Wirtschaft



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18.09.2002
 

Deutsche Telekom

Im Zweifel gegen den Schuldner

Von Michael Kröger

Säumige Schuldner können von der Deutschen Telekom keine Gnade erwarten. Obwohl die Ansprüche des Konzern vor Gericht oft nicht standhalten, arbeiten die Geldeintreiber mit allen Mitteln der Einschüchterung.

Nicht immer über jeden Zweifel erhaben: Telefonrechnung
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DPA

Nicht immer über jeden Zweifel erhaben: Telefonrechnung

Hamburg - Als die Klageschrift ins Haus flatterte, konnte sich Roswitha Gladel kaum noch an den Vorgang erinnern. Damals, 1994, hatte sie sich über drastisch überhöhte Telefonrechnungen beschwert. Eine Mitarbeiterin der Deutschen Telekom Chart zeigen hatte ihr mitgeteilt, sie werde den Fall überprüfen. Acht Jahre später zerrte der rosa Riese Gladel vor den Kadi.

Mit komplizierten Formulierungen in reinstem Amtsdeutsch und umfangreichem Beweismaterial versuchten die Telekom-Anwälte von der Heidelberger Kanzlei Seiler & Kollegen, dem uralten Anspruch doch noch Geltung zu verschaffen. "Ich wusste mir zunächst gar nicht zu helfen", erzählt Gladel. "Da wir praktisch keine schriftlichen Unterlagen mehr hatten, erschien uns ein Prozess viel zu riskant. Wir wollten dem schlechten Geld nicht noch Gutes hinterherwerfen."

Ein Detail brachte die Gladels dann doch dazu, einen Anwalt aufzusuchen: Auf den als Beweismittel vorgelegten Telefonrechnungen aus dem Jahr 1994 war der Rechnungsbetrag in Euro ausgewiesen. Etwas musste daran also verändert worden sein, denn zu diesem Zeitpunkt wussten noch nicht einmal die Unterhändler der europäischen Regierungen, welchen Namen die gemeinsame Währung tragen sollte.

Gespräche von russischen Lkw-Fahrern auf der Rechnung

Außerdem erinnerte sich Gladels Mann daran, dass die Telefonzelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite während des fraglichen Zeitraums des Öfteren kostenlos zu benutzen war. Regelmäßig seien Ansammlungen von russisch sprechenden Lkw-Fahrern rund um das Häuschen zu beobachten gewesen, die den "Gratis-Service" nutzten. Eine Mitarbeiterin der Telekom habe schon damals vermutet, dass die Telefoneinheiten womöglich der Rechnung der Gladels zugeschlagen wurden, erzählt Gladel.

Mit diesen Indizien konnte Gladel-Anwalt Jürgen Schumacher arbeiten. Nachdem er seine Argumente gegen die Forderung vorgebracht hatte, zog die Telekom ihre Klage zurück.

Nach Einschätzung von Verbraucherschützern sind die Gladels gut davongekommen. Denn die meisten Kunden scheuen das Risiko, gegen die geballte Inkasso-Streitmacht der Telekom anzutreten. Gegen säumige Schuldner geht das Unternehmen unnachgiebig vor. Systematisch wird jede Eskalationsstufe erklommen: Mahnverfahren, Briefe vom Inkassobüro, schließlich schalten sich Anwälte ein und erheben Klage. Natürlich kostet jeder Schritt den Kunden Geld. Auch bei einer bescheidenen Telefonrechnung kommen auf diese Weise leicht mehrere hundert Euro zusammen.

Bis zum Mahnverfahren lässt sich die Telekom oft Jahre Zeit

Die Verbraucher stehen auch rechtlich meist auf verlorenem Posten. Ihnen bleibt nur der Protest, den sie lediglich auf das Argument der Plausibilität stützen können, denn alle Daten, die einen Anspruch beweisen oder widerlegen könnten, sind auf den Rechnern der Telekom gespeichert. Wer die Abrechnungen also wirklich kontrollieren wollte, müsste exakt jedes einzelne Gespräch protokollieren.

Kommt es dennoch zu einer Beschwerde, reagieren die Telekom-Mitarbeiter nicht selten mit hinhaltendem Widerstand: Sie sichern eine Prüfung zu, für die sie sich im Einzelfall extrem viel Zeit lassen - im Falle der Gladels waren es rund sechs Jahre. Kommt es dann zum Verfahren, sind sämtliche Daten verloren, die dem Gericht eine Nachprüfung ermöglichen könnten. Denn nach dem Telekommunikationsgesetz müssen die Datensätze, in denen jede Einzelverbindung aufgelistet ist, aus Datenschutzgründen bereits nach 80 Tagen gelöscht werden.

Ein Sprecher weist denn auch mit Hinweis auf die Gesetzeslage jede Kritik an der Art, wie die Telekom Einwände gegen ihre Rechnungen behandelt, zurück. Viele Proteste würden nur vorgetragen, um der Zahlungspflicht zu entgehen, mutmaßt Telekom-Sprecher Ullrich Lissek: "Wir müssen schon im Interesse unserer pünktlich zahlenden Kunden alles unternehmen, um säumige Schuldner zum Bezahlen offener Rechnungen zu veranlassen."

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