Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
27.06.2002
 

Wall Street

Warten auf den Knock-out

Von Carsten Volkery, New York

Zwar konnten sich die US-Börsen vom WorldCom-Tiefschlag erholen, doch Experten geben noch keine Entwarnung. Dem Markt ergehe es zurzeit wie einem angezählten Boxer, der die Schläge nicht mehr kommen sieht.

Boxkampf Lewis-Tyson: Stark angeschlagen, aber noch nicht am Boden
Zur Großansicht
AP

Boxkampf Lewis-Tyson: Stark angeschlagen, aber noch nicht am Boden

New York - Am Mittwoch um 13:45 Uhr, es war bedrückend schwül, begann in New York ein ungeheures Gewitter. Erst wurde es dunkel, dann stürzte eine Sintflut vom Himmel. Um 14:10 Uhr war alles vorbei. Die Sonne kam heraus, und es war genauso schwül wie vorher.

Auf dem klimagekühlten Parkett der New York Stock Exchange ging es ähnlich zu. Zunächst stürzte der Dow Jones mehr als 200 Punkte ab, es sah alles nach einem "schwarzen Mittwoch" aus. Doch dann erholte der Index sich und schloss nur sechs Punkte im Minus. Der Nasdaq Composite fiel zunächst auf ein Fünfjahrestief, doch am Ende schloss er leicht im Plus.

Die Stimmung war nach dem Kursgewitter keinen Deut besser. Die Börsianer, die seit Wochen auf den reinigenden Crash warten, reagierten verwirrt. War das nun die "Kapitulation", die den endgültigen "Boden" etabliert? Oder doch wieder nicht?

Wie ein müder Boxer

Aaron Task, Börsenexperte von "TheStreet.com", verglich die derzeitige Marktsituation mit Mike Tysons Schicksal im Kampf gegen Lennox Lewis: Hilflos den Schlägen ausgeliefert, aber noch nicht am Boden.

Auch wenn die Märkte den WorldCom-Schock anscheinend schnell verdaut haben, will niemand Entwarnung geben. "Das war noch nicht der Kapitulationspunkt", sagt Fred Dickson, Marktstratege bei D.A. Davidson. Jetzt heiße die Devise: Alles ist möglich. "Jede weitere Enthüllung kann den Markt noch tiefer in den Keller treiben", sagt Hugh Johnson von First Albany.

Das Eingeständnis der zweitgrößten Telekommunikationsfirma des Landes, 3,8 Milliarden Dollar falsch gebucht zu haben, ist eine machtvolle Erinnerung, dass Enron kein Ausnahmefall war. "Wir dachten, wir hätten die schlechten Nachrichten hinter uns", sagt Dickson. "Stattdessen spekulieren wir nun über den nächsten Fall."

Eine Schabe kommt selten allein

Schon macht die Kakerlakentheorie wieder die Runde: Wo eine Kakerlake auftaucht, sind noch Dutzende in der Nähe versteckt. Besonders verdächtig sind laut Dickson die siebzig der im S&P 500 gelisteten Unternehmen, die einst von Andersen geprüft wurden. Im Moment gehen neue Wirtschaftsprüfer durch deren Akten. Dickson erwartet, dass wie bei den Ex-Andersen-Kunden Enron und WorldCom noch einige Überraschungen auftauchen. Pharmagigant Merck sei ein Beispiel.

WorldCom galt bereits seit Monaten als Skandalfirma, die Aktie war längst ein Pennystock. Doch der Schock hätte kaum größer sein können. Die Amerikaner, angefangen beim Präsidenten, verfluchen plötzlich ihr System. "Eine Bilanzprüfung mit einem Rechenschieber im südamerikanischen Urwald scheint zuverlässiger zu sein als eine Bilanzprüfung in den USA. So viel zur Transparenz der US-Märkte, den gerechtesten der Welt (Hier bitte die Fahne schwenken)", höhnt Mike Tarsala, Kolumnist von CBS Marketwatch.

"Anzunehmen, das Schlimmste sei vorbei, ist naiv", sagt Stephen Roach, Chef-Volkswirt von Morgan Stanley. Am Nachmittag glätteten sich die Wogen an der Wall Street, nachdem die Federal Reserve wie erwartet die Leitzinsen unverändert ließ und General Electric seine Gewinnerwartungen bestätigte. Auch nutzten kaltblütige Schnäppchenjäger die Gelegenheit, um sich billig einzudecken. Doch wie sehr WorldCom die Anleger aufgewühlt hatte, zeigte das Handelsvolumen: Es war der handelsstärkste Tag des Jahres.

Virtuelle Ökonomie

WorldCom zog auch die Aktien der Unternehmen mit in den Keller, die von einem Bankrott eventuell betroffen wären: AOL Time Warner, EDS, sowie die Banken JP Morgan und Citigroup.

Am meisten werden Telekommunikations- und Technologie-Sektor unter WorldCom leiden. Beobachter fragen sich: Wenn WorldCom im vergangenen Jahr kein Geld verdient hat, wer dann? Telekommunikationsanalyst Scott Cleland von der Precursor Group hat bereits eine "Insolvency Zone" der potenziellen Bankrott-Kandidaten im Telekommunikations-Sektor eingerichtet: Neben WorldCom zählen dazu unter anderem Nortel, Lucent und die Mutter aller Telekommunikationsfirmen, AT&T.

Anleger werden diese Lektion jedenfalls nicht so schnell vergessen. Frühestens in drei bis sechs Monaten, schätzt Dickson, werden sie sich wieder an die Börse trauen. Aber nur, wenn nicht vorher noch eine Kakerlake aus ihrem Versteck kommt.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP