Wirtschaft



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26.05.2003
 

Behördenchef auf Reisen

Wie Florian Gerster den Planeten wechselte

Von Matthias Streitz

Es kommt nicht alle Tage vor, dass der Chef der Bundesanstalt für Arbeit eine Existenzgründer-Werkstatt besucht. Vielleicht haben sich der Behördenboss und junge Ich-AGler auch deshalb so wenig zu sagen.

Florian Gerster: Kampf gegen die strukturelle Lücke
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Florian Gerster: Kampf gegen die strukturelle Lücke

Hamburg - Schon an der zweiten Station seiner Tour wird es einen Moment lang unbehaglich für Florian Gerster. Eigentlich sollen ihm drei erbauliche Biographie-Beispiele vorgeführt werden - ein Mann und zwei Frauen, die den Job verloren und sich tapfer in die Selbständigkeit stürzten. Doch die zweite davon, seit kurzem Self-Made-Chefin einer Firma namens EcoQuest, kippt erst einmal Frust ab. Frust über das Arbeitsamt und wie es sie ins Leere rennen ließ.

Florian Gerster steht gerade wie beim Kommiss, der Anzug grau, die Krawatte gestreift, unter dem Arm trägt er eine Klarsichthülle. Seine Augen sehen ein wenig zugekniffen aus, die Gesichtsmuskeln regen sich nicht.

"Hallo, ich will Arbeitsplätze schaffen!"

Gabriele Albers, Gründerin knapp über 30, ist in Bewegung. Zwei, drei Monate habe sie beim Arbeitsamt angerufen, klagt sie, und ihre Arme paddeln. Zwei, drei Monate habe nie irgendjemand abgenommen, obwohl sie es bei drei verschiedenen Nummern versuchte. Dabei wollte Albers bloß eines: Eine offizielle, siebenstellige Betriebsnummer zugeteilt bekommen. "Hallo, ich will Arbeitsplätze schaffen", ruft sie. Als sie es schließlich unter einer zufällig erfahrenen "Geheimnummer" versuchte, war der Vorgang minutenschnell erledigt.

Florian Gerster lacht, aber komisch findet er das Fallbeispiel nicht. "Das ist jetzt aber nicht inszeniert!?", ruft er. Hamburgs Arbeitsamtschef Rolf Steil müht sich, etwas Versöhnliches zu sagen. Eine Minute später schüttelt Florian Gerster neue Hände in einem anderen Raum.

Dreieinhalb Stunden lang tourte der Chef der Bundesanstalt für Arbeit (BA) durch das Hamburger Gründerzentrum Enigma, das meist junge Arbeitslose in die Selbständigkeit begleitet. Ungewöhnlich viel Zeit, findet Engima-Leiter Hajo Streitberger, der vom Gerster-Vorgänger Bernhard Jagoda wohl anderes gewöhnt ist. Dass Gerster überhaupt gekommen ist, soll ein Signal senden: Hier ist ein BA-Chef, der sich für neue Konzepte begeistert im Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit.

"Soll das eine Webe-Agentur sein?"

Doch der Chef der Nürnberger Riesenbehörde hat über ein Jahr im Amt verbracht, bevor er den Weg in die Hamburger City Nord fand - in einer Zeit, als die Ich-AG Debatten prägte und Streitberger als Experte für Existenzgründung in Medien präsent war.

Gersters Besuch gleicht oft einem Stolpergang der Missverständnisse. Da steht der BA-Chef und weiß nicht, was ein Flummi ist. Keine gute Basis für ein Gespräch mit einem preisgekrönten Gründer, der Flummiautomaten in Geschäften und Bahnhöfen aufstellt. Da rätselt Florian Gerster, als er den Begriff "Webagentur" auf einer PowerPoint-Folie sieht. "Soll das eine Webe-Agentur oder eine Werbe-Agentur sein?" Dann lacht er wieder: "Sie sehen, ich gehöre zu einer anderen Generation". Einen Internetunternehmer fragt er, ob er automatisch Geld bekommt, wenn jemand seine Seite aufruft.

Gerster spürt wohl, dass die Gründung von Mini-Firmen ohne Angestellte Bedeutung gewinnt - für viele Arbeitslose ist sie die einzige Chance. Als "modernes arbeitsmarktpolitisches Instrument" lobt er sie denn auch. Nie wurde bei der BA so viel Überbrückungsgeld für neue Selbständige abgerufen wie im Jahr 2002, von fast 125.000 Menschen. Doch die bereitgestellten Mittel werden nicht aufgestockt.

"Nur? Ist das wenig?"

Auch die Wirkung der Ich AG, zweiter Förderkanal für kleine Selbständige, verpufft angesichts von 4,5 Millionen Arbeitslosen. Bundesweit seien bisher nur 16.000 Ich AGs gegründet worden, kritisiert ein Gast der Enigma-Visite. "Nur? Seit Jahresanfang! Ist das wenig?", schießt Gerster zurück.

Wenn der Mann, der gerne von Reformdynamik spricht, sich an einen Tisch setzt, legt er seine Klarsichthülle nach rechts, seine Info-Broschüre nach links, und seinen Terminplaner mittig davor. Alle Kanten liegen parallel zueinander. Ein leidenschaftlicher Verfechter des "self-employment" anglo-amerikanischer Art ist dieser Mann nicht.

Ausgerechnet inmitten der Junggründer zweifelt Gerster, ob Selbständigkeit immer der ideale Weg aus der Arbeitslosigkeit sei. Warum nicht versuchen, frei für einen größeren Konzern zu arbeiten, sich anzulehnen, fragt er. So habe er es gemacht, als er noch als Personalberater arbeitete. Vielleicht ergebe sich ein fester Job, das Risiko sei geringer. Gerster klinge vorwurfsvoll, findet eine Fotografin da, als traue er diesem "Haufen junger Leute, die kreativen Ideen nachjagen", keinen Erfolg zu.

"Also was Handfestes!"

Um Gerster herum sitzen jetzt gut 30 Gründer unter 35, im Stuhlkreis in einem Großraumbüro: Turnschuh-Träger, Künstlertypen, Therapeuten. Für ein paar Monate bietet der Enigma-Ableger .garage ihnen Computer, Telefone - und eine Atmosphäre, die Mut macht. Die Finanzen bekommen sie aus Gersters Töpfen, als Überbrückungsgeld. Einer von ihnen will Trickfilme drehen, ein anderer Second-Hand-Möbel "maritim umarbeiten". Ein dritter möchte sich als Tischler versuchen. "Also was Handfestes", kommentiert Gerster da, und einige lachen, wie er versteckt die Vorredner abkanzelt.

Arbeitslosengeld zahlen, Stellen für Angestellte und Arbeiter vermitteln, das bleibt für Gerster das Kerngeschäft der BA. Beratung für Existenzgründer sollten am besten Dritte bieten wie Enigma, sagt er - sie hätten das Know-how. Dafür fehlt den Start-up-Schmieden jedoch das Geld. Weil die BA Pilotprojekte wie Enigma nur befristet finanziert, musste Streitberger mehrfach neue Fördertöpfe aufspüren. Enigma ist eines der größten Projekte seiner Art: Platz auf Zeit für jeweils gut hundert Gründer in einer Millionenstadt.

"Strukturelle Lücken"

Ein paar Mal wird Gersters Stimme lauter, er klingt dann wie ein Politiker, der im Landtag Programmatisches entwirft. Er wolle den jungen Gründern eine Frage stellen, beginnt er, und monologisiert noch zwei Minuten. Ob es für Selbständige nicht besser sei, die "strukturellen Lücken" auf dem Arbeitsmarkt zu füllen, statt private Leidenschaften zum Beruf zu erklären?

Er könne sich Agenturen für Haushaltsbeschäftigte vorstellen, die Köche oder Reinigungskräfte Berufstätige vermitteln, an Wohlhabende. Es ist eine Idee, die Gerster seit langem behagt, die er schon als Minister in Rheinland-Pfalz in die Diskussion schleuste. Vielleicht, weil es so radikal klingt, "strukturelle Lücken" zu beklagen. Gleich zwei Mal sagt Gerster die Formel "Agentur für Haushaltsbeschäftigte", in zwei verschiedenen Räumen.

In diesen Momenten der Erregung sitzt selbst Florian Gerster nicht mehr gerade auf seinem Stuhl.

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