Von Holger Dambeck
Flexible Arbeitszeiten müssten eigentlich wahre Heilsbringer sein. Sie lassen Beschäftigte angeblich Beruf und Familie besser vereinbaren. Und obendrein retten sie Firmen über Zeiten, in denen Auftragsflaute herrscht. Doch in der Praxis haben Arbeitnehmer kaum etwas von der Flexibilität, wie Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung herausgefunden haben.
"Arbeitszeitkonten bringen für die Beschäftigten neue und schwer kalkulierbare Risiken mit sich", erklärt Eckart Hildebrandt, Mitautor der Studie. Die Forscher hatten in fünf exemplarisch ausgewählten Unternehmen 15 Manager und 74 Beschäftigte über die Nutzung von Arbeitszeitkonten interviewt. Zeitkonten beruhen auf dem Prinzip, Mehrarbeit anzusparen, die später als Freizeit entnommen werden kann.
Doch was eigentlich als hilfreich für alle Seiten gilt, erweist sich in der Praxis als Problem für die Beschäftigten. "Der Alltag gerät dann unter einen enormen Organisations- und Gestaltungsdruck", berichtet Hildebrandt. "Flexible Arbeitszeitmodelle führen weder automatisch zu höherer Zeitsouveränität noch zu höherer Lebensqualität", lautet daher das überraschende Fazit der Forscher.
Für Arbeitnehmer sieht Hildebrandt kaum Vorteile: "Es besteht ein erhöhtes Gesundheitsrisiko, weil das Arbeitszeitkonto erst einmal durch Überstunden gefüllt werden muss", sagte der Professor für Politikwissenschaften im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Auch die Koordination von Arbeit und Familie sei häufig problematisch. "Hinzu kommt ein Einkommensrisiko, weil Überstunden häufig verfallen, wenn sie nicht in gewissen Fristen abgefeiert werden." Auch der Karriere sei es wenig dienlich, wenn Beschäftigte ihre Freizeit planten, ohne auf die Wünsche ihres Chefs Rücksicht zu nehmen.
"Der Flexibilisierungsbedarf der Beschäftigen ist kleiner als der der Unternehmen", meint Hildebrandt. Unternehmen wollten die Arbeitszeit vor allem an die Auftragslage anpassen. Der Wissenschaftler spricht deshalb von einer "gesteuerten Autonomie" und einer "Vereinnahmung der Beschäftigten durch die Unternehmen".
Die Mehrheit der Beschäftigten halte weiterhin an geregelten Arbeitszeiten fest, berichtet Hildebrandt. Zwar benötigten die Arbeitnehmer gelegentlich Flexibilität - etwa bei Krankheit von Kindern -, bevorzugten aber ansonsten einen eher stabilen Arbeits- und Lebensrhythmus. Auch das Freizeitverhalten sei weiterhin eng an traditionelle Zeitmuster angelehnt, vor allem an das Wochenende.
Zeitkonten würden in den meisten Fällen nur kurzfristig genutzt. Nur in ganz wenigen Fällen trafen die Wissenschaftler tatsächlich auf Mitarbeiter, die für länger zu einem so genannten Sabbatical ausgestiegen waren.
Einer der Hauptgründe für die geringe Nutzung von Zeitkonten ist nach Hildebrandts Meinung die dünne Personaldecke: "Viele Betriebe arbeiten mit einer Minimalbelegschaft." Zeit vom Konto zu entnehmen sei da kaum möglich, betont der Politikwissenschaftler. Auch betriebliche Abläufe, etwa Kundenkontakte und Meetings, erschwerten ein Abweichen von den üblichen Arbeitszeiten.
Hildebrandt empfiehlt, betriebliche und persönliche Interessen bei der Zeitplanung künftig besser auszubalancieren. Wie stark Zeitkonten in Zukunft genutzt würden, hänge letztlich von der Arbeitszeitkultur in den Unternehmen ab.
Die Ergebnisse der Studie werden am 19./20. Februar auf der Tagung "Balance von Arbeit und Leben" vorgestellt, die das WZB gemeinsam mit der Böckler-Stiftung am Wissenschaftszentrum in Berlin veranstaltet.
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