Von Michael Kröger
Die Post war gemischt an diesem Tag. Ein paar Werbesendungen, einige interessante Aufträge - und der Brief vom Kundenberater der Bank. Er teilte in einigen spröden Zeilen mit, man wolle die Geschäftsbeziehung beenden - komplett.
Hubert Zierl*, Inhaber eines kleinen Familienbetriebs für Aluminiumverarbeitung war wie vor den Kopf gestoßen. Einen Grund konnte er nicht erkennen. Zahlungspannen, etwa geplatzte Schecks oder Überziehung des Dispo-Kredits, hatte es nie gegeben. "Auch unsere Eigenkapitaldecke ist nicht dünner als üblich", sagt der Handwerker. Auch ein Anruf bei seinem Kundenberater brachte ihn nicht weiter - es gelang ihm auch nicht, den Berater zu überreden, seine Entscheidung wieder zu ändern: "Der erklärte nur, sein Institut wolle sich ganz aus der Betreuung der Branche zurückziehen", erinnert sich Zierl.
Mit dem Argument "Rückzug aus einer Branche" hat der Kundenberater wohl ein wenig untertrieben. Derzeit versuchen insbesondere die Großbanken offenbar systematisch, sich alle vermeintlich unsicheren Kantonisten vom Hals zu schaffen. In den Augen der Controller gehören dazu Kleinbetriebe wie der von Zierl, mit sieben Mitarbeitern und 1,5 Millionen Euro Jahresumsatz, aber auch veritable Mittelständler mit mehreren hundert Arbeitsplätzen. Zusammen bilden sie das Rückgrat der deutschen Wirtschaft - jetzt stehen sie unter dem Generalverdacht, schlechte Schuldner zu sein - schlechte Risiken, wie man im Branchenjargon sagt..
Fälle, in denen gleich die gesamte Geschäftsbeziehung abgebrochen wird, bilden zwar noch die Ausnahme. In einer Umfrage des Anlegermagazins "DMEuro" mussten aber 13,7 Prozent der Geschäftsführer oder Vorstände eine Kündigung oder Kürzung von Krediten hinnehmen. Weitere 10,4 Prozent konnten die Kündigung von Krediten in letzter Minute verhindern. 76 Prozent der Unternehmer hatten Schwierigkeiten, neue Kredite zu bekommen.
Basel II als Pauschal-Rechtfertigung
"Basel II" dient den Kreditabteilungen dabei sozusagen als Pauschal-Rechtfertigung. Die internationale Vereinbarung soll das Risiko der Banken reduzieren, durch faule Kredite in Bedrängnis zu geraten. Obwohl die Kredit-Leitlinie erst 2006 in Kraft tritt, hat sie schon heute massive Auswirkungen. Selbst Jochen Sanio, Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, räumt ein, dass das Abkommen momentan oft dazu dient, Kunden mit geringer Kreditwürdigkeit abzuweisen. Bislang war es Sanio, der nicht müde wurde, Basel II als großen Fortschritt für den Mittelstand anzupreisen.
Beigetragen zu der restriktiven Geschäftspolitik hat die Krise, in die die Banken in den vergangenen Monaten hineingeschliddert sind. Zu sehr hatten sich die Manager in den neunziger Jahren auf einen scheinbar unumkehrbaren Aufwärtstrend an den Aktienmärkten verlassen. Investment-Banking - etwa der Aktienhandel, die Abwicklung von Börsengängen oder die Beratung bei Firmenübernahmen - galt als die Geldvermehrungsmaschine der Zukunft. Fast schon wurden die deutschen Großbanker als Spätzünder belächelt, weil sie während der Hausse so lange an ihren traditionellen Bankgeschäften festgehalten hatten.
Seitdem der Markt jedoch im Frühjahr 2000 drehte sind rund 670 Milliarden Euro an Börsenkapital vernichtet worden - ein Desaster für die Großbanken, die das Karussell mit eigenem Geld und Krediten beschleunigt hatten. Der Börsenwert der HypoVereinsbank beträgt nur noch rund ein Drittel von dem, was die Bank als Eigenkapital ausweist. Die Dresdner Bank ist zur Sparte der Allianz degradiert, bei der Commerzbank machten zwischenzeitlich gar Gerüchte von möglichen Liquiditätsproblemen die Runde. Der Traum vom Global Player geistert inzwischen wohl lediglich noch durch die Flure der Deutschen Bank.
Im Kampf ums eigene Überleben gilt es darum, jeden Cent aufzutreiben. Die leichteste Übung: Kredite werden zurückgefordert. Das Sprichwort, Banken würden bei Sonnenschein Regenschirme verleihen und sie bei Regen zurückfordern, wird so für viele Mittelständler zur bitteren Realität.
*Name von der Redaktion geändert
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH