Von Carsten Volkery
New York - Jeff Bezos erschien am Montagnachmittag gut gelaunt auf dem US-Nachrichtensender CNBC. Soeben hatte Amazon die Kritiker widerlegt und die Erwartungen für das zweite Quartal übertroffen. Der operative Verlust ist zum sechsten Mal in Folge geschrumpft und beträgt nur noch 58 Millionen Dollar. Das sind 16 Cents je Aktie - ganze sechs Cents weniger als die Analysten an der Wall Street vorhergesagt hatten.
Noch optimistischer machte Bezos die Investition von AOL Time Warner. Der Medienriese kündigte am Montag an, für 100 Millionen Dollar Amazon-Aktien zu kaufen. Damit verbunden ist eine noch engere Zusammenarbeit und Integration der Amazon-Software in den AOL-Internetservice. Die Finanzspritze kommt Bezos besonders gelegen, da er seit Anfang des Jahres gegen das Gerücht kämpfen muss, Amazon gehe das Geld aus.
"Wir sind mit unserem Ergebnis sehr zufrieden", sagte Bezos. Die Konzentration auf Profitabilität und Kostensenkung habe sich ausgezahlt. Das US-Geschäft laufe zum ersten Mal profitabel, nur die ausländischen Töchter produzierten weiterhin Verluste.
Bezos bekräftigte das bereits zuvor geäußerte Ziel, im vierten Quartal zum ersten Mal einen Profit im operativen Geschäft zu erzielen (darin sind die hohen Ausgaben für gescheiterte Investments, Aktienoptionsprogramme, Zinsen und Abschreibungen nicht enthalten).
Die Verbesserung der Profitabilität ging allerdings zu Lasten des Umsatzwachstums - ein ganz neues Problem für den einstigen Wachstumsweltmeister. Amazon erwirtschaftete im zweiten Quartal einen Umsatz von 667, 6 Millionen Dollar. Das waren 16 Prozent mehr als im Vorjahresquartal, aber zehn Millionen Dollar unter den Analystenerwartungen.
Gleichzeitig senkte das Unternehmen die Umsatzprognose für das dritte und vierte Quartal - von ursprünglich 20 bis 30 Prozent Wachstum auf nur noch 10 bis 20 Prozent. Im dritten Quartal erwartet Amazon einen Umsatz zwischen 625 Millionen und 675 Millionen Dollar. An der Wall Street war man von 732 Millionen Dollar ausgegangen.
Auf Grund dieses schwachen Ausblicks brach die Amazon-Aktie im nachbörslichen Handel um gut zehn Prozent ein. Im regulären Handel hatte sie zuvor bereits über fünf Prozent verloren.
Auch die Analysten bleiben skeptisch. Zwar begrüßten sie die Halbierung des operativen Verlusts gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal. Gleichzeitig zeigten sie sich aber sehr besorgt über das schwache Umsatzwachstum. Lauren Cooks Levitan von Robertson Stevenson merkte an, dass Amazons Wettbewerber, darunter der Buchhändler Barnes and Noble, im zweiten Quartal höhere Zuwachsraten verzeichnen konnten. Levitan will daher noch keine Kaufempfehlung für die Aktie abgeben.
In der anschließenden Telefonkonferenz fragten die Analysten, wie Amazon seine Umsatzprognosen senken könne und gleichzeitig im vierten Quartal profitabel werden wolle.
Bezos und sein Finanzchef Warren Jenson betonten mehrmals, dass es sich um eine "angemessen konservative Prognose" handele. Sie beruhe keineswegs auf der unsicheren Annahme, dass die US-Wirtschaft sich wieder erholen werde. "Wir haben alle Faktoren mit einbezogen, und wir sind sicher, dass wir die Profitabilität erreichen werden", sagte Jenson. Eine genauere Begründung gab er nicht.
Die Amazon-Chefs wiesen erneut jeglichen Zweifel an der Liquidität des Unternehmens zurück. Lehman-Brothers-Analyst Ravi Suria hatte im Februar behauptet, Amazon werde pleite gehen, bevor es die Gewinnschwelle erreiche. Surias Bericht hatte die Wall Street in helle Aufregung versetzt. Jenson sagte, zum Ende des dritten Quartals rechne er mit 600 Millionen Dollar Cash-Reserven, zum Ende des vierten Quartals gar mit 900 Millionen Dollar, inklusive des AOL-Kapitals.
Bezos hatte seinem Unternehmen im vergangenen Jahr eine Rosskur verordnet, um die ausufernden Kosten für die rasante Expansion in den Griff zu bekommen. Der Aufbau der Infrastruktur hatte den Schuldenberg des Online-Kaufhauses bis Ende 2000 auf zwei Milliarden Dollar wachsen lassen.
Die Zahl der registrierten Amazon-Nutzer wuchs im zweiten Quartal um 2,6 Millionen auf über 35 Millionen. Davon haben 21 Millionen innerhalb des vergangenen Jahres mindestens einen Kauf getätigt. Durch die ausgeweitete Allianz mit AOL hofft Amazon, die Reichweite noch einmal erheblich zu vergrößern. Die Analystin Levitan begrüßte den Deal.
Für die zweite Hälfte des Jahres plant Amazon den Einstieg in den Computer-Verkauf. Angesichts des schwachen Marktes ein riskantes Geschäft. Bezos will sich die in dieser Branche üblichen höheren Gewinnmargen jedoch nicht entgehen lassen.
Große Hoffnungen setzt der Amazon-Chef auch in das Geschäft mit gebrauchten Produkten. Vor acht Monaten gestartet, hat sich dieser Teilbereich laut Bezos bereits zum Renner bei den Kunden entwickelt. Second-Hand-Waren hätten im zweiten Quartal bereits zehn Prozent des US-Umsatzes ausgemacht.
Der Bereich soll weiter ausgebaut werden. Befürchtungen, der Gebrauchtwarenladen könne das Kerngeschäft beeinträchtigen, wischte Bezos beiseite. "Neue Produkte werden weiterhin den Großteil unseres Geschäfts ausmachen. Aber es ist gut, wenn der Kunde die Wahl hat."
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