Von Thomas Hüetlin
Der Winter in St. Louis kann finster sein wie eine Tiefgarage, und bevor Frankie Ramaesiri trübsinnig wurde, kaufte er sich vor acht Jahren für ein paar hundert Dollar ein Flugticket nach Florida. Da stand er dann im Sand und konnte sein Glück nicht fassen. Um ihn herum nur schöne, junge Frauen, und einige von ihnen trugen kein Bikinioberteil. Bei den nächsten Reisen nach South Beach nahm er eine Videokamera mit.
Frankie, dünnes Haar, billiger Anzug, die Augen flackernd wie Polizeiblaulichter, ist einer dieser Amerikaner, die ihr Leben lang vom Gewinnen träumen. Von einer Million Dollar oder von einer Blondine wie Pamela Anderson oder von einem Auto, das so lang ist, dass der Chauffeur ein Telefon braucht, um seinen Boss hinten zu verstehen. Frankie kannte das alles nur aus dem Fernsehen oder aus dem Internet oder aus einem dieser vielen anderen virtuellen Räume, in die Amerika jene, die es nicht nach oben schaffen, zum Trost schickt.
Zwei Brüste und blondes Haar
Als Frankie in St. Louis seine Videoaufnahmen anschaute, hatte er auf einmal das Gefühl, doch noch das Siegertreppchen besteigen zu können. Er sah zwei Brüste. Das war ein Anfang. Er sah blondes Haar. Das war ein Versprechen. Er sah eine schwarze Strandtasche aus Leder. Das war seltsam, aber diese Kombination aus Brüsten, blondem Haar und schwarzer Lederstrandtasche erschien Frankie wie die richtige Zahlenkombination auf dem Display eines Spielautomaten. In Frankies Gehirn blinkten jetzt grell zwei Wörter auf: Anna Kournikowa.
Die russische Tennisspielerin, die noch nie in ihrer Profi-Karriere ein Turnier gewonnen hat, aber die mit ihrem millionenschweren Lolita-Lächeln Männer wie Frankie verrückt macht. Anna Kournikowa. Hatte das Mädchen nicht ein russisches Profil? Und eine schwarze Ledertasche am Strand ist das nicht typisch europäisch? Frankie rief seine Mutter an. "Mom", sagte er, "ich habe Anna Kournikowa am Strand oben ohne auf Video gefilmt."
Beim "Playboy" aus der Leitung geworfen
Die Mutter, auch sie wohl weit hinten in der Warteschlange des amerikanischen Traums, brach in lauten Jubel aus: "Junge, das ist groß, ruf sofort den 'National Enquirer' an."
Im Vergleich zum "National Enquirer" ist die "Bild"-Zeitung ein Blatt für Akademiker. Nein, dachte Frankie, mit dieser Sensationsenthüllung wollte er richtig reich werden, und er suchte Kontakt zu zwei Medien, die für ihn so viel Glamour und Kohle wie möglich darstellen: "Playboy" und "Penthouse". Beim "Playboy" wurde Frankie aus der Leitung geworfen. Bei "Penthouse" wurde er sofort durchgestellt ins New Yorker Townhouse des legendären Gründers und Herausgebers Bob Guccione. Noch am selben Abend, so befahl ihm Guccione, ein weltweit bekannter Autokrat des Sex-Geschäfts, solle Frankie samt seinem Band nach New York jetten. Ein Chauffeur werde ihn abholen und in die Guccione-Mansion fahren, dort würde man Näheres besprechen. Außerdem warte da ein Gästezimmer auf ihn.
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