Von Tom Hillenbrand

Horrorszenario: Wen jedes Ding sprechen kann, geht die Privatsphäre flöten
Chinas Herrscher mögen auf ihren Parteitagen keine Überraschungen. Kritik und Gegenstimmen sind nicht vorgesehen und über die Delegierten möchte die Kommunistische Partei gerne den Überblick behalten. Smart Chips (genaue Erklärung hier) eröffnen da völlig neue Möglichkeiten. Auf dem diesjährigen Pekinger Volkskongress, bei dem sich alle fünf Jahre 30.000 Delegierte treffen, um die Leitlinien der Politik zu debattieren, musste jeder Teilnehmer einen Ausweis tragen, der einen Smart Chip enthielt. Mit Lesegeräten der Firma Texas Instruments konnten die Teilnehmer lokalisiert und identifiziert werden.
Für Smart-Chip-Hasser ist dieses Anwendungsbeispiel ein gefundenes Fressen: Ein totalitäres asiatisches Regime verwendet Big-Brother-Methoden und bedient sich dabei der Produkte einer willfährigen westlichen IT-Industrie - das Beispiel China belegt nach Ansicht von Kritikern, wohin die Reise geht.
Tatsächlich ist es eher unwahrscheinlich, dass Regierungen in Zukunft mit RFID-Technologie ein lückenloses Überwachungssystem errichten werden. Dagegen sprechen vor allem technische Gründe: Eine solche Big-Brother-Infrastruktur zu schaffen wäre sehr aufwändig. Außerdem bedienen sich Smart Chips des herkömmlichen Radiospektrums - mittels eines kleinen Störsenders könnte sich deshalb jeder Bürger unsichtbar machen. Zudem gibt es andere Technologien, wie etwa automatische Gesichtserkennung per Kamera, die in einigen Jahren wesentlich effektiver als Überwachungsinstrument einsetzbar wären.
Was macht das Konsumäffchen gerade?
Größere Gefahr droht dem Bürger in seiner Rolle als Verbraucher. Eine wachsende Zahl von Unternehmen stattet ihre Produkte mit Smart Chips aus. Derzeit geht es den meisten Firmen vor allem darum, Lagerbestände oder Lieferungen automatisch zu verwalten. Den Datenschutz oder die Privatsphäre gefährdet das kaum.
Kritisch wird es in dem Moment, wo die smarten Produkte den Endverbraucher erreichen. Der Reifenhersteller Michelin plant zum Beispiel, alle neu ausgelieferten Reifen zu "chippen". Dadurch will das Unternehmen verhindern, dass Fahrzeuge falsch bereift werden. Außerdem könnte Michelin bei etwaigen Rückrufaktionen blitzschnell feststellen, wo seine Pneus im Einsatz sind. Freilich könnte das Unternehmen diese Informationen theoretisch auch verwenden, um den Standort von Millionen Autofahrern jederzeit genau zu bestimmen.
Der Rasiererhersteller Gillette lässt seine Klingenpäckchen serienmäßig mit Chips ausstatten. Damit will das Unternehmen verhindern, dass die teuren und begehrten Stücke gestohlen werden. In Testläden wird jeder Kunde, der eine Gillette-Packung in die Hand nimmt, fotografiert - denn wer Ware berührt, ist grundsätzlich des Diebstahls verdächtig. Etwas freundlicher geht der Modehersteller Prada mit seiner Kundschaft um: Wer in der Prada-Boutique im New Yorker Stadtteil Soho Klamotten mit in die Umkleidekabine nimmt, bekommt - dank RFID - auf einem Flachbildschirm Filmchen von Models gezeigt, die die von ihm ausgewählten Stücke vorführen.
Schleichende Werbung
In den meisten Fällen weiß der Kunde nicht, dass er überwacht wird. Die Unternehmensberatung Accenture hat für RFID das Schlagwort "silent commerce" geprägt. Der Begriff bezieht sich eigentlich auf die geräuschlose Abwicklung von Geschäftsprozessen, macht aber das Problem deutlich: Irgendwo im Hintergrund werden Daten darüber ausgetauscht, was der Kunde in die Hand nimmt, anprobiert, kauft. Mittels einer Datenbank ließen sich alle diese Informationen zu detaillierten Kundenprofile verdichten.
Vorstellbar ist, dass dies zu Szenarien führt, wie sie der US-Zukunftsforscher Kevin Kelly für den Film "Minority Report" entworfen hat: Dort wird Protagonist Tom Cruise bei einem Gang durchs Einkaufszentrum ständig mit Werbebotschaften beballert, die auf seine Konsumgewohnheiten zugeschnitten sind.
Eine weitere heikle Einsatzmöglichkeit der Chips bietet sich Arbeitgebern. Das Star City Casino in Sydney hat unlängst alle seine 80.000 Uniformen mit RFID-Chips ausgestattet. Dadurch soll verhindert werden, dass Mitarbeiter kurz vor Dienstbeginn nach ihren Kostümen suchen müssen oder besonders schöne Stücke verloren gehen.
Freilich lässt sich mit der Technik auch jeder Mitarbeiter genaustens kontrollieren, denn im Prinzip ist das System nichts anderes als eine gnadenlose Funk-Stechuhr. Theoretisch ließe sich nicht nur prüfen, wer wann kommt und geht - sondern auch, wie lange er auf der Toilette sitzt oder wann er sich in unmittelbarer Nähe von bestimmten Personen, Computern oder Aktenschränken aufgehalten hat.
Hohe Kosten durch Orwell-Image
Die Unternehmen wissen um die Ängste der Verbraucher und Mitarbeiter. Viele reagieren, indem sie das Thema konsequent totschweigen und hoffen, der Konsument werde die unscheinbaren Chips schon nicht bemerken. Doch der Widerstand wächst: Für mehrere Konzerne hat sich RFID bereits zu einem veritablen PR-Desaster entwickelt. Gillette sieht sich inzwischen mit einem weltweiten Boykott-Aufruf der Verbraucherschutzorganisation Caspian (Consumers Against Supermarket Privacy Invasion And Numbering) konfrontiert. Das hässliche Big-Brother-Image und der Vorwurf, "Spionage Chips" (Caspian) einzusetzen, dürften Gillette noch jahrelang verfolgen.
Inzwischen eingeknickt ist Benetton. Der italienische Bekleidungshersteller wollte alle seine Produkte mit Chips ausstatten. Anscheinend hatte sich jedoch niemand in der Marketingabteilung Gedanken darüber gemacht, dass dies im Widerspruch zu einem Firmenimage steht, dass Weltoffenheit, Toleranz und Vertrauen symbolisieren soll. Nach mehrwöchigem Dauerbeschuss durch Presse und Verbraucherschützer ist der Konzern nun zu Kreuze gekrochen und hat versprochen, auf den Einsatz von Chips - zumindest in Kleidungsstücken - zu verzichten.
Fraglich ist auch, was mit den kleinen Funkchips geschieht, nachdem der Kunde die Ware mit nach Hause genommen hat. Ist der Chip dann weiter ansprechbar? Wer kann die Daten abrufen? Forscher arbeiten derzeit an einem so genannten Kill Switch, der RFIDs unbrauchbar machen soll, sobald der Kunde bezahlt hat. Der erste Schritt wäre eigentlich eine freiwillige Kennzeichnungspflicht, damit der Käufer selbst entscheiden kann, ob er überhaupt smarte Ware möchte - wenn es entsprechende Pläne des Einzelhandels geben sollte, dann sind sie ein gut gehütetes Geheimnis.
Verschleiern, vernebeln, verharmlosen
Kein Geheimnis ist peinlicherweise die Strategie des Auto-ID Centers. Diese Lobbygruppe hat es sich zum Ziel gesetzt, der RFID-Technologie zum weltweiten Durchbruch zu verhelfen. Neben dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie weiteren Top-Unis sind an dem Projekt Konzerne wie Wal-Mart
, Gillette, Philip Morris
, Accenture und Procter & Gamble
beteiligt.
Vor einigen Wochen gelang es Aktivisten von Caspian, mehrere Dokumente von der Auto-ID-Webseite herunterzuladen, die Aufschluss über die Pläne des Konsortiums geben. "Wie können wir diesen Leuten sensible Verbraucherinformationen anvertrauen, wenn sie nicht einmal ihre eigene Webseite sichern können?", höhnt Caspian-Gründerin Katherine Albrecht.
Eines der Papiere, eine Strategiepräsentation der PR-Firma Fleishman Hillard, stellt fest, dass RFID für Verbraucher ein "rotes Tuch" sei. Der Kunde habe Angst vor Eingriffen in seine Privatsphäre und sei "zynisch bezüglich des Engagements von Regierung und privatem Sektor, die Privatsphäre zu schützen". Vor allem von Unternehmen erwarteten die Bürger kaum Rücksichtnahme.
Im Weiteren machen die Fleishman-Experten Vorschläge, wie man das lästige Problem beseitigen kann: Die RFID-Opposition gelte es zu "neutralisieren". Dazu sollten der Öffentlichkeit in steter Regelmäßigkeit Anwendungsbeispiele präsentiert werden, denn "keine Nachrichten sind schlechte Nachrichten". Es müsse gezeigt werden, wie RFID Behinderten, alten Menschen oder Kranken helfe - Bedenken tragende Datenschützer sollen dadurch ins Abseits manövriert werden.
Alles halb so wild
Eine weiterer Baustein des Fleishman-Konzepts ist gezielte Desinformation. RFID-Chips sollen der Öffentlichkeit gegenüber als "Barcode II" verkauft werden. Durch die Assoziation mit den vertrauten und weithin akzeptierten Strichcodes wollen die PR-Profis offenbar davon ablenken, dass es sich bei RFID um eine wesentlich vielfältigere und problematischere Technologie handelt. Eine weitere Option sieht vor, den Chips den harmlos-freundlichen Namen "GreenTag" zu verpassen - das klingt nach umweltpolitischem Verantwortungsbewusstsein, auch wenn es nichts damit zu tun hat.
Die Möglichkeit, RFIDs so zu konzipieren, dass sie den Datenschutz überprüfbar gewährleisten, zieht Fleishman in seinem PR-Plan für das Auto-ID Center nicht in Erwägung. Die Organisation selbst spart auf ihrer ansonsten sehr informativen Webseite das Privatsphären-Problem konsequent aus. Die bisherige Öffentlichkeitsarbeit des Konsortiums, höhnt deshalb das unternehmenskritische Technologiemagazin "The Register", sei ähnlich platt wie die Pro-Nuklearenergie-Kampagnen der fünfziger Jahre: "Mein Freund das Atom der versteckte Transponder".
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