Washington - Die Gewerkschaften attackieren die Privilegien-Kultur so entschieden wie nie zuvor, auch große institutionelle Anleger haben nach drei Jahren purzelnder Aktienkurse genug: Einer nun veröffentlichten Auswertung des Investor Responsibility Research Center (IRRC) zufolge sind im vergangenen Jahr 1009 formelle Aktionärsanträge (shareholder resolutions) eingereicht worden, ein Anstieg um 26 Prozent gegenüber 2002.
Allein 319 dieser Anträge verlangen eine Änderung der Management-Entlohnung und können bei Aktionärsversammlungen zur Abstimmung kommen. Damit nahm die Zahl dieser Art von Anträgen um 200 Prozent zu. Nach dem Regularium der SEC kann jeder Aktionär pro Jahr nur eine shareholder resolution einbringen, über die alle Anteilseigner abstimmen. Faktisch sind die Beschlüsse nicht bindend, da eine Vielzahl von Ausnahmeregelungen dem Board viel Spielraum für die legale Nichtbeachtung gibt.
Aktienoptionen unter Wasser
Die wachsende Gegenwehr regt sich, weil die Grundgehälter der höchsten Manager trotz Börsenbaisse weiter geklettert sind. Nach einer Studie der Research-Firma Equilar ist das Durchschnittsgehalt amerikanischer CEOs von Großunternehmen 2002 um 6,1 Prozent gestiegen, die Summe der Bonuszahlungen nahm um 20,6 Prozent zu. Weil der Wert von Aktienoptionen gesunken ist, fiel das Niveau der Gesamtbezüger trotzdem um 8,7 Prozent - allerdings immer noch deutlich weniger als die wichtigsten Börsenindizes.
Viele der aktuell gestellten Aktionärsanträge verlangen laut IRRC, die Ausgaben für Aktienoptionsprogramme künftig als reguläre Kosten in der Bilanz auszuweisen. Diese Forderung nach dem so genannten options expensing hat nach den Bilanzskandalen der jüngsten Zeit deutlich an Popularität gewonnen, einige Großkonzerne wie Coca-Cola haben die neue Praxis bereits eingeführt. Ohne options expensing ist es für Aktionäre schwierig, die potenzielle Entlohnung der Manager nachzuvollziehen - Gegner der bisherigen Praxis sprechen daher kritisch von "Unterwasser-Optionen". Andere Anträge verlangen, die Entlohnung stärker als bisher an den Unternehmenserfolg zu koppeln.
Ärgernis GE
Die meisten Resolutionsanträge - insgesamt 26 - betreffen den Mischkonzern General Electric. Er hat es bisher abgelehnt, Aktienoptionen in der geforderten Weise auszuweisen. GE-Chef Jeffrey Immelt kassierte im vergangenen Jahr ein Grundgehalt von drei Millionen Dollar und einen Bonus von 3,9 Millionen. Er erhielt im selben Zeitraum eine Million Aktienoptionen eingeräumt.
Neben institutionellen Anlegern wie dem öffentlichen kalifornischen Pensionsfonds, der ebenfalls eine Änderung der GE-Bilanzpraxis verlangt, sind besonders die Mitglieder der Gewerkschaften als Antragsteller aktiv. So hat der Gewerkschaftsbund AFL-CIO, dessen Pensionsfonds Großaktionär bei vielen Unternehmen ist, jüngst in einem Antrag verlangt, dass eine besondere Pensionsregelung für Manager der US Bancorp nicht nur vom Board, sondern auch von der Aktionärsversammlung gutgeheißen werden muss.
Die Pleite droht, das Gehalt steigt
Eine Sprecherin der AFL-CIO bestätigte gegenüber "CNN Money", man habe eine Rekordzahl von Aktionärsanträgen eingereicht. So geht auch ein Antrag, der die vollkommene Abschaffung von Aktienoptionen bei Wells Fargo fordert, auf die Initiative der Gewerkschafter zurück.
Mittlerweile haben sich viele CEOs - auch auf wachsenden öffentlichen Druck - mehr oder minder freiwillig eine Gehaltskürzung verordnet. Dazu gehört auch Don Carty, Chef der American-Airlines-Holding AMR, die sich nach bisher fruchtlosen Verhandlungen über Kostensenkungen dem Insolvenzantrag nähert. Obwohl die existenzbedrohenden Probleme der weltgrößten Airline spätestens am 11. September 2001 ihren Anfang nahmen, kam Carty im vergangenen Jahr in den Genuss einer Gehaltssteigerung um 38 Prozent.
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