Frankfurt - Es war genau neun Minuten vor Zwölf, als am Donnerstagmittag die Todesanzeige über die Nachrichtenagenturen tickerte: "Deutsche Börse will Neuen Markt und Smax schließen". Die Deutsche Börse plane einen radikalen Umbau ihrer Aktienmarktsegmente. Nachdem die Nachricht auf dem Börsenparkett angekommen war, stieg der Nemax50 unaufhörlich bis 18 Uhr um 2,42 Prozent auf 363,68 Punkte.
Der Neue Markt und der Nebenwerte-Index Smax werden bis Ende 2003 aufgelöst. An ihre Stelle soll eine Zwei-Klassen-Börse treten: Das Segment "Prime Standard" fordert von den notierten Unternehmen hohe Transparenzanforderungen. Das Einstiegssegment soll den Namen "Domestic Standard" tragen.
Experten, Händler und Anleger scheinen völlig überrascht. Schließlich ist es fünf Jahre her, dass die Deutsche Börse den Neuen Markt als Handelssegment für hoffnungsvolle Wachstumsunternehmen gründete - ganz nach dem US-Vorbild Nasdaq. Im Frühjahr 2000 erreichte der Index seinen Höchststand im Frühjahr 2000.
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"Das Kind ist hirntot"
Gar nicht begeistert zeigt sich jedoch der Chef der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), Klaus Schneider. Die Aktion käme schlicht zu spät. "Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen und hirntot", sagte Schneider. "Der Neue Markt war ein Zeichen für junge wachsende Unternehmen", sagte Schneider. Die geplante Unterteilung des Aktienmarktes in ein Premiumsegment, das hohe Voraussetzungen an die Transparenz und die Berichterstattung der Unternehmen setzt, und in ein Einstiegssegment hält der Aktionärsschützer für Augenwischerei. "Es sieht so aus, als ob da nur Kosmetik betrieben würde und ein neuer Name benutzt wird, sich sonst aber nichts ändert", sagte Schneider. Ein wesentlicher Fortschritt wäre es gewesen, wenn sich die Premiumsegment-Kandidaten hohen Finanzmarktregeln hätten verpflichten müssen. Dies sei aber ausgeblieben.
Schlechtes Timing, findet auch die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). "Das Schlimme ist, dass die Deutsche Börse damit noch mehr Unruhe in die Märkte bringt", sagt Marc Tüngler, Rechtsanwalt bei der DSW. Vom Zeitpunkt abgesehen sei der Neue Markt als Marke tatsächlich verbrannt, sagt DSW-Geschäftsführer Carsten Heise. Für die Aktionäre sei nun die Frage, was das neue Konzept der Deutschen Börse im Einzelnen bedeute. So müssten Lösungen für Indexfonds gefunden werden, die den Nemax als Orientierungsfonds verwendet haben. Die Deutsche Börse habe offenbar bewusst einen langen Übergangszeitraum bis Ende 2003 gewählt.
Börsenexperte Gerke: "Man musste sich etwas Neues einfallen lassen."
Auch der Erlanger Wirtschaftsprofessor und Börsenexperte Wolfgang Gerke begrüßt die Schließung. Die sei zwar "keine große Überraschung", aber ein "relativ konsequenter und notwendiger Schritt", sagte Gerke. "Der Neue Markt wurde von Banken und Analysten zu sehr als Segment mit niedrigen Risiken verkauft", sagte Gehrke. Der Imageverlust sei schließlich so groß gewesen, "dass man sich etwas Neues einfallen lassen musste, um die Funktionalität zu erhalten."
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