Von Nils Klawitter
Seit Záboji mit seinem Kickboard durch die Gänge des Frankfurter Unternehmens raste, sei dort "alles anders" geworden. Steht zumindest in seinem Buch. Dass er sein Spielzeug wegstellen musste, nachdem er einen Mitarbeiter über den Haufen gefahren hatte, steht dort nicht. Dass seine Idee einer Databurg das Unternehmen Millionen kostete auch nicht. Záboji ließ für dieses Projekt die Telefonapparatefabrik ausräumen und Großrechner darin aufstellen. Die sollten zum Beispiel Banken mieten können, um bei Störfällen in ihren eigenen Systemen weiterarbeiten zu können. Zusätzlich sollten junge expandierende Unternehmen dort Callcenter betreiben. Die Umwandlung sei für ihn ein "Kick" gewesen, schreibt Záboji. "Wo die Telenorma früher aus einem Quadratmeter Fabrikgelände 4 Mark monatlich erwirtschaftete, erzielen wir inzwischen mindestens 75 Euro."
Die Umwandlung kostete Tenovis bisher 20 Millionen Euro und lief so schlecht, dass eine eigens dafür gegründete GmbH wieder aufgelöst wurde. Noch heute stehen etwa 20 Prozent des Gebäudes leer, obwohl bereits eine zweite Databurg fertig ist, in die noch niemand eingezogen ist. Über 20 Millionen Euro investierte der Manager in die Werbung, buchte Banden bei Spielen des FC Bayern und lud Schriftsteller auf die Cebit. Er päppelte die internationalen Büros auf - heute gibt es sogar eines in Südafrika. "Dabei konnten wir alles, außer international", sagt ein Manager, der Zábojis Hyperaktivität als Flurnachbar erlebte. In der erst im vergangenen Jahr veröffentlichten Bilanz von 2001 weisen die meisten Auslandsbüros deutliche Fehlbeträge aus. Man kann sich ja mal irren. Záboji spielte schließlich New Economy, da war ständiger Wandel gefragt, latente Risikobereitschaft - da durfte sich "niemand sicher fühlen", so Záboji. Irgendwann wurde es KKR zu bunt.
Weiße Flecken an den Wänden
Die Investoren bekamen Angst um ihr Geld und wechselten den Ungarn aus. Im September 2002 kam der Amerikaner Winn, 54, ein schmächtiger Manager-Nomade, der zuvor unter anderem bei IBM und American Express gearbeitet hatte. Winn stand für Phase zwei: Sanieren und Sparen. Die braunen Ledersessel seines Besprechungszimmers sind so zerschlissen, dass sie mit Tesafilm geklebt werden mussten. An den Wänden sind weiße Flecken, weil Winn seit Monaten die abgehängten Bilder nicht ersetzt hat. Ihn stört das nicht. Er weiß, dass auch er nicht lange bleiben wird KKR's Ausputzer sind Menschen auf Durchreise, Leiharbeiter, die nicht an Unternehmen hängen. Herzblut wäre Gift.
Der Amerikaner, der das Unternehmen von Záboji in einem Zustand mit "schwerwiegenden Problemen" übernahm, hat in rund einem Jahr seinen Einsatzbefehl ausgeführt: Trotz schwarzer Null entlässt er weiter Leute und sprach kürzlich sogar davon, bis 2005 den gesamten Kaufpreis zurückzahlen zu wollen. Das hält er inzwischen zwar für unrealistisch, glaubt andererseits jedoch daran, das Unternehmen bald an der Börse platzieren zu können. Dass Winn trotz wirtschaftlicher Flaute fleißig Geld aus dem Unternehmen ziehen kann, erlaubt ein finanztechnischer Trick, der deutschen Mittelständlern bisher völlig fremd war: Den Großteil des Kaufpreises - rund 300 Millionen Euro - finanzierten den Firmenhändlern befreundete Banken.
Aussaugen nach Plan
Um die Bankschulden schnell abzulösen und freie Hand bei Tenovis zu bekommen, ließ KKR auf der Kanalinsel Jersey die Tenovis Finance Ltd. gründen, bei der die Frankfurter Tenovis GmbH & Co. KG 2001 einen Kredit über 300 Millionen Euro aufnahm. Diese stammten aus der Platzierung einer Anleihe der Tenovis Finance. Für das Darlehen verpfändete die Tenovis GmbH ihre lukrativsten 50.000 Miet- und Wartungsverträge - ein Vorgang, der von der Agentur Standard & Poors 2001 als Innovation gefeiert wurde, im Grunde aber nichts anderes war als die Verpfändung von Zuschauereinnahmen des schlingernden Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund.
Das Darlehen wiederum lieh die Tenovis ihrem Eigentümer, der Tenovis Germany GmbH. Diese löste damit die Bankschulden ab. Selbst Eingeweihten wurde erst allmählich klar: Durch die Tilgungspflicht bis 2007 werden dem operativen Geschäft gewaltige Mittel entzogen. Zudem wird die Firma immer weiter ausgesaugt. Für den weitergereichten 300-Millionen-Kredit sah die Firma bisher keinen Cent an Zinsen. Auch rund 50 Millionen Euro, die Winn für den Verkauf des Erbbaurechts an dem Frankfurter Firmengrundstück erhielt, flossen nicht in die GmbH zurück. Stattdessen zahlt Tenovis nun statt eines jährlichen Erbbauzinses von zwei Millionen Euro etwa das Dreifache an Miete an die Tenovis Germany, also an KKR.
Die jüngsten dieser abstrusen Verträge konnte theoretisch einer mit sich selbst machen: David Winn, gleichzeitig Geschäftsführer der Tenovis GmbH und der Tenovis Germany, sowie einiger anderer Tenovis-Firmen, die er selber nicht alle gedanklich parat hat. Das operative Geschäft wurde noch durch weitere Entnahmen geschwächt - durch zweistellige Millionensummen für Beraterhonorare (darunter auch an KKR) und Bankprovisionen, durch zweifachen Managementwechsel, durch Kreditprovisionen an die Tenovis Finance, die allein über elf Millionen Euro kosteten.
Noch unerklärlicher aber ist, dass KKR dem völlig telekom-müden Konzern Bosch rund 86 Millionen Euro aus dem Tenovis-Vermögen für das Versprechen zahlte, ihnen bis 2003 auf dem Telekom-Markt keine Konkurrenz zu machen - ein hübscher Abschreibungsbetrag, mit dem sich Bilanzen schlecht rechnen und Personalentlassungen fast von selbst erklären lassen. Von ehemals über 8000 deutschen Beschäftigten arbeiten heute noch etwa 4500 im Unternehmen. Die Erträge werden von der Schuldentilgung praktisch aufgezehrt. Technische Innovationen sind kaum zu finanzieren. Es scheint, als erschöpfe sich der Ehrgeiz der Firma im Moment darin, möglichst viele Call-Center im Lande auszustatten.
Winn glaubt, er mache Tenovis "lean and mean" - zu einer schlanken und fiesen Kampfmaschine. Doch die Firma wirkt wie eine Magersüchtige, der immer noch suggeriert wird, sie habe sich früher zu fett ernährt. Dabei ist es diese Vergangenheit, diese alten Miet- und Wartungsverträge, die das Unternehmen noch am Leben halten. "Wenn man mal die Show weglässt", sagt Carmen Preetz, "macht Tenovis doch im Grunde dasselbe wie früher."
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