Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
26.09.2002
 

Tod des Neuen Markts

"Die Marke ist verbrannt"

Der skandalbehaftete Neue Markt wird aufgelöst, doch Vertreter von Kleinaktionären bemängeln schlechtes Timing. Die betroffenen Firmen begrüßen mehrheitlich das Ende des Imagekillers.

Frankfurter Börse: Nach fünf Jahren Ende für den Neuen Markt
Zur Großansicht
REUTERS

Frankfurter Börse: Nach fünf Jahren Ende für den Neuen Markt

Frankfurt - Es war genau neun Minuten vor Zwölf, als am Donnerstagmittag die Todesanzeige über die Nachrichtenagenturen tickerte: "Deutsche Börse will Neuen Markt und Smax schließen". Die Deutsche Börse plane einen radikalen Umbau ihrer Aktienmarktsegmente. Nachdem die Nachricht auf dem Börsenparkett angekommen war, stieg der Nemax50 unaufhörlich bis 18 Uhr um 2,42 Prozent auf 363,68 Punkte.

Der Neue Markt und der Nebenwerte-Index Smax werden bis Ende 2003 aufgelöst. An ihre Stelle soll eine Zwei-Klassen-Börse treten: Das Segment "Prime Standard" fordert von den notierten Unternehmen hohe Transparenzanforderungen. Das Einstiegssegment soll den Namen "Domestic Standard" tragen.

Experten, Händler und Anleger scheinen völlig überrascht. Schließlich ist es fünf Jahre her, dass die Deutsche Börse den Neuen Markt als Handelssegment für hoffnungsvolle Wachstumsunternehmen gründete - ganz nach dem US-Vorbild Nasdaq. Im Frühjahr 2000 erreichte der Index seinen Höchststand im Frühjahr 2000.

Ex-EM.TV-Chef Haffa: Skandalmanager des Neuen Markts
[M] AP / DPA

Ex-EM.TV-Chef Haffa: Skandalmanager des Neuen Markts

Doch in den letzten beiden Jahren machte der so hoffnungsvoll gestartete Index nicht mehr durch glänzendes Wachstum, sondern vor allem durch Skandale um verfehlte Prognosen, Bilanzfälschungen und Firmenpleiten von sich reden. Rund 95 Prozent verlor der Index seit seinem Höchststand im Frühjahr 2000 an Wert. Da dürften sich viele Kleinanleger über den Tod des Nemax freuen, haben sie doch viel Geld mit nicht eingelösten Versprechungen von Firmen wie EM.TV oder Comroad verloren.

"Das Kind ist hirntot"

Gar nicht begeistert zeigt sich jedoch der Chef der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), Klaus Schneider. Die Aktion käme schlicht zu spät. "Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen und hirntot", sagte Schneider. "Der Neue Markt war ein Zeichen für junge wachsende Unternehmen", sagte Schneider. Die geplante Unterteilung des Aktienmarktes in ein Premiumsegment, das hohe Voraussetzungen an die Transparenz und die Berichterstattung der Unternehmen setzt, und in ein Einstiegssegment hält der Aktionärsschützer für Augenwischerei. "Es sieht so aus, als ob da nur Kosmetik betrieben würde und ein neuer Name benutzt wird, sich sonst aber nichts ändert", sagte Schneider. Ein wesentlicher Fortschritt wäre es gewesen, wenn sich die Premiumsegment-Kandidaten hohen Finanzmarktregeln hätten verpflichten müssen. Dies sei aber ausgeblieben.

Schlechtes Timing, findet auch die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). "Das Schlimme ist, dass die Deutsche Börse damit noch mehr Unruhe in die Märkte bringt", sagt Marc Tüngler, Rechtsanwalt bei der DSW. Vom Zeitpunkt abgesehen sei der Neue Markt als Marke tatsächlich verbrannt, sagt DSW-Geschäftsführer Carsten Heise. Für die Aktionäre sei nun die Frage, was das neue Konzept der Deutschen Börse im Einzelnen bedeute. So müssten Lösungen für Indexfonds gefunden werden, die den Nemax als Orientierungsfonds verwendet haben. Die Deutsche Börse habe offenbar bewusst einen langen Übergangszeitraum bis Ende 2003 gewählt.

Börsenexperte Gerke: "Man musste sich etwas Neues einfallen lassen."
PR

Börsenexperte Gerke: "Man musste sich etwas Neues einfallen lassen."

Positiv sieht Aktionärsschützer Heise die Pläne der Deutschen Börse, künftig den Aktienmarkt in einen "Domestic Standard" sowie in einen "Prime Standard" mit höheren, international üblichen Anforderungen an Transparenz zu teilen. Dies erleichtere die Vereinheitlichung der Märkte in Europa.

Auch der Erlanger Wirtschaftsprofessor und Börsenexperte Wolfgang Gerke begrüßt die Schließung. Die sei zwar "keine große Überraschung", aber ein "relativ konsequenter und notwendiger Schritt", sagte Gerke. "Der Neue Markt wurde von Banken und Analysten zu sehr als Segment mit niedrigen Risiken verkauft", sagte Gehrke. Der Imageverlust sei schließlich so groß gewesen, "dass man sich etwas Neues einfallen lassen musste, um die Funktionalität zu erhalten."

  • 1. Teil: "Die Marke ist verbrannt"
  • 2. Teil

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr auf SPIEGEL ONLINE







TOP



TOP