Wirtschaft



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29.07.2003
 

Pentagon-Pläne

Rumsfelds Terror-Börse

Von Tom Hillenbrand

Mit unkonventionellen Methoden versucht das US-Verteidigungsministerium, seine Voraussagen für künftige Attentate und Terroranschläge zu verbessern. Ein lukratives Börsenspiel soll Sicherheitsexperten zu genaueren Prognosen animieren.

Händler an der Terminbörse in Chicago: Fehlprognosen tun weh
REUTERS

Händler an der Terminbörse in Chicago: Fehlprognosen tun weh

Hamburg/Washington - Zu diesem Zweck richtet die Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa), ein Forschungsarm des Pentagon, eine Internetbörse namens Policy Analysis Market (PAM) ein. An der können interessierte Händler auf das zukünftige Geschehen in Jordanien, dem Irak oder anderen Ländern des Nahen Ostens spekulieren. Ab dem 1. Oktober sollen zunächst 1000 Marktteilnehmer an der PAM handeln. Anfang 2004 will das Pentagon die Zahl der Trader auf 10.000 aufstocken.

Was sich skurril anhört, hat einen durchaus ernsthaften Hintergrund. Viele Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler sind der Ansicht, dass sich mit Hilfe von Marktmechanismen Voraussagen über die Zukunft treffen lassen, die mindestens so akkurat sind wie mit herkömmlichen Analysemethoden gewonnene Daten.

Vorbild ist die Börse. Das wichtigste Instrument für Prognosen an den Finanzmärkten sind so genannte Futures. Diese Fieberthermometer der Märkte geben an, auf welchem Niveau ein Index oder eine Aktie nach Meinung der Marktteilnehmer in der Zukunft notieren wird. Am Dienstagmorgen etwa lag der September-Nasdaq-Future bei 1283 Punkten. Das heißt: Die US-Technologiebörse, so die Vermutung der Börsianer, wird am letzten Handelstag im September 2003 mit diesem Punktestand schließen.

Wetten, dass ...

Hält ein Investor die derzeitige Schätzung für zu niedrig, kann er September-Futures kaufen. Entwickelt sich die Nasdaq dann besser als erwartet, steigt der Future und der Börsianer macht Gewinn. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren auch moderne Wettbüros wie Tradesports: Das Dubliner Internet-Unternehmen bietet Futures-Wetten auf alle möglichen Ereignisse an. Spieler können auf den baldigen Tod Saddam Husseins ebenso wetten wie auf den Sieger der US-Version von Big Brother oder das nächste Spiel von Manchester United. Der Kurs der Futures entspricht bei Tradesports der Chance, die Markteilnehmer einem zukünftigen Ereignis einräumen. So glauben derzeit etwa 50 Prozent der Spieler, dass der britische Premierminister Tony Blair bis zum Ende des Jahres gestürzt wird.

Kursverlauf des Saddam-Hussein-Futures bei Tradesports: Gutes Prognoseinstrument?
[M] AFP / TRADESPORTS / SPIEGEL ONLINE

Kursverlauf des Saddam-Hussein-Futures bei Tradesports: Gutes Prognoseinstrument?

Wer frühzeitig an Blairs Abgang geglaubt hat, wird beim Eintreten des Ereignisses Gewinn machen - und seinen Einsatz verlieren, wenn der Premier die Downing Street nicht verlässt. Gegenüber klassischen Umfragen haben Futures als Prognosewerkzeug den Vorteil, dass sie durch Käufe und Verkäufe der Markteilnehmer ständig aktuell gehalten werden. Sobald sich die Rahmenbedingungen ändern, reagiert der Future.

Der Marktmechanismus der Futures-Börsen ist herkömmlichen Prognosemethoden nach Meinung vieler Experten überlegen: "Die Grundannahme ist, dass ein Markt mit Hunderten von Experten schlauer ist als jede Umfrage", sagt John Delaney, Vorstandschef von Tradesports. Für noch wichtiger als die große Zahl von Experten, deren Wissen man theoretisch auch mittels einer Umfrage anzapfen könnte, hält der ehemalige Investmentbanker jedoch den Faktor Geld: "Ich kann Dutzende Experten in einen Raum setzen und sie reden und reden und reden lassen - aber was passiert, wenn ihre Meinungsäußerung mit einem finanziellen Risiko verbunden ist? Dann überlegt sich jeder viel genauer, was er sagt." Die Briten haben für dieses Phänomen sogar ein Sprichwort: "Put your money where your mouth is." Der Satz kommt von der Rennbahn, wo jeder, der einen Gaul über den Klee lobt, ohne gleichzeitig eine Wette zu platzieren, als suspekt gilt.

Ein unmoralisches Gebot

Zudem hat ein finanziell engagierter Prognostiker ein Interesse daran, ständig darauf zu achten, ob sich die Rahmenbedingungen verändern. Auf diesen Mechanismus baut offenbar auch das Pentagon: Am PAM, für den das Verteidigungsministerium nach Informationen der "New York Times" zunächst acht Millionen Dollar beim Kongress beantragt hat, sollen die Händler auf politische und wirtschaftliche Ereignisse spekulieren können.

Geplant sind laut PAM-Webseite zum einen Futures auf normalerweise schwer errechenbare Indikatoren wie "zivilgesellschaftliche Stabilität" oder "volkswirtschaftliche Gesundheit". Die Daten, auf deren Basis die Spekulanten ihre Einschätzungen treffen sollen, werden von der Economist Intelligence Unit geliefert, einem Ableger der renommierten britischen Wirtschaftszeitung "The Economist".

Wesentlich spannender sind allerdings die Wetten auf politische Konflikte und Katastrophen. Als Beispiel beschreibt das Darpa auf der PAM-Seite, wie sich mittels Futures und Derivaten das Szenario "Umsturz der jordanischen Monarchie" abbilden und bewerten ließe. Politisch ist das reichlich Sprengstoff, wer diplomatische Irritationen erwartet geht vermutlich eine sichere Wette ein.

Gipfel des Zynismus?

In der "New York Times" machten bereits zwei US-Senatoren ihrem Ärger über die Terror-Börse Luft. "Können Sie sich vorstellen", wetterte der Demokrat Byron Dorgan, "dass ein anderes Land ein von der Regierung gesponsertes Wettbüro aufmacht, wo die Leute dann auf die Ermordung eines amerikanischen Politikers setzen können?" Dorgans Kollege Ron Wyden, ein Demokrat aus Oregon, stößt ins gleiche Horn und nennt PAM eine "absurde Verschwendung" von Steuergeldern. Auch zahlreiche republikanische Abgeordnete sollen der Idee skeptisch gegenüberstehen. Pentagon-Chef Donald Rumsfeld, der weitgehend unverdächtig ist, ein politisches Sensibelchen zu sein, hat sich noch nicht öffentlich zu dem Projekt geäußert.

Was Wyden, Dogan und sicherlich auch vielen anderen besonders widerlich erscheint, ist die Tatsache, dass man bei PAM Geld verdienen kann, wenn man ein katastrophales Ereignis richtig vorhersagt. Zudem, so die Senatoren, sei zu befürchten, dass Terroristen sich unentdeckt Zugang zu der Futures-Börse verschafften, um mit ihrem schrecklichen Handwerk dann auch noch Geld zu verdienen.

Dabei lassen die beiden Senatoren mehrere Dinge außer Acht. Erstens: Auf das Wohl und Wehe von Nationen oder Konzernen - und damit auf das von Menschen - wird in New York, Tokio oder London jede Sekunde gewettet. Futures und Termingeschäfte sind jedoch meist keine verwerfliche "Spekulation", sondern dienen vielmehr der Begrenzung von zukünftigen Risiken. So sichern sich beispielsweise deutsche Exportfirmen mit Devisenkontrakten gegen zukünftige Schwankungen des Dollars ab. Ein Spekulant ist eher jener, der keine Futures oder Optionen verwendet.

Zweitens: Wenn Terroristen an Ihren Anschlägen Geld verdienen wollten, dann könnten sie das sicherlich bereits jetzt tun, ohne die Hilfe des Pentagons. Schon nach dem 11. September gab es die Vermutung, Osama Bin Ladens Terrorgruppe al-Qaida habe Millionen verdient, indem sie auf den Absturz der Börsen nach den Anschlägen von New York spekuliert habe. Allerdings ist von dieser Verschwörungstheorie nach einer konzertierten Untersuchung der amerikanischen Börsenaufsicht SEC und anderer Finanzbehörden nichts übrig geblieben. Noch viel absurder erscheint die Vorstellung, dass sich Terroristen ausgerechnet beim Pentagon für eine Terrorwette registrieren würden. Und selbst wenn: Der Börsenterrorist wäre ein Insider und würde dazu beitragen, dass die Prognose exakter wird.

Die eigentliche Frage ist, ob Futures als Prognosewerkzeug tatsächlich Terroranschläge verhindern könnten. Der US-Ökonom Robert Shiller plädiert bereits seit einiger Zeit dafür, Futures und Derivate in allen Lebensbereichen zur Risikominimierung einzusetzen. Warum also nicht auch in der Politik? Auch wenn das Pentagon-Projekt viele Fragen aufwirft und einen seltsamen Beigeschmack hat, so kann ein Versuch dennoch wenig schaden, falls sich mit Futures das Risiko von Anschlägen und Attentaten tatsächlich minimieren lässt.

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