Wirtschaft



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14.07.2003
 

Gastkommentar

Für eine schwache IG Metall

Von Christoph Keese

Nützlicher als starke Gewerkschaften sind starke Betriebsräte. Sie könnten in der Krise gewinnen.

IG-Metall-Fahne: Die Stärke einer Gewerkschaft kann nicht Sache der Regierung sein
AP

IG-Metall-Fahne: Die Stärke einer Gewerkschaft kann nicht Sache der Regierung sein

Mitten hinein in den Führungsstreit der IG Metall haben sich wichtige Sozialdemokraten, darunter Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, zu Wort gemeldet. Sie fordern ein baldiges Ende der Krise, denn Deutschland brauche starke Gewerkschaften.

Ist das so? Kann das Land tatsächlich nicht ohne eine starke IG Metall auskommen? Wäre es nach Jahrzehnten der übertriebenen Lohnabschlüsse, der erpresserischen Streiks, des politischen Dogmatismus, des unbelehrbaren Vulgär-Keynesianismus und der skrupellosen Vernichtung von Arbeitsplätzen nicht wohltuend, wenn zumindest die IG Metall und Verdi für die nächsten 20 Jahre in der Bedeutungslosigkeit verschwinden würden? Wenn zur Abwechslung ökonomischer Sachverstand die Oberhand gewänne - so lange, bis sich das Land von den starken Gewerkschaften erholt hat und seine Wirtschaft wieder wächst?

Die Stärke einer Gewerkschaft kann nicht Sache der Regierung sein. Der Bundeswirtschaftsminister hat von Amts wegen nichts mit Macht oder Ohnmacht der IG Metall zu tun. Ob der ADAC, die katholische Kirche oder der Deutsche Ruderverband, ob Verdi oder die IG Metall einflussreich sind, bestimmen nur deren Mitglieder. Vor einigen Monaten ergab eine Umfrage des "Stern", dass keine Institution in Deutschland so viel Vertrauen genießt wie der ADAC. Hingegen stehen 33 Prozent den Gewerkschaften misstrauisch gegenüber, und 40 Prozent sehen bei ihnen dringenden Veränderungsbedarf. Dem ADAC geht es wirtschaftlich glänzend, seine Mitgliederzahlen sind stabil. Im Gegensatz dazu laufen den Gewerkschaften die Mitglieder weg, und in den Kassen klaffen Löcher. Besonders die IG Metall verprellt ihre Klientel.

Rollenvorbild ADAC

Offenbar also geht der ADAC besser auf die Bedürfnisse der Kundschaft ein als die Gewerkschaften. Für immer mehr Arbeitnehmer lohnt es sich nicht, ihre Interessen von Klaus Zwickel, Jürgen Peters und Frank Bsirske vertreten zu lassen. Sie spüren, dass Klassenkampf wenig bringt, maßlose Lohnerhöhungen Jobs vernichten und am Ende niemand hilft, wenn der Betrieb an den Folgen der Gewerkschaftspolitik zu Grunde geht. Warum dann noch Beiträge bezahlen? Warum seine Stimme einer Organisation schenken, die nicht im Interesse ihrer Mitglieder handelt?

In den Gewerkschaften stimmen die Mitglieder gerade mit den Füßen ab, und wenn sie fortlaufen, dann sollte auch kein Bundeswirtschaftsminister sie aufhalten. Falls die enttäuschten Ex-IG Metaller irgendwann eine kollektive Vertretung brauchen, werden sie sich schon organisieren - das regelt der Markt von ganz allein. Falls sie aber für ein paar Jahre gar nicht kollektiv repräsentiert sein möchten, sondern nur anständige Arbeit leisten wollen, notfalls 40 oder 44 Stunden in der Woche, um den eigenen Arbeitgeber über die Rezession zu retten, ist das in Ordnung. Es ist sogar denkbar, dass es nie wieder richtig starke Gewerkschaften geben wird. Nie wieder Organisationen, die mit minimalem Aufwand maximalen Schaden anrichten, die ein paar Hundert Müllmänner streiken lassen und damit Millionenstädte lahm legen oder ein Dutzend Feuerwehrleute in den Ausstand kommandieren und so ein internationales Luftdrehkreuz zum Stillstand bringen. Nie wieder Gewerkschaften, die die Kolbenringproduktion in Sachsen blockieren und damit die BMW-Werke in Bayern aushebeln.

Lokale Kompetenz

Vielleicht besinnen sich die Arbeitnehmer auf eine wichtige Tatsache: Ihr Unternehmen wird auch nicht zentral von den Arbeitgeberorganisationen BDI, BDA oder DIHT geführt. Es hat ein lokales Management. Je näher eine Führung an Produktion und Markt sitzt, desto gesünder ist die Firma. All business is local. Warum sollten die Arbeitnehmer sich von entrückten Funktionären in fernen Zentralen diktieren lassen, wie lange und zu welchen Bedingungen sie arbeiten? Das ist zentralistische Planwirtschaft.

Die beste Vertretung für Arbeitnehmer leisten Betriebsräte. Sie kennen das Unternehmen, sie wissen, was möglich ist, und sie verfügen über Fachwissen und Augenmaß. Wenn Betriebsräte Tarife verhandeln, sind die Chancen für einen fairen Interessenausgleich größer als beim heutigen Modell. Betriebsräte seien zu schwach, um gegen die Macht ihres Arbeitgebers anzukommen, lautet ein Standardeinwand gegen diesen Vorschlag: Sie bräuchten gebündelte Kraft. Außerdem sei es effizienter, zentral zu verhandeln als dezentral. Doch diese Argumente stechen nicht.

Wenn ein Betriebsrat sich allein zu schwach fühlt, kann er Kontakt zu anderen Räten suchen und Verhandlungsbünde schmieden. Wechselnde Allianzen sind dabei ebenso möglich wie abgestufte Reaktionen auf unterschiedliche Probleme. Ein solches Prinzip ist automatisch effizienter als die heutige Mammut-Gewerkschaft. Entscheidend ist, was die Verhandlungsführer vor Ort meinen, nicht was Funktionäre oder Bundesminister aus der Ferne für effizient halten.

Statt auf starke Gewerkschaften sollten wir auf Freiheit hoffen. Betriebsräte werden heute von ihren Dachorganisationen so gegängelt und unterdrückt wie kaum eine andere Organisation. Wenn die IG Metall jetzt von der Bühne verschwindet und für einige Jahre weniger zu sagen hat, würden die Betriebsräte ihre Fesseln verlieren und ihre Freiheit zurückgewinnen. Etwas Besseres kann kaum passieren.

Christoph Keese ist Chefredakteur der Financial Times Deutschland

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