Wirtschaft



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23.05.2003
 

Terrorschutz

Amerikas virtuelles Wachbataillon

Von Marc Pitzke

2. Teil

Seinen Zeitarbeitern, die in Tages- und Nachtschichten auf ihre Bildschirme zu starren haben, will Walker einen kurzen Trainingskurs im Terroristen-Erkennen verpassen, bevor er sie zum Stundenlohn von acht bis zehn Dollar auf Fernpatrouille schickt. Arbeitsgerät müssen sie selbst bereitstellen-schließlich ist die Hälfte aller US-Haushalte ans Internet angeschlossen. Damit keine Pannen passieren, wird jeder Computer-Schnappschuss von mindestens drei Spottern gleichzeitig inspiziert und von einer zweiten Garde noch einmal gegengeprüft.

Spott für die Spotter

US-Homeguard-Webseite: Nachtwächterjob für Sesselhelden
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US-Homeguard-Webseite: Nachtwächterjob für Sesselhelden

In den letzten Monaten hat Walker in Washington still die Runde gemacht, um politische und finanzielle Unterstützung für seinen Plan zu gewinnen. Die bisherigen eine Million Dollar Entwicklungskosten trägt er selbst, die Kosten eines ersten Feldversuchs, rund 40 Millionen Dollar, soll nach seinen Vorstellungen jedoch der Staat zahlen. Den Gesamtaufwand von schätzungsweise 12 Milliarden Dollar könnten aber die geschützten Einrichtungen ohne weiteres selbst tragen. Er selbst wolle mit der Sache am Ende kein Geld verdienen und der US-Regierung das Patent für einen Dollar verkaufen.

Über den Erfolg seiner Lobby-Arbeit bei Kongressabgeordneten und in der republikanischen Partei schweigt sich Walker aus. Eine einflussreiche Stimme hat er schon auf seiner Seite: Charles Boyd, ehemaliger Exekutivdirektor der Hart-Rudman National Security Commission. Dieses Expertengremium hatte schon ein Dreivierteljahr vor dem 11. September 2001 vor einem "massiven Terroranschlag" in den USA gewarnt. "Ich fand die Idee interessant und ansprechend", erinnert sich Ex-General Boyd an sein Gespräch mit Walker. "Ich mag innovatives Denken."

Kritiker warnen dagegen vor der Fehleranfälligkeit eines derart gigantischen Systems. Das könnten Terroristen leicht mit einem Computervirus lahm legen, sagt Ernst Volgenau, Chef der IT-Firma SRA International in Virginia. Internet-Sicherheitsexperte Elias Levy ergänzt, dass auch andere Viren, die nicht spezifisch auf HomeGuard zielten, verheerende Folgen haben und potenzielle Anschlagsziele schutzlos machen könnten.

Internet-Fans diskutieren sich in den Chatrooms über der Frage längst die Köpfe heiß. Dort ernten Walkers Spotter meist nur Spott. "Schlechte Sicherheit, gutes Geschäft", höhnt ein Web-Blogger namens Aaron auf der Debattier-Seite kalilily.blogspot.com. "Dies ist ein Omen, dass wir in eine reale Version von Orwells 1984 rasseln", schreibt ein anderer anonym. "Ich glaube, ich besorge mir bei Priceline.com ein Flugticket, um nach Schweden zu fliehen."

Angst vor dem Überwachungsmonster

Auch als Walker seine Zukunftsvisionen auf der Konferenz von Monterey vorstellte, sollen einige Anwesende "entsetzt" nach Luft geschnappt haben. Zu sehr passt das Konzept in den "unerbitterlichen Trend zur Überwachungsgesellschaft", vor der nicht nur die US-Bürgerrechtsgruppe American Civil Liberties Union (ACLU) warnt. "Ein Monster wächst in unserer Mitte", sagte ACLU-Direktor Barry Steinhardt erst am Dienstag dieser Woche vor dem Technologie-Unterausschuss des Repräsentantenhauses. Zu viele Fragen blieben offen: Funktionieren solche Programme wirklich? Wie hoch ist die Fehlerquote? Sind wir hinterher tatsächlich sicherer?

Zweifel entzünden sich auch an der Person Walkers selbst. Der Selfmade-Unternehmer (Motto: "Du brauchst kein Markenzeichen, um etwas Neues zu tun") wurde 1998 mit seiner Priceline-Idee, Flüge und Hotelzimmer per Online-Mindestangebot der Kunden zu versteigern, zum mehrfachen Aktienmilliardär - und verlor sein gesamtes Vermögen dann im Dotcom-Crash wieder. Ende 2000 trat er von seinen Ämtern bei Priceline.com zurück und widmet sich seither ganz seiner persönlichen Patentschmiede Walker Digital in Connecticut. Dort spuckt er Erfindungen am laufenden Band aus: Über 200 bisher, 500 weitere sind beim Patentamt angemeldet. Das Magazin "Forbes" nennt ihn den "Edison des Neuen Zeitalters".

Seine Gegner werfen ihm vor, oft die Einfälle anderer zu klauen oder zumindest lukrativ zu recyceln. Doch darin sieht Walker nur den Neid der Besitzlosen. Seine Erfindungen, erklärte er vor den Studenten seiner Alma Mater, der Cornell University, seien "nicht mehr aufzuhalten" - genau wie die gesamte virtuelle Zukunft. Denn: "Wenn sich das Network einmal bewegt, bewegen wir uns alle mit."

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