Von Carsten Volkery, Santiago de Chile
Die demokratische Koalition, die 1990 die Regierung übernahm, ruderte dann noch weiter zurück. Unter anderem etablierte sie Hürden für ausländisches Kapital, um Spekulanten abzuschrecken - eine Politik, die Chile vor der "Tequila"-Krise 1994 bewahrte, die Mexiko in den Bankrott trieb. "Stabilität ist die wichtigste Bedingung für gutes Business", sagt Ffrench-Davis.
Neoliberale Errungenschaften
Sicher, die Handschrift der Chicago Boys ist in Chile bis heute nicht zu übersehen. Das beginnt beim niedrigen Steuersatz von 20 Prozent und endet bei den Freihandelsabkommen mit der EU, den USA und Südkorea, die der sozialdemokratische Präsident Ricardo Lagos mit großer Begeisterung unterzeichnet. Chile ist weiterhin das globalisierungsfreundlichste Land des Kontinents, das hat sich seit der Diktatur nicht geändert.
"Die Koalition sah keine andere Möglichkeit, als die liberale Wirtschaftspolitik fortzuführen", erklärt der Soziologe Tomas Moulian, Autor des Bestsellers "Chile Actual: Anatomie eines Mythos". Zum einen wollte man die Militärs nicht herausfordern, zum anderen hatte das neoliberale Modell auch Errungenschaften mit sich gebracht. Der Erfolg neuer Industrien wie Weinanbau und Lachszucht zeigte, dass Chile international mitmischen konnte.
Nichtsdestotrotz wurden seit 1990 viele Reformen der Pinochet-Zeit reformiert. Eins der Hauptziele ist die Reduzierung der Ungleichheit, die sich unter Pinochet extrem verschärft hatte. 1973 verdiente das reichste Fünftel der Bevölkerung pro Kopf dreizehn mal so viel wie das ärmste Fünftel. 1990 hatte sich der Faktor auf zwanzig erhöht. Nach 13 Jahren Demokratie steht der Faktor heute bei siebzehn, Tendenz allerdings steigend.
Alles auf Raten
Laut Moulian ist die Lebensqualität vieler Chilenen in den vergangenen 30 Jahren nicht unbedingt gestiegen. Zwar haben sie mehr Zugang zu Konsumgütern (Fernseher, Waschmaschinen, Computer, Handys), aber der Preis ist hoch. Arbeitstage von zwölf Stunden sind normal, ebenso wie mehrstündige Arbeitswege. Das Gehalt reicht in der Regel trotzdem nicht, daher wird vom Supermarkteinkauf bis hin zum Haustier alles auf Raten bezahlt.
Das zweite strukturelle Problem, das die Regierung zu lösen versucht, ist die Abhängigkeit Chiles vom Kupfer. Die Pinochet-Regierung hatte bereits damit begonnen, die Exporte zu diversifizieren, doch Kupfer macht bis heute 35 Prozent des Exports aus. Schwankungen im Weltkupferpreis haben erhebliche Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Für Moulian zeigt dies, wie verlogen das Selbstbild der chilenischen Eliten ist. "Wie können wir uns modern nennen, wenn wir hauptsächlich Kupfer und Früchte exportieren?", fragt er.
Die viel gelobte Modernisierung unter Pinochet hat zwar eine neue Unternehmerklasse hervorgebracht und einige Großunternehmen international wettbewerbsfähig gemacht. Auch steht Chile im lateinamerikanischen Kontext wie ein Sieger da. Mit den Freihandelsabkommen erhält das Land nun zusätzlich privilegierten Zugang zu den großen Weltmärkten. Doch die Masse der chilenischen Unternehmen und Arbeitskräfte ist weiterhin unqualifiziert und ineffizient.
Um die Chancen zu nutzen, müssen andere Reformen her. Eine Studie der chilenischen Zentralbank vom vergangenen August forderte bessere Ausbildung und verstärkte Einführung von Technologie. Damit könne man das Wirtschaftswachstum um anderthalb Prozent anheben. Der Name der neuen Therapie: "Produktivitätsschock".
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