Wirtschaft



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11.09.2003
 

Bereitschaftsdienst

Der kranke Darm hört nicht auf die EU

Von Horst von Buttlar

Nach dem EuGH-Urteil haben die Verwaltungschefs in den deutschen Krankenhäusern den Taschenrechner ausgepackt. "Wie sollen wir das zahlen?", fragen sie sich. Den Ärzten ist klar: Auch in Zukunft werden sie Überstunden machen müssen. Ein Fallbeispiel aus der Berliner Charité.

OP trotz Schichtende: Im Notfall müssen Ärzte auch nach Dienstschluss ran
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OP trotz Schichtende: Im Notfall müssen Ärzte auch nach Dienstschluss ran

Berlin - Peter Kipp und Peter Wegner haben gerechnet: 140 neue Ärzte, Kostenpunkt: fünf Millionen Euro. Nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes über den Bereitschaftsdienst von Ärzten muss auch das Schlachtschiff Charité, mit gut 2300 Betten und 49 Kliniken das größte Klinikum Europas, auf Kurs gebracht werden. Kipp, Personalmanager der Berliner Charité, und Wegner, eine Art Unternehmensberater in Sachen Personalfragen, sitzen in der Verwaltung des Virchow Klinikums in Berlin Wedding und reden über Modelle, Schichtdienste und vor allen Dingen: Zahlen.

Seit dem Urteil kursieren Schätzungen. Von 15.000 oder gar 27.000 zusätzlichen Ärzten reden Verbände wie die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Bis zu zwei Milliarden Euro sollen auf das Gesundheitssystem zukommen. "Ich finde diese Zahlenspiele gefährlich", sagt Kipp. Deswegen sind auch die 140 Ärzte, die er einstellen müsste, eine theoretische Zahl.

Bisher war es an deutschen Krankenhäusern Praxis, dass Ärzte nach ihrer Schicht den so genannten Bereitschaftsdienst übernahmen. Dieser galt als Ruhezeit, obwohl die Realität meistens anders aussah. Laut Urteil aus Luxemburg gilt dieser Dienst nun als Arbeitszeit. Jede Station kann sich nun also selbst ausrechnen, wie viel Ärzte sie in Zukunft mehr braucht.

Doch wo sollen die Ärzte - insbesondere Fachärzte wie Knie- oder Wirbelsäulenspezialisten - herkommen? Wie andere Kliniken hat sich auch die Charité vorbereitet. Die Klinik wird jetzt mit mehreren Arbeitszeitmodellen in die Testphase gehen, um für jede Abteilung und Klinik ein adäquates Modell zu finden. Adäquat heißt: Die Gerichtsmedizin hat andere Bedürfnisse und Arbeitszeiten als die Notaufnahme.

Schon in der Vergangenheit waren Ruhezeiten in der Charité nicht eingehalten worden. Nachdem vor knapp zwei Jahren einige Ärzte Anzeige erstattet hatten, wurde die Charité kontrolliert. "Natürlich haben viele Ärzte zu lang gearbeitet", sagt Wegner. Die zuständige Behörde verhängte Geldbußen, nach dem Einspruch schlummern die Fälle beim Amtsgericht.

Seit der Prüfung gibt es die Arbeitsgruppe um Personalchef Kipp, der Wegner als Berater mit ins Boot holte. "Seitdem haben wir alle Kliniken der Charité systematisch durchforstet", sagt Wegner. Und es gab einen wesentlichen Problemfall: die Unfallchirurgie. Auf dieser Station prallen Rechenbeispiele und Vorschriften mit dem wirklichen Leben aufeinander.

Almut Tempka sitzt an einer dieser Kollisionsstellen. Die 42-jährige ist Oberärztin in der Unfallchirurgie im Virchow Klinikum der Charité. "Außer Klumpfüße machen wir alles", sagt Tempka, seit 18 Jahren Ärztin und seit 1992 in der Klinik, "das heißt, wir behandeln nicht nur den angefahrenen Radfahrer von der Straße, sondern auch Schäden von Dauerbelastungen." Sie vergleicht die Diskussionen über die Arbeitszeiten mit dem - inzwischen wieder abgeschafften - neuen Tarifsystem der Bahn. Fazit: Es passt nicht zum Leben.

"Der Darm klemmt nachts ein", sagt Tempka, "egal, ob die Schicht vorbei ist oder nicht." Ihr Job als Arzt, zumal auf der Unfallchirurgie, geht oft an Tarifen und Vorschriften des deutschen Arbeitszeitgesetzes - auf EU-Richtlinie getrimmt oder nicht - vorbei. "Kein Arzt geht von der Station, wenn der Patient nicht versorgt ist", sagt Tempka.

Die vielen Überstunden hatten auch Vorteile: Junge Ärzte konnten früh viel operieren und Erfahrungen sammeln. Mit dem neuen Bereitschaftsdienst, so erwarten die jungen Ärzte auf ihrer Station, wird die Ausbildung länger dauern. Auch dürften viele Mediziner in Zukunft weniger verdienen: monatlich bis zu 1000 Euro, schätzt Kipp. Denn mit den vielen Überstunden stockten die Ärzte ihr Grundgehalt auf. "Viele Ärzte werden zu privaten Krankenhäusern gehen, wo sie die Verträge frei verhandeln können", meint denn auch Oberärztin Tempka, "oder sie gehen gleich nach Amerika oder Norwegen."

Kipp dagegen hofft mit den neuen Arbeitsprinzipien gerade junge Ärzte halten und anlocken zu können, denn eins ist klar: "Wir werden einstellen." Die Zukunft wird dabei wohl dem Schichtdienst gehören. Entweder werden die Stationen in drei Schichten zu je acht Stunden besetzt oder mit zwei Schichten zu je zwölf Stunden. Für Letzteres bräuchte das Klinikum eine Ausnahmegenehmigung. Vorteil wäre, dass nach etwa zwölf Stunden Dienst der Arzt wirklich Ruhe hätte.

Arzt vor der Operation: Verdient er mit dem Schichtdienst bald weniger?
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Arzt vor der Operation: Verdient er mit dem Schichtdienst bald weniger?

Nachteil des Schichtdienstes: Bei jeder Übergabe zwischen den Schichten können Informationen über den Patienten verloren gehen. Auch das persönliche Verhältnis zwischen Arzt und Patient wird beeinflusst. So kann es sein, das die Operation von der einen Schicht gemacht wird, aber der Arzt der zweiten Schicht den Patienten begrüßt, wenn er die Augen aufschlägt.

Ausprobiert hat die Charité bereits einige revolutionäre Arbeitszeitmodelle. In Tests arbeiteten die Ärzte mehrere Wochen hintereinander, es folgten einige Wochen Freizeit, danach eine Phase, in der geforscht werden konnte. "Die Ärzte meinten, das ist unser Modell." sagt Kipp. Die Idee dahinter: Die Arbeitszeit wird nicht mehr über den Tag, sondern über das Jahr betrachtet.

Klar ist jedoch auch: Die Charité wird sparen, möglicherweise Leistungen aus dem Katalog streichen müssen. "Das Geld für die Ärzte muss erwirtschaftet werden", umschreibt Kipp es elegant. Doch egal welche Schichten die Ärzte fahren werden, die Wirklichkeit steckt wohl in einem kleinen Satz, den Wegner fallen lässt: "Es gibt im Arbeitsalltag Ausnahmen."

Die Ausnahme ist oft der Alltag von Medizinern wie Almut Tempka. Ein junger Arzt auf ihrer Station findet die Entscheidung des Europäische Gerichtshofes zwar notwendig. "Es hat mit Anerkennung zu tun", sagt er, "denn der Bereitschaftsdienst ist in der Regel Arbeitszeit." Dann wiegelt er ab: "Doch ich wusste, was Arbeitszeit hier bedeutet." Für Oberärztin Tempka wurde beim Europäischen Gerichtshof die eigentliche Frage gar nicht gelöst, geschweige denn gestellt: "Die Leute müssen sich fragen: Was ist ein Arzt mir wert?", sagt sie. Wenn gut ausgebildete Spezialisten rund um die Uhr zur Verfügung stehen sollen, dann koste das nun mal Geld.

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