Wirtschaft



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14.04.2004
 

Freiheitsstatue

Wie Lady Liberty in die falschen Hände geriet

Von Tom Hillenbrand, New York

Seit dem 11. September ist die New Yorker Freiheitsstatue für Besucher geschlossen. Eine private Stiftung sollte die Wiedereröffnung organisieren - doch stattdessen, so der Verdacht, hat sie Amerikas nationales Symbol für ihre eigenen Zwecke missbraucht.

Freiheitsstatue: Wiedereröffnung wird verschleppt
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REUTERS

Freiheitsstatue: Wiedereröffnung wird verschleppt

New York - Von seinem Stand in Manhattans Battery Park hat Hotdog-Verkäufer Frank einen wunderbaren Blick auf die Freiheitsstatue. Und er hat leider auch genügend Zeit, sich Lady Liberty anzusehen, denn trotz des schönen Wetters sind wenig Touristen an der Südspitze Manhattans unterwegs. "Seit die Freiheitsstatue geschlossen ist", schimpft der Kleinunternehmer, "kommt doch keiner mehr".

Der Besuch der Freiheitsstatue, einst Pflichtprogramm jedes New-York-Besuchers, ist zu einer drögen Übung geworden. Nach dem 11. September hat der für die Statue verantwortliche National Park Service (NPS) das Monument geschlossen, aus Angst vor Terroranschlägen. Wer dennoch nach Liberty Island möchte, muss sich zunächst stundenlang durch eine Sicherheitsschleuse quälen, bevor er mit der Fähre übersetzen darf. Drüben kann man sich dann ein wenig am Sockel herumdrücken, mehr nicht. Das Fundament sowie die spektakulären Aussichtsplattformen in Kopf und Fackel sind geschlossen - seit nunmehr zweieinhalb Jahren. Andere kurzzeitig abgeriegelte Wahrzeichen, wie das Washington Monument, sind schon lange wieder zugänglich.

Die verschleppte Wiedereröffnung der Freiheitsstatue droht sich von einer Lokalposse zu einem nationalen Skandal auszuwachsen. Immer deutlicher wird, dass der NPS und eine mit der Wiedereröffnung beauftragte Stiftung geschlampt haben. Das ist noch die wohlwollende Sichtweise. Möglicherweise haben einige skrupellose Geschäftemacher Lady Liberty als finanzielle Melkkuh missbraucht und die gesamte US-Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt.

Das beste Zugpferd aller Zeiten

Von Anfang an waren sich alle einig, dass die Statue der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden muss - schließlich ist sie nicht irgendeine Sehenswürdigkeit, sondern nach amerikanischem Selbstverständnis "ein universelles Leuchtfeuer für all jene, die auf der Suche nach Freiheit und Chancen sind", wie der NPS in einem seiner Prospekte schwülstelt. Um die Sicherheit zu verbessern, sollten zuvor jedoch eine weitere Treppe eingebaut sowie Vorkehrungen zum Brandschutz getroffen werden. Geschätzte Kosten: 2,3 Millionen Dollar.

Spiel auf Zeit: Sicherheits-Upgrade für 2,3 Millionen Dollar
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DPA

Spiel auf Zeit: Sicherheits-Upgrade für 2,3 Millionen Dollar

Nach dem 11. September 2001 öffnete der Park Service im Dezember desselben Jahres zunächst wieder den Zugang zu Liberty Island. Dann ließ sich die Behörde allerdings bis Mitte 2003 Zeit, bevor sie beschloss, das notwendige Geld für das Sicherheitsupgrade nicht beim Kongress in Washington anzufordern. Stattdessen wurde die private "Statue of Liberty - Ellis Island Foundation" beauftragt, sich um die Wiedereröffnung zu kümmern und eine Spendenkampagne zu starten. Die 1982 gegründete Stiftung schien ein gute Wahl zu sein, denn sie hat Erfahrung: Sie führte in den achtziger Jahren die Restaurationsarbeiten zum hundertjährigen Jubiläum der Statue durch.

Stiftungschef Stephen Briganti steckte daraufhin wenig Energie in die eigentlichen Renovierungsarbeiten, betrieb aber mit umso größerer Verve das Fundraising. Im September 2003 startete eine groß angelegte Kampagne mit dem Slogan: "Helfen Sie, die Freiheitsstatue wieder zu öffnen". Statt der ursprünglich kalkulierten 2,3 Millionen Dollar wollte die Stiftung sicherheitshalber fünf Millionen einsammeln. Firmen und Privatleute gaben gerne und reichlich. Der Finanzdienstleister American Express spendete drei Millionen Dollar und engagierte den renommierten Regisseur Martin Scorsese für einen Liberty-Dokumentarfilm. Zehntausende Bürger gaben im Rahmen einer Co-Kampagne des Kaffeeherstellers Folgers kleinere Beträge.

Alles wird teurer

Die Sache lief so gut, dass die Stiftung im Februar 2004 mitteilen konnte, es seien bereits 5,6 Millionen Dollar zusammengekommen. Allerdings habe sich "der Umfang der Projektpläne erweitert" und man benötige nunmehr sieben Millionen Dollar. Die Stiftung werde "mindestes bis zum Erreichen dieses Ziels" weitersammeln. Die geplanten Baumaßnahmen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal angelaufen - keine sehr beeindruckende Management-Leistung des Stiftungschefs, der Medienberichten zufolge ein Salär von 345.000 Dollar jährlich bezieht.

Safety first: Kein Besucher mehr in Kopf und Fackel
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Safety first: Kein Besucher mehr in Kopf und Fackel

Die meisten Spender wären wohl knauseriger gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass die Liberty-Stiftung nicht gerade am Hungertuch nagt. Laut ihrem Jahresabschluss für 2003 ist sie mit über 30 Millionen Dollar ausgestattet und hätte demnach das Geld problemlos vorschießen können. Zudem ist die von Stiftung und Park Service propagierte Wiedereröffnung tatsächlich gar keine. Unter "Reopening the Statue" verstehen die meisten Amerikaner wohl einen Zugang zu allen Teilen des Monuments - der NPS will jedoch auch nach der Renovierung niemanden mehr in Kopf oder Fackel lassen. Lediglich ein Zugang zum Sockel ist geplant. In den Spendenaufrufen wird dieses Detail freilich verschwiegen. Der New Yorker Kongressabgeordnete Anthony Weiner hält dies für unzumutbar: "Wiedereröffnung der Freiheitsstatue kann nur eines bedeuten: alles wird wieder geöffnet."

Inzwischen interessieren sich auch die Behörden für die Liberty-Posse. New Yorks Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer lässt Brigantis Spendenaktion derzeit untersuchen. Laut Spitzers Sprecher besteht der Verdacht, dass die Stiftung die Statue als Zugpferd verwendet hat, um für andere als die behaupteten Zwecke Geld einzusammeln - das wäre strafbar. Briganti selbst hat nach Informationen einer Lokalzeitung die Steuerbehörden am Hals, weil er in seiner Funktion als Chef der Steuer befreiten Stiftung mehrfach als Redner aufgetreten sein soll - und das Geld in die eigene Tasche gesteckt habe.

Kongress und Innenministerium sind interessiert

Auch der Chefrevisor des US-Innenministeriums sowie der Finanzausschuss des Kongresses haben bei Stiftung und NPS Unterlagen angefordert. Nach Ansicht des Ausschussvorsitzenden, Senator Charles Grassley, hat der Park Service "einer privaten Stiftung zu viel Kontrolle über ein wertvolles nationales Gut übertragen", wie es in einer Erklärung heißt. Washington interessiert sich auch dafür, ob die Stiftung alle Aufträge in Übereinstimmung mit geltendem Vergaberecht ausgeschrieben hat.

NPS und Stiftung spielen währenddessen Schwarzer Peter. Die Liberty Foundation verweist auf den Park Service als eigentlichen Verantwortlichen. Allein der NPS entscheide, wann die Statue geöffnet werde. Der wiederum behauptet, man benötige eine Freigabe aus Washington, die nicht vorliege. Ende Februar versuchte der Park Service die Situation zu entschärfen, indem er mitteilte, die Wiedereröffnung der Statue stünde "unmittelbar bevor". Doch vor allem New Yorker reagieren auf derartige Ankündigungen nur noch mit Hohn und Spott: "Ich bitte um Entschuldigung", ätzte der Abgeordnete Weiner in einer Reaktion, "wenn wir unsere Partyhüte noch nicht herausholen, sondern erstmal abwarten, was wirklich passiert."

Die Stiftung weist jedwede Kritik an ihrem Finanzgebaren zurück. Nach Darstellung von Kommunikationschefin Peg Zitko widerspräche es den Stiftungsprinzipien, auf Mittel aus dem 30-Millionen-Dollar-Kapitalstock zurückzugreifen. Zudem sei sichergestellt, dass die Mittel aus der aktuellen Spendenkampagne ausschließlich für die Liberty-Wiedereröffnung verwendet würden - das Geld fließe auf ein separates Konto.

Die Wirkung dieser Unschuldsbeteuerungen ist begrenzt. Während Hauptsponsor American Express nach Angaben einer Sprecherin "weiter uneingeschränkt zu dem Projekt steht", hat sich ein anderer Großspender bereits abgewandt: Der Supermarktkonzern Wal-Mart stoppte seine Zusammenarbeit mit der Stiftung bis zur Klärung der Vorwürfe. Besonders düpiert fühlt sich New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, der 100.000 Dollar aus seinem Privatvermögen beigesteuert hat und dem Vernehmen nach stinksauer ist. Er drängt auf eine schnelle Lösung: "Das ist ein amerikanisches Symbol. Kommt schon, wir sollten etwas Mumm haben", sagte er der Nachrichtenagentur Associated Press. "Selbst wenn wir neben jede Person, die hineingeht, einen Polizisten stellen müssen, ist das der bessere Weg."

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