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24.03.2001
 

UMTS

Horrorszenario für Deutschland

Die UMTS-Technik sollte das goldene Zeitalter des Mobilfunks einläuten ­ stattdessen prophezeit eine McKinsey-Studie den Telefonkonzernen Verluste in Milliardenhöhe.

Montage eines UMTS-Sendemastes
DPA

Montage eines UMTS-Sendemastes

Ron Sommer gab sich erstaunlich gelassen. Stolze 16 Milliarden Mark hatte der Telekom-Chef gerade für eine Eintrittskarte in das mobile Zukunftsgeschäft UMTS bezahlt ­ dennoch fühlte er sich am Ende der fast dreiwöchigen Superauktion im vergangenen August "ganz eindeutig als Sieger". Das Ergebnis liege "genau in dem Rahmen, den wir uns gesteckt haben", versicherte er.

An Sommers Optimismus hat sich bis heute ­ offiziell ­ nichts geändert. Zwar sei nach den "hohen Lizenzsummen keine schnelle Mark zu verdienen", räumte der T-Chef vergangene Woche ein. Doch starte der Ex-Monopolist "so gut vorbereitet wie kaum ein anderer Anbieter unserer Branche in das UMTS-Zeitalter".

Das mag sein. Aber das heißt noch lange nicht, dass die Telekom mit der neuen Technik jemals Geld verdienen wird.

Die Zweifel, dass die UMTS-Ära zu einem goldenen Zeitalter für die Mobilfunkbranche wird, wachsen ständig. Auf jeden Fall werden noch etliche Jahre vergehen, ehe sich die gigantischen Investitionen der Netzbetreiber in die neue Mobilfunktechnik amortisiert haben ­ wenn überhaupt.

Im schlimmsten Fall könnte der Einstieg in die mobile Multimedia-Welt zu einer immensen Kapitalvernichtung führen. Das belegen interne Papiere der Unternehmensberatung McKinsey, die für mehrere europäische Mobilfunkkonzerne eine sehr detaillierte Risikoeinschätzung der kommenden Jahre berechnet hat.

"Unter realistischen Annahmen", heißt es dort, würden durch die UMTS-Einführung "europaweit rund 270 Milliarden Euro an Wert vernichtet". Vor allem für Telefonfirmen, die ihr Netz völlig neu aufbauen müssen und erst mit dem UMTS-Start auf Kundenfang gehen, werde sich das Investment "nur unter sehr optimistischen Annahmen" lohnen, "wobei der erwartete Pay Back nicht vor 2017 liegt".

Obwohl die Telekom über eigene Mobilfunknetze verfügt, könnte das UMTS-Geschäft auch für sie mit einem Fiasko enden: Ihrer Tochter T-Mobil drohen nach den Berechnungen von McKinsey Verluste von rund 22 Milliarden Euro ­ wenn es ihr nicht gelinge, so die Berater, ihre operative Marge drastisch zu erhöhen. Damit sich das UMTS-Abenteuer rechnet, müsse T-Mobil den Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) von jetzt 16 auf über 40 Prozent steigern.

Selbst unter dieser Voraussetzung könne die Mobilfunkfirma mit den Tochtergesellschaften in England, Österreich und den Niederlanden aber erst vom Jahr 2015 an einen Rückfluss der Investitionen erwarten. T-Mobil-Chef Kai-Uwe Ricke hält die Berechnungen der McKinsey-Männer für deutlich überzogen: "Die betreiben das Geschäft mit der Angst." Die internen Zahlen des Telekom-Ablegers, betont Ricke, sähen "deutlich freundlicher" aus, und da die Telekom in keinem Land mit UMTS bei null anfange, sei "das Risiko absolut beherrschbar". Ricke: "T-Mobil ist und bleibt profitabel."

Das Horrorszenario der McKinsey-Berater markiert deutlich den drastischen Stimmungsumschwung in der Branche. Noch vor einem Jahr herrschte dort nahezu grenzenloser Optimismus.

Damals boomten die Börsen ­ und Telekommunikationswerte zählten zu den Favoriten der Anleger. Die aberwitzigen Lizenzkosten für UMTS waren noch unbekannt, und die Techniker versprachen die schöne bunte Handy-Zukunft mit schier unglaublichen Übertragungsraten, die das Telefon je nach Bedarf zum Walkman- und Gameboy-Ersatz, zum Fernseher, zur Urlaubskamera, zum Terminkalender, zum Adressbuch, zur Internet-Surfstation oder zum Terminal für Aktien-Transaktionen machen würde.

Schon Ende 2001, versicherten damals die technikverliebten Manager bei Nokia und Siemens, werde die neue Handy-Generation verfügbar sein. Millionen von Kunden, so der feste Glaube bei den Netzbetreibern, würden dann schleunigst ihr nur zum Telefonieren geeignetes Handy beiseite legen und auf UMTS umsteigen.

An die Stelle kühner Zukunftsentwürfe sind inzwischen realistischere Einschätzungen getreten ­ und die sehen ziemlich düster aus. Die Lizenzgebühren trieben die Kosten für die notwendigen Kredite bei den zunehmend skeptischer werdenden Banken in die Höhe und ließen so die zu erwartenden Gewinne noch weiter schrumpfen. Als in der Folge die Aktien aller Netzbetreiber abstürzten, brach Krisenstimmung aus.

Denn viele Versprechungen erwiesen sich inzwischen als voreilig. Vor Anfang 2003 wird keine Firma die neue Technik in großem Stil anbieten können. Auch die vollmundig versprochenen Übertragungsraten von bis zu zwei Megabit pro Sekunde gelten nur noch als theoretischer Wert ­ für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Nutzer allein vor einer Basisstation steht.

Hinzu kommt, dass die Netzbetreiber allmählich an ihre Wachstumsgrenzen stoßen. Nachdem im "Ausnahmejahr 2000", so T-Mobil-Chef Ricke, der Markt noch um beeindruckende 104 Prozent wuchs, könnte die Steigerungsrate in diesem Jahr auf immer noch stolze 37 Prozent fallen und 2003, wenn UMTS auf den Markt kommt, auf 10 Prozent abrutschen. Auf 100 Einwohner, so haben Marktforscher errechnet, würden dann 102 Mobiltelefone kommen. Ob die Handy-Nutzer dann begeistert auf UMTS umschwenken, ist völlig ungewiss.

Das Szenario einer schnellen Marktsättigung und eines ausbleibenden UMTS-Hypes schlägt sich auch in der als "vertraulich" gekennzeichneten McKinsey-Studie nieder. So gehen die Berater davon aus, dass T-Mobil im kommenden Jahr mit 25 Millionen Kunden die Spitze in den herkömmlichen GSM-Netzen erreicht. Bis zum Jahr 2009, wenn die D1-Lizenz ausläuft, werde die Zahl kontinuierlich zurückgehen, ehe 2010 dann die alten Netze abgeschaltet werden könnten.

Parallel dazu soll die Zahl der UMTS-Nutzer von einer Million im Jahr 2003 auf 22 Millionen im Jahr 2010 ansteigen. Doch um dieses Ziel zu erreichen, sind gewaltige finanzielle Kraftakte notwendig.

Zunächst einmal muss die Infrastruktur aufgebaut werden. Dafür sind nach den im Februar erarbeiteten McKinsey-Plänen bei der Telekom bis 2010 knapp zehn Milliarden Euro notwendig, von denen mehr als die Hälfte in der Zeit zwischen 2002 und 2004 anfällt. Dabei gehen die Berater davon aus, dass sich der UMTS-Netzaufbau bis 2007 auf städtische Gebiete beschränkt.

Für die Telefonkonzerne stellt die Aufgabe, parallel zwei Netze zu betreiben und die Kunden zu halten, eine gewaltige Herausforderung dar. Denn der Doppelbetrieb ist teuer, und viele Kunden, so die Sorge, könnten die Umstellung "auch zum Wechsel des Netzbetreibers nutzen".

Denn nur die Lizenzen von D1 und D2 Vodafone laufen schon 2009 aus, während die Lizenzen von E-Plus noch bis Ende 2012 und von Viag Interkom sogar bis Ende 2016 gültig sind. Bei diesen Anbietern könnten sich vor allem jene Kunden sammeln, die den Umstieg auf die Multimedia-Technik scheuen.

Auf jeden Fall steigen durch den Doppelbetrieb die Kosten für den Unterhalt der Netze und die Marketingausgaben drastisch an ­ bei T-Mobil zum Beispiel, so die Rechnung der Berater, von knapp fünf Milliarden Euro im vergangenen Jahr auf gut elf Milliarden Euro im Jahr 2007.

Mit diesem Kraftakt soll sich dann der Umsatz im gleichen Zeitraum auf fast 14 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Bis 2010 könnte der Umsatz weiter auf 15,7 Milliarden Euro klettern.

Ein solch gewaltiges Umsatzwachstum in einem dann gesättigten Markt ist allerdings nur möglich, wenn die Einnahmen deutlich steigen. Zurzeit liegt der Durchschnittsumsatz pro Kunde bei 35 Euro im Monat. Kunden, die 2003 auf die neue UMTS-Technik umsteigen, müssten nach den Berechnungen von McKinsey aber schon 68 Euro pro Monat einbringen. Selbst wenn danach der Massenmarkt mit einem Preiskampf beginnt, dürfe die durchschnittliche Telefonrechnung der UMTS-Nutzer nicht unter 60 Euro fallen.

Das ist ein äußerst ehrgeiziges Ziel. Bislang nämlich kannte die in der Branche mit dem Kürzel Arpu ("average revenue per user") belegte Kennzahl nur eine Richtung: steil nach unten.

Vor allem Kunden ohne feste Vertragsbindung (Prepaid), die im vergangenen Jahr den Löwenanteil des Zuwachses ausmachten, bringen kaum etwas ein. Ihr Durchschnittsumsatz macht in der Regel gerade mal gut ein Drittel der Einnahmen bei vertraglich gebundenen Kunden aus.

Zwar haben alle Netzbetreiber vergangene Woche verkündet, die Attraktivität der Prepaid-Angebote drastisch zu verringern. Für deutliche Umsatzsprünge dürfte der Sinneswandel aber kaum sorgen. "Die Fische, die wir jetzt noch angeln", räumt E-Plus-Chef Uwe Bergheim ein, "werden mit Sicherheit nicht mehr die ganz großen Fische sein."

Einen Trost immerhin hält das McKinsey-Papier für die Telekom bereit. Nach D2 Vodafone steht der Ex-Monopolist unter den sechs UMTS-Lizenznehmern in Deutschland noch am besten dar. Für diese beiden Firmen sieht McKinsey den "Business Case" nur als "risikobelastet".

Bei E-Plus, Viag Interkom und Mobilcom lautet die Bewertung schon "kritisch" und "hoch kritisch". Und bei der Allianz aus der finnischen Sonera und der spanischen Telefónica zeigt der Daumen klar nach unten: "Business Case hoffnungslos", lautet das vernichtende Urteil.

KLAUS-PETER KERBUSK

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