Von Michael Kröger
Hamburg - Die Meldung sorgte für Aufregung in den heiligen Hallen der Bundesbank. Die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" hatte Chefvolkswirt Hermann Remsperger zitiert, der in einen Geheimreferat vor einem Inflationsschub durch die Einführung des Euro-Bargeldes gewarnt haben soll. Es sei nicht mehr auszuschließen, dass das Statistische Bundesamt für Januar eine Preissteigerung mit einer Drei vor dem Komma melden müsse, schrieb das Blatt.
Die Richtigstellung kam prompt und für den gewöhnlichen Arbeitsrhythmus der ehrwürdigen Institution ungewohnt schnell. Ein Anstieg der Inflationsrate im Januar 2002 sei zwar nicht auszuschließen, aber das sei nicht auf die Einführung des Euro-Bargeldes zurückzuführen. Vielmehr sei eine Reihe von Sonderfaktoren die Ursache, etwa witterungsbedingte Verteuerungen von Nahrungsmitteln und verschiedene Steuererhöhungen.
Von anderer Seite meldete sich EZB-Präsident Wim Duisenberg zu Wort. "Die Preise werden ab- und aufgerundet", wischte er in einem Interview mit der französischen Tageszeitung "La Tribune" Bedenken vom Tisch, Einzelhändler könnten die Euro-Einführung zu versteckten Preiserhöhungen nutzen. Einen eventuellen Anstieg der Inflationsrate im Januar und im Februar führte er auf rein statistische Gründe zurück. Dies sei jedoch ein einmaliger Effekt und hänge nicht mit der Euro-Einführung zusammen. Für den Euroraum sagte Duisenberg bis zum kommenden Frühjahr eine Inflationsrate von 1,5 bis 1,6 Prozent voraus.
Sogar die sonst so preissensiblen Verbraucherschutzverbände wollen von einem Preisschub im Januar nicht reden. Das sei allerdings auch nicht nötig, sagt Karin Kuchelmeister, Euro-Expertin beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. "Der Einzelhandel hat sich durch die Preiserhöhungen im letzten Jahr zum Teil Spielräume geschaffen, um zum Zeitpunkt der Euro-Einführung verstärkt Preissenkungen durchführen zu können." Bei rund 30 Prozent von 841 beobachteten Produkten seien vor dem Jahreswechsel Preissteigerungen zu verzeichnen gewesen, von denen wiederum ein Drittel seit dem 1. Januar wieder zurückgenommen wurde.
Der weit verbreitete Eindruck, dass Preise im Zusammenhang mit der Euro-Einführung eher angehoben als gesenkt worden seien, sei dennoch berechtigt. Einen massiven Preisschub beobachtete Kuchelmeister in der Gastronomie und bei den Dienstleistern. In mehr als 60 Prozent der 216 untersuchten Dienstleistungsangebote zwischen Juni 2001 und Januar 2002 hätten die Preise teils drastisch angezogen. Die festgestellten Preiserhöhungen betrugen bis zu 48 Prozent.
Was die künftige Entwicklung der Preise betrifft, wagt Kuchelmeister derzeit keine Prognose. "Zurzeit ist noch nicht klar, welche Preisschwellen die Kunden akzeptieren werden. Das werden die Händler in den nächsten Monaten austesten." Aus diesem Grunde müsse der Verbraucher in der nächsten Zeit mehr als sonst mit Preisänderungen rechnen.
Die Erfahrungen der Verbraucherschützer werden offensichtlich von den Bürgern geteilt. In einer repräsentativen Umfrage den Meinungsforschungsinstituts Infratest äußerten 70 Prozent den Verdacht, ihr Geld sei nun weniger wert. Forsa kam sogar auf 73 Prozent.
Dass diese Einschätzung aber direkt mit den tatsächlich gestiegenen Preisen zusammenhängt, glauben die Meinungsforscher nicht. Denn die Wahrnehmung der Preise sei häufig eine Gefühlssache. Diejenigen, die die Euro-Preise in alte D-Mark-Werte umrechneten, hätten wesentlich häufiger das Gefühl, es sei teurer geworden, als diejenigen, die nur die Euro-Preise betrachteten. Selten aber würden die kühlen "Rechner" das exakte Kursverhältnis zu Grunde legen, sondern rechneten schlicht eins zu zwei. Das mache einen guten Teil der subjektiv empfundenen Preiserhöhung aus.
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