Von Marc Pitzke, New York
New York - Geben wir's doch zu: Fast jeder Mensch pflegt ein heimliches (oder nicht so heimliches) Laster. Rauchen. Trinken. Zocken. Fressen. Sex. Kleine, dämmrige Ecken des Bewusstseins, die einen am meisten dann locken, wenn das Leben mal wieder nicht so will wie wir. Wo die Seele blau machen kann, für einen kurzen Moment und unbehelligt von Schuld, Scham und schlechtem Gewissen (auch bekannt als " politische Korrektheit).
Diese Laster haben aber auch noch einen anderen, praktischeren Vorzug: Sie scheinen nämlich eine unschlagbare Börsenstrategie für ungewisse Zeiten. Zu diesem Ergebnis sind jedenfalls jetzt die US-Wirtschaftsautorin Caroline Waxler und der Anlageberater Carter Crum gekommen. "Sündhafte Aktien sind heiß", schreiben sie in ihrem neuen Buch "Stocking Up on Sin", einer Investment-Fibel der anderen Art, die sich dieser Tage zum süß-sündigsten Lesetipp der Wall Street mausert.
Die heimliche Lust am Verbotenen
Sündhafte Aktien? Was soll das heißen? Ganz einfach: Investments in negativ besetzten "Lasterbranchen" (Tabak, Alkohol, Glücksspiel, Sex etc.), so haben Waxler und Crum herausgefunden, haben eine historisch weit höhere Rendite als klassisch-stubenreine, "sozial verantwortliche" Werte wie Colgate-Palmolive, Coca-Cola
oder Home Depot
.
In der Tat: Während der S&P-500-Index über die letzten fünf Jahre gut 15 Prozent verloren hat, verbuchte ein von Waxler/Crum eigens zusammengestelltes "Sünden-Portfolio", das sie Sindex nennen, im selben Zeitraum satte 42 Prozent Zuwachs. Unter den "verwerflichen" Gewinnern: R.J. Reynolds, Heineken, Harrah's (Casinos), Playboy und Viagra-Hersteller Pfizer.
Den besten Profit, sagt Waxler, beschere dem Börsianer "all das, was er eigentlich nicht tun soll". Denn trotz der jüngsten Welle von US-Wirtschaftsprozessen, trotz Rauchverbots und TV-Busenskandal bleibt die heimliche Lust am Verfänglich-Verbotenen hier ungebrochen, und nicht nur an der Börse: Ein Urtrieb des Menschen eben, selbst in den ach so prüden USA, wo die letzte Episode der sündigen Mafiaserie "The Sopranos" gerade die höchste Quote der Kabelgeschichte einspielte.
Die Börsianer greifen zur Flasche
In einer Woche wie dieser, in dem sich die US-Anleger fragen, ob der Sturzflug des Dow von letzter Woche weitergeht, sind dies durchaus reizvolle Überlegungen. Sünden-Aktien, weiß Waxler, eigneten sich schließlich besonders auch für unsichere Zeiten wie jetzt.
Das ist unter Experten übrigens keine neue Erkenntnis. Schon 2001 gab Credit Suisse First Boston (CSFB) eine interne Studie über so genannte Vice Stocks (Laster-Aktien) in Auftrag. Das Resultat: Diese laufen vor allem in Rezessionen besser als der Rest. "Die Nachfrage nach Trinken, Rauchen und Glücksspielen", befanden die CSFB-Banker schon damals, "ist immer ziemlich stabil und erhöht sich sogar unter wirtschaftlich volatilen Konditionen." Klartext: Wird's brenzlig, greifen die Leute gerne zur Flasche - für den Börsianer also höchste Zeit, auch danach zu greifen.
Waxlers und Crums Sindex-Portfolio besteht aus 69 in "Sünden-Kategorien" aufgeteilten Aktienwerten: Alkohol (darunter Anheuser-Bush, Miller, Heineken), Casinos und Spiele (Alliance Gaming, Mandalay Resort Club, MGM Mirage), Fast Food (McDonald's, Wendy's), Tabak (BAT, Altria, R.J. Reynolds), Sex-Medikamente (Pfizer, Eli Lilly), Genuss- und Luxusgüter (Gucci, Schweppes, Hershey) und, ja, auch der äußerst lukrative Sündenposten "Waffen, Rüstung, Krieg" (Lockheed Martin, Northrop Grumman) - ein eher düsterer Bestandteil dieser ansonsten heiter-frivolen Mischung, über dessen Lasterhaftigkeit man sich politisch natürlich auch streiten kann.
Portfolio aus Bomben und Hintern
Auf die Idee, in unsere heimlichen Gelüste zu investieren, kommen inzwischen auch andere. Ein ähnliches Portfeuille wie Waxler und Crum offferiert zum Beispiel der Vice Fund, ein relativ junger Aktienfonds der texanischen Firma Mutuals.com. "Unsere Philosophie ist es, dass diese Branchen und Produkte, obwohl als politisch unkorrekt verpönt, weiter signifikante Kapitalwerterhöhung erleben werden, in guten wie schlechten Märkten", sagt Mutuals.com-Vizepräsident Dan Ahrens. Auch er hat dieses Mantra deshalb jetzt zum Handbuch gestrickt. Dessen Titel, auf gut Deutsch: "In Laster investieren: Ein rezessionsicheres Portfolio aus Schnaps, Wetten, Bomben und Hintern."
Doch obwohl diese saftige Kombination dem Vice Fund im Februar eine Monatsrendite von 56,4 Prozent erbracht hat, teilt nicht jeder die Begeisterung. "Laster-Fonds scheinen mir ein Gag", sagt Finanzprofessor Meir Statman von der kalifornischen Santa Clara University. "Sie sind eine spaßige Idee mit Scherzartikel-Wert." Und das "Wall Street Journal", ohnehin nicht oft zu dummen Scherzen aufgelegt, merkt an, dass jeder ein lasterhaftes Aktienpaket erwerben könne, indem er in einen ganz regulären Mutual Fund investiere: "Wer einen Wilshire-5000-Indexfonds kauft, besitzt automatisch Alkohol, Tabak und Rüstung."
Doch Caroline Waxler ist schon wieder einen Schritt weiter. Sie ahnt eine neue Tech-Welle an der Börse, diesmal allerdings mit sündigem Unterton: "Tech-Sex" - virtueller Sex, bei dem sich die Partner nur durch den Computer "berühren". Das werde bald technologisch machbar sein. Und dann müsse sie ihr Laster-Portfolio wohl um einige Firmen erweitern.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH