Von Matthias Streitz
Dass Englands Gesundheitssystem an einem Mangel an heimischen Ärzten krankt, ist an sich keine Neuheit. Schon jetzt, schätzt die "Ärzte-Zeitung", arbeiten 3000 deutsche Mediziner im Königreich - und das langfristig. Das Britische Generalkonsulat wirbt mit Info-Veranstaltungen gezielt um Psychiater, Pathologen und andere Mediziner. Allein bis Ende 2004 würden 1000 gebraucht, heißt es offiziell.
Mit den "flying doctors" bekommt der Engpass eine neue Qualität. Dieses Mal betrifft er verstärkt Allgemeinmediziner, "General Practioners" (GPs) genannt. Grund ist ein neues Tarifmodell, das bis Dezember in ganz England eingeführt wird, Grafschaft für Grafschaft. "Das neue System soll die Arbeit der Allgemeinärzte mittelfristig attraktiver machen", erklärt Linda Millington, Sprecherin der British Medical Association (BMA): "Es schafft aber in einigen Regionen kurzfristig Personalprobleme."
Bisher waren GP-Praxen gezwungen, die Patientenversorgung rund um die Uhr selbst zu garantieren. Ärzte blieben am Wochenende und abends entweder auf Bereitschaft, mit Präsenzpflicht vor Ort - oder sie mussten auf eigene Faust Vertreter herbeischaffen. Das Resultat, sagt Sprecherin Millington, war oft "eine lähmende Arbeitsüberlastung".
"Den Mangel wird es noch Jahre geben"
Künftig soll alles besser werden - für die Praxisärzte. Ihr Jahreseinkommen steigt im Schnitt von 65.000 auf 80.000 Pfund. Für die Dienste "out of hours" sind nun regionale Dachorganisationen zuständig, die Primary Care Trusts, die eigene Ambulanzen betreiben. Die GPs können Dienst machen, müssen aber nicht mehr.
Viele kosten ihre neu gewonnene Freiheit aus - und gönnen sich am Wochenende Zeit mit der Familie, statt wie früher auf Hausbesuch zu fahren. "So entsteht der große Personalengpass", sagt Urfan Nazir, Manager bei der Vermittlungsagentur Global Health Care Solutions.
Wie lange der Bedarf an ausländischen Wochenend-Jobbern noch besteht - darüber rätseln die Experten. "Den Mangel an Allgemeinärzten wird es noch Jahre geben", sagt BMA-Sprecherin Millington. Zumindest die Billigflug-Docs, hofft sie, würden aber bald nicht mehr gebraucht - man könne lokale Notlösungen finden, etwa mehr Arbeit auf Krankenschwestern verteilen.
Nach der Landung der Kulturschock
Matthew Ware ist davon nicht überzeugt. Er ist Sprecher des Care Trusts in der Region East Anglia. Hier ist die Lage besonders prekär, das neue System wurde am 1. Juli eingeführt. Für das kommende Wochenende musste man erneut fünf Ärzte aus Deutschland anheuern, zwei weitere Deutsche reisen aus ihrer Wahlheimat Essex an. Ware glaubt: "Wenn uns die anderen Landesteile im Laufe des Jahres folgen, ergeht es ihnen ganz genauso wie uns."
Die deutschen Vertretungsärzte, sagt Vermittler Nazir, fallen in alle Kategorien. Es sind Jüngere dabei, aber auch solche mit Jahrzehnten Erfahrung - Eva S. betreibt die eigene Praxis seit 27 Jahren. "Manche sehen den Aufenthalt eher als Urlaub, andere arbeiten sehr viele Schichten", sagt Nazir. "Der eine kommt jeden Freitag, der nächste nur einmal im Monat." Seine Agentur hat auch schon Spanier vermittelt, doch mit den Deutschen ist er besonders zufrieden - sie seien breit qualifiziert, sprächen sehr gutes Englisch.
Beim ersten Dienst erleben die Helfer oft einen Kulturschock. "Die Ausstattung in den Ambulanzen kann aus unserer Sicht ärmlich erscheinen", sagt Dr. Joachim Eggert, 54. Er hat zehn Jahre in Kliniken gearbeitet, besitzt seit 1986 eine Kassenpraxis in Waldkirch bei Freiburg. Mitte Juli jobbt er wieder für drei Tage in die Nähe von London. "Wenn Sie dort jemanden mit akuten Bauchbeschwerden haben, müssen Sie sich bei der Diagnose auf ihre fünf Sinne und das Gespür in den Händen verlassen - ein Ultraschallgerät bekommen Sie nur in Ausnahmefällen."
"Zu Hause muss ich immer fragen: Wird das zu teuer?"
Trotzdem will kaum einer sagen, dass das deutsche System dem englischen überlegen sei. "Bei der Behandlung mit Medikamenten sind die Engländer sehr modern", sagt Eggert. "Man kann ganz neue Präparate auch zur Prävention einsetzen. In Deutschland muss ich mich immer fragen: Darf ich das noch aufschreiben? Oder wird das zu teuer?"
Hinzu kommt: Die meisten "fliegenden Ärzte" sind verärgert wegen der deutschen Gesundheitsreformen. "Unsere Arbeit ist mit der Zeit immer mehr bürokratisch überfrachtet worden, teilweise regelrecht nervtötend", sagt Eggert. "Manchmal muss man sich mehr um Formulare kümmern als um die Patienten." In England sei das anders.
"Viele klagen auch, dass sie finanziell aus ihrer deutschen Praxis nichts mehr herausbekommen", berichtet Vermittler Brenneis. Ein paar Ärzte sähen die Wochenendtrips deshalb als eine Art Probelauf für dauerhafte Arbeit im Ausland. Brenneis: "Die haben vor, ihre Praxis in Deutschland ganz zu verkaufen."
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