Washington - Die US-Regierung teilte am Mittwoch mit, sie hätte die Vermögen von 62 weiteren Personen und Organisationen aus neun Nationen eingefroren, die unreguliert Geld über die Grenzen mehrerer Staaten geschleust hätten. Im Tessin wurden zwei Personen festgenommen. US-Behörden schlossen weitere Festnahmen nicht aus.
Diese Personen, die angeblich zu Bin Ladens al-Qaida gehören, sollen Geld nach dem Prinzip des so genannten "Hawala-Banking" verschoben haben. Bei diesem im Mittelalter entstandenen Geschäftsmodell werden meist nur mündliche Absprachen getroffen. Es gibt weder Quittungen noch elektronische Daten-Spuren die Ermittlern erleichtern könnten, die Geldströme zu verfolgen.
Hawala-Stuben in der US-Haupstadt
Die neu eingerichtete Geldwäsche-Task Force, an der neben FBI und CIA auch das Finanzministeriums mitwirkt, vermutet seit längerem, dass Bin Laden so genannte Hawala-Banken benutzt, um Gelder zu verschieben. Erstmals aber hätten die Fahnder nun ganz bestimmte Hawala-Stuben auch in den USA ins Visier genommen, sagten Angestellte des Weißen Hauses der Nachrichtenagentur AP. Ebenfalls neu sei der Verdacht, dass Bin Laden selbst Anteile an solchen Schatten-Instituten besitze.
Möglicherweise aber wird George W. Bush am Mittwochabend Konkreteres bekannt geben und die Namen der Verdächtigen nennen. Der US-Präsident hat angekündigt, in einer Rede über das Finanznetzwerk mutmaßlicher Terroristen sprechen zu wollen. Ein Mitglied der örtlichen Islamischen Gemeinde sagte der "Washington Post", allein in der amerikanischen Hauptstadt gebe es sechs oder sieben Hawala-Banken.
Nach einem Bericht der Zeitung sollen Bürger Afghanistans und Pakistans die nun verdächtigten Schattenbanken benutzt haben, um Gelder zu waschen, die aus dem Verkauf von Heroin stammten. Außerdem seien ein Bombenanschlag auf einen indischen Politiker und andere Terror-Aktivitäten in Indien durch Mittel bezahlt worden, die über die US-Schattenbanken transferiert wurden.
Bargeldlose Geschäfte
Eine Hawala-Bank kann sich hinter der Fassade eines Schuhgeschäfts, eines Lebensmittelladens oder eines Juweliers verbergen. Die Geld-Vermittler verfahren nach dem System der "zwei Töpfe". Will ein Kunde zum Beispiel Geld von New York nach Pakistan vermitteln will, zahlt er die Summe bei einem Hawala-Banker in Amerika ein und erhält einen Empfangscode. Der Empfänger kann sich das Geld beim zweiten Hawala-Banker in Pakistan abholen, wenn er diesen Code kennt.
Der Empfänger-Banker zahlt die Summe aus seiner eigenen Kasse aus, oftmals wird keinerlei Geld verschickt oder überwiesen. Beide Hawala-Partner gehen stattdessen davon aus, dass sich ihre jeweiligen Überweisungen langfristig gegenseitig ausgleichen. Erst wenn dies nicht der Fall ist, wird der "Gläubiger" bezahlt - meist aber nicht in bar, sondern durch per Post verschickte Sachgüter wie etwa Juwelen. Das Geschäft rechnet sich vor allem, weil die Hawala-Banker Provisionen für die Transfers verlangen.
Wohnhäuser durchsucht
Der US-Kongress hat bereits 1994 ein Gesetz verabschiedet, das Hawala-Banker verpflichtet, sich offiziell registrieren zu lassen. Das Gesetz gilt aber als zu lasch und unspezifisch und wurde von den Ermittlungsbehörden nie umgesetzt. Das neue Anti-Terror-Gesetz, das der Kongress letzten Monat absegnete, soll die Regulierung der Schattenbanken aber verschärfen. Wie reguläre Banken sollen Hawala-Stuben gezwungen werden, alle verdächtigen Geldtransfers dem US-Finanzministerium zu melden.
In der italienischen Exklave Campione d'Italia bei Lugano nahm die Polizei derweil eigenen Angaben zufolge den Geschäftsführer und ein Verwaltungsratsmitglied der Tessiner Finanzgesellschaft Al Taqwa fest, um sie über ihre Verbindungen zur Bin-Laden-Organisation al-Qaida zu befragen. Al Taqwa steht im Verdacht, Geld für Bin Ladens Terrornetzwerk zu verschieben. Außerdem wurden die Wohnhäuser der beiden Verhafteten durchsucht und dabei Dokumente sicher gestellt.
Verbindungen zu den Bahamas
Es war eine gemeinsame Aktion der Schweizer und der italienischen Polizei. Beide Festgenommenen sind in Schweizer Gewahrsam. Während die Behörden einen der Männer als Ägypter bezeichneten, gab es zur Nationalität des anderen widersprüchliche Angaben.
Auch in Vaduz im Fürstentum Liechtenstein wurde am Mittwoch beim Repräsentanten der Al Taqwa Trade, Properties und Industry Company Ltd. eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Dabei wurden Akten beschlagnahmt, wie Lothar Hagen, Sprecher des Landgerichts in Vaduz, auf Anfrage sagte. Die Tessiner Firma hatte bisher jede Verbindung zu Terrorgeldern dementiert.
Die USA forderten außerdem Italien und die Bahamas zur Blockierung des Al-Taqwa-Vermögens auf, die dieses Jahr in Nada Management Organization umbenannt worden war. Eine weitere Gruppe auf der Liste ist die Organisation Al Barakaat, die ebenfalls Verbindungen in zahlreiche Ländern unterhält und auch in den USA operiert.
Die Ermittler vermuten, dass Bin Laden die beiden Organisationen genutzt hat, um Dollar zu transferieren. Die Firmen würden außerdem auch für die Terroristen Material und Nachschub zu besorgen.
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