Von Carsten Matthäus
Es gab mal eine Zeit, da hatten wir noch Hochachtung vor den Tipp-Queens der Supermarkt-Filiale um die Ecke. Mit perfektem Zahlengedächtnis und in atemberaubendem Tempo frästen sie sich durch das laufende Band. Während der eine Kunde noch verdattert in seinem Portemonnaie herumfingerte, bekam der nächste schon seinen Endpreis entgegengerufen. Mit dem Glücksgefühl, gerade wieder einen Beweis unbedingten Leistungswillens und hoher Fingerkunst erlebt zu haben, rollte man seine Ware zum Auto.
Das war vor den Scanner-Kassen. Vor der menschenverachtenden Zieh-drüber-bis-es-piept-Technologie. Die einstigen Tipp-Queens sitzen nun vielerorts da wie organische Schnittstellen zwischen Barcode und Scanner. Wenn es mal nicht gleich piept, drehen und wenden sie das Produkt, bis auch das technische Auge zufrieden ist. Wenn die einstigen Großmeisterinnen des Tastenfeldes tatsächlich noch einmal etwas tippen, offenbart sich die ganze Misere: Wie die Schulanfänger müssen sie die einzelnen Ziffern des Barcodes in ihre Kasse übertragen und können nur hoffen, dass auch der richtige Preis und das richtige Produkt erscheint. Nicht ist mehr übrig von der uneingeschränkten Lufthoheit über die Laufbänder der Nation.
Ein Schuss auf den Einkaufswagen
Doch es ist abzusehen, wann die Kassiererinnen von ihrer derzeitigen Schmach erlöst werden. Denn der unselige Barcode könnte bald ersetzt werden von funkenden Etiketten, so genannten RFID Tags. Produkte mit dieser Kennzeichnung brauchen keinen Sichtkontakt mehr. Sie funktionieren wie Miniatur-Handys, die immer brav ihren Preis und einiges mehr an das Lesegerät melden, das sie gerade anfunkt. Besonders spannend ist die neue Technologie, seit die Etiketten ohne Batterie auskommen: Die Funkwellen des Lesegerätes genügen, um den RFID-Tag kurzzeitig zu aktivieren. Außerdem ist es mit bestimmten Funkgeräten jederzeit möglich, die Informationen auf dem Etikett zu ändern.
Wäre es nur schon so weit. Dann endlich könnten die entwürdigten Kassendamen ihre Scanner-Ställe verlassen und mit einem Lesegerät und einem dicken Geldbeutel bewaffnet den Käufern entgegentreten. Ein Schuss auf den Einkaufswagen, und der Endpreis ist da. Ein weiterer Schuss auf den verdatterten Kunden (dessen Kreditkarte natürlich auch ein Funketikett hat), und die Summe ist vom Konto abgebucht. Vielleicht wird dem Käufer noch gestattet, die Richtigkeit der Kontobewegung per Unterschrift zu bestätigen.
Der Funkspruch des Mach-3-Rasierers
Der nächste Entwicklungsschritt wäre dann allerdings auch das Ende der Kassiererinnen. Dann kommt nämlich die vollautomatische Do-it-yourself-Kasse, bei der dem Kunden quasi unmerklich das Geld aus der Tasche gefunkt wird. Weil sich aber selbst die schlauesten RFID-Etiketten (auch Smart Tags genannt) von feindlichen Funkgeräten und handelsüblichen Bleibeuteln austricksen lassen, hätten die verbleibenden Herrinnen der Kasse zumindest noch die Wächterfunktion im Supermarkt - ein ehrenvoller Platz.
Das alles ist beileibe keine entfernte Zukunftsmusik mehr. Die weltgrößten Hersteller von Markenartikeln wie Procter & Gamble, Unilever und Gillette experimentieren bereits mit Smart Tags auf ihren Rasierklingen, Parfums und Shampoos. Führende Handelsketten wie Wal-Mart und Marks & Spencer sind ebenfalls dabei, sich auf die Ära der Funketiketten vorzubereiten, der britische Supermarktbetreiber Tesco experimentiert seit längerem mit Do-it-yourself-Kassen.
Erst kürzlich hat Chiphersteller Infineon die ersten Billig-Tags vorgestellt und freudig darauf verwiesen, dass sie auch auf Joghurtbecher und Chips-Tüten gedruckt werden können. In etwa sieben Jahren, so hofft Projektleiter Günter Schmid, werden sie auf den Markt kommen und dann nur noch einige Cents kosten. Im Auto-ID-Center des MIT in Cambridge, Massachusetts, laufen Techniker durch die Räume und testen voller Begeisterung, ob ihr Lesegerät den Mach-3-Rasierer und das Pantene-Shampoo auch dann noch erkennen kann, wenn eine Betonwand im Weg ist. Gillette soll sich schon einmal 500 Millionen der schlauen Etiketten gesichert haben, um gerüstet zu sein, wenn die Welle wirklich losbricht.
Die nächste soziale Revolution
Und die Supermarkt-Kasse wäre ja auch nur eine Spielart der Wunder-Etiketten. In einem New Yorker Prada-Laden bekommen Kundinnen kleine Videos vorgeführt, wenn sie die Umkleidekabine betreten. Darauf ist das Kleid zu bestaunen, das sie gerade anprobieren wollen, getragen von Top-Models und natürlich mit den passenden Accessoires. Nach Ansicht von Howard Rheingold, der das Buch "Smart Mobs" geschrieben hat, erwartet uns mit den intelligenten Labels auf allem und jedem sogar die nächste soziale Revolution. Neben der persönlichen Aura werden Menschen bald auch eine digitale Ausstrahlung haben. Neben dem Lächeln und vorsichtigen Blicken können Singles dann per diskretem Funkverkehr schon einmal abprüfen, ob Hobbys, sexuelle Vorlieben und Familienstand theoretisch miteinander vereinbar wären.
Spätestens ab dem 15. Dezember diesen Jahres werden sich auch die meisten Bahnreisenden inständig wünschen, dass solche Zukunftsvisionen längst Wirklichkeit wären. Verzweifelt werden sie im Reisezentrum ihres Abfahrtsbahnhofes umherirren und händeringend nach einem Mitfahrer suchen, um wenigstens noch einen der neuen Rabatte nutzen zu können. Gäbe es die Smart Tags schon, dann würde beispielsweise ein kleines Gerät im Mantel vibrieren, sobald ein Reisender mit dem gleichen Ziel in der Nähe ist - und schon hat man Geld gespart und eine Reisebekanntschaft gemacht. Manchmal ist der technische Fortschritt einfach zu langsam.
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