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IT-Arbeitsmarkt in den USA Der große Aderlass

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, warum Hyderabad für Microsoft wichtig ist und was IBM-Manager bei einer internen Telefonkonferenz besprachen

Offiziell dementiert Microsoft zwar, Entlassungen zu planen. "Wir ersetzen keine US-Jobs, wir entlassen keine Leute", sagt Konzernsprecherin Stacy Drake. Eine interne Microsoft-Präsentation aber drängte kürzlich alle lokalen Abteilungsleiter, für eine "kurzfristige Projektliste" alsbald alle möglichen Posten "für die Auslandsverlagerung auszuwählen".

China im Blick

Viele dieser Posten wandern ins indische Hyderabad, wo Microsoft seit 1999 ein Entwicklungszentrum unterhält. Auf der Company-Website werden zurzeit Dutzende hochkarätige Jobs in Hyderabad annonciert.

Derweil reiste Microsoft-Vizepräsidentin Lori Moore im April nach Las Colinas, um den Angestellten dort ihre missliche Lage persönlich zu verdeutlichen. Ihre Message, so erinnert sich Poore: "Es gebe keine Expansionspläne oder Weiterentwicklung für uns. Microsoft setze all seine Bemühungen auf Indien."

Damit steht Microsoft nicht alleine. General Electric will allein in diesem Jahr 20.000 Stellen, meist im Forschungs- und Entwicklungsbereich, nach Indien und China abschieben. Intel, das in Russland bereits 400 Software-Ingenieure und 200 Marketing- und Verkaufsmanager beschäftigt, lagert rund 3000 weitere Arbeitsplätze in Chip-Design und Technik-Unterstützung nach Indien aus. Auch Oracle hat Indien im Blick (4000 Jobs in Software-Design und Tech-Support), Philips dagegen China (700 im Bereich der Verbraucherelektronik). Ähnliche Pläne gibt es bei IBM, Hewlett-Packard, Dell und Motorola.

"Unsere Konkurrenz tut es, und wir müssen es tun", bekräftigte IBM-Direktor Tom Lynch im März in einer vertraulichen Konferenzschaltung mit IBM-Managern in aller Welt, aus der die "New York Times" gestern pikante Auszüge veröffentlichte.

80 Prozent Kosteneinsparung

"Das Internet hat diese Welt um vieles kleiner gemacht", sagt Paul Eurek, CEO von Xpanxion, einer Firma, die sich darauf spezialisiert hat, für Großkunden wie Coca Cola Offshore-Dependancen zu schaffen. "Die Globalisierung des Arbeitsmarktes aufzuhalten ist zwecklos", sekundiert John Challenger, Chef der IT-Firma Challenger, Gray & Christmas in Illinois. "Sie ist eine Naturgewalt."

Also trafen sich Ende Juni rund 125 US-Firmenchefs zu einer Tagung im New Yorker Hotel Waldorf-Astoria, um ihre Outsourcing-Strategien zu beraten. In einer Präsentation ließen sie sich erläutern, dass sie rund 80 Prozent Kosten sparen könnten, indem sie Computer-Programmierer und Buchhalter nach Indien, China oder Malaysia abschöben.

Kosten sind immer das erste Argument. Ein Programmierer in Indien verlangt nach Berechnungen der Consulting-Firma Cap Gemini Ernst & Young im Schnitt 20 Dollar Stundenlohn, sein US-Gegenpart mit 65 Dollar mehr als dreimal so viel.

Aufs Jahr bezogen sehen diese Zahlen noch eindrucksvoller aus. So beträgt das durchschnittliche Jahresgehalt eines IT-Ingenieurs in den USA 70.000 Dollar, in China dagegen 15.120 Dollar, in Russland 14.420 Dollar und in Indien 13.580 Dollar.

Tief greifende Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit

Eins der bizarrsten Beispiele für IT-Outsourcing findet sich im US-Bundesstaat New Jersey. Da hatte die Regierung eine private Firma mit der Betreuung von Empfängern von Sozialhilfe und Essensmarken beauftragt. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Fachkräfte nicht in der Landeshauptstadt Trenton saßen, sondern - im indischen Bombay. Um dies zu vertuschen, meldeten sich einige am Telefon sogar zur Tarnung mit falschen "amerikanischen" Namen.

"Offshore-IT", warnt der Soziologe Ron Hira von der New Yorker Columbia University, könne "tief greifende Folgen für die Amerikaner und die Zukunft der Wettbewerbsfähigkeit der USA" haben. "Sind diese Job einmal aus dem Lande, kommen sie nie mehr zurück", sekundiert Phil Friedman, CEO der Software-Firma Computer Generated Solutions.

So werde dieser Trend die derzeitige Rekord-Arbeitslosigkeit in den USA nur weiter anfachen. "Das Problem der Arbeitslosigkeit ist für Elektronik-, Computer- und Software-Ingenieure schon jetzt schlimmer als für die meisten anderen", sagt Hira. In der Tat liegt die Sparten-Quote hier derzeit mit 6,5 bis 7,5 Prozent über dem nationalen Durchschnitt.

Billigster aller Arbeitnehmer

Die US-Dachgewerkschaft AFL-CIO erwartet durch IT-Outsourcing "noch weit dramatischere Arbeitsplatzverluste und Gehaltserosion" als bisher. Betroffen sei vor allem die Mittelklasse. Schon jetzt sind Stundensätze für Computer-Berater nach Erhebungen der Independent Computer Consultants Association um 10 bis 40 Prozent zurückgegangen.

Inzwischen formiert sich eine aktive Protestbewegung der Betroffenen. Dutzende Arbeitnehmer demonstrierten im Juni vor dem Waldorf-Astoria. Einer von ihnen war der arbeitslose IT-Ingenieur John Bauman, Präsident der Organization for the Rights of American Workers. "Ich finde keinen Job", sagt er. "Es gibt keine IT-Stellen mehr - sie gehen alle an ausländische Arbeitnehmer."

Dem Kalifornier Christopher Kenton, dessen Marketing-Firma Cymbic selbst vom Outsourcing profitiert, bleibt die "traurige Ironie" der Geschichte nicht verborgen. "Viele der Job, die jetzt ins Ausland gehen, sind dieselben Jobs, die das Outsourcing-System erst ermöglicht haben", sagt er.

Und das sei erst der Anfang: Eines Tages, orakelt Kenton, würden die IT-Konzerne noch weitaus mehr Stellen kürzen können, indem sie die Arbeit ganz vom Menschen auf den billigsten aller Arbeitnehmer verschöben - "den Computer".

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