Wirtschaft



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31.10.2002
 

Neuer IBM-Chef

Palmisanos Vakuum-Vision

Von Carsten Volkery, New York

Eine Vision für die Zukunft der gesamten IT-Branche wollte Sam Palmisano eigentlich verkünden. Doch viel Revolutionäres enthielt die erste große Rede des neuen IBM-Chefs nicht.

Evolution verpackt als Revolution: IBM-Chef Palmisano
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Evolution verpackt als Revolution: IBM-Chef Palmisano

New York - "Are you ready?", steht auf dem blauen Hintergrund der Bühne, auf die Sam Palmisano tritt. Die Frage ist an seine Zuhörer, die Technologie-Vorstände der 300 größten IBM-Kunden, gerichtet. Doch sie könnte ebenso gut auf ihn selbst gemünzt sein.

Seit er im März den legendären Lou Gerstner als CEO beerbte, sind alle Augen auf den 50-jährigen Mann mit der runden Brille gerichtet. Schafft er es, die weltgrößte Computerfirma durch die IT-Krise zu manövrieren? Kann er "Big Blue" wieder auf den Wachstumspfad führen?

Die Entscheidung der Jury steht noch aus, aber in seiner kurzen Zeit an der Spitze hat Palmisano bereits unübersehbar gewirbelt: Er hat das verlustreiche Festplattengeschäft für zwei Milliarden Dollar verkauft. Alte Fabriken wurden geschlossen und insgesamt 15.600 Leute entlassen. Und mit dem Kauf der Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers zum Schnäppchenpreis von 3,5 Milliarden Dollar hat er einen der größten Coups der Unternehmensgeschichte gelandet.

Glaubensbekenntnis vor Dinosauriern

Der Auftritt am Mittwochmorgen ist Palmisanos erste große Rede als CEO. Die amerikanische Presse hat sie sein "Coming out" genannt. Nach acht Monaten im Amt scheint die Zeit reif für ein Glaubensbekenntnis, ein Manifest, in dem der Neue die Zukunft ausmalt. Warum allerdings die PR-Leute als Ort dafür ausgerechnet das American Museum of Natural History ausgewählt haben, ein Gebäude, das vor allem für seine Dinosaurier bekannt ist, wird wohl ein Firmengeheimnis bleiben.

Palmisano gibt sein Bestes. Er spricht eine ganze Stunde lang. Neben den 300 geladenen Kunden hören auch Reporter, Analysten und 350.000 IBM-Mitarbeiter per Webcast zu. Der IBM-Chef kündigt eine neue Ära in der Computer-Evolution an, die er "On Demand" nennt. Rechenkraft und Applikationen würden wie Strom an den Kunden geliefert - auf Nachfrage, just in time und genau bemessen. Die Zukunft gehöre Netzwerken mit offenen Standards, in denen alle Maschinen problemlos miteinander reden könnten. Mehr noch: Mit IBMs "autonomem Computing" würden Rechner sich auch selbst bedienen und reparieren.

Doch trotz großer Worte - besonders originell ist das Szenario nicht. Palmisanos Strategie erscheint wie eine Verfeinerung von Gerstners Konzept. Der neue Werbe-Slogan "E-Business on Demand" ist einfach eine Erweiterung des alten. Fast schon kann man von einem Konsensmodell der Branche reden: Rivalen wie Sun, Microsoft, Oracle, HP und EDS arbeiten ebenfalls in die Richtung des so genannten "Distributed Computing". Aber Palmisano versucht, begeistert zu wirken. "Wir arbeiten seit Jahren daran, und jetzt haben wir alles zusammen".

Vom schwerfälligen Konzern zum modernen Dienstleister

Rechnerkapazität just in time: Superrechner von IBM
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REUTERS

Rechnerkapazität just in time: Superrechner von IBM

Tatsächlich scheint "Big Blue" prädestiniert, die Vision umzusetzen. Von Forschungsausgaben über Umsatz bis Mitarbeiterzahl reicht kein Rivale an Big Blue heran. Und seit Gerstner den schwerfälligen Dinosaurier in einen agilen Dienstleister verwandelt hat, dominiert IBM den Zukunftsmarkt "IT Services". Unter dem 1996 eingeführten Slogan "E-Business" hat der Konzern sich frühzeitig als die Firma positioniert, die große Unternehmen in allen Technologiefragen, insbesondere bei der Integration des Internet, unterstützt.

Auch in dieser Beziehung knüpft Palmisano an seinen Vorgänger an. Er kündigt Investitionen von zehn Milliarden Dollar an, um die Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Dazu zählen neue Werbespots und der Bau von vier "On-Demand"-Zentren in der ganzen Welt, die IBM-Kunden beim Übergang in die neue Welt helfen sollen.

"Wir haben den Boden erreicht"

Neues Wachstum zu generieren ist Palmisanos größte Herausforderung. Auch IBM ist von der IT-Krise erwischt worden. 2000 wuchs der Umsatz um ein mageres Prozent, 2001 fiel er gar um drei Prozent. Das Umfeld sei weiterhin schwierig, bestätigt Palmisano am Mittwoch, aber er sieht doch einen Hoffnungsschimmer: Bei seinen Kundenbesuchen in der ganzen Welt verspüre er inzwischen wieder Optimismus. "Wir haben den Boden erreicht", sagt er.

Ob die "On Demand"-Strategie zu Umsatzwachstum führt, bleibt abzuwarten. Zumindest steuert IBM mehr und mehr auf Kollisionskurs zu Microsoft und dessen Dotnet-Strategie. Dabei verkörpern die beiden Giganten gegensätzliche Weltanschauungen. Während IBM seine ganze Marktmacht für das offene Betriebssystem Linux ins Feld führt, setzt Microsoft auf ein proprietäres, Windows-zentriertes Netzwerk. Welche Vision sich durchsetzen werde, sagt Palmisano, hänge von den Kunden ab. Mehrmals appelliert er in seiner Rede an die Anwesenden: "Ihr habt die Macht zu entscheiden. Ihr seid die Kunden."

Unter anderem dank IBMs Promotion ist das einstige Randphänomen Linux längst gesellschaftsfähig worden. Laut der Marktforschungsfirma IDC wuchs die Zahl der verkauften Linux-Server in den zwölf Monaten vor dem 30. Juni um 18 Prozent, während die Zahl der teureren Windows-Server nur um drei Prozent zulegte.

Für Palmisano gibt es keine Frage, wer am Ende als Sieger dasteht. "Offene Standards sind gut für die Kunden und gut für Industrie."

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