Von Carsten Matthäus
"Die Kein-Fett-kein-Geschmack-Ära ist vorbei" sagte Phil Pifer, Entwicklungschef von Frito-Lay, als sein Konzern eine neue Wunderwaffe in Kalifornien und dem Nordwesten der USA einführte: Kartoffelchips ohne Fett. Der Name der neuen Chips - so die Hoffnung der Strategen - sollte wie ein Aufschrei des Entzückens durch die USA gehen: "Wow!" Das war 1998.
So ganz glücklich wurden die neugierigen Esser nicht mit den neuen Wow!-Chips. Nach Angaben des Center for Science in the Public Interest (CSPI) gehen seit der Einführung ständig neue Klagen über das scheinbar so gesunde Produkt ein: Übelkeit, Magenkrämpfe und Durchfall sind nur einige der Leiden, die den Wow!-Chips angelastet werden, so die CSPI-Gesundheitsaktivisten.
Brokkoli-Chips und Sinnsprüche
Doch Frito-Lay will die Fat-Free-Linie keinesfalls aufgeben. Im Gegenteil - bei der PepsiCo-Tochter wird im Moment voll auf Produkte gesetzt, die sich als "Better-for-you" (besser für Dich) anpreisen lassen. Öffentlickeitswirksam experimentieren Entwickler mit der Verarbeitung getrockneter Brokkoli-Stücke in Kartoffelchips. Und den Zugpferden von Frito-Lay, den Doritos, Tostitos und Cheetos saugt man gerade einen Großteil der Fette ab, um neue "reduced fat"-Linien zu starten.
"Wir werden die Art ändern, mit der in Amerika gesnackt wird", kündigte Frito-Lay-Chef Al Bru vergangene Woche vollmundig an. Sogar der Vater der amerikanischen Aerobic-Bewegung, Kenneth Cooper, wurde für den Gesundheitstrip des Chip- und Salzgebäck-Konzerns verpflichtet. Der ist auch gleich in die Vollen gegangen: "Das Ziel ist, aus PepsiCo das am stärksten auf Gesundheit orientierte Unternehmen Amerikas zu machen". Unter anderem soll dazu Coopers' Konterfei künftig auf Chips-Packungen zu sehen sein mit Sinnsprüchen wie: "Fitness ist eine Reise, nicht das Reiseziel".
"Kulturkrieg des neuen Jahrhunderts"
Auch die anderen Ikonen der amerikanischen Fast-Food-Kultur interessieren sich neuerdings besonders für das Thema Gesundheit: McDonald's will künftig Fritten, Fisch und Formfleisch in gesünderem Fett ausbacken und Coca Cola verteilt neuerdings Pedometer an Schulen, um faule Schüler mit Gewinnspielen zu mehr körperlicher Bewegung zu animieren. Außerdem finanzieren PepsiCo, Coca Cola, McDonald's, Hershey, Kellogg, Kraft Foods und andere große US-Lebenmittelhersteller die Website kidnetic.com, mit der Kinder dazu gebracht werden sollen, sich gut zu ernähren und körperlich aktiv zu werden.
Und warum das alles?
Die "New York Times" nannte es den "Kulturkrieg des neuen Jahrhunderts". Auf dem Schlachtfeld der Ernährung, so die Einschätzung der Zeitung, seien in Zukunft ähnliche Kämpfe zu erwarten, wie während des erbitterten Feldzugs gegen die Tabakkonzerne, der in beispiellosen Schadenersatzklagen gipfelte.
300.000 Todesfälle im Jahr
Die Verfettung der amerikanischen Gesellschaft hat mittlerweile erschreckende Ausmaße angenommen. Nach Angaben des amerikanischen Gesundheitsministeriums sind schon jetzt 61 Prozent der US-Amerikaner übergewichtig. In den nächsten zwanzig Jahren, so die Prognose, wird dieser Anteil auf 75 Prozent steigen. Erschreckender noch ist die Zunahme der Fettleibigkeit, im medizinischen Fachjargon auch Adipositas oder Fettsucht genannt. In nur zwanzig Jahren hat sich der Anteil dieser stark Übergewichtigen auf 24 Prozent verdoppelt. Nach Angaben des früheren Gesundheitsministers Ray Satcher ist die Verfettung bereits für rund 300.000 der jährlich rund zwei Millionen unnatürlichen Todesfälle in den USA verantwortlich.
Natürlich haben erboste Konsumenten die amerikanische Allzweckwaffe längst auch gegen die Food-Giganten in Stellung gebracht. Rechtsanwalt Samuel Hirsch hat beim Obersten Gericht von New York im Juli eine Sammelklage eingereicht. Sein Mandant Caesar Barber, ein 56-jähriger Hausmeister, hat sich sein Gewicht von knapp 130 Kilo (bei einer Körpergröße von 1,75 Metern) eigenen Beteuerungen zufolge in Fast-Food-Restaurants angefressen. Er will nun Schadenersatz von McDonald's, Burger King, Kentucky Fried Chicken und ähnlichen Restaurantketten, weil diese ihn nicht genug über die Gefahren übermäßigen Essens informiert haben sollen.
Ist "Veggie Lover's" vegetarisch?
Wenngleich Barber's Sammelklage nur wenig Chancen auf Erfolg eingeräumt werden (dazu müsste der Kläger nämlich nachweisen, dass Fast Food süchtig macht), verschärft sich die Gangart gegenüber den amerikanischen Lebensmittelgiganten zusehends. McDonald's entkam einem öffentlichen Schauprozess Mitte des Jahres nur durch Millionen-Spenden an mehrere Hindu-Vereine. Religiöse Inder hatten sich per Sammelklage darüber beschwert, dass bei der Herstellung von Pommes Frites Fett mit Beef-Geschmack verwendet wurde, ohne die Kunden darüber zu informieren.
Pizza Hut muss sich derzeit mit einem ähnlichen Gerichtsprozess herumschlagen. Sie sollen Pizzen, die Fleisch enthielten, als "vegetarisch" dargestellt haben. Eine Sprecherin hielt dagegen, dass es bei der Bezeichnung "Veggie Lover's" nie um Vegetarier, sondern nur um Vegetables (engl.: Gemüse) gehen sollte.
Ruf nach Werbeverboten und Sündensteuern
Auch in der öffentlichen Diskussion ergeht es den Lebensmittelkonzernen ähnlich wie einst den Zigarettenherstellern. Gesundheitsaktivisten wie das CSPI fordern Werbeverbote, Politiker versuchen, bisher erfolglos, Softdrinks mit "Sündensteuern" zu belegen, die bisher nur gegen Suchtmittel wie Tabak oder Alkohol eingesetzt wurden. In einigen Regierungsbezirken von Kalifornien wurde sogar der Verkauf dickmachender Snacks und Getränke auf dem Schulgelände verboten (Was nur den Effekt hatte, dass die Schüler zum nächstgelegenen Laden abwanderten, um sich dort einzudecken).
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH