Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.04.2004
 

Demag

"Es herrscht ein Angstregime"

Von Nils Klawitter

Bei der Kranfirma Demag sorgt KKR für "operative Optimierung" - durch Entlassungen und Know-how-Transfer nach Osteuropa.

Protestierende Demag-Mitarbeiter: "Abgerissen, entkernt, abgebaut"
Zur Großansicht
DPA

Protestierende Demag-Mitarbeiter: "Abgerissen, entkernt, abgebaut"

185 Jahre lang hat die Stadt Wetter an der Ruhr von der Eisenindustrie gelebt, aber um Geschichte geht es jetzt nicht mehr. "Es geht um Zahlen", sagt der Londoner KKR-Büroleiter Edward Gilhuly, "auch bei Demag". Den Kranbauer Demag Cranes & Components GmbH übernahm KKR Mitte 2002 von Siemens. Demag war eine von sieben Tochterfirmen des Elektronik-Konzerns, die dieser Mitte 2002 für 1,7 Milliarden Euro an KKR verkaufte.

Die Geschichte des Kranbauers beginnt im Jahr 1819 und geht zurück auf die "Mechanische Werkstätte" Friedrich Harkorts, den Vater des Ruhrgebiets. Er baute damals das erste Eisenindustrie-Werk in Westfalen. Und würde er sich heute aus seinem noch stehenden Wohnhaus in Wetter lehnen und rechts über den Harkortsee blicken, dann würde er wohl die Fenster wieder schließen, weil er sich nicht weh tun, nicht dem Ausverkauf seines Erbes zusehen will. Kurz nach der Übernahme verbürgte sich die Geschäftsleitung noch für die "Sicherheit der 2600 Arbeitsplätze in Wetter". Doch inzwischen hat KKR die Geschäftsführung zum zweiten Mal ausgetauscht. Die neue kümmert nicht mehr, was die alte versprach. Sie soll endlich den Tilgungsdienst an KKR forcieren, üppige zweistellige Millionenbeträge jährlich, wie Mitarbeiter schätzen. In Wetter sollen nur noch Komponenten gefertigt werden.

Der Standort Deutschland gilt als zu teuer, doch komischerweise scheint die finnische Konkurrenz von KCI mit ihrem neuen Werk im thüringischen Liebengrün ganz zufrieden. Das hochspezialisierte Demag-Industriekranwerk ist von Wetter nach Tschechien exportiert worden, die ersten der insgesamt rund 800 deutschen Mitarbeiter sind entlassen. Beim Kahlschlag und Know-how-Transfer gen Osten halfen KKR diesmal nicht nur amerikanische Banken - die HypoVereinsbank war ganz vorn bei der Finanzierung dabei. "Die Moral hier ist am Boden", sagte Betriebsrat Michael Rosin im Herbst einem Reporter der "Zeit". "Kunden, Qualität, Produkte, das spielt alles keine Rolle mehr." Es werde "nur noch abgerissen, entkernt und abgebaut".

Rosin ist danach von der Geschäftsleitung unter Druck gesetzt worden, und will jetzt lieber gar nichts mehr sagen. Der Geschäftsführer Klaus Moll schrieb der Belegschaft, dass Rosin sich "geschäftsschädigend" verhalten habe, lobte KKR als "Glücksfall" und suggerierte, dass mit den Amerikanern endlich neue Produkte entwickelt würden. Was Moll nicht erwähnte: Die neuen Hebewerkzeuge, auf die er abstellte, waren längst vor KKR auf den Weg gebracht worden. Inzwischen ist auch Moll nicht mehr da. Statt Betriebsrat Rosin äußert sich dessen Stellvertreter Manfred Pilz. Er glaube, so Pilz, dass KKR den Kranbauer "fit für die Zukunft machen wird".

Ein Jahr zuvor auf der Betriebsversammlung hatte der Mann sich noch anders angehört: "Wer uns hier den Kranbau wegnimmt, der reißt der Demag das Herz raus", wetterte Pilz damals. Pilz' Kollege Reinhard Spier* ist Schlosser. Er arbeitet seit 23 Jahren bei der Demag. Vor kurzem ist ihm gekündigt worden. Seitdem werde er auf seine letzten Tage im Betrieb "wie ein Aussätziger behandelt", so Spier. "In der Belegschaft herrscht ein Angstregime". Sein kleines Häuschen wird er verkaufen müssen, seine Zukunft sieht alt aus.

Als Spier mit seinen Kollegen vor einem Jahr gegen den Kahlschlag protestierte, tat die Geschäftsführung sehr besorgt. Nur einer sagte: "Machen Sie sich doch nichts vor." Es war Reinhard Gorenflos, der KKR-Mann, der bei Demag im Aufsichtsrat sitzt. Im vergangenen Jahr hielt er bei einer Tagung über Private-Equity einen Vortrag über den "Demag-Deal". Ein erstes "100-Tage-Programm" sah wie üblich bei KKR aus: Gorenflos referierte trocken über Fabrikschließungen, Entlassungen und "Agreements" mit den Gewerkschaften - etwa im Demag-Werk im französischen Châlons, wo die Arbeiter aus Wut sogar die Kranträger festgeschweißt hatten. Nach einem ersten Aufbäumen würde sich der "Widerstand" der Gewerkschaften aber legen, so Gorenflos' Annahme. Danach könne dann mit der zweiten Welle begonnen werden, der Verlagerung "weiterer Produktionsstätten ins Ausland". Gorenflos' Vortrag hieß: "Wertsteigerung durch operative Optimierung".

* Name geändert

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP