Hans-Werner Sinn: "Es gibt nichts zu verteilen"
München - Im Schnitt werde die Zahl der Erwerbslosen 2003 bei 4,2 Millionen liegen, sagte ifo-Präsident Hans-Werner Sinn am Samstag im Nachrichtensender "n-tv". Ein wirklicher Konjunkturaufschwung sei nächstes Jahr nicht zu erwarten. "Es wird zwar auch keine Katastrophe, wir werden an einer wirklichen Rezession so vorbeischrammen." Aber mit 1,1 Prozent werde das Wirtschaftswachstum mäßig bleiben.
Bei dieser Ausgangslage werde es zu keiner wesentlichen Belebung am Arbeitsmarkt kommen, so Sinn. In der zweiten Hälfte 2003 könnte sich die Konjunktur stabilisieren, weil das Wachstum in den USA in Ostasien auf Deutschland ausstrahlten. Der Wirtschaftsforscher appellierte zugleich eindringlich an die Politik, das Problem der Arbeitslosigkeit nicht nur unter konjunkturellen Gesichtspunkten zu sehen. "Wir haben ein strukturelles Problem. Wir haben so wenig Wachstum, weil der Arbeitsmarkt nicht funktioniert".
Der ifo-Chef befürchtet, dass Deutschland in japanische Verhältnisse hineinrutschen könnte. In Japan wachse die Wirtschaft kaum noch, und die Wettbewerbsfähigkeit fehle. Hinzu komme eine dramatische Schuldenquote. "Da sehe ich gewisse Parallelitäten", sagte Sinn. Aus der Krise Japans sei zudem dort eine Bankenkrise entstanden. Auch die großen deutschen Geschäftsbanken hätten riesige Wertberichtigungen, und für 2003 werde die Situation eher noch schlimmer. Die Gefahr drohe, dass wegen der damit verbundenen Einschränkung des Kreditvolumens der Wirtschaft der Geldhahn zugedreht werde.
Mit Blick auf die laufenden Tarifverhandlungen sagte Sinn: "Wir müssen uns an der Lohnfront mit einem Inflationsausgleich begnügen. Darüber hinaus gibt es nichts zu verteilen." Das Produktivitätswachstum in den nächsten zehn Jahren müsse dazu genutzt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wieder herzustellen.
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