslowakei kleine Gebietsgewinne südlich von Bratislava / Pozsony / Pressburg gebracht. Seit 1945 hat den Vertrag von Trianon keine Großmacht in Frage gestellt.
Am 4. Juni 2010 - also 90 Jahre nach Unterzeichnung des Vertrags - beging das ungarische Parlament zum ersten Mal den so genannten Tag der nationalen Zusammengehörigkeit.[5] Die Slowakei fühlte sich damit provoziert.[6]
Noch heute gibt es rechtsextreme Parteien, die die Grenzrevision in ihrem Parteiprogramm haben. Das Thema Trianon dient auch im 21. Jahrhundert ungarischen Rechtsextremen, wie das Thema Versailles in der Zwischenkriegszeit deutschen Rechtsextremen gedient hat: Man kann damit über den engen Kreis der eigenen Anhänger Sympathie im Land gewinnen und baut „automatisch“ einen Außenfeind auf, wie ihn jede derartige Bewegung braucht. (Von Trianon sind sämtliche Nachbarstaaten Ungarns betroffen.) Das Magyaren-Reich ist in diesem Gedankengebäude der ewige, zu Unrecht bestrafte Verlierer.[7][8][9]
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