Wirtschaft



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06.02.2003
 

Job-Misere

Abbruch Ost

Von Carsten Matthäus

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit ist dramatisch - vor allem in Ostdeutschland. Viele Wirtschaftsexperten befürchten, dass sich an der desolaten Situation auf Dauer nichts ändern wird.

Zu wenige Treffer: Stellensuche in Dresden
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Zu wenige Treffer: Stellensuche in Dresden

Neubrandenburg/Nürnberg - Sönke Fock redet gar nicht erst um den heißen Brei herum: "Die Perspektive, dass wir die Arbeitslosigkeit schnell reduzieren können, habe ich nicht. Das wäre auch unlauter". Fock ist Direktor des Arbeitsamtes in Neubrandenburg und verwaltet unter anderem den Kreis Demmin, einen traurigen Rekordhalter. Die Arbeitslosigkeit ist hier noch höher als anderswo in Mecklenburg-Vorpommern, sie liegt bei 30,5 Prozent.

Am Vormittag hatte Florian Gerster in Nürnberg noch versucht, aus den Horror-Zahlen etwas Hoffnung zu destillieren. Der Chef der Bundesanstalt für Arbeit (BA) machte vor allem die schlechte Witterung und das stockende Wirtschaftwachstum dafür verantwortlich, dass die Arbeitslosigkeit mit 4,62 Millionen Menschen wieder höher ist als beim Amtsantritt von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Als wäre er ein Minister aus dessen Kabinett, redete er nach den Zahlen von dem "Wendepunkt der Konjunktur, der mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit im zweiten Halbjahr kommen wird". Gegen Ende des Jahres, so Gerster, werde die bessere Wirtschaftslage dann den Arbeitsmarkt erreichen.

25,3 Arbeitslosigkeit im Bezirk: Amtsdirektor Fock
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25,3 Arbeitslosigkeit im Bezirk: Amtsdirektor Fock

An der Jobmisere im Arbeitsamtsbezirk Neubrandenburg wird ein wenig Wirtschaftswachstum allerdings nichts ändern, sagt Direktor Fock. "Seit 13 Jahren sind hier die Arbeitslosenzahlen hoch und wir haben es derzeit mit einer Verfestigung des Sockels zu tun", so sein Fazit. Hinter den sperrigen Begriffen verbergen sich einige der Gründe dafür, warum die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland vermutlich auf Dauer doppelt so hoch bleiben wird wie im Westen.

Etwa 40 Prozent von ihnen sucht seit mehr als einem Jahr, gilt also im verniedlichenden Fachjargon als Langzeitarbeitsloser und damit als schwer vermittelbar.

Verantwortlich für dieses Job-Desaster ist nicht etwa die zeitweise schlechte Auftragslage der Unternehmen, sondern ihr Fehlen im Bezirk Neubrandenburg. Laut Fock entstehen hier schlicht zu wenige Arbeitsplätzen in den Sektoren Industrie, Handel und Dienstleistungen, um den Stellenschwund in der Landwirtschaft und auf dem Bau auch nur annähernd auszugleichen.

Nach Einschätzung von Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ist dieser Strukturwandel jedoch nur ein Teil des Problems. Zusätzlich gebe es in Ostdeutschland auch noch ein "Funktionales Strukturdefizit": Die Zentralen der großen deutschen Unternehmen seien zum weit überwiegenden Teil in westdeutschen Städten, was auch die Ansiedlung von hochwertigen Dienstleistungen wie beispielsweise Softwarefirmen erschwert. Dieses Ungleichgewicht führt auch dazu, dass immer mehr junge und leistungsfähige Arbeitnehmer ihr Glück im Westen suchen und damit die Situation in der alten Heimat zusätzlich verschärfen.

Dramatischer Anstieg: Arbeitslosigkeit in Deutschland
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Dramatischer Anstieg: Arbeitslosigkeit in Deutschland

Auch das sind nur Mosaiksteine in dem schaurigen Bild, das die ostdeutsche Wirtschaft momentan abgibt. Seit 1998 wächst die Wirtschaft wieder langsamer als im Westen, in Sachen Produktivität werden gerade einmal 70 Prozent erreicht und die Zahl der Erwerbstätigen nimmt mittlerweile im dritten Jahr ab. "Wir laufen Gefahr, dass wir ein deutsches Mezzogiorno bekommen", sagt Dirk Dohse, Experte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Damit meint er, dass Deutschland auf Dauer wirtschaftlich zweigeteilt bleiben wird - ähnlich wie das reiche Norditalien und der am Dauertropf hängende Süden des Landes.

Rüdiger Pohl, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, hält den Vergleich mit dem chronischen Leiden Süditaliens für geschmacklos, in der Sache ist er jedoch ähnlicher Ansicht: "Bei der Arbeitslosigkeit hat sich der Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland in den letzten sechs bis sieben Jahren verfestigt". Die Ursachen sind seiner Meinung nach jedoch nicht hausgemacht. "Wenn im Westen niemand investieren will, dann hat vor allem der Osten ein Problem."

Deshalb hofft Pohl, ähnlich wie Gerster, auf höheres Wachstum. Im Gegensatz zu dem BA-Chef glaubt er jedoch nicht, dass sich ein Wirtschaftswachstum von einem Prozent, wie es derzeit für 2003 vorausgesehen wird, auf dem Arbeitsmarkt positiv auswirken wird. "Damit sich etwas tut, brauchen wir in den kommenden Jahren im Schnitt Wachstumsraten von drei Prozent".

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