Der Windsbacher Knabenchor ist ein in Windsbach / (Mittelfranken) ansässiger deutscher Knabenchor. Er steht in der Tradition der großen deutschen Knabenchöre, deren Aufgaben nicht allein in ihrer Konzerttätigkeit liegen, sondern gleichermaßen in der Erfüllung liturgischer Aufgaben. Dazu zählen bei den Windsbachern die Gottesdienste in Windsbach und die Motetten in der Sankt Lorenz Kirche in Nürnberg. Der Chor ist eine Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Hans Thamm, ehemaliger Sänger des Dresdner Kreuzchors, wurde 1946 als Chorpräfekt in das Evangelische Pfarrwaisenhaus Windsbach berufen. Neben dieser Tätigkeit unterrichtete Hans Thamm auch das Fach Musik am Humanistischen Gymnasium in Windsbach. Binnen kurzer Zeit formte er unter schwierigen materiellen Umständen aus einem Schul- und Internatschor einen hervorragenden Knabenchor. Noten, Stimmen und Partituren mussten damals mit der Hand geschrieben und von Hand kopiert werden. Lebensmittel für das Internat ersangen die Jungen in den umliegenden Dörfern. Zu den Konzerten wurde zunächst zu Fuß gegangen. Seine erste große Bewährungsprobe bestand der Chor, jetzt bereits als Windsbacher Knabenchor, auf der Ansbacher Bachwoche 1948. Thamm wurde sowohl von Rudolf Mauersberger, wie auch von Karl Richter dazu ermutigt, durchzuhalten und an seinem Projekt weiterzuarbeiten. Sehr bald begannen regelmäßige Tonband-Aufnahmen durch den Bayerischen Rundfunk. Von den dafür geleisteten Honoraren bekamen die Chorschüler ein Stipendium, das es vielen Eltern erst ermöglichte, die Internatskosten zu bezahlen. Ab Mitte der Fünfziger Jahre bedrohte ein neues Phänomen die Existenz der Chores: immer früher kam ein Großteil der jugendlichen Chorsänger in den Stimmbruch. Als Lösung war der Umzug des Chores an die Sankt Lorenz Kirche nach Nürnberg vorgesehen, um in der Großstadt mehr Chorsänger zu bekommen. Da diese Idee bei der Landeskirche nicht auf Gegenliebe stieß, wurde 1957 mit Hilfe öffentlicher Mittel das erste Chorhaus in Windsbach gebaut. Durch die dazu gewonnene Kapazität konnten, nach dem Vorbild der Regensburger Domspatzen, nun auch Grundschüler in Chor-Vorbereitungsklassen aufgenommen werden. Erste Schallplatteneinspielungen entstanden im Jahr 1958 unter dem Label Capella, später umbenannt in Cantate (Decca). Im Jahre 2010, drei Jahre nach seinem Tod, startete eine kleine Gruppe ehemaliger Internatsschüler eine Kampagne gegen den Chorgründer Hans Thamm wegen angeblicher Kindesmisshandlungen in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Diese Vorwürfe werden von vielen ehemaligen Chormitgliedern vehement bestritten.[2]
Thamms Nachfolger Karl-Friedrich Beringer übernahm 1978 die Leitung des Chores. Unter seiner Ägide entwickelt sich der Windsbacher Knabenchor sehr rasch zu einem international renommierten Vokalensemble. Beringer erweitert das Repertoire der Windsbacher und arbeitete für seine Aufführungen mit deutschen Spitzen-Orchestern zusammen. Auch gegen ihn wurden im Jahr 2004 in der Presse Vorwürfe laut[3][4]. Umfangreiche Untersuchungen der zuständigen Staatsanwaltschaft Ansbach entlasteten Beringer sowohl vom Vorwurf der Körperverletzung als auch vom Vorwurf der Misshandlung von Schutzbefohlenen. Karl-Friedrich Beringer wurde 1992 die Leitung des Dresdner Kreuzchors und kurz darauf des Thomanerchors Leipzig in Leipzig (wie schon 1957 Hans Thamm) angetragen. Er blieb aber bei den Windsbachern und wurde im Dezember 2011 verabschiedet [5]. Sein Nachfolger ist seit 1.Februar 2012 der ehemalige Kruzianer Martin Lehmann [6], bis dahin Leiter der Wuppertaler Kurrende.
Die meisten Sänger sind im evangelisch-lutherischen Studienheim untergebracht und werden in speziellen Chorklassen des externen Johann-Sebastian-Bach-Gymnasiums unterrichtet. Dadurch kann auf die besonderen Bedürfnisse der Sänger eingegangen werden. Zur Gesangsausbildung im Internat gehören unter anderem Stimmbildung, Musiktheorie und die täglichen Chorproben. Um die Erledigung von Hausaufgaben, sowie Vertiefung von Lehrstoff sicherzustellen, ist für Unter- und Mittelstufe die tägliche Studierzeit im Internat obligatorisch. Je nach Leistungsstand wird in diesem Rahmen fachbezogen eine vertiefende Nacharbeit durch Lehrer des Gymnasiums angeboten, um Versäumnisse durch Unterrichtsausfall aufgrund von Tourneen und Sonderchorproben vor wichtigen Aufführungen zu kompensieren. Neben dem Gymnasium besteht die Möglichkeit, die lokale Grund- bzw. Hauptschule in Windsbach, sowie die Realschulen in den Nachbarorten Neuendettelsau oder Heilsbronn zu besuchen.
Der Knabenchor, eine selbstständige Anstalt des öffentlichen Rechts, erhält finanziell Unterstützung von der „Fördergesellschaft Windsbacher Knabenchor“, [7] einer eigenen Stiftung, dem Patronat, einem Zusammenschluss von Geldgebern aus der Region Nürnberg, vor allem aber von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Sie deckt mit ihren Zuschüssen ein Drittel des jährlichen Haushalts der Einrichtung.
Mit seinen rund 100 Sängern (Konzert - und Reisechor ca. 70 Sänger) gibt der Chor etwa 70 Konzerte im Jahr. Dazu zählen auch jährlich etwa zwei größere Tourneen, die bisher in das europäische Ausland (Norwegen, DDR, Finnland, Malta, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Belgien, Polen, Spanien, Griechenland), die damalige UdSSR, den nahen Osten (Israel), den fernen Osten (Japan, Taiwan, Singapur, Australien), die USA, sowie nach Südamerika (Brasilien, Paraguay, Argentinien, Uruguay) führten. Der Chor begleitete die Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Roman Herzog bei Staatsbesuchen und gab auch für den Bundespräsidenten Johannes Rau ein Konzert. Im Jahr 2009 gastierte der Windsbacher Knabenchor erstmals mit Deutschen Volksliedern in der Volksrepublik China.
Der musikalische Schwerpunkt des Windsbacher Knabenchors liegt auf der geistlichen Musik, wobei das Repertoire von der Renaissance bis zur Moderne reicht. Neben A-cappella-Werken aller Epochen bis hin zu Werken Duke Ellingtons umfasst es vor allem die großen Werke von u.a. Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, Anton Bruckner, Max Reger und Igor Strawinsky.
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