Wirtschaft



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23.03.2004
 

Diskussion über Job-Export

Stunde der Patrioten

In der Debatte um die Verlagerung deutscher Jobs ins Ausland setzen die Kontrahenten auf Deutschtümelei statt auf fundierte Argumente. Ein guter Deutscher exportiert keine Jobs, meint der Kanzler - FDP-Chef Guido Westerwelle findet hingegen, dass es der rot-grünen Regierung an Patriotismus gebricht.

Bundesadler: Berlin sucht den Superdeutschen
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Bundesadler: Berlin sucht den Superdeutschen

Berlin - Ins Rollen gebracht hatte den Stein DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun. In einem Zeitungsinterview riet der Verbandschef Unternehmen, die Möglichkeiten der Globalisierung zu nutzen. Gegebenenfalls müsse man Arbeitsplätze ins Ausland verlagern. "Ich empfehle den Unternehmen, nicht auf eine bessere Politik zu warten, sondern jetzt selbst zu handeln und die Chancen zu nutzen, die zum Beispiel in der Osterweiterung liegen."

Der neue SPD-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter witterte daraufhin einen gemeinen Verrat am deutschen Vaterland. Benneter erklärte am Montag im MDR, der Präsident des DIHK betätige sich "vaterlandslos". Wirtschaftsführer wie Braun missbrauchten ihre Stellung dafür, die Bundesrepublik und ihre Wirtschaft schlecht zu reden. "Das ist eine unanständige Art und Weise, mit unseren Möglichkeiten umzugehen", fügte er hinzu.

Ähnlich wie in den USA werden nun auch in Deutschland Unternehmenschefs, die Jobs ins Ausland verlagern, als Vaterlandsverräter beschimpft. Bei einer genaueren Betrachtung zeigt sich allerdings, dass hier höchst unterschiedliche Prozesse im Gang sind.

    Eine Auswahl von Outsourcing-Aktivitäten finden Sie in der Bildergalerie.

Braun kommentierte lediglich eine Entwicklung, die bereits seit Längerem zu beobachten ist: Deutsche Unternehmen errichten Dependancen in Ländern mit niedrigem Lohnniveau, die demnächst zur Europäischen Union gehören werden. Vor allem im Bereich der Informationstechnologie (IT) werden derzeit massiv Programmiererjobs vom teuren Deutschland in neu entstehende IT-Zentren wie Sofia (Bulgarien) oder Bukarest (Rumänien) verschoben. Viele Betriebe lagern zudem standardisierte Aufgaben wie die Lohnbuchhaltung aus, etwa nach Polen. Nach Benneters Definition sind die Vorstandschefs der im Dax 100 versammelten Unternehmen durch die Bank vaterlandslose Gesellen.

Deutsche Jobs für deutsche Arbeiter

Mit der Realität oder gar mit der ökonomischen Frage, ob das Offshoring (Branchenjargon) von Arbeitsplätzen langfristig möglicherweise die deutsche Wettbewerbsfähigkeit erhält und den Wohlstand sichert, hielt sich allerdings niemand auf. Auch Kanzlersprecher Bela Anda nicht, der Braun umgehend die rechte Gesinnung absprach: "Das ist ein unpatriotischer Akt". Diese Haltung habe der Kanzler in einer internen Runde deutlich gemacht. "Das verengt das, was notwendig und wichtig ist für unser Land, auf eine rein betriebswirtschaftliche Sichtweise."

Deutsche Fußballfans: Wo soviel Deutschland ist, würden Argumente bloß stören
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Ebenfalls von patriotischem Ehrgefühl ergriffen wurde der Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse, Hermann-Josef Arentz. Er warf Braun den Missbrauch seines Präsidentenamts vor. Sollte der DIHK-Chef seine Äußerung nicht klarstellen, wäre das "eine grobe Frechheit" gegenüber den Beschäftigten in Deutschland, die Angst um ihre Jobs hätten, sagte Arentz laut Chemitzer `Freien Presse". Zugleich wäre es "ein Schlag ins Gesicht" der Arbeitgeber, die im Land bleiben wollten.

Höchststrafe Deutschland

Wo soviel Aufregung und so wenig Substanz ist, darf auch Guido Westerwelles nicht fehlen. "Vaterlandslos und unpatriotisch sind nicht die Unternehmen, die auf eine Modernisierung der Wirtschaft in Deutschland dringen, sondern Grüne und Sozialdemokraten, die deutsche Unternehmen ins Ausland vertreiben", sagte der FDP-Chef am Dienstag. "Wer als Unternehmer in Deutschland Pleite geht, ist nach Lesart von Rot-Grün ein Patriot."

Angesichts solch erlesener Diskussionsbeiträge aus allen politischen Lagern entwickelt wohl mancher Wirtschaftsführer Fluchtphantasien. Doch nicht jeder kann, wie er gern möchte: Handwerkspräsident Dieter Philipp sagte am Dienstag, die Mitgliedsbetriebe seines Verbandes seien vorwiegend regional tätig und könnten nicht ins Ausland abwandern. Kleinunternehmen seien somit gezwungenermaßen Patrioten: "Das Handwerk", so Philipp resigniert, "hat lebenslänglich Deutschland".

Von Thomas Hillenbrand und Carsten Matthäus

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