Los Angeles - "Ich wollte nie, dass Winnie Pooh jemals so etwas durchmachen muss", kommentiert die 81-jährige Shirley Slesinger Lasswell den jahrelangen Rechtsstreit um den populären Bären. Dabei geht es nicht um die Gefühle einer Trick-Figur, sondern um Milliarden von Dollar. Das Merchandising-Geschäft mit dem kultigen Bären boomt. Pyjamas, Plüschtiere, Videos und vieles mehr sorgen für einen jährlichen Umsatz von rund einer Milliarde Dollar. Winnie Pooh bringt als Werbe-Zugtier damit mehr ein als Micky Maus, Donald Duck, Goofy und Pluto zusammen.
Im Moment fließen Winnies Einnahmen direkt in Disneys Taschen - ein Umstand, der sich schon bald ändern könnte. Sowohl Shirley Slesinger als auch Clare Milne haben Ansprüche angemeldet. Beide fühlen sich dem kleinen Bären sehr verbunden. Schließlich hatte 1930 Clares Großvater A.A. Milne die Rechte an Winnie Pooh Stephen Slesinger, Shirleys Mann, verkauft. Der Beginn eines Rechtsstreits, der bis heute nicht geklärt ist.
Erfolgsgeschichte eines Bären
Als 1926 der britische Schriftsteller Alan Alexander Milne die ersten Winnie-Pooh-Geschichten veröffentlichte, war ein derartiger Geschäftserfolg des kleinen Bären nicht absehbar. Für rund tausend Dollar verkaufte er daher die Merchandising-Rechte an den Lektor Stephen Slesinger. Zwei Jahre später wurde der Deal sogar erweitert - Milne übertrug Slesinger alle Rechte für jede Art von Darstellung im Radio, im Fernsehen oder "ähnlichem Gerät in der Zukunft". Slesinger glaubte, sich damit für alle Entwicklungen der Zukunft abgesichert zu haben - diese Überlegung hatte er ohne Disney gemacht.
Nachdem Milne 1937 "Schneewittchen" von Walt Disney gesehen hatte, wollte er auch Winnie Pooh zum Filmstar machen. Walt Disney war von dieser Idee begeistert und sah darin sogleich die große Möglichkeit, mit Cartoons den Merchandising-Wert des kleinen Bären zu steigern. Slesinger wollte die daraus erzielten Einnahmen zur Hälfte teilen, was Disney nicht akzeptierte. Sowohl A.A. Milne als auch Joseph Slesinger erlebten das Ende der Verhandlungen nicht mehr.
Im Jahr 1961 fixierte Disney einen Merchandising-Vertrag mit der Joseph Slesinger Inc., die mittlerweile von Shirley Slesinger geführt wurde. Demnach erhielten Shirley vier Prozent und Milnes Gattin Daphne 2,5 Prozent der weltweiten Einnahmen von Pooh-Artikeln wie Puppen, Papierprodukten, Puzzles, Audio-Material und Essen. Von Videos war zur damaligen Zeit nicht explizit die Rede.
Millionen-Klagen ohne Ende
Shirleys Tochter Patricia, 1952 geboren, gab sich mit dieser Vereinbarung nicht zufrieden. Sie fühlte sich von Disney ungerecht behandelt - an den Erlösen vieler Pooh-Artikel, vor allem der Videos, war sie nicht beteiligt. Im Jahr 1983 handelte Disney einen neuen Vertrag mit Slesinger aus und bezahlte dafür 1,1 Millionen Dollar. Die Beteiligung an den Merchandising-Einnahmen wurde von vier auf zwei Prozent gesenkt, dafür wurden den Slesingers bessere Konditionen eingeräumt. Von 1991 bis 2000 stiegen die jährlichen Tantiemen von 334.731 auf 12,4 Millionen Dollar. Angesichts der Milliarden-Umsätze von Disney mit Winnie Pooh war der Familie Slesinger dieser Betrag jedoch nicht genug. Sie investierten fortan ihr Geld in Staranwalt Bert Fields, der 850 Dollar pro Stunde verlangt.
Ein bitterer Rechtsstreit um Tantiemen nahm seinen Lauf. Slesingers fühlten sich erneut von Disney um Einnahmen aus Spiel- und Video-Verkäufen betrogen. Disney meint dagegen, dass die Film- und Video-Rechte 1961 automatisch von Daphne Milne an Disney übertragen wurden. Familie Slesinger versuchte das Gegenteil zu beweisen. 40 Schachteln mit angeblichem Beweismaterial darüber, dass Slesingers Anspruch auf Tantiemen aus dem gesamten Merchandising-Verkauf haben, wurden von Disney zerstört. Eine davon soll mit "Winnie Pooh - Rechtliche Probleme" beschriftet gewesen sein. Disney wurde für das Vernichten der Akten vom Gericht zu einer Strafe von 90.000 Dollar verurteilt.
Gewinnen Patricia und Shirley Slesinger den Fall, könnte Disney zur Rückzahlung von rund einer Milliarde Dollar an Tantiemen verurteilt werden. Im schlimmsten Fall droht sogar der Verlust der Lizenz. Solch ein Szenario wäre wohl auch für Disney nicht so leicht zu verkraften, angesichts kränkelnder Aktienkurse, sinkender Besucherzahlen in den Themenparks sowie 74 Millionen Dollar Verlusten beim 2002 erschienenen Film "Der Schatzplanet".
Disney hofft auf billige Lösung
Im Streit um die Merchandising-Rechte setzt der Disney-Konzern nun große Hoffnung in Clare Milne. Während Familie Slesinger fordert, an den gesamten Einnahmen beteiligt zu werden, gibt sich Familie Milne, wie 1961 vereinbart, mit Erlösen aus dem Merchandising und Buchverkauf zufrieden. Clares Vater Christopher Milne hatte bis zu seinem Tode 1996 nie Interesse, seine Rechte an Winnie-Pooh-Videos und -DVDs einzufordern. Angeblich soll er seit Kindertagen mit dem Bären auf Kriegsfuß gestanden haben - als echter Christopher Robin wurde er in der Schule immer gehänselt. A.A. Milne hatte in der Geschichte den kleinen Jungen und besten Freund von Winnie Pooh nach seinem Sohn benannt.
Seine Tochter Clare machte nun auf Grund einer Änderung im amerikanischen Lizenzrecht bei einem US-Bezirksgericht in Los Angeles Ansprüche an den gesamten Merchandising-Rechten geltend. Der Disney-Konzern erhofft sich von diesem Prozess eine vergleichsweise billige Lösung und ein Ende der Prozesse mit den Slesingers.
Clare Milne ist geistig behindert und lebt in einem Pflegeheim - mit ihr hat Disney bereits eine Vereinbarung zur weiteren Vermarktung von Winnie Pooh getroffen. Disney muss jedoch weiterhin um die Lizenz zittern. In einem ersten Vorentscheid wurde Clare Milnes Klage abgelehnt.
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