Wirtschaft



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23.08.2002
 

Berliner Bankenskandal

Teure Ignoranz

Von Rüdiger Strauch

Der Berliner Bankenskandal könnte den Bund und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO teuer zu stehen kommen. Beide versäumten es, rechtzeitig auf Mängel bei der Berliner Bankgesellschaft aufmerksam zu machen. BDO-Leute sollen ungeschönte Gutachten sogar unter Verschluss gehalten und die Bilanzen wissentlich falsch testiert haben.

Ein Gutachten aus dem Jahr 1997 belegt, dass es Mahner gab. Allein die Warnungen wurden in den Wind geschlagen
[M]:DPA;mm.de

Ein Gutachten aus dem Jahr 1997 belegt, dass es Mahner gab. Allein die Warnungen wurden in den Wind geschlagen



Berlin – "Prüfen – beraten – handeln", mit diesem Slogan begrüßt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO die Besucher ihrer Website. Das letzte Glied in der Kette dieser Tätigkeiten scheinen Berliner Mitarbeiter des weltweit operierenden Unternehmens in den 90er Jahren allerdings nicht allzu ernst genommen zu haben. Statt rechzeitig gegen Missmanagement bei der Berliner Bankgesellschaft (BGB) einzuschreiten, ignorierten die Wirtschaftsprüfer alle Warnungen. Dabei waren sie durch eine Expertise des unabhängigen Sondergutachters Achim Walther schon 1997 über die unkalkulierbaren Risiken der Fondsgesellschaften der BGB informiert gewesen. Dessen Alarm verhallte jedoch in der Bedeutungslosigkeit. Die Studie, sagt Walther, sei ignoriert worden und in der Schublade verschwunden.

Schadensersatzansprüche mit voller Härte durchsetzen

Statt dessen machten die Wirtschaftsprüfer offensichtlich gemeinsame Sache mit den damaligen Managern der Berliner Bankgesellschaft. Dass die BDO-Leute die Bilanzen der Immobilientochter IBG wider besseres Wissen falsch testierten und nicht Sturm gegen dubiose Immobilienfonds liefen, könnte sich in naher Zukunft zu einem der größten Haftungsfälle in der deutschen Nachkriegsgeschichte ausweiten. Denn die BGB und das Land Berlin, das im Frühjahr für die marode Bankgesellschaft eine Risikoabschirmung in Höhe von 21 Milliarden Euro übernehmen musste, setzen alles daran, Schadensersatzansprüche geltend zu machen.

Auf die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO könnte eine Prozesslawine ungeahnten Ausmaßen zurollen. "In vollem Umfang und in aller Härte" müssten die Ansprüche durchgesetzt werden, betonte der Untersuchungsausschuss-Vorsitzende des Berliner Abgeordnetenhauses, Klaus-Uwe Bennetter (SPD). Aussicht auf Erfolg besteht, denn Strafrechtler sehen den Tatbestand des Bilanzbetrugs als erfüllt an.

Plötzlicher Gedächtnisschwund: Ex-Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU). Von warnenden Gutachten möchte er nichts gewusst haben
DPA

Plötzlicher Gedächtnisschwund: Ex-Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU). Von warnenden Gutachten möchte er nichts gewusst haben

Um Licht ins Dunkel der unrühmlichen Machenschaften zwischen Wirtschaftsprüfern, Bankmanagern und Politik zu bringen, soll Gutachter Walther in naher Zukunft vom Untersuchungsausschuss befragt werden. Danach könnten auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und sein Vorgänger Eberhard Diepgen (CDU) eine Vorladung erhalten. Auf die Recherchen des ARD-Nachrichtenmagazins "Kontraste" und des "Handelsblatts" angesprochen, beteuerte Diepgen, er könne sich an die Warnungen Walthers nicht mehr erinnern. Wowereit, der im Sommer 2001 vom Walther-Bericht Kenntnis erlangt hatte, redete sich darauf heraus, den Vorgang bei Amtsantritt an die Senatsverwaltung für Finanzen übergeben zu haben.

Carl Wechselberg, Haushaltsexperte des Koalitionspartners PDS, sieht im Verhalten Wowereits keine Verfehlung: "Er war nicht unmittelbar verantwortlich." An Diepgen aber habe er viele Fragen, so Wechselberg. "Unglaubwürdig" nennt er es, wenn der Ex-Bürgermeister behaupte, er habe von den Risiken der BGB nichts gewusst.

"Kriminelle Energie"

In der Bankenbranche wussten die Konkurrenten der BGB schon Mitte der 90er Jahre, dass sich das "Berliner Modell" nicht rechnen konnte. Mit undurchsichtigen Immobilienfonds, die ihre Zeichner mit keinerlei unternehmerischem Risiko belasteten, ihnen sogar Renditen bis zu acht Prozent und Steuervorteile garantierten, war die BGB zwischen 1993 und 1996 zum Marktführer in dieser Sparte aufgerückt. Dass die Erfolgsgeschichte im Frühjahr 2001 fast im Konkurs endete, war für viele Experten keine Überraschung.

Der drohende Kollaps der Bankgesellschaft hätte indes von den Verantwortlichen schon viel früher bemerkt werden können. Letzte Klarheit brachte spätestens der Brief Walthers am 28. März 2001: "Mit krimineller Energie", schreibt der Hannoveraner Wirtschaftsprüfer an den damaligen Bürgermeister Diepgen, habe die BGB versucht, an die Branchenspitze vorzudringen. Ähnlich kritisch hatte sich Walther schon im Juli 1997 geäußert. Walthers Einschätzung wurde von anderen Prüfern bestätigt: "Die Produktkalkulation ist inhaltlich und formal ungenügend und wird keiner ausreichenden Prüfung unterzogen", hieß es in einem Gutachten der Firma Clifford Chance Pünder vom Mai 2002.

Erst jetzt gerät der Stein ins Rollen. Auf der Aktionärsversammlung Mitte Juli versicherte der neue BGB-Vorstandschef Hans-Jörg Vetter Tausenden wütender Kleinanleger, die Wirtschaftsprüfer des Konzerns würden zur Rechenschaft gezogen. Ein Sprecher der Bankgesellschaft bestätigte auf Anfrage, seit Anfang Februar sei eine Anwaltskanzlei damit beauftragt, mögliche Schadensersatzforderungen auf ihre Durchsetzbarkeit zu prüfen. Innerhalb der nächsten Monate liege das Ergebnis dann vor. Über den Umfang der zivilrechtlichen Ansprüche wollte der Sprecher keine Angaben machen.

Auffällige Parallelen zu Enron und WorldCom

Derweil zittern in Hamburg die Justiziare der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO Deutschland. Pressesprecher Philipp Croy erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE, sein Unternehmen beschäftige sich seit Bekanntwerden des Walther-Gutachtens intensiv mit den "massiven Vorwürfen". Dies gestalte sich aber umso schwieriger, als der frühere Leiter der Berliner Niederlassung, Jürgen Quehl, vor einigen Jahren in den Ruhestand verabschiedet worden sei. "Ehrenhaft!", unterstrich Croy und ließ keinen Zweifel, dass die Vorwürfe entkräftet werden können. Quehl allerdings soll bei einem Zusammentreffen in Nürnberg alle Warnungen in den Wind geschlagen haben. "Mein Bericht wurde abgelehnt. Ich sollte den Inhalt überarbeiten. Das habe ich abgelehnt", sagte Walther dem "Handelsblatt".

Was kommt noch alles ans Licht? Die Bankgesellschaft Berlin ist für immer neue Skandale gut
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So wachsen die Zweifel daran, ob in der Zusammenarbeit zwischen BGB und BDO alles mit rechten Dingen zuging. Darüber hinaus weckt der ausufernden Berliner Immobilien-Sumpf ungute Erinnerungen an die Bilanzskandale der beiden großen US-Unternehmen Enron und WorldCom. Auch hier ließen sich Wirtschaftsprüfer einspannen, um Geschäftsberichte zu schönen, anstatt warnend den Zeigefinger zu heben.

Hierzulande gewinnt der Streit um die Berliner Bankgesellschaft noch dadurch an Brisanz, dass auch das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BAKred, heute ein Teil der Allfinanzaufsichtsbehörde BAFin) eine Sonderprüfung der Landesbank anordnete, die zu einem ähnlich verheerenden Urteil führte wie Walthers Gutachten. Dennoch unternahm die Aufsichtsbehörde nichts, um die Mängel beseitigen zu lassen, und sieht sich heute mit Milliarden-Forderungen der Bankgesellschaft und des Landes Berlin konfrontiert. Der Bankenskandal, einst lokal auf Berlin begrenzt, könnte folglich auch den Bund teuer zu stehen kommen.

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