Von Lars Langenau
Hamburg - Jochen betrachtet die Welt durch äußerst dicke Brillengläser. Erst fixiert der Mann mit dem Jungengesicht das vor ihm liegendes Tageswerk: Haarklammern, Pappteile, transparente Plastiktüten. Dann steckt er mit seinen schlanken Fingern die Klammern auf die Pappe und anschließend in die Tüte - stundenlang.
Jochens geistige Entwicklung ist irgendwann im Kindesalter stehen geblieben. Ohne fremde Hilfe könnte er sein Leben nicht organisieren. Er arbeitet bei den Winterhuder Werkstätten (WWB), eine Behindertenwerkstatt in Hamburg. Seine Aufgaben erledigt er mit höchster Konzentration. Wenn es denn Arbeit gibt.
Denn im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung hat die konjunkturelle Talfahrt der deutschen Wirtschaft nun auch die Behindertenwerkstätten mit voller Härte getroffen. "Es gibt nichts Schlimmeres als Zeiten, in denen nicht gearbeitet wird", klagt Wolfgang Pritsching, Geschäftsführer der WWB.
Für einen Teil der etwa acht Millionen Behinderten in Deutschland stehen rund 750 spezielle Werkstätten zur Verfügung. 210.000 Menschen finden hier eine Tätigkeit. Kaum einer von ihnen könnte auf Grund seiner schweren Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert werden.
Die Einrichtungen bieten manchen Arbeit, anderen Beschäftigung - doch immer mehr verkommen sie zu einer Art Aufbewahrungsanstalt: Die Aufträge bleiben einfach aus.
Dabei verkündete der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, der SPD-Mann Karl Herrmann Haack, vor drei Jahren noch hoffnungsvoll, die Arbeitslosigkeit von Schwerstbehinderten drastisch verringern zu können. Binnen zwei Jahren sollten 50.000 weitere Jobs für Schwerbehinderte geschaffen werden.
Doch nach anfänglichen Erfolgen spricht von diesen hehren Zielen im Spätsommer 2003 keiner mehr. Nannte Haack im November vergangenen Jahres den Rückgang der Arbeitslosigkeit um 24 Prozent seit 1999 noch einen "großartigen Erfolg", hat sich diese Zahl zwischenzeitlich wieder halbiert. Ende Juni waren annähernd 168.000 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet.
Die Unternehmen zahlen (trotz oftmals guter Erfahrungen) lieber bis zu mehreren hundert Euro im Monat eine so genannte Ausgleichabgabe, als Behinderte einzustellen, wie es in Firmen ab 20 Mitarbeitern eigentlich vorgeschrieben ist. Kommende Woche befasst sich nun in Hamburg ein regionaler Kongress mit der Verantwortung der Wirtschaft für die Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben.
Immer häufiger "Mensch, ärger Dich nicht" spielen
Die Auftragslage der Behindertenwerkstätten ist regional unterschiedlich ausgeprägt. Doch vor allem in den neuen Bundesländern und in ländlichen Gebieten wird die Lage mittlerweile prekär. Immer häufiger müssen auch Jochen und seine Kollegen "Mensch, ärger Dich nicht" spielen - oder über Konflikte sprechen, die eigentlich schon hundert Mal thematisiert wurden.
Jochens "wirtschaftlich verwertbare Arbeitsleistung", wie es im Behördendeutsch heißt, kann nicht mit den flinken Händen von voll arbeitsfähigen Menschen konkurrieren. Ursprünglich waren die Werkstätten für Menschen mit körperlichen Behinderungen gedacht, die durch Rehabilitationsmaßnahmen den Weg in den "normalen" Arbeitsprozess finden sollten.
Mittlerweile gibt es jedoch eine "explosionsartige Zunahme" von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die auch in die Werkstätten drängen, registriert WWB-Chef Pritsching. Wie die Zusammenarbeit von depressiven Rechtsanwälten mit Menschen mit Down-Syndrom zukünftig zu organisieren ist, bleibt auch vielen Sozialpädagogen noch ein Rätsel.
Monatlicher Verdienst von 160 Euro wird unterboten
Im Jahr erwirtschaften die vier verschiedenen Werkstätten der Winterhuder Einrichtung (in Arbeitsgruppen mit bis zu zwölf Behinderten und einem Betreuer) rund eine Million Euro Umsatz. Doch obwohl Jochen - wie auch seine Kollegen - für ihre Tätigkeit nur ein monatliches Entgelt von durchschnittlich 150 bis 160 Euro bekommen, wird sowohl ihre geringe Bezahlung als auch ihre Arbeitsleistung nochmals von Billiglohnländern oder neuen Maschinen mühelos unterboten.
Veranschlagt die Werkstatt die Kosten zu hoch, drohen die Auftragsgeber immer häufiger damit, in Ostdeutschland oder gleich im benachbarten osteuropäischen Ausland ihre Produkte weiterverarbeiten zu lassen. Konkurrenz ist den Behindertenwerkstätten auch durch die mangelnde Auftragslage in den Haftanstalten erwachsen, sagt Werkstättenleiter Pritsching. Klassenkampf im schwierigen sozialen Gefüge.
Im Osten der Republik geht der Konkurrenzdruck in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit sogar schon in Sozialneid über. Warum haben die noch Arbeit und wir nicht, heißt es da schnell verständnislos. Argumente werden aufgefahren, die in jeder fremdenfeindlichen Tirade fallen könnten, wie Einrichtungsleiter aus Mecklenburg-Vorpommern bestätigen.
Veränderte Anforderungen, weniger Aufträge
Heute verzeichnet die Hamburger Werkstatt eine "rapide Zunahme von kleinen Aufträge, die mit hohem Zeitdruck erledigt werden müssen", sagt Günter Adebar, der für die WWB neue Aufträge akquiriert und für die termingerechte Erfüllung verantwortlich ist. Immer mehr Großkunden haben ihre Aufträge zurückgezogen, da auch sie nicht mehr lange im Voraus planen können, sagt er.
Die Verpackungsindustrie steckt in Schwierigkeiten, die früher mit einfachen Arbeiten immer eine sichere Bank war. Gerade deshalb sind die Werkstätten oft nur noch zu 60 Prozent ausgelastet. So wird heute an manchen Tagen an den Werkbänken mehr Däumchen gedreht, als Schrauben.
Zwar ist derzeit in den Winterhuder Werkstätten der Großteil der 527 Behinderten noch immer mit Verpackungen oder in der Metallverarbeitung beschäftigt und montiert etwa Muttern auf Schrauben. Langsam orientiert sich die Werkstatt in Hamburg jedoch neu: Mittlerweile gibt es eine Zeltvermietung, eine mobile Fahrradwerkstatt und der Recyclingbereich zur Aufbereitung von Korken zu Dämmstoffen wurde ausgebaut. Zum Teil wurden auch unrentable Kantinen von Behören übernommen, die es unter normalen Marktbedingungen nicht geben würde. Andere Beschäftigte führen Aufsicht in Museen. Weitere sind in der Pflege von Friedhöfen eingesetzt oder sorgen (zu einem unschlagbar günstigen Preis) für Sauberkeit in städtischen Parks.
Die Werkstätten suchen sich neue Nischen, registriert auch Marion Möhle von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Behindertenwerkstätten in Frankfurt am Main. Da klassische Aufträge in der Herstellung zur Mangelware werden, würden die Betriebe immer häufiger auf Dienstleistungen ausweichen.
Jede Krise bietet eine neue Chance, heißt es. Vielleicht ist diese Verlagerung in die Dienstleistungen oder auch in die Landwirtschaft tatsächlich ein Königsweg. Denn therapeutisch scheinen diese Arbeiten wertvoller - als stumpfsinnig Tag aus Tag Muttern auf Schrauben zu drehen.
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