Wirtschaft



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24.01.2003
 

Interview zu Kriegskosten

"So wenig Informationen wie möglich"

Der US-Ökonom William Nordhaus hält die vom Weißen Haus für einen Irak-Krieg angesetzten Kosten für zu niedrig. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Yale-Professor über Washingtons Informationspolitik, einen drohenden Ölpreisschock und die möglichen Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft.

US-Ökonom William D. Nordhaus: "Was zu erwarten wäre, ist eine Wiederholung der Konstellation aus den siebziger Jahren"
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US-Ökonom William D. Nordhaus: "Was zu erwarten wäre, ist eine Wiederholung der Konstellation aus den siebziger Jahren"

SPIEGEL ONLINE:

Professor Nordhaus, der Finanzchef des Weißen Hauses, Mitchell Daniels, hat die Kosten eines Irak-Kriegs auf 50 bis 60 Milliarden Dollar beziffert. Wie realistisch sind diese Zahlen?

William D. Nordhaus: Die von Mitchell genannte Summe entspricht dem, was ich in meiner Studie als unterste Grenze der Kostenspanne errechnet habe. Zu der Zahl sind allerdings zwei Dinge zu sagen: Erstens handelt es sich nur um die unmittelbaren militärischen Kosten - Zahlungen für Wiederaufbau oder Besetzung des Irak sind ebenso wenig enthalten wie mögliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Zweitens unterstellt man, dass der Krieg kurz ist. Mitchells Zahl enthält nicht die Kosten, die bei einem lange andauernden Konflikt entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen sie die Informationspolitik der US-Regierung bezüglich der Kriegskosten?

Nordhaus: Die Politik ist natürlich, so wenig Informationen wie möglich herauszugeben. Man kann spekulieren, dass damit eine öffentliche Debatte verhindert werden soll. Es ist offensichtlich, dass die Regierung nicht die volle Bandbreite an Zahlen veröffentlicht. Ich bin allerdings auch gar nicht sicher, ob sie so etwas überhaupt besitzen.

SPIEGEL ONLINE: In ihrer Studie gehen sie im günstigsten Fall von Kriegskosten in Höhe von 99 Milliarden Dollar aus, im schlimmsten Fall von 1924 Milliarden. Hat sich an dieser Einschätzung in den vergangenen Wochen etwas geändert?

Nordhaus: Nein, die Kosten verändern sich kaum, aber inzwischen gibt es natürlich noch eine Krise in Nordkorea und die Generalstreiks in Venezuela haben den Ölpreis weiter nach oben getrieben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege George Perry prognostiziert, der Ölpreis könne im Falle eines Krieges auf bis zu 75 Dollar je Barrel steigen ...

Nordhaus: ... das dürfte nur im allerungünstigsten Fall passieren. Dazu bräuchte es zwei schwere Schocks, die dem Markt jeweils zwei oder drei Millionen Barrel pro Tag entziehen. Ein plausibles Ereignis wäre die Zerstörung der irakischen Ölfelder. Aber selbst in diesem Fall müsste noch eine weitere Katastrophe hinzukommen - etwas wie die Venezuela-Krise.

SPIEGEL ONLINE: Wirtschaftsberater von Präsident George Bush haben argumentiert, eine schneller Krieg werde den Ölpreis drücken und der Wirtschaft helfen. Halten sie das für wahrscheinlich?

Nordhaus: Wenn es zu einem kurzen, relativ unblutigen Krieg und einer problemlosen Besetzung des Irak kommt, könnte das Land eine ähnliche Menge Öl produzieren wie der Iran, also etwa drei Millionen Barrel täglich. Dadurch würde der Ölpreis vielleicht auf 25 Dollar sinken. Allerdings wird der Schub, den das der amerikanischen und europäischen Wirtschaft bringt, sehr moderat ausfallen. Auf jeden Fall wird das nicht ausreichen, die Kosten des Krieges auszugleichen.

SPIEGEL ONLINE: Kommen auf Europa auch Kosten zu?

Nordhaus: Ja, denn Sie müssen sehen: Es gibt im Prinzip vier Kostenblöcke. Erstens die direkten militärischen Kosten in Höhe von 50 bis 150 Milliarden Dollar, welche die USA wohl alleine tragen werden. Zweitens die Kosten für eine Besetzung des Landes, Peacekeeping und Nationbuilding - das sind weitere 100 Milliarden. Auch hiervon wird Amerika vermutlich den Löwenanteil bezahlen, aber andere Länder werden sicherlich auch einen Beitrag leisten.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt noch überschaubar...

Nordhaus: ... große Kosten entstehen aber drittens durch die Auswirkungen auf den Ölmarkt und viertens durch makroökonomische Effekte. Wenn der Ölpreis auf 75 Dollar steigt, ist Europa genauso verwundbar wie die USA. Eine blutiger Krieg wird die Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks gleichermaßen ängstigen. Zusammenfassend kann also sagen, dass die Kosten - die militärischen mal ausgenommen - ziemlich breit gestreut sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie wahrscheinlich ist eine Rezession in Amerika?

Nordhaus: Wenn der Ölpreis stark ansteigt, würde es mich überraschen, wenn es nicht in eine ziemlich schwere Rezession gäbe. In den USA ist die Geldpolitik wegen der niedrigen Zinsen an einem Punkt angelangt, wo sie kaum noch etwas ausrichten kann. Das ist ein großer Unterschied zum Golfkrieg von 1990/91.

SPIEGEL ONLINE: Und in Europa?

Nordhaus: Was zu erwarten wäre, ist eine Wiederholung der Konstellation aus den siebziger Jahren, die Stagflation: Damals stiegen wegen des Ölschock die Preise, was die Inflation antrieb. Und gleichzeitig waren die Volkswirtschaften sehr schwach und stagnierten. Die Europäische Zentralbank (EZB), die mir persönlich nicht sehr viel Vertrauen einflößt, könnte in diesem Fall in eine Krise geraten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn mit dem Irak selbst? Ist der nach einem Krieg in Lage, sich wieder aufzurappeln?

Nordhaus: Bei einem Ölpreis um die 25 Dollar könnte der Irak etwa 25 Milliarden Dollar pro Jahr einnehmen - vorausgesetzt die Ölindustrie erreicht wieder ihr volles Potenzial. Das ist nicht viel für Wiederaufbau, Erneuerung der Ölindustrie und Erschließung neuer Ölfelder. Wenn all die Dinge passieren sollen, die die US-Regierung angekündigt hat, also auch Nationbuilding und eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung, dann braucht das Land Hilfe - die Öleinnahmen werden nicht ausreichen.

SPIEGEL ONLINE: Professor Nordhaus, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Thomas Hillenbrand

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